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Heute ist der: 10.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Wenig Worte, viel Gefühl

Der neue TATORT vom Rundfunk Berlin Brandenburg verlässt die Großstadt Berlin und bringt die Kommissare in ein kleines brandenburgisches Dorf, wo so gar nichts an Berlin erinnert - nicht mal die Kommissare.

Die müssen im Dorf Wiedlitz die Spuren eines 20 Jahre zurückliegenden Mordes verfolgen, um den Mord an einem Berliner Mann klären, der aus eben diesem Dorf stammt. Schwups sind wir in Brandenburg - auf dem Land. Von Berlin sieht man fast nix, ganz am Anfang nur eine Art Riesenrad, das in der Nähe des Palast der Republik gemächlich seine Runden dreht.

Keine Hektik

Schon vom ersten Moment an hat der TATORT so eine Ruhe und Gelassenheit, die man so selten in Krimis aus der TATORT-Reihe kennt. Und erst recht nicht aus Berlin. Da wird sonst schnell geballert, städtischer Autoverkehr, moderne Szenelokale, die Kommissare sind immer aufm Sprung, immer gereizt. Aber hier: Keine schnellen Schnitte, keine Hektik, keine anfangs unklaren Szenen, keine Dramaturgie, die den Krimiexperten wissen lassen: das führt jetzt zu einem Mord. Der kommt eher plötzlich und auch leise daher.
In der Dorfkneipe...


Der Film nimmt den Zuschauer gekonnt an die Hand, lässt ihn beobachten, wie ein Mann durchs Krankenhaus geht, dort jemanden besucht, etwas zugeflüstert bekommt, dann in seine Wohnung geht, sich dort fast schon genüsslich ausruht und halblang macht, dann einen Brief schreibt und auch nicht vergisst, den Müll runterzubringen. Dann macht er sich noch zurecht, will wohl ausgehen und einen edlen Tropfen hat er sich auch bereit gestellt: der Mann geniesst das Leben könnte man meinen. Doch jetzt hat der Krimi spätestens angefangen: was hat ihm der sterbende Mann im Krankenhaus da zugeflüstert, das ihn sein Gesicht hat versteinern lassen? Das Geheimnis hat eine 20-jährige Geschichte, und die aufzudecken geht nur in dem brandenburgischen Dorf.

Ritter wirkt seltsam betäubt

Dahin verschlägt es die Ermittler recht schnell und länger als gedacht: Klamotten zum Wechseln hat der Kommissar nicht dabei. Ritter wirkt seltsam betäubt durch die ihm fremde Atmosphäre des Dorfes, sogar etwas zahm, nicht bissig wie sonst. Fühlt sich wohl auch der Tochter des Toten seltsam hingezogen, ist interessiert an ihrer Geschichte. "Wo finden wir Sie, wenn wir noch Fragen haben?" fragt Stark sie. "Im Telefonbuch" antwortet die ihm schnippisch. So arm an Worten war ein TATORT-Drehbuch wohl selten.

..und Stark wie eine zickige Ehefrau

Nur Stark ist in dem TATORT der alte, bleibt die Ruhe selbst: liest ausgiebig die Zeitung im Bett, beim Frühstück, und gerät nur dann wie eine zickige Ehefrau in Rage, wenn Ritter mit seinen Stiefeln in Starks Bett kommt oder sein Handy ausschaltet und nicht erreichbar ist.

Wer ist dieses Mädchen?
Ansonsten prallen die Kommissare bei den Dorfbewohnern ab: wie eine Mauer des Schweigens umgibt die Dorfbewohner, alle könnten den Mord begangen haben. Und sie leben in ihrer eigenen Welt, nicht in der der Kommissare: die Zeit ist stehen geblieben, die Stubenfliegen sind an der Wand eingeschlafen, fast wie bei Dornröschen....

Typische Film-Dorfbewohner

Die verschrobenen Dorfbewohner freilich waren in diesem Film vermutlich unausweichlich. In jedem Dorf-Krimi sind sie so, sagen fast nix, haben ihre Macken und lassen nur das raus, was man ihnen ohnehin beweisen kann - so auch hier. So wirklich an sie herankommen - das ist auch hier schwer für die Kommissare, denn irgendwo müssen sie sich ja die Zähne ausbeissen. "Es geht um einen Mord" sagt Ritter einer Frau. "Schon etwas her, 20 Jahre!". Die schaut ihn ungläubig an "Haben Sie nix besseres zu tun?"

Doch Ritter und Stark finden einen Weg, was bleibt ihnen übrig: zum einen verbünden sie sich mit einer Dorfbewohnerin, um die anderen aus der Reserve zu locken , zum anderen wissen sie, wie man Skat spielt und dabei noch einiges aus den Dorfbewohnern herausbekommt. Denn mit modernen Kriminalmethoden, erfundenen Zeugen oder genetischem Fingerabdruck ist hier kein Blumentopf zu gewinnen.

Angriff auf die Sinne

Die Geschichte hinter diesem TATORT ist nicht besonders anspruchsvoll, für einen TATORT-Dauergucker im Prinzip Normalkost. Der Krimi gerät etwas in den Hintergrund, soll dies auch: "englischer Landkrimi ist angesagt", lässt uns die Redakteurin wissen. Der Film aber ist anspruchsvoll: er geht auf die Sinne, filmisch als auch musikalisch. Die Atmosphäre nimmt den Zuschauer ein. Daraus erwächst eine Spannung, die zum Weitergucken anregt. Kein TATORT der letzten Wochen und Monaten hat so viel Musikuntermalungen und schöne Lieder ("Cripple and the Starfish") geboten, so viel Gefühl transportiert. Ja selbst wenn Ritter mit seinen weißen Handschuhen die Schallplatte (!) lauter macht um dem Text "Wenn du treulos bist" zu lauschen, macht er das ganz zärtlich.

Wer bei diesem Film gleich an den Polizeiruf aus Brandenburg denkt, wird nicht bestätigt. Das ganze ist gegen den "kleinen Bruder" ganz großes Kino. Die Landschaftsaufnahmen, das Dorf, das Szenenbild nehmen den Zuschauer auf eine wunderschöne Zeitreise, 20 Jahre zurück. Das ganze ist tatsächlich etwas märchenhaft, Erinnerungen und Gefühle sind wichtiger als vergängliche Dinge wie Geld, Kleidung oder Häuser.

Dass der Krimi am Ende ein klassisches und ganz "banales" Mordmotiv aufdeckt, macht den Krimi wieder zum TATORT. Der Mord geschieht trotz aller märchenhaften Züge des Films aus ganz weltlichen Motiven.

Francois Werner


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