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Heute ist der: 19.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Scharf wie das Leben

Der TATORT "Liebeshunger" führt in ein Milieu, über das sonst wenig berichtet wird: Ehefrauen und Mütter, die tagsüber der Prostitution nachgehen.

Alles beginnt mit morgendlicher Familienidylle: Frühstück, der glücklich lächelnde Sohn winkt der Mutter auf dem Weg zur Schule, die stellt die Spüle an, der Mann liest Zeitung und die beiden machen sich noch Gedanken übers Abendessen - Steak oder Gemüseauflauf? Die Frau muss zur Arbeit, fährt mit dem Fahrrad und grüßt ihre Nachbarn, die Bäckerin und den Hausmeister freundlich lächelnd - und liegt wenig später kaum bekleidet und gefesselt tot auf einem Bett.


Für Liebesdienste liess sich die Tote Karin Freiberg tagsüber stattlich bezahlen, wie übrigens fast 8000 andere Frauen in Hamburg, wie der ermittelnde Kommissar Casstorff zu berichten weiß. Der wollte mit seiner Freundin und Staatsanwälin Wanda Wilhelmi eigentlich lieber ins Theater, als er zur Leiche gerufen wird. Und als sich herausstellt, dass die Tote auf dem Bett am Tag vorher noch versucht hat, den Kommissar telefonisch zu erreichen, steckt er mittendrin in den Ermittlungen. Und tatsächlich: Mit der Frau hatte der Kommissar früher ein Verhältnis, sie kannten sich.

"Wissen Sie, wie es ist, Tür an Tür mit Nutten zu wohnen?"

Casstorff ermittelt zunächst im familiären Hintergrund der Toten. Er trifft auf ihren im Rollstuhl sitzenden Ehemann Joachim Freiberg und deren zwölfjährigen Sohn Felix. Mit ihrer Beschäftigung als Prostituierte hatte Karin - mit Wissen ihres Mannes - der Familie das Leben finanziert, nachdem der ehemalige Autoverkäufer nach einem Unfall seinen Job nicht mehr ausüben konnte. Kollege Holicek ermittelt parallel im Umfeld der Arbeitswohnung: Bis auf den Hausmeister Kowalski reagieren die Mieter zwar schockiert, machen aber aus der offenen Ablehnung dieses Gewerbes in ihrem Haus keinen Hehl.

In dem Apartmenthaus, in dem Karin Freiberg ihrer Arbeit nachgeht, herrscht natürlich eine ziemliche Bigotterie: die Frauen rümpfen über die Prostituierten die Nase, während die Männer ihre ungestillten Sehnsüchte auf sie projizieren. "Wissen Sie, wie es ist, Tür an Tür mit Nutten zu wohnen?" fragte eine Frau den Kommissar und führt ihre Sorge um die Kinder an. Tatsächlich hat sie wohl eher Angst um ihren Mann.

Überraschendes Ende

Und Angst haben auch die Zuhälter, die bemerken, dass - wie Karin Freiberg - immer mehr Frauen auf eigene Rechnung arbeiten. Das führt zu Gewalt an den Frauen, die hier auch eindrücklich geschildert wird. Haben die Zuhälter die Tote auf dem Gewissen? Oder ist der Mörder doch im privaten Milieu zu suchen? Oder galt der Mord vielleicht doch der Kollegin von Karin Freiberg, die an dem Tag nicht arbeiten konnte, weil die eine "Rotznase" hatte?! Die spannenden Ermittlungen - gespickt mit vielen potenziellen Verdächtigen - jedenfalls führen pünktlich nach 90 Minuten zum Schuldigen - doch das Ende ist völlig überraschend. Selbst der geneigte TATORT-Zuschauer wird den Film nicht als "vorhersehbar" bezeichnen können.

Das beste: der spannende und unterhaltsame Film beobachtet "nur", wertet nicht. Dem Autor Rafael Solá Ferrer war es wichtig zu zeigen, was eine Frau, die zu haben ist, bei Männern auslösen kann. Die Idee zum dem Film kam ihm, als er einen Zeitungsartikel über eine Prostituierte gelesen hatte, die angab, ein ganz normales Eheleben zu führen und Kinder zu haben. Seine Recherchen ergaben: in Hamburg gibt es ca. 1000 bis 1500 Prostituierte, die auf eigene Rechnung arbeiten. Und das nicht etwa nur in St. Pauli oder St.Georg, sondern oftmals in den besseren Wohnvierteln wie Winterhude oder Eppendorf.

Emotionen auf dem Sofa

Schön auch, das dieses anfangs von vielen Zuschauern als überflüssig empfundene "familiäre Beiwerk" bei Casstorff sich mittlerweile angenehm reduziert hat - der Problem-Sohn ist weg, nun kocht der Kommissar höchstens noch ab und an mal für seine Staatsanwältin Bolognese-Sauce oder geht mit ihr nach Dienstschluss in ein Beach-Cafe, das wars fast schon. Und ein paar Emotionen auf dem Sofa, die gibt`s auch noch.

Francois Werner


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