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Heute ist der: 22.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Schwelbrand

Chancen vergeben

Regisseur und Drehbuchautor Thorsten Näter nahm sich mit diesem TATORT eine Menge vor. Es galt, das Thema Rechtsradikalismus in einen Krimi zu implizieren. Dabei entschied er sich, als Ausgangspunkt ein Konzert gegen Rechts zu nehmen, das zu radikalen Reaktionen neonazistischer Gruppierungen im Vorfeld führt.

Die Geschichte beginnt mit einem Knalleffekt. Ein Plakatkleber wird von an Skins gemahnende Gestalten mit Baseballschlägern verfolgt und durchbricht schließlich eine Glasscheibe. Er bleibt regungslos liegen und entgeht damit schweren Prügeln. Der Mann landet im Koma. Er hätte seinem schweren Schicksal entgehen können, wenn nicht ein alter Mann entschieden hätte, ihm die Tür aus dem Verderben vor der Nase zuzuschlagen.

Das Thema Zivilcourage spielt grundsätzlich eine wesentliche Rolle in diesem Film. Einerseits in Zusammenhang mit der Frage, wie denn Menschen zu begegnen sei, die Opfer der rechtsradikalen Szene werden, andererseits ganz konkret durch das angekündigte Treffen von Bands, die sich dazu verschworen haben, gegen die sich ausbreitende Fremdenfeindlichkeit aufzutreten.

Bild: RB

Abseits der Eindimensionalität

Was diesen Krimi auszeichnet, ist das Fehlen jeglicher Schwarz-Weiß-Malerei im Sinne von ?hier die Guten, dort die Bösen?. Ein sich in der Neo-Nazi-Szene herumtreibender Mensch muss nicht gleichermaßen ein Misanthrop übelster Sorte sein. Ein Demonstrant gegen die zur Schau gestellte Fremdenfeindlichkeit nicht automatisch ein liebenswerter Menschenfreund ohne charakterliche Disbalancen. Die Eindimensionalitäten schreiben sich beide eben nicht pauschal bewertbaren ?Typen? selbst auf den Leib. Selbstkritische Töne mögen für Neo-Nazis eine Seltenheit darstellen, doch kann es keineswegs verkehrt sein, diese auch von selbsternannten Kämpfern gegen Xenophobie einzufordern. Es ist ein schmaler Grat, auf dem hier gewandert wird. Durch die Darstellung von Lebensgeschichten unterschiedlichster Ausprägung hat der Zuschauer die Möglichkeit, sich selbst ein Bild davon zu machen, wo die Grenzlinien linearer Charakterprofile verlaufen.

Bild: RB

Ausgezeichnete Rolle für Buddy Elias

Bemerkenswert ist die Rolle, die dem letzten noch lebenden Verwandten von Anne Frank, ihrem Cousin Buddy Elias, auf den Leib geschrieben wurde. Er spricht jene Worte aus, die angesichts einer sich ausbreitenden Verunsicherung gesprochen werden müssen. Und er macht darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, die Erinnerung an den Holocaust am Leben zu erhalten. Es kann nicht sein, dass Menschen den Holocaust verleugnen. Dass sie überhaupt der Ansicht sind, es wäre an der Zeit, diese Jahrzehnte zurückliegenden Geschehnisse endlich als abgeschlossen zu betrachten. Es kann nicht sein, dass über den bestialischen Massenmord an Millionen Menschen eine Glasglocke gestellt wird, die nie mehr stürzen sollte.

Bild: RB

Rechtsradikale können auch Individualisten sein

Dass Menschen mit rechtsradikaler Gesinnung keineswegs immer Glatzen haben und abhold jeglicher menschlicher Regung und Intellekt sein müssen, belegt der Krimi eindrucksvoll. Thomas Sarbacher stellt einen Menschen dar, der ganz genau weiß, wo er ansetzen muss, um viele Menschen auf seine Seite zu bringen. Es gilt für ihn nicht, einzelne Menschen ?auszumerzen?, die den Stolz des deutschen Volkes zunichte machen, sondern vielmehr, seine Gedanken in die Köpfe von Menschen zu bringen, denen das Wasser bis zum Halse steht. Er benutzt die Ratlosigkeit einer in nicht kleinen Teilen wohlstandsverwahrlosten Gesellschaft, um seine ?Botschaft? zu überbringen, und damit zu punkten. Nicht nur er, sondern ebenso seine Mitstreiter sind keineswegs ?nur? fremdenfeindlich eingestellt, sondern gleichzeitig Gegner von Hartz IV und der Globalisierung. Auch an diesem Punkt wird die Skizzierung der Realität entgegen einer Schwarz-Weiß-Bagatellisierung aufgezeigt.

Bild: RB

Jeanette Biedermann als beste Wahl?

Thorsten Näter soll Jeanette Biedermann die Rolle der Sängerin Dana, deren Assistentin ermordet wird, von Anfang an zugedacht haben. Leider war dies nicht unbedingt die richtige Entscheidung: Jeanette Biedermann hat vielleicht als Sängerin gewisse Qualitäten, als Schauspielerin aber weiß sie kaum zu überzeugen. Wenn sie spricht, und sich in ?Szene? wirft, entsteht der Eindruck, sie versuche ihre Rolle besonders gut zu spielen, indem sie auf theatralische Weise ihren Part zu überhöhen sucht. Manchmal wäre weniger mehr. Angesichts ansonsten weitgehend guter bis ausgezeichneter schauspielerischer Leistungen ist es sehr schade, dass diese merkwürdig anzusehende Rollenanschauung einen nicht kleinen Schatten auf die Inszenierung dieses Krimis wirft. Jeanette Biedermann ist die Hauptfigur, und hat zu viel Gewicht zugesprochen bekommen. Andere Aspekte kommen dadurch zu kurz. Wenngleich am Ende eine gewisse Hintergründigkeit zum Vorschein kommt, was den Lebensentwurf von Dana betrifft, bleibt allemal ein bitterer Beigeschmack.

Bild: RB

Zu viel musikalische Einsprengsel, zu wenig Handlungsspielraum

Die Idee, ein Konzert gegen Rechts in den Blickpunkt zu stellen, und zahlreiche Bands in die Handlung zu integrieren, ist lobenswert. Aber es funktioniert nur teilweise. Manche eingestreute sängerische Darbietungen laufen der Handlung zuwider und verwässern die fortlaufende Ermittlungsarbeit nicht wenig. Hinzu kommt, dass die involvierten Musiker letztlich keinerlei Botschaft vermitteln, sondern höchstens altbekannte Interpretationen abliefern.

Ein extrem missglücktes Ende

Ganz schwach ist der Schluss zu nennen. Selten hat ein Krimi mit einem derartigen ?Überraschungseffekt? geendet, auf den sich wohl nur die wenigsten Zuschauer einen Reim machen können. Die Überbewertung der Rolle der Dana wird hier bis an die Grenze des Erträglichen getrieben. Der Kontrapunkt, welcher ihrem Bruder zugeordnet ist, wird hier ebenso auf die Spitze gebracht. Vielleicht hat es der Regisseur und Drehbuchautor auf diese ?Botschaft? angelegt, die in den letzten Minuten zum Tragen kommt. Es wäre aber allemal besser gewesen, die Wertigkeit eines Konzerts gegen Rechts mit dementsprechenden Worten zu verstärken, anstatt eine rührselige Szene zu inszenieren, die zudem Lürsen und Stedefreund eine ?Gutmenschen?-Mentalität zuordnen, welche in diesem Zusammenhang völlig deplatziert ist.

Bild: RB

Sehr gute Idee, mäßige Umsetzung

Mit diesem Fall wurde die Chance vergeben, dem interessierten Publikum ein buchstäblich brennendes Thema nahe zu bringen. Wenngleich es sehr gute Ansätze gibt, die Leistungen der Schauspieler weitgehend gut bis sehr gut zu nennen sind, und die beschriebene Durchbrechung der Schwarz-Weiß-Malerei gegeben ist, handelt es sich resümierend doch bloß um einen durchschnittlich zu nennenden Krimi. Ein Krimi, der durch die schauspielerische Fehlbesetzung einer wesentlichen Figur und zu stark akzentuierte Kontrapunkte insbesondere in der Schlussszene viel mögliches Potenzial verspielt.

Jürgen Heimlich


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