Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 06.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)
Sie sind hier:  TATORT-FUNDUS > Folgen > Folgen chronologisch > 2000 bis 2009 > 2007 > 654 Roter Tod > Filmkritik > 

Roter Tod

Aids, Einsamkeit und die Frage nach der Schuld

Die Konstellation zwischen Hilflosigkeit und Schuld, zwischen Fahrlässigkeit und Absicht ist das interessanteste Thema dieses TATORTs.

In Lena Odenthals 40. Fall scheint es zunächst um einen einfachen Selbstmord zu gehen: Die junge Ärztin Iris Wegener wird in ihrer Badewanne mit aufgeschnittenen Pulsadern gefunden. Eine mögliche Ursache für den Suizid wird von den Kommissaren schnell entdeckt: Iris Wegener wurde aus der Klinik, in der sie knapp ein Jahr beschäftigt war, entlassen. Lena Odenthal ist jedoch skeptisch, ob sich die Ärztin wirklich selbst das Leben genommen hat und versucht in der Klinik den Grund für Dr. Wegeners Entlassung herauszufinden.

Bild: SWR

Aids durch Bluttransfusion ? ein heikles Thema

Der Chefarzt Dr. Merheim begründet die Kündigung mit nötigen Sparmaßnahmen. Doch durch Oberschwester Katrin erfahren Lena und Kopper von den Problemen der Klinik: Enzo Marchese, ein Patient, der von Dr. Wegener behandelt wurde, glaubt sich durch eine Blutkonserve bei einer Operation mit Aids infiziert zu haben und verklagt das Krankenhaus auf Schadensersatz. Die fragliche Blutkonserve stammt von der Firma Global Plasma, dem einzigen Blutkonserven-Zulieferer des Krankenhauses. Die Unbedenklichkeit des Blutes wurde sowohl von Iris Wegener, als auch von Dr. Merheim per Unterschrift bestätigt, aber Enzo ist sich sicher, dass er nur durch die OP mit dem Virus infiziert worden sein kann.

Als Selbstmord getarnt

Die Pathologie bestätigt: Iris Wegener hat sich nicht selbst die Pulsadern aufgeschnitten. Sie wurde ermordet. Enzo Marchese gerät mehr und mehr in den Fokus der Ermittlungen. Bei seiner Festnahme kommt es zum Kampf zwischen Lena und Enzo, bei dem Enzos Blut in Lenas offene Schnittwunde tritt. Von nun an muss die Kommissarin eine Ansteckung mit dem Virus fürchten und ungewollt Enzos Wut, Aggressionen und Ängste am eigenen Leib nachvollziehen. Doch reichen diese Gefühle als Mordmotiv aus? Wie weit würde Enzo gehen, um einen vermeintlich Schuldigen zu bestrafen? Und was ist mit dem aalglatten Peter Benda, Chef des Blutkonserven-Konzerns Global Plasma, der sich einerseits mit Spendengeldern für den Kampf gegen Aids einsetzt, aber andererseits beschuldigt wird, schlecht getestete Blutkonserven an das Krankenhaus zu liefern? Wusste Iris Wegener zu viel und musste sie deshalb sterben?

Bild: SWR

Aids macht Einsam

Die Infektion mit dem HIV-Virus verändert alles für Enzo Marchese: Der junge Mann stand kurz vor einer Karriere als Profi-Boxer, war verlobt mit der hübschen Tiziana, die er immer noch zärtlich ?mein Mädchen? nennt. Nach der Diagnose Aids ist Enzos Leben ruiniert. Im Boxclub darf er sich nicht mehr blicken lassen, seine alten Kollegen haben allenfalls Mitleid für ihn übrig. In den Ring steigen wird Enzo nie wieder, schließlich ist Boxen ?eine blutige Angelegenheit?. In der ersten Szene sieht man, wie Enzo nachts in den Boxclub einbricht, nur um in der Dunkelheit all seine Wut und Verzweiflung herauszuschreien. Doch auch Enzos privates Leben gerät durch die Infizierung mit dem Aids-Virus völlig aus der Bahn: Seine Verlobte wird nicht fertig mit der neuen Situation. Tiziana löst die Verlobung, obwohl sie Enzo noch liebt.

Die Frage nach der Schuld

Für den jungen Mann bleibt schließlich nur noch die Suche nach einem Schuldigen. Zusammen mit seiner Anwältin Vera Launhardt versucht Enzo den Blutkonservenhandel von Peter Benda als illegal zu entlarven. Auch Vera Launhardt ist aus persönlichen Gründen von Bendas Schuld überzeugt: Zwei Jahre zuvor musste sie ihre erst 6 Jahre alte Tochter beerdigen: Sie starb an Aids nach einer Bluttransfusion ? angeblich aus dem Hause Global Plasma. Vera Launhardt ist die einzige aus Enzos sozialem Umfeld, die sich nicht wegen der Infektion von ihm abwendet. Er zieht bei ihr ein und verbringt doch den Großteil seiner Zeit einsam als Taxifahrer. Eindringlich und sensibel spielt Josef Heynert Enzo Marchese als eine Figur, die von einem Moment zum andern den Boden unter den Füßen verloren hat und nur noch die Frage nach dem Warum beantwortet haben will.

Bild: SWR

Angst am eigenen Leib

Lena Odenthal muss sich bei diesen Ermittlungen stärker in ihren Verdächtigen hineinversetzen als ihr lieb ist. Die Angst sich mit dem HIV-Virus infiziert zu haben, lässt sie ähnlich reagieren wie Enzo. Ihre Gefühle schwanken von hilflos verzweifelt bis wütend ? vor allem aber will auch Lena die Frage nach der Schuld beantwortet haben: ?Hast du mich absichtlich angesteckt?? fragt die Kommissarin Enzo mehrmals. Lena Odenthal hasst es, wenn sie eine Situation nicht unter Kontrolle hat. Die Aussicht, zwölf Wochen lang warten zu müssen, ob sie sich tatsächlich mit Aids infiziert hat oder nicht, raubt ihr den letzten Nerv. Aber Lena erlangt die Kontrolle über ihre Situation wieder zurück, nicht zuletzt durch den Beistand ihres Freundes und Mitbewohners Mario Kopper, der mal als Seelentröster und mal als Blitzableiter fungieren muss.

Ein klassischer TATORT

Regisseur Christoph Stark bleibt filmtechnisch im konventionellen Rahmen. Er setzt auf relativ wenig stimmungsverstärkende Effekte wie Licht oder auffallende Kameraeinstellungen und verlässt sich vor allem auf das intensive Spiel der Darsteller. Josef Heynert zeigt als Enzo Marchese eindrucksvoll wie einsam sich ein aus der Gesellschaft Ausgestoßener fühlt. Seine Figur ist geprägt durch Selbstmitleid, Verzweiflung und verbissene Entschlossenheit einen Schuldigen zu finden. Ana Kerezovic zeigt als Vera Launhardt das Bild einer ambivalenten Figur, die auf der einen Seite kühl und beinahe berechnend ihren Anwaltspflichten nachgeht und auf der anderen Seite genauso wütend, verstört und verletzlich wie Enzo mit ihrem Schmerz fertig werden muss.

Bild: SWR
Dem gegenüber bleiben die anderen Figuren eher an der Oberfläche. Sogar Lena Odenthals Angst und Hilflosigkeit kommt nur punktuell wirklich beim Zuschauer an. Vielleicht hätte man den Film etwas mehr auf dem Spannungsverhältnis zwischen der Kommissarin und dem Verdächtigen Enzo Marchese aufbauen können. Denn eigentlich ist die Konstellation zwischen Hilflosigkeit und Schuld, zwischen Fahrlässigkeit und Absicht das interessanteste Thema dieses TATORTs.

Spannung bis zum Schluss

Alles in allem ist "Roter Tod" durchaus spannend und sehenswert. Die Filmmusik von Thomas Osterhoff sorgt für eine bedrohlich düstere Atmosphäre, verschiedene Verfolgungsjagden dienen dem Spannungsaufbau. Außerdem bleibt der Zuschauer ziemlich lange im darüber Unklaren, wer den Mord begangen hat. Ein gut gespielter und einwandfrei inszenierter TATORT.

Rebecca Hügler


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3