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?Das TATORT-Gespräch? mit Fabian Römer

?Immer den Kern treffen"

Fabian Römer über seine Tätigkeit als Filmkomponist, die Musik im Borowski-TATORT ?Das Ende des Schweigens?, die Zusammenarbeit mit Regisseur Buddy Giovinazzo, Kriterien für gute Filmmusik und die ungeheure emotionale Kraft der Musik

Fabian Römer

Der 33-jährige Fabian Römer ist einer der meist beschäftigten Filmkomponisten in der deutschen Fernsehlandschaft. Es gibt nicht wenige, die behaupten: Auch einer der besten. Für seine Filmmusik zum BR-TATORT ?Schneetreiben? erhielt der in München lebende Schweizer im Jahr 2006 den Deutschen Fernsehpreis. Wer regelmäßig Fernsehkrimis schaut, entdeckt im Vorspann immer häufiger seinen Namen. ?Das Ende des Schweigens? ist nach ?Schichtwechsel?, ?Todesbrücke?, ?Minenspiel?, ?Vorstadtballade?, ?Nur ein Spiel? und ?Schneetreiben? sein siebter TATORT. Zwei weitere warten auf ihre Ausstrahlung. Vorweisen kann er zudem Kompositionen für ?Bella Block?, ?Wilsberg?, ?Sperling? oder ?Polizeiruf 110?. Los ging?s 1995 allerdings mit einem französischen Kinofilm des Regisseurs Gabriel Le Bomin. Für das deutsche Fernsehen arbeitet er seit 1999.

Herr Römer, Sie haben einmal gesagt, um ein musikalisches Thema finden zu können, das auf die Stimmung eines Films passt, müssten Sie etwas fühlen können. Warum gelingt Ihnen das anscheinend bei Krimis besonders gut?
Römer: Es stimmt, dass in den letzten Jahren viele Krimimusiken entstanden sind. Oft sind dies ja auch nicht reine Krimis, sondern die Kriminalgeschichte bildet nur den Rahmen für komplexe Dramen oder auch Komödien. Die Musik richtet sich dann auch eher danach. Für mich ist es am Uninteressantesten, den Krimi zu unterstützen. Ob nun beim Ermitteln, bei der Suche oder der Verfolgungsjagd. Ich versuche immer den Kern zu treffen: Schicksal, Einsamkeit, Liebe, Hass ? den Beweggrund, weshalb ein Verbrechen geschieht. Ein guter Krimi gibt dies natürlich schon im Buch vor und ist daraufhin inszeniert.

Sie haben für eine Vielzahl von Krimi-Reihen wie ?Bella Block?, ?Wilsberg? oder ?Polizeiruf 110? die Filmmusik komponiert. Für den TATORT waren Sie bisher acht Mal tätig. Gibt es bei den verschiedenen Produktionen grundsätzliche Unterschiede bei der Herangehensweise?
Römer: Die Herangehensweise bei diesen Krimis richtet sich ganz nach dem jeweiligen Stoff und ist unabhängig vom Format, zumal ARD und ZDF da viele Freiräume lassen. Bei den Privaten wie zum Beispiel bei ?Doppelter Einsatz? (RTL) wird natürlich schon viel mehr Einfluss genommen auf das Musikkonzept.

Also spielt es für Ihre Arbeit prinzipiell keine Rolle, ob es sich um einen Kieler oder einen Münchner TATORT handelt?
Römer: Eigentlich keine maßgebende. Wichtig ist die Geschichte.

Der TATORT ?Das Ende des Schweigens? ist ein Familiendrama. Es geht um eine verschwundene Frau, deren Kleidungsstücke auf einem Segelboot gefunden werden, das orientierungslos auf offener See treibt. Welche Gedankengänge und Ideen hatten Sie in Bezug auf die Personen, die Handlung und die Umgebung? Offensichtlich sind Sie von maritimen Geräuschen inspiriert worden...
Römer: Von maritimen Geräuschen zum einen. Zum anderen liegt aber sicherlich eine gewisse Wehmut in der Musik, da sich alle Beteiligten eigentlich nach Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit sehnen. Interessant fand ich, dass der Film sehr unspektakulär wirkt ? genau dies zeichnet ihn auch aus. Es gibt weder 20 Tote innerhalb der ersten zehn Minuten, noch gibt es wilde Verfolgungsjagden. Ich glaube, dies kommt Axel Milberg sehr entgegen, da er ja als Kieler Kommissar eine lakonische Rolle spielt.

Wie gehen Sie grundsätzlich an das Schreiben einer Filmmusik heran?
Römer: Ich experimentiere herum, improvisiere mit dem Klavier zu den Bildern, suche passende Klänge. Am besten zu den Schlüsselszenen des Films. Wichtig ist, den Moment nicht zu verpassen, wo man das Richtige gefunden hat.

Sie haben zum wiederholten Mal mit dem Regisseur Buddy Giovinazzo zusammengearbeitet. Wie hat sich die Zusammenarbeit mit ihm gestaltet?
Römer: Wir verstehen uns sehr gut ? menschlich wie musikalisch. Schwierig ist manchmal die Entfernung, da er zum Teil in New York lebt. Ich stelle aber die Musiken dann auf meinen Server und er hört sie sich fünf Minuten später in Amerika an? Wir versuchen bei jedem Film anders an die Musik heran zu gehen. Das finde ich interessant.

Buddy Giovinazzo hat gesagt, er wollte den Zuschauer nicht durch zu viel Musik manipulieren und auf keinen Fall vom Spiel der Zuschauer ablenken. Waren Sie diesbezüglich einer Meinung?
Römer: Ich mag es sehr, wenn wenig Musik in einem Film ist. Das lässt dem Zuschauer mehr emotionalen Freiraum und lässt ihn dafür die Musik an den wenigen Stellen umso stärker spüren. Man muss aber auch dazu sagen, dass es Filme gibt, bei denen 50-60 Minuten Musik richtig sind. Normalerweise bewegt es sich so zwischen 30 und 40 Minuten. Beim TATORT ?Vorstadtballade? waren es sogar nur etwa zehn Minuten Musik.

Wie frei waren Sie bei der Gestaltung der Filmmusik?
Römer: In diesem Fall war ich völlig frei. Die zu vertonenden Szenen haben Buddy und ich gemeinsam festgelegt.

In welchem Produktionsstadium wurden Sie überhaupt hinzugezogen?
Römer: Ich habe den fertigen Film erhalten. Und dann ging?s los? Das ist auch mittlerweile Standard.

Wie ging die Vertonung technisch vor sich ? mit welchen Geräten und Instrumenten haben Sie gearbeitet?
Römer: Diese Produktion war, wie viele andere auch, eine Hybrid-Produktion. Ich habe mit elektronischen Klängen und echten Naturinstrumenten gearbeitet. Für den etwas melodischeren Teil habe ich mit Holzbläsern Aufnahmen gemacht und Akustikgitarre eingespielt. Bei den seltsamen Klängen habe ich elektronische Klangerzeuger gebraucht, aber auch ein ?Bett? kreiert aus echten Cello-Flagioletts. Das ergibt interessante Obertöne.

Arbeiten Sie mit Temp Tracks, also mit vorläufigen Musikspuren aus bereits existierender Musik?
Römer: Ja. In letzter Zeit wurden viele Filme mit Temp Tracks unterlegt. Sonst kriegen die Regisseure den Schnitt nicht mehr abgenommen?

Wird es durch diese Arbeitsweise schwerer, mit eigenen Ideen zu überzeugen?
Römer: Natürlich beeinflusst diese Musik nicht nur mich, sondern vor allem auch den Regisseur und den Redakteur, die ihren Film über lange Zeit nur mit dieser Temp Musik kennen und sich daran gewöhnt haben.

Was inspiriert Sie bei Ihrer Arbeit?
Römer: Ich höre mir gerne Musik im Radio oder auf CD an. Und natürlich liebe ich Filme ? alle Arten: Ich kann mich da ebenso für Dogma-Filme begeistern wie für Truffaut oder Harry Potter.

Wie lange arbeiten Sie an der Filmmusik für einen Film? Was für ein Tagespensum haben Sie?
Römer: Meistens habe ich vier bis sechs Wochen Zeit für die Musik (Layout, Änderungen, Einspielungen, Mischung). Da ich in letzter Zeit öfter mal Überschneidungen bei Filmprojekten hatte, liegt mein Pensum so bei 14 Stunden am Tag. Ich arbeite dann auch am Wochenende. Dafür nehme ich mir anschließend wieder ein bis zwei Monate frei.

Versuchen Sie, für jeden Film eine neue Musiksprache zu finden?
Römer: Wenn der Film das hergibt, dann ja. Es macht aber manchmal nicht wirklich Sinn, da der Komponist im Zusammenspiel mit der Inszenierung und den Bildern die Musik entwirft. Ist der Film an sich schon ganz klar in einem Genre entwickelt, wirkt es daher zu bemüht, ihm durch die Musik eine ganz neue Richtung geben zu wollen. Wenn der Film allerdings die Möglichkeit offen lässt, dann muss man auch neue Wege gehen.

Welche Emotionen lassen sich Ihrer Meinung nach am wirkungsvollsten mit Musik erzeugen?
Römer: Das ist sehr persönlich. Ich kann gut Trauer erzeugen, ohne ins ?Triefende Heulgeigen?-Register greifen zu müssen. Auch Verlust oder Einsamkeit zu vertonen, mag ich sehr. Hauptsache subtil. Schwer fallen mir beispielsweise Verfolgungsjagden und große ?Hans Zimmer ? The Rock?-Musiken.

Wie bewerten Sie Ihre Möglichkeiten, einen Film mit Ihrer Musik in eine ganz bestimmte Richtung zu schieben?
Römer: Es ist mitunter eine der wichtigsten Aufgaben der Musik, der Dramaturgie des Films zu folgen oder sie zu kanalisieren. Gerade weil die Musik diese Kraft der Manipulation besitzt, muss man sich vorher immer gut überlegen, wie und wo man diese einsetzt.

Welche Bedeutung hat Musik aus Ihrer Sicht in deutschen Fernsehkrimis?
Römer: Ich glaube, dass der Musik - auch in deutschen Krimis - immer mehr Beachtung geschenkt wird. Allerdings finde ich es immer wieder schade, wenn der Regisseur und ich noch letzte Feinheiten an der Musik ändern und dann in der Filmmischung die Atmosphäre der Umgebung so laut ist, dass die Musik kaum mehr hörbar ist.

Würden Sie sagen, dass Musik in keinem guten Film fehlen darf?
Römer: Ich würde es anders ausdrücken: Musik kann nur in einem außerordentlich guten Film fehlen. Wobei das nicht heißt, dass Musik nur bei schlechten Filmen gebraucht wird? Die Musik besitzt eine ungeheure emotionale Kraft.

Es gibt Filme, die komplett auf Musik verzichten. Was halten Sie davon?
Römer: Wenn man bewusst keine Musik einsetzt, muss der Film schon sehr viel mit sich bringen, dass er auch ohne Musik emotionell fesselt. Außerdem ist dies noch genrespezifisch. Zum Beispiel den dänischen Spielfilm ?Das Fest? fand ich toll.

Was für Kriterien muss eine gute Filmmusik Ihrer Meinung nach erfüllen?
Römer: Die Musik muss den Film emotional auf den Punkt bringen. Im besten Fall muss sie noch sehr eigen sein und auch losgelöst vom Film funktionieren. Auf alle Fälle muss sie mit der Geschichte und den Bildern eine Einheit bilden. Es gibt auch nicht die einzige ?richtige? Musik zu einem Film. Jeder Komponist hat einen eigenen Ansatz und kann mit seinen Methoden die vorhandenen Emotionen stärken. Der Rest ist Geschmackssache.

Die schwierigsten Momente bei Ihrer Arbeit als Filmkomponist?
Römer: Wenn mir die Musik richtig gefällt und sie gerade von einem Produzenten oder Redakteur zerrissen wird.

Gibt es Komponisten, die Sie bei Ihrer Arbeit beeinflussen oder beeinflusst haben?
Römer: Natürlich. Zum Beispiel Nino Rota, Ennio Morricone, Angelo Badalamenti, alle Gebrüder Newman, Arvo Pärt. Und viele mehr.

Können Sie sich an TATORT-Folgen erinnern, in denen Ihnen die Filmmusik anderer Komponisten in besonderem Maße zugesagt hat?
Römer: Ich kann mich jetzt nicht mehr an die Folgen erinnern. Aber vor kurzem habe ich beispielsweise eine Wiederholung von ?Wo ist Max Gravert?? gesehen. Da hat mir die Musik [von Christoph Kaiser und Julian Maas, Anm. d. Red.] gut gefallen.

Sind Sie selbst ein TATORT-Fan? Oder schauen Sie Krimis ausschließlich beruflich?
Römer: Ich mag die TATORTe gern. Allerdings bin ich in den letzten Monaten selten dazu gekommen, einfach fernzusehen. Wenn ich diese Zeit habe, dann gehe ich oft mit meiner Frau ins Kino.

Ist Komponieren manchmal auch eine einsame Arbeit?
Römer: Ja. Deshalb habe ich mein Studio zu Hause bei der Familie.


Interview: Tobias Goltz und Björn Rosche / Februar 2007


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