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Heute ist der: 22.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Hymne an das Leben

Selten gibt es einen Krimi zu sehen, welcher so viele Ingredienzien verschiedenster Ausprägung in sich vereinigt. Die Spielarten der Liebe oder das, was für Liebe gehalten wird, ist nur die eine Seite der Medaille. Doch diese Seite impliziert in sich mehrere Tiefenschichten, die zart angedeutet werden.

Eine Frau Mitte 40 fährt auf einem Fahrrad ihrer Erwerbsarbeit entgegen. Alle paar Sekunden winkt sie Menschen lächelnd zu, die sie kennt. Die Frau stellt schließlich ihr Fahrrad vor einer Konditorei ab, und fühlt sich beobachtet. Sie tätigt einen Anruf mit ihrem Handy. Ein auffälliger Lieferwagen scheint ihre Spur zu verfolgen. Dann macht sich die Frau wieder auf den Weg, und stellt ihr Fahrrad endgültig vor einem Wohnhaus ab.

Bild: NDR

Zwei ungewöhnliche Szenen

Die zweite Szene dieses Films zeigt das spätere Mordopfer Karin Freiberg im besten Licht. Sie ist freundlich und zuvorkommend. Aber eine Frau, die sie offenbar kennt, sieht sie im Aufzug abschätzig an. Bald ist ersichtlich, dass die hübsche Frau und Mutter eines 12-jährigen Knaben als Prostituierte erwerbstätig ist. Schon die dritte Szene zeigt Castorff am Tatort. Karin Freiberg wurde an ihr Bett gefesselt, und weist Würgemale in der Halsgegend auf. Die Obduktion wird ein ungewöhnliches Ergebnis nach sich ziehen. Castorff ist vom Tod dieser Frau persönlich berührt. Er hatte einst eine kurze und sehr heftige Liebesaffäre mit ihr. Seine Freundin Wanda Wilhelmi weiht er nicht sogleich in dieses ?Geheimnis? ein. Dafür ist noch Zeit.

Castorff abseits vom üblichen Klischee

Dieser Fall zeigt Jan Castorff in einem völlig neuen Licht. Er ist nicht mehr der ?einsame Wolf?, der sich selbst nicht auszustehen scheint. Castorff spricht über die Liebe, zeigt zärtlichste Gefühle für seine Freundin, und erweist sich als Pädagoge im Zusammenspiel mit dem traumatisiert wirkenden Sohn der Ermordeten.

Bild: NDR

Vereinzelte Individuen

Trotz der Darstellung von Familienverhältnissen vermittelt die Geschichte von Anfang an einen intensiven Fokus auf die Vereinzelung der handelnden Figuren. Einsamkeit erzeugt tiefste Sehnsüchte, die nie erfüllt werden können. Einer der Gründe, warum Männer zu Prostituierten gehen mögen, besteht wohl im Wunsch, als Mensch voll und ganz angenommen zu werden. Auf der anderen Seite ist oft die Lust an Machtausübung, an sexuellen Spielarten abseits der Norm Ausgangspunkt für den Versuch, sich selbst wieder besser spüren zu können. Die agierenden Kunden von Prostituierten vermögen es nicht, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Sie stehen neben sich selbst, und transformieren ihr persönliches Scheitern in Liebessehnsucht und Streben nach Lustgewinn.

Aufopferung für den Sohn

Es gibt kaum einen Mann, dem der Mord an Karin Freiberg nicht zugetraut werden könnte. Sie alle haben ein mögliches Motiv. Sie alle sind ? wie der Titel des Films suggeriert ? liebeshungrig, und wissen insgeheim ganz genau, dass dieser Hunger nie gestillt sein kann. Der Mann im Rollstuhl, der einst Karin Freiberg geheiratet und mit ihr einen Sohn gezeugt hat, ist verbittert, und hat seine Frau dazu animiert, sich zu prostituieren. Die Frau hat es insbesondere für ihren Sohn getan, dem sie das Fundament zu einer möglichen künstlerischen Karriere schaffen wollte.

Bild: NDR

Liebesbeziehung von Castorff ist ein Teil des Ganzen

Selten gibt es einen Krimi zu sehen, welcher so viele Ingredienzien verschiedenster Ausprägung in sich vereinigt. Die Spielarten der Liebe oder das, was für Liebe gehalten wird, ist nur die eine Seite der Medaille. Doch diese Seite impliziert in sich mehrere Tiefenschichten, die zart angedeutet werden. Somit ist die Liebesbeziehung zwischen dem Kommissar Castorff und der Staatsanwältin Wilhelmi nie passender in einen Fall einbezogen worden wie hier. Da ist keine Spur von Schnulze oder merkwürdigen Diskussionen im Sinne eines nie ausgesprochenen Konflikts zwischen Vater und abwesendem Sohn. Castorff wirkt so sympathisch wie nie.

Auch Männer weinen

Eine besonders berührende Szene zeigt den Liebhaber von Karin Freiberg, der die von Castorff übermittelte Nachricht vom Tod seiner Geliebten überhaupt nicht fassen kann. Er weint herzzerreißend, und es ist absolut nachvollziehbar, wie sehr dieser Mann die Frau geliebt haben muss. Wie oft werden weinende Männer in Krimis oder überhaupt in Filmen gezeigt? Meist sind sie stark, wirken gefasst, und sind Herr der Lage. Karin Freiberg muss ein faszinierender Mensch gewesen sein, denn nicht nur ihr Geliebter, sondern auch Castorff stimmt Lobeshymnen auf sie an. Die Frau hatte den falschen Mann geheiratet, der nach einem Autounfall nur noch dazu in der Lage war, sich selbst zu bemitleiden, woran am Ende die Kleinfamilie zerbrochen ist.

Bild: NDR

Stille muss nicht die Ruhe vor dem Schuss sein

Leise Töne bestimmen diesen Fall, der Eduard Holiceks persönliche Erinnerungen an Liebesräusche nicht ausspart. Leise Töne sind es, durch die Handlungsebenen miteinander verflochten werden. Leise Töne sorgen dafür, dass die Geschichte nie in Klischees abdriftet, und nie das Gefühl im Zuschauer entstehen mag, er wäre nicht Teil der Handlung.

Bei diesem deutlich überdurchschnittlich zu bewertenden Krimi werden Menschen so beleuchtet, wie sie sind. Mit all ihren Ängsten, Träumen, Sehnsüchten und inneren Zweifeln. Das ist schon mehr als ein Film. Das ist pure Realität. Das ist eine Hymne an das Leben. Das ist keine Darstellung von Versuchsanordnungen seitens der Protagonisten, sondern die Sichtbarmachung der Tatsache, dass das Leben keine ständig wiederkehrenden Experimente zulässt.


Jürgen Heimlich


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