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Liebeshunger

Gespräch mit Nils Düwell

?Es ist tatsächlich so, dass alle Leute auf einen herunterschauen,wenn man im Rollstuhl sitzt.Das war eine eindrucksvolle und wichtige Erfahrung?

Joachim Freiberg ist seit einem Unfall querschnittsgelähmt und lebt sehr zurückgezogen. Er hadertmit seinem Schicksal.Was, glauben Sie, ist er vor dem Unfall für ein Mensch gewesen?

Nun, er hat ja früher Autos verkauft. Das ist eine aggressive Arbeit, bei der man mit den unterschiedlichsten Kunden umgehen und ihnen Dinge schmackhaft machen muss. Und Joachim Freiberg hat ja nicht irgendwelche Autos, sondern Sportwagen verkauft, die er auch selbst gerne gefahren ist. Er war ein sportlicher, erfolgreicher Typ, der viel unterwegs war und dem es gefallen hat, wenn er bewundert wurde. Und gut verdient hat er auch. Deshalb hat er dieses Haus gekauft. Der Unfall hat sein Leben komplett verändert, und alles,was ihn früher einmal ausgemacht hat, ist ihm jetzt verwehrt. Da kann man seine Verbitterung schon verstehen.

Der Unfall hat ihm ja auch innerfamiliär einen Rollenwechsel aufgezwungen. Der frühere Großverdiener ist jetzt der, der zu Hause bleibt ...

Ja, und die Tatsache, dass er sehr eingeschränkt ist und von der Hilfe anderer abhängig,macht ihm die Sache doppelt schwer.Viel machen kann er ja ohnehin nicht mehr, auch im Haushalt wahrscheinlich nicht.

Karin Freiberg ist jetzt diejenige, die das Haus und die Familie finanzieren muss. Deshalb ist sie Prostituierte geworden. Ist das nicht eine unerträgliche Vorstellung für einen Ehemann?

Nein, ich glaube sogar, dass sein Anteil an dieser Entscheidung für die Prostitution relativ hoch war. Das Ganze passiert ja nicht ohne sein Wissen. Er selbst kann nichts mehr tun, aber er hat durchaus ein Interesse daran, dass die Raten für das Haus bezahlt werden und der alte Lebensstandard gehalten werden kann.Natürlich ist das auch eine zusätzliche Demütigung für ihn, dass seine Frau sich prostituiert, aber das nimmt er genauso in Kauf wie sie. Freiberg wirkt insgesamt recht mutlos und resigniert.

Wie findet man als Schauspieler Zugang zu so einer Figur?

Ich habe versucht, mich in die Situation hineinzuversetzen, in der sich Freiberg nach dem Unfall befindet, und kann mir sehr gut vorstellen, dass er dabei lieber ums Leben gekommen wäre. Erst der Aktive, der Macher, und jetzt ? so empfindet er es ? eine Belastung für alle. Das sind keine Umstände, die Lebensfreude aufkommen lassen. Klar kommt da bei ihm noch eine gehörige Portion Selbstmitleid und Sarkasmus dazu. Ich habe mir zur Vorbereitung des Films einen Rollstuhl besorgt und bin hier in Berlin damit herumgefahren, um zu sehen, wie das ist.Wenn man dann durch den Park rollt und Omas mit Gehhilfen trifft, die einen mitleidig ansehen, dann ist das schon eine seltsame Erfahrung. Bedrückend. Da wäre ich am liebsten sofort aufgesprungen, um zu demonstrieren, dass ich doch laufen kann.

Was den Omas sicher gefallen hätte, denn dann hätten sie sich wie Wunderheilerinnen fühlen dürfen ...

(Lacht) Ja, das wäre lustig gewesen. Aber es ist tatsächlich so, dass alle Leute auf einen herunterschauen,wenn man im Rollstuhl sitzt. Das war eine eindrucksvolle und wichtige Erfahrung. Und man stößt ständig an die Grenzen seiner Möglichkeiten; da wird schon jede Bordsteinkante zum Problem, und immer ist man auf Hilfe angewiesen.

Die Ehe der Freibergs ist eine Zweckgemeinschaft. Sie wollen ihrem Sohn ein stabiles Elternhaus bieten, aber emotional verbindet sie nicht mehr viel.Wie finden Sie dieses Lebenskonzept? Ist das überhaupt lebbar?

Ich hab das etwas anders gesehen. In meinen Augen haben die beiden Eheleute schon noch eine enge Bindung. Sonst würde die Frau das alles gar nicht tun. Sie versucht ja auch, ihm ein gutes Leben zu ermöglichen, und das tut sie,weil er ihr keineswegs egal ist.Vielleicht ist die Bindung nicht mehr ganz so tief, und er spürt auch, dass sie teilweise aus Mitleid handelt, aber da schwingen auf jeden Fall noch eine Menge Gefühle mit. Sicherlich ist es aber so, dass die Harmonie, die dort herrscht, eine trügerische ist. Ich kann mir vorstellen, dass Joachim Freiberg es nicht ewig ausgehalten hätte, dass sich der Frust, der sich in ihm aufgestaut hat, irgendwann in irgendeiner Form entladen hätte.

Die Situation in diesem Haus hat ja auch etwas Beklemmendes und Bedrückendes; es wird vieles nicht offen ausgesprochen ...

Ja, und Joachim Freiberg hat nun, nach dem Tod seiner Frau, das Problem, dass er seinem Sohn erzählen muss, auf welche Weise und warum sie so Geld verdienen musste. Dazu kommt der Zeitdruck, mit ihm reden zu müssen, bevor es die Polizei tut ... Er versucht es, kann es aber nicht, scheitert erneut an sich selbst.

Zwischen Kommissar Casstorff und Joachim Freiberg gibt es untergründige Spannungen; er mag es offenbar nicht, wenn man ihm Fragen über seine persönliche Situation stellt ...

Joachim Freiberg gibt sich natürlich eine Mitschuld am Tod seiner Frau.Die bohrenden Fragen des Kommissars sind ihm deshalb sehr unangenehm, weil sie ihn in diesem Schuldgefühl bestätigen. Dazu kommt natürlich, dass er sich vor dem anderen Mann schämt, eingestehen zu müssen, dass er seine Frau so hat durch die Welt gehen lassen. Dass er das alles zugelassen hat, weil er glaubte, keine andere Wahl zu haben. Und dann, stellen Sie sich diese Gesprächssituation vor: Da stapft jemand auf zwei Beinen durch sein Wohnzimmer, durch das er selbst nur rollen kann, stellt ihm unangenehme, bohrende Fragen, kann sein Urteil über ihn kaum verbergen und baut auch noch eine Beziehung zu seinem Sohn auf. Da spielt dann plötzlich Eifersucht eine Rolle, ganz unabhängig davon, ob er nun von der alten Affäre zwischen Casstorff und seiner Frau weiß oder nicht.

Wir waren eben schon darauf zu sprechen gekommen, dass im Hause Freiberg die Probleme nicht beim Namen genannt werden. Glauben Sie, dass diese Haltung der Verschlossenheit, die ja eine Hilflosigkeit ausdrückt, letztlich auch zu dem tragischen Ende der Mutter beiträgt, zu dieser hilflosen Geste, zu welcher der Sohn am Bett der Mutter greift?

Ich sehe diese Geste ganz im Gegenteil eher als einen hilflosen, fürsorglichen Liebesakt. Er möchte seine Mutter nicht so sehen, und indem er die Decke über sie breitet, zeigt Felix, dass sie etwas Wichtiges und Wertvolles für ihn ist, das er schützen möchte. So wie er es mit seiner Geige macht, die ihm wichtig ist, weil sie ihm einen Freiraum in dieser Familie eröffnet. Er kann sich mit ihr zurück ziehen in seine eigene Welt. Natürlich hat diese Geste des Zudeckens auch etwas Hilfloses, aber sie ist in erster Linie liebevoll gemeint. Zudem glaube ich auch nicht, dass in Felix?Elternhaus so eine große Sprachlosigkeit herrschte; zwischen den Eltern bestimmt nicht. Aber es gibt eben dieses Geheimnis der Prostitution, über das nicht gesprochen wird.

Freiberg ist nach dem Tod seiner Frau ganz auf sich gestellt ? und er muss jetzt alleine für den Jungen da sein. Glauben Sie, dass es ihm gelingen wird, noch mal aus seiner Resignation zu erwachen und Verantwortung zu übernehmen?

Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass das jeder kann. Bis Freiberg das kann, muss auf jeden Fall Zeit vergehen. Kaum hat er vom Tod seiner Frau erfahren, wird er auch noch damit konfrontiert, dass sein Sohn mit dieser Sache zu tun hat. Man würde zu viel von ihm verlangen,wenn man erwartete, dass er sofort aktiv wird. Er hat eine Menge zu verarbeiten; das geht nicht von heute auf morgen, aber vielleicht mobilisiert gerade die Tatsache, dass sein Sohn jetzt in diese Notlage gerät, sein Verantwortungsbewusstsein. Es ist auf jeden Fall schrecklich für ihn, zu sehen, wie sein Sohn abgeführt wird. Denn Felix ist doch alles,was ihm geblieben ist.

Sie haben schon mehrfach mit Thomas Bohn gearbeitet, zuletzt in ?Eine Frage des Gewissens?.Was schätzen Sie an seiner Arbeitsweise?

Oh, da gibt es verschiedene Dinge, die ich sehr schätze. Zum einen ist es wunderbar, mit ihm zu arbeiten, weil er immer ganz genau weiß,was er von den einzelnen Figuren möchte, und er kann das auch sehr gut vermitteln. Zum anderen versteht er es, ein tolles Arbeitsklima herzustellen. Er schafft einen magischen Raum,in dem alle, die an dem Film mitwirken, ihr bestes geben und dem Ergebnis zuarbeiten. Das gibt einem das Gefühl, sehr gut aufgehoben zu sein.Außerdem finde ich es enorm mutig, an welche Themen Tom Bohn sich heranwagt. Das bewundere ich. Er stellt sich den Themen unserer Zeit; auch in diesem Film.

Interview: Birgit Schmitz (Quelle: NDR-Pressemappe)


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