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Heute ist der: 12.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Schwelbrand

Interview mit Thorsten Näter


Nach ?Schatten? handelt es sich bei ?Schwelbrand? wieder um einen sehr ?politischen? Tatort ? was reizt Sie an der Verbindung Krimi und Politik?
Politische Filme haben nicht wirklich eine Tradition in Deutschland im Vergleich zu Frankreich oder England beispielsweise. Politik wird bei uns immer in Verbindung gebracht mit Zeitungen, Magazinen oder Irgendetwas, das eher trocken ist. Natürlich ist ein Krimi eine sehr gute Möglichkeit, Inhalte, die man für wichtig hält, an ein Publikum heran zu bringen. Dazu kommt, dass der Tatort immer schon in der Tradition steht, aktuelle Themen aufzugreifen. Schon die ersten Tatorte ? ich denke an die Trimmel-Tatorte ? waren sehr politische Filme z. B. ?Taxi nach Leipzig?.

Gerade für Bremen und Umgebung hinterlässt ein rechtsradikales Trainingszentrum, wie es im Film gezeigt wird, einen bitteren Nachgeschmack. Siehe Heisenhof in Verden oder aktuell die Diskussion um das Hotel ?Am Stadtpark? in Delmenhorst. Ist es nur Zufall, dass ausgerechnet der Tatort aus Bremen das Thema Rechtsradikalismus behandelt? Wie sind Sie darauf gekommen?
Die aktuellen Ereignisse im Umfeld von Bremen haben natürlich schon Einfluss darauf gehabt, dass wir uns dafür entschieden haben, uns gerade in einem Bremer Tatort mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es ist ja schlimm genug, dass diese Dinge möglich sind. Aber grundsätzlich war auch die Überlegung, das nicht in den neuen Bundesländern anzusiedeln, oder auf die neuen Bundesländer zu beziehen, weil man damit dem Thema nicht gerecht wird.

Wie haben Sie recherchiert? Sind die Strukturen der rechtsradikalen Gruppierung im Film reine Fiktion oder geht es da wirklich so zu? Woher wissen Sie das?
Ich habe vor zehn, zwölf Jahren einen großen Zweiteiler gemacht über die europäische rechtsradikale Szene und habe da sehr, sehr ausführlich recherchiert und bin deshalb mit dem Thema sehr vertraut und habe das auch weiter verfolgt. Wir haben aber speziell im Zusammenhang für diesen Film mit Antifa-Leuten zusammen gearbeitet, die schon seit Jahren die Szene beobachten. Die beobachten das sehr genau und gucken, wie sich die Szene entwickelt, was sich dort bewegt. Die waren dann zum Beispiel auch bei den Dreharbeiten dabei, um zu gucken, dass sich keine Rechtsradikalen unter unsere Komparsen mischen und haben uns sehr dabei geholfen, wahrzunehmen, wie sich die Szene entwickelt hat und wie sie heute genau aussieht. Das ist das Thema des Films, zu zeigen, dass sich da Dinge verändert haben. Es ist sehr viel schwieriger geworden, Neonazis zu erkennen, weil sie einfach sehr viel liberaler geworden sind. Wobei liberaler natürlich nicht heißt, dass sie in irgendeiner Form toleranter geworden sind, sondern sie geben sich einfach offener von Anfang an, um mehr und mehr Leute zu vereinnahmen, die normalerweise Vorbehalte hätten gegen die rechte Szene. Die tun also so, als wären viel mehr Dinge innerhalb der rechten Szene möglich und denkbar ? eine andere Musik, andere Dinge, mit denen sie umgehen, eine andere Sprache ? im Endeffekt aber, wenn man dahinter guckt, landet man immer wieder bei genau dem gleichen alten braunen Müll, den es immer schon gegeben hat und der genau so engstirnig ist, wie diese Bewegung von Haus aus schon immer gewesen ist.

Warum kombinieren Sie das schwierige gesellschaftliche Thema ?Rechtsradikalismus? mit dem, fast schon frivol wirkenden, Glitzerleben des Showbusiness?
Die Verbindung ergibt sich automatisch dadurch, dass im Mittelpunkt des Films ein Konzert gegen Neonazis steht. Das ist natürlich nicht aus Versehen, das haben wir bewusst gewählt. Aus dem gleichen Grund, aus dem wir auch die Politik in einen Krimi verweben, nämlich um die Frage aufzuwerfen, wie man überhaupt einen Zugang zu diesem Thema schaffen kann und das Bedürfnis, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Und gerade diese rockigen Gegen-Rechts-Konzerte sind ja entstanden, um zu zeigen, dass der Widerstand gegen diese Form von Intoleranz auch Spaß machen kann, dass das etwas Freudiges ist. Dass es einen Grund gibt für Jugendliche, sich darauf einzulassen. Das ist eine Mischung, die helfen soll, in irgendeiner Form für Jugendliche und gerade für jüngere Leute, einen Zugang zu dem Thema zu finden. Und da machen wir gerade im Grunde dasselbe, was die Rock gegen Rechts Konzerte auch machen, nämlich zu zeigen, das ist ein wichtiger Teil einer Bewegung, die auch Spaß machen kann. Gleichzeitig zeigt dieser Kontrast auch, dass es ganz andere Dinge gibt, mit denen man sich beschäftigen könnte. Dass es Jugendliche und eine Art von Jugendkultur gibt, die einfach ganz, ganz weit entfernt ist von diesem ganz dogmatischen und menschenverachtenden Neonazismus, der ja im Grunde genommen etwas ist, wo Generationskonflikte ausgelebt werden, wo Hass auf die Gesellschaft ausgelebt wird. Das heißt, das, was da behauptet wird an politischem, wird ja nur vorgeschoben. In Wirklichkeit sind darunter ganz große Aggressionen und es ist ein ganz großes Frustrationspotential ? und das wird ja in der Musikszene auf eine ganz andere Art und Weise abgebaut. Das heißt, irgendwo zeigt diese Musikszene auch einen ganz anderen Weg, mit Emotionen umzugehen, als es in der Neonazi-Szene passiert.

Wie arbeitet es sich mit einer Gruppe von Komparsen, die Neonazis sind? Welches Gefühl beschlich Sie, was ging Ihnen durch den Kopf?
Die Zusammenarbeit mit den Komparsen war eine eher komische Variante, weil die Komparsen ? wir wollten nicht, dass jemand aus der Neonazi-Szene mitarbeitet ? zum großen Teil aus der Antifa-Bewegung stammten. Es gab natürlich sehr komische Momente, weil die Menschen plötzlich das dargestellt haben, was sie normalerweise bekämpfen. Und dann kam noch der Aspekt dazu, dass wir mit echten Polizisten gedreht haben, die dann in diesem Film gegen diese Neonazis vorgingen und dann die Komparsen immer sagten: aus unserer Erfahrung heraus, das würdet ihr doch gar nicht machen ? ihr würdet denen doch jetzt helfen, ihr würdet die doch unterstützen, ihr würdet doch wieder mal gegen uns vorgehen, die wir was gegen die Neonazis machen. Und da sind sehr, sehr spannende Diskussionen am Set entstanden. Man muss sich nur immer klar machen, dass die eigentliche Bedrohung nicht unbedingt von Leuten in Bomberjacken mit Glatzen und Springerstiefeln ausgeht. Das sind die, die die Schlagzeilen ausmachen, weil sie so eindeutig identifizierbar sind. Was viel problematischer ist, dass es inzwischen ein breites Spektrum gibt, das aktiviert wird von der rechten Szene durch diesen Versuch, liberal zu erscheinen. Leute, die vereinnahmt werden, die früher dort nicht zu finden gewesen wären und die die Chance bieten, mit dieser rechten Szene in ganz neue Bereiche vorzudringen. Da liegt einfach eine ganz große Gefahr. Das ist auch das, womit sich dieser Film beschäftigt. Da gibt es Maßnahmen wie diese Schulhof-CD, die verbreitet worden ist, um jungen Leuten rechtes Gedankengut nahe zu bringen. Da gibt es Broschüren, die verteilt werden an Schulen ? Versuche einfach, so etwas wie eine Jugendkultur der rechten Seite zu schaffen. Und die Leute, die das initiieren, profitieren einfach ganz stark davon, dass bei uns die demokratische Kultur und das politische Bewusstsein auf dem Rückzug sind, das heißt, es ist ein allgemeines Phänomen, dass die Verdrossenheit der Jugendlichen gerade, die für sich keine Zukunft sehen, immer breitere Schichten erwischt. Dass es immer schwieriger wird, junge Leute für Politik zu interessieren, weil sie das Gefühl haben, da bewegt sich sowieso nichts, da passiert überhaupt nichts. Da bietet sich einfach dieses rechte Spektrum als Alternative an und gibt sich erstmal so liberal, dass es die Leute nicht abschreckt und versucht, sie erstmal zu vereinnahmen. Das Furchtbare ist, das wird in dem Film auch gesagt, dass für junge Leute bestimmte Dinge heute wieder denkbar sind, bestimmte Feindbilder wieder denkbar sind, von denen man eigentlich gedacht hat, sie seien für immer verschwunden und durch die deutsche Geschichte ein für allemal abgehakt und würden nie wieder auftauchen. Das ist de facto nicht der Fall.

Wie war die Arbeit mit Jeannette Biedermann?
Die Zusammenarbeit mit Jeanette war ganz, ganz toll. Das Ganze ist ja für Jeanette geschrieben worden. Wir haben aber immer gesagt, wir müssen ein Casting machen, es muss sicher sein, dass sie die Dimension dieser Rolle auch beherrscht. Und ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe das keine Sekunde während der Dreharbeiten und auch danach bereut, dass wir das zusammen gemacht haben. Sie bringt ja zum einen wirklich die Power dieser Musikerin mit, die das durchsetzt. Sie hat ja zu diesem Thema auch im Vorfeld schon bei ?Laut gegen Rechts? eine ganz deutliche Haltung bezogen, das ist also nichts, was sie künstlich für den Film erzeugt hat. Gleichzeitig hat sie eben auch etwas Direktes und Gerades und etwas Natürliches. Das hat sie einfach ganz, ganz toll gemacht. Gleichzeitig hat Jeanette natürlich musikalisches Potential und musikalisches Know-how auch in diese Produktion eingebracht, was für uns sehr wichtig war, weil auch das Bedürfnis da war, auf dieser Ebene authentisch zu sein. Das ist eine eigene Welt, die uns erstmal von Haus aus sehr fremd ist ? so wie anderen Leuten die Film-Welt ganz fremd ist. Da hat es einfach eine sehr schöne Symbiose gegeben. So wie wir überhaupt nachher einen irrwitzigen Spaß gehabt haben, so viel Musik zu haben und Musik zu machen in einem Film.

Wie haben Sie es geschafft, dass so viele Musiker im Tatort mitspielen?
Wir haben im Vorfeld, um eine gewisse Größe für dieses Konzert zu bekommen, bei ?The Dome? gedreht. Musiker wie zum Beispiel Mike Leon Grosch, den wir direkt nach einem Konzert angesprochen haben, der hatte gerade vor 10.000 Menschen gesungen und war eigentlich gar nicht auf uns vorbereitet und sagte ?Was? Rock gegen Rechts, gegen Nazis und das in einem Tatort, da bin ich sofort mit dabei! ? Das war auch mit anderen Bands so, z. B. mit Mattafix, Stefan Gwildis, Mia, Revolverheld, Simon Webbe ? das waren alles Leute, die sofort gesagt haben, da sind wir dabei und das muss man unterstützen.

Es sieht aber auch so aus, als hätten Sie beim Dreh sehr viel Spaß gehabt!
Ja klar! Neben allen politischen Inhalten und allem, was wir gerne transportieren wollten, muss man einfach sagen, dass das Ding einen riesigen Spaß gebracht hat. Wir haben eigentlich alle nur noch vor uns hin gesungen und vor uns hin gesummt. Teilweise kamen da im Stundentakt neue Musiker, die waren dann einfach da und haben für uns gespielt ? man hatte das als Ohrwurm wochenlang im Ohr. Das ist egal, ob das Mia war oder Revolverheld, was man da permanent vor sich hin gesungen hat. Das war sehr toll. Wir sind alle sehr erfreut aus dieser Produktion heraus gegangen und ich hoffe, dass sich das vermitteln wird: dass sich dieses furchtbare Thema und dieses negative Thema Neonazis gleichzeitig mit so einem positiven Impuls verbindet, mit etwas Gutem, wo man sagt, das ist wirklich ein Gegenbild und das ist eigentlich das Schöne.

Das Interview führte Anja Kwijas, Radio Bremen


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