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Heute ist der: 09.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Schwelbrand

Interview mit Sabine Postel und Oliver Mommsen


Frau Postel, nach dem Bremer Tatort ?Schatten? ist dies wieder ein Tatort mit einem politischen Hintergrund. Worum geht es im Tatort ?Schwelbrand??
Postel: Ein junger Türke wird von Rechtsradikalen gejagt und läuft auf seiner Flucht voller Panik in eine Glasscheibe ? er fällt erst ins Koma und stirbt später an seinen Verletzungen. Wir ermitteln also in der rechtsradikalen Szene nach den Mördern dieses jungen Türken. Parallel dazu erhalten wir einen Anruf, dass eine junge Frau ermordet aufgefunden wurde. Diese junge Frau gehört zu einer Musikgruppe, die bei einem Konzert gegen Rechts auftritt.

Mommsen: Stedefreund versucht, Inga auszureden, nur in die rechtsradikale Richtung zu ermitteln, weil ziemlich schnell der Verdacht entsteht, dass es sich bei dem zweiten Mord um eine Verwechslung handelt. Der Anschlag galt eigentlich der Sängerin Dana, gespielt von Jeanette Biedermann. Stedefreund hat Sorge, dass der Täter seinen Fehler noch einmal korrigieren möchte. Daher lenkt er den Focus auch in das Umfeld des Opfers.

Postel: Unser Druck besteht auch darin, dass das ?Live-Konzert gegen Rechts? in zwei Tagen stattfinden wird und die Drohung im Raum steht: ?Wenn Dana bei diesem Konzert auftritt, dann wird ihr etwas Schreckliches passieren.? Es ist ein Lauf gegen die Zeit.

Im Laufe der Ermittlungen in der rechten Szene begegnen Inga Lürsen ziemlich unsympathische Typen, wie zum Beispiel Rüdiger Seitz ? ein sehr charmanter und eloquenter Typ, aber hoch gefährlich?
Postel: Rüdiger Seitz ist der Anführer, der intellektuelle Kopf der Neonazi-Gruppe und entspricht so gar nicht dem alten Klischee. Er kommt nicht aus der Muckibude, ist nicht tätowiert, hat keinen kahl geschorenen Kopf, er trägt keine Springerstiefel und keine Bomberjacke, sondern ist ein gut aussehender, gepflegter Mann, vor allem ist er sehr intelligent. Er verfolgt den Ansatz, junge Anhänger und junge Wähler nicht durch kopflose Gewaltaktionen zu verschrecken, sondern die Gesellschaft intellektuell zu unterwandern. Deshalb ist er umso gefährlicher.

Was machen diese Typen mit Inga Lürsen, die ja ? wie sie selber sagen ? eine sehr politisch engagierte Frau ist? Ärgern die sie, oder stacheln sie sie auf?
Postel: Rechtsradikalismus ist für Inga Lürsen ganz furchtbar. Deshalb ermittelt sie auch in diesem Fall sehr engagiert, aber leider etwas mit Scheuklappen behaftet. Gott sei Dank hat sie Stedefreund, der sie immer wieder auf den Teppich bringt.

Stedefreund begegnen ja auch relativ skurrile Typen in dem Umfeld des Konzerts.
Mommsen: Im Film gibt es Dreißiger Jahre Retro-Bands, Rock-Bands, es gibt irgendwelche Typen mit Ukulelen und riesengroßen Segelohren, Stedefreund fühlt sich dort ziemlich unwohl. Dazu kommt, dass die Leute aufgrund des Attentats auf den Türken Ahmed Aksu der Polizei gegenüber relativ feindlich eingestimmt sind, weil sie denken, dass die Beamten nichts zur Aufklärung des Falls beitragen. Stedefreund wird von den Musikern zum Teil auch recht offen angegangen.

Nimmt Stedefreund diese Geschichten um Neid innerhalb der Band sofort ernst?
Mommsen: Das ist für Stedefreund ein bisschen Laborratten beobachten, das ist auch etwas ganz Faszinierendes, deswegen bleibt er auf dieser Spur und versucht Inga davon zu überzeugen, dass es vernünftiger ist in diese Richtung zu ermitteln. Stedefreund bemerkt, dass innerhalb der Band irgendwelche Streitigkeiten brodeln. Er befragt alle Bandmitglieder unter anderem auch Dana alleine. Er taucht ein in die Welt der Musiker, mit den Fans, mit der Belagerung, mit Stalkern, mit inneren Machtkämpfen in der Band.

Die Bremer Tatorte widmen sich häufiger politischen Themen ? Was ist dieses Mal das Besondere?
Mommsen: Der Tatort-Titel ?Schwelbrand? ist nicht umsonst gewählt ? es ist nicht dieses offensichtliche ?Hau-Drauf-Image? der Nazi-Szene, sondern Thorsten Näter, der Regisseur und Autor des Buches, hat eine Art und Weise gefunden, diese Leute zu beschreiben, bei der man noch einmal nachdenken muss. Neonazis haben verstanden, dass sie mit ihrem Äußeren und dem brutalen Auftreten eher abstoßen und schockieren. Um gesellschaftlich akzeptiert zu werden, muss man andere Wege gehen ? eine viel subtilere Form der Verführung finden. Thorsten Näter hat mit dem Tatort Schwelbrand einen sehr interessanten Weg gefunden, um genau dieses darzustellen: ?Ein bisschen der Rattenfänger von Hameln.? Das ist so eine unbekannte Szene, mit der wir da konfrontiert werden.

Postel: Das Gute bei einem Krimi ist, dass man in unterhaltsamer Form den Leuten Inhalte vermitteln kann, die sie sich vielleicht in Form einer Dokumentation nicht unbedingt ansehen würden. Diesen intellektuellen Über- oder Unterbau der Neonazi-Szene aufzugreifen und dieses neue Bild des Neonazis, den es neben dem Springerstiefel-Typ gibt, zu analysieren, das ist schon sehr wichtig.

Wie oft haben Sie den Bremer Tatort miteinander gedreht?
Postel: Das ist jetzt der zehnte und der sechste von Thorsten Näter. Er bringt so auch eine Kontinuität für unsere Charaktere mit. Das sieht man sehr schön bei Helen, meiner Tochter, die er in den Polizeidienst versetzt hat. Dadurch muss man nicht immer so wahnsinnige Grätschen machen, um sie ? als Familienmitglied ? in die Geschichte mit einzubeziehen. Sie ist jetzt bei der Schutzpolizei.

Mommsen: Thorsten Näter schafft es, eine Vielfalt und Vielschichtigkeit der Persönlichkeiten im Cast zu vereinen. Ob es jetzt zum Beispiel die Eltern des Opfers sind oder Bjarne Mädel, der einen vermeintlichen Stalker spielt, den wir in die Finger bekommen. Oder Thomas Sarbacher, der Rüdiger Seitz, diesen bösen Demagogen im Mantel eines sehr sympathischen, attraktiven Mannes, darstellt.

Postel: Sozialkritische Filme zu drehen, kann ja furchtbar daneben gehen. In dem Moment, wo man den erhobenen Zeigefinger nur erahnt, schaltet man ja innerlich schon ab. Thorsten Näter schafft es immer wieder authentisch und spannend zu erzählen.

Mommsen: Er schafft es von der ersten Sekunde an, das Publikum zu fesseln und erst nach neunzig Minuten schweißgebadet wieder aus dem Sitz heraus zu lassen. Und das schaffen wir dieses Mal hoffentlich wieder.

Das Interview führte Anja Kwijas, Radio Bremen


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