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Das TATORT-Gespräch mit Arndt Schwering-Sohnrey

?Der Zuschauer hat die gleichen Vorurteile wie die Kommissare?

Arndt Schwering-Sohnrey über seine Rolle als schwer behinderter Mordverdächtiger, Vorurteile gegenüber behinderten Menschen, bittere Erfahrungen auf dem Alexanderplatz und die Bedeutung des Fernsehens für seine Schauspielerkarriere

Dreimal war Arndt Schwering-Sohnrey bisher im TATORT mit von der Partie. Dabei scheint er auf einen bestimmten Rollentyp abonniert zu sein. Immer wieder spielte er einen in irgendeiner Weise behinderten bzw. lebensuntüchtigen Menschen. Wir sprachen mit ihm im November 2006 anlässlich des BR-TATORTs ?Das verlore Kind?.

Herr Schwering-Sohnrey, Sie spielen die Rolle des Hans Kirchner, einen schwer behinderten 31-jährigen Mann, der verdächtigt wird, seinen Vater erschlagen zu haben. Sie haben bereits mehrmals Behinderte verkörpert, zuletzt im TATORT ?Bienzle und der Tod in der Markthalle?. Fällt die Darstellung einer solchen Figur leichter, wenn man vorher bereits ähnliche Rollen gespielt hat?
Schwering-Sohnrey: Ja und Nein. Auf der einen Seite ist es leichter, weil es kein völlig unbekanntes Terrain mehr ist: Ich weiß, wie ich recherchieren muss, wo ich Kontakte finde. Schwierig wird es insofern, weil ich natürlich nicht das wiederholen möchte, was ich schon einmal gemacht habe. Deswegen habe ich auch einen höheren Anspruch an mich selber. Ich möchte schließlich nicht, dass die Leute denken: Der macht ja immer nur dasselbe. Außerdem ist jede Behinderung ja auch anders: Hans ist schwer behindert. Während meiner Recherche habe ich Schwerbehinderte kennen gelernt. Das war sehr interessant. Manchmal war es aber auch nicht ganz einfach, weil man den einen oder anderen nicht richtig einschätzen konnte: Es gibt welche, die sind ein bisschen unheimlich und machen einem Angst. Angst muss man aber gar nicht haben, gefährliche Situationen habe ich nie erlebt.

Was war für Sie die größte Herausforderung bei der Darstellung dieser Figur?
Schwering-Sohnrey: (überlegt lange) Ich würde sagen, die größte Herausforderung war für mich, dass diese Figur nicht reden kann. Hans muss aber natürlich trotzdem mit seiner Umwelt kommunizieren. Da dann einen Weg zu finden, dass er nicht nur stumm in der Ecke herumsteht, war gar nicht so einfach. Dabei hat mir sehr geholfen, dass ich sehr oft in einer betreuten Wohngruppe war und viel von dem, was ich dort mitbekommen habe, für meine Rolle verwenden konnte. Das Wichtigste war, zu erkennen, dass man diese Leute, am Anfang immer unterschätzt. So wie auch der Hans am Anfang unterschätzt wird. Mit der Zeit merkt man aber, dass sie eine ganze Menge mehr können, als man gedacht hat. Manchmal hat man das Gefühl, die leben in einem Paralleluniversum, in einer anderen Dimension. Manchmal denkt man echt: Was sieht der gerade? Womit ist der gerade beschäftigt? Ich fand es sehr interessant, wie die Figur ? ohne sprechen zu können ? trotzdem an so einer Geschichte teilhaben kann.

Der Vater hat Hans sein Leben lang in der Wohnung versteckt gehalten, keiner wusste, dass er existiert. Nur einmal hat der Vater versucht, Hans in einem Heim unterzubringen. Dort wollte er ihn jedoch nicht lassen, weil er falsch medikamentiert wurde und die Treppe hinunterstürzte. Glauben Sie, dass solche Einrichtungen mit Menschen wie Hans einfach überfordert sind?
Schwering-Sohnrey: Ich habe folgendes erleben dürfen: Es ist keine Seltenheit, das Eltern ihre Kinder nicht in solche Einrichtungen geben, weil sie Angst haben, dass die Leute auf die speziellen Bedürfnisse dieser Menschen nicht eingehen. Viele Eltern geben ihr Kind erst dann in ein Heim, wenn sie es körperlich nicht mehr schaffen. Weil sie der Meinung sind, dass niemand ihr Kind ordentlich betreuen kann. Diese Angst gibt es sehr häufig. Der Mensch, den ich teilweise für die Darstellung von Hans als Vorbild benutzt habe, war so schwierig, dass die Heimleitung irgendwann gesagt hat: Sorry, wir schaffen das nicht mehr, den können wir hier nicht integrieren. Erst nachdem man eine besondere Methode im Umgang mit ihm herausgefunden hat, kommen die mit ihm klar. Aber es ist immer noch extrem schwierig.

Hans wurde nur deshalb nachts ans Bett fixiert, weil er sonst heraus gefallen wäre und sich Knochenbrüche zugezogen hätte. Aus diesem Blickwinkel betrachtet es zunächst jedoch weder die Polizei noch die Presse. Wissen einfach die wenigsten, wie es ist, sich um einen behinderten Angehörigen zu kümmern?
Schwering-Sohnrey: Ja, das glaube ich ganz fest. Deswegen fand ich die Geschichte auch gleich beim Lesen des Drehbuchs so gut. Weil ich glaube, dass die meisten Leute in Deutschland voller Vorurteile beladen sind. Ich meine das gar nicht böse, aber eigentlich haben sie keine Ahnung davon, wie man mit solchen Menschen umgehen muss. Ich finde diesen Zustand übrigens typisch deutsch. Den Gegensatz dazu findet man gerade in ärmeren Ländern, in Südamerika habe ich es selbst erlebt: Behinderte Menschen gehören dort zum Straßenbild, da siehst du Leute ohne Beine, Gestörte? Bei uns sind die immer in einer Gruppe unterwegs und die Leute wechseln die Straßenseite, weil sie keine Ahnung von denen haben?

Können Sie sich vorstellen, warum so viele Menschen diese Vorurteile haben und so unsicher im Umgang mit behinderten Menschen sind?
Schwering-Sohnrey: Ich glaube, es fehlt die Erfahrung. Niemand weiß, wie er mit ihnen umgehen kann. Ich selbst hatte meinen ersten Kontakt mit Behinderten im Zivildienst. Vielleicht würde ich heute keine Behinderten spielen, wenn ich damals nicht meine Unsicherheit und Angst verloren hätte. Ich kann auch böse Witze machen, so dass es die Behinderten selber witzig finden. Ich glaube solch ein erster Kontakt fehlt den meisten Leuten und deshalb sind sie verunsichert. Um mich auf meine erste Rolle als Behinderter vorzubereiten, bin ich in meiner Figur auf den Berliner Alexanderplatz gegangen, um herauszufinden, ob es glaubwürdig ist, was ich da mache. Einen Tag lang bin ich als Behinderter unterwegs gewesen. Das war ne echt bittere Erfahrung: Erstens haben mich die Leute verarscht. Zweitens haben sie mir nicht mehr in die Augen gesehen. Normalerweise gucken dich die Leute an, wenn du an der Wursttheke stehst und 500 Gramm Schinken bestellst. Mich aber hat niemand angeguckt. Das war das Unangenehmste. Ich habe mich total einsam gefühlt. Als meine Freundin dann dazu kam und wir zu zweit waren, war es plötzlich anders und man hat uns die Tür aufgehalten. Als ich alleine war, gab es das nicht.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Medien, aus denen die meisten ihr Wissen über behinderte Menschen haben?
Schwering-Sohnrey: Naja, im Fernsehen gibt es solche Dinge wie ?Super Nanny?, ?Wie erziehe ich meinen Hund?? oder Dokus, wo man beim Kinderkriegen zugucken kann. Aber Behinderte spielen eigentlich keine Rolle. Ich glaube aber auch, dass die meisten Leute gar nicht wissen wollen, was z.B. ein Autist ist.

Glauben Sie, dass durch das Ins-Zentrum-Rücken behinderter Menschen im fiktionalen Bereich das Bewusstsein der Menschen verändert werden kann und sie Behinderte auf Grund dessen anders wahrnehmen?
Schwering-Sohnrey: Was ich wirklich spannend finde, ist die Tatsache, dass der Zuschauer auf einer Seite mit den beiden Kommissaren ist und exakt die gleichen Vorurteile hat. Alle denken: Dieses Schwein, der hat den Sohn angekettet. Bis sie dann merken: Oh, scheiße, ich habe falsch gedacht, das ist gar nicht so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Ich glaube schon, dass sich die Leute ein paar Gedanken darüber machen werden. Ohne dass es jetzt Einfluss auf die ganze Gesellschaft hat.

Es gibt eine Szene, da läuft Hans alleine durch die winterliche Schneelandschaft, springt herum, lacht und wirkt ein bisschen wie jemand, der eine neue Welt entdeckt. Hat sich die Familie dadurch schuldig gemacht, dass sie Hans solche Momente vorenthalten hat?
Schwering-Sohnrey: Natürlich haben die sich alle ein bisschen schuldig gemacht. Man macht sich seinen Kindern gegenüber eigentlich immer schuldig, weil man als Vater immer das Beste will, aber dann nicht weiß, was für das Kind das Beste wäre. Als Vater von zwei Kindern weiß ich das.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie die Bezeichnung ?Behinderte? im Prinzip unfair finden und lieber von Menschen mit einer ?besonderen Gabe? sprechen. Welche ?besondere Gabe? hat Hans?
Schwering-Sohnrey: Man kann sie auch ?Spezialmenschen? nennen. Hans hat keine besondere Gabe in dem Sinne, dass er sich wie die Figur Geza im Bienzle-TATORT Sachen besonders gut merken kann. Er ist insofern besonders, weil er im T-Shirt durch den Schnee laufen kann, seinen nackten Bauch in die Eiseskälte hält und dabei nicht friert, wie es jeder andere tun würde. Das sind schon spezielle Begabungen. Hans hat auch kein Gefühl für Schmerz. Auch er existiert in so einem kleinen Paralleluniversum.

Wie haben Sie die Arbeit mit Regisseur Jobst Oetzmann erlebt, mit dem Sie schon beim Kinofilm ?Die Einsamkeit der Krokodile?, in dem Sie auch einen Behinderten spielen, zusammengearbeitet haben?
Schwering-Sohnrey: Jobst ist jemand, der sehr genau weiß, was er erzählen will. Aber er arbeitet die Phantasie und Ideen der Schauspieler in sein Konzept ein. Ich finde seine Art eine Geschichte zu erzählen einfach toll. Das ist außergewöhnlich. Ich finde auch das Schlussbild sehr gut und wichtig, das uns gemeinsam erst ganz zum Schluss eingefallen ist. Da hat Hans eine Krone auf und er hat es geschafft, sich zu integrieren. Ein toller Schritt für ihn.

Ich habe gelesen, dass Sie schon immer im TATORT mitspielen wollten und das dritte Mal als ?Ritterschlag? empfunden haben. Welche Bedeutung hat der TATORT für Sie?
Schwering-Sohnrey: Wie lange gibt?s den TATORT jetzt?

Seit 1970, also seit 36 Jahren.
Schwering-Sohnrey: Eben. Ich bin damit aufgewachsen und er hat immer noch das gleiche Logo. Ich glaube, ich bin auch deshalb Schauspieler geworden, weil ich mit dem Fernsehen aufgewachsen bin und das toll fand. Ich würde auch total gerne mal in der Sesamstraße mitspielen. Das ist einfach Fernsehgeschichte, wo ich einfach mal mitmachen wollte. Der TATORT hat schon was. Der Dritte war jetzt schon etwas Besonderes, weil die Drei ja auch eine besondere Zahl ist.

Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie Ihren ersten TATORT gesehen haben?
Schwering-Sohnrey: Ich kann mich noch sehr genau an das kleine Wohnzimmer meiner Eltern erinnern. Da kam ich dann als kleiner Junge rein und habe mich schon bei diesem Anfang mit den Augen und den rennenden Füßen gegruselt. Wie alt ich da war, weiß ich nicht mehr, das ist zu lange her?


Interview: Tobias Goltz / November 2006


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