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Heute ist der: 26.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Das TATORT-Gespräch mit Stefan Rogall

?Der TATORT braucht neue Impulse?

Drehbuchautor Stefan Rogall über Speed-Datings, seine ersten drei TATORTe, Drehbücher als Teamprodukt, eine notwenige Aktualisierung des TATORTs und dass er es verstehen kann, dass seine Folgen in der Rangliste des tatort-fundus nicht ganz oben stehen

Drehbuchautor Stefan Rogall, Bild: Agentur etz und wels

Drei TATORTe hat Drehbuchautor Stefan Rogall bislang geschrieben. Seinen größten Erfolg erreichte er allerdings mit einer Folge der Schwesterreihe "Polizeiruf 110". Für "Kleine Frau" wurde er 2006 mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet, beim Fernsehkrimi-Festival 2007 in Wiesbaden erhielt "Kleine Frau" zudem den Publikumspreis. Dieses Interview enstand anlässlich der Erstausstrahlung des RBB-TATORTs "Liebe macht blind" im November 2006.

Herr Rogall, was halten Sie eigentlich vom Internet?
Rogall: Heutzutage ist das natürlich eine wichtige, schnelle und aktuelle Möglichkeit, um sich zu informieren. Ich bin selber großer Internetfan und finde das wunderbar.

Wofür nutzen Sie das Internet hauptsächlich?
Rogall: Hauptsächlich natürlich beruflich. Um mich zu informieren, um zu verfolgen, was in der Branche passiert. Aber auch privat bei Sachen, die mir Spaß machen. Ich finde es auch klasse, dass für den TATORT ein solches Angebot eingerichtet worden ist. Zu amerikanischen Serien gibt es diese Message Boards ja massenhaft. Dass es das nun auch in Deutschland gibt, finde ich großartig, weil es doch eine Masse von Fans gibt, die sich da gerne austauschen und informieren wollen.

Und in einer Rangliste jede Folge auf einer Skala von 1-10 bewerten?
Rogall: Ja, diese Rangliste kenne ich mittlerweile auch. Ich stehe mit meinen TATORTen in der Rangliste leider nicht ganz weit oben, aber das kann ich verstehen? (lacht).

Sie können das verstehen?
Rogall: Weil es einfach schon so viele ausgezeichnet gelungene TATORTe gegeben hat. Jeder Filmschaffende tritt natürlich immer an, um den besten Film zu machen. Aber es ist eben auch immer eine Portion Glück dabei, damit alle Komponenten perfekt zusammen kommen. Ich gebe mir auf jeden Fall Mühe, dass bald auch mal einer meiner TATORTe ganz oben steht? (lacht).

Im RBB-TATORT "Liebe macht blind" geht's um so genannte "Speed-Dating-Events", bei denen Singles binnen kurzer Zeit eine Vielzahl anderer Singles kennen lernen. Wie beurteilen Sie Sinn und Zweck solcher Veranstaltungen?
Rogall: Ich muss zugeben, dass ich mich aus privater Sicht nicht damit auskenne. Natürlich habe ich recherchiert, war selber aber nicht aktiv bei Speed-Datings. Grundsätzlich denke ich: Wer es machen will, soll es machen. Für mich persönlich wäre es allerdings keine Alternative. Ich glaube, die Zeit, die man da hat, würde mir nicht reichen, um jemanden kennen zu lernen.

Wie haben Sie in Bezug auf das Thema Speed-Dating recherchiert?
Rogall: Ich habe mit Leuten gesprochen, die so etwas veranstalten. Außerdem kenne ich in meinem Bekanntenkreis jemanden, der so etwas schon mal gemacht hat. Aber da muss ich natürlich diskret bleiben? (lacht).

Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, dieses Thema für einen TATORT zu verwenden?
Rogall: In diesem Fall war es so, dass ich die RBB-Redakteurin, Josephine Schröder-Zebralla, von einem anderen Projekt her kannte. Sie kam auf mich zu und fragte mich, ob ich Lust hätte, einen TATORT zu schreiben. Da ich das Berliner Team sehr interessant finde, habe ich sofort zugesagt. Wir haben dann gemeinsam überlegt, was man für ein Thema machen könnte: Was ist möglich? Welche Themen gibt es schon? Was befindet sich gerade in Vorbereitung oder in Produktion? Die konkrete Idee zum Speed-Dating kam dann von Josephine Schröder-Zebralla. Genau in der Woche gab es zu diesem Thema sogar einen großen ?Stern?-Artikel, den auch ich gelesen hatte. Dann haben wir überlegt, wie man dieses Thema in das Umfeld eines TATORTs integrieren kann.

Was genau finden Sie an Ritter und Stark interessant, so dass Sie das Angebot sofort angenommen haben?
Rogall: Die beiden sind nicht nur äußerlich, sondern auch vom Charakter her sehr gegensätzlich. Man hat eine gute Möglichkeit, ihre Reaktionen auf ein bestimmtes Thema auszutesten. Nicht alle Ermittlerteams haben so unterschiedliche Herangehensweisen an ihre Fälle.

Nun ist es bereits der 15. gemeinsame Fall dieses Ermittlerteams, dementsprechend konnten Sie diese Figuren nicht ganz neu erfinden. Haben Sie alle vorherigen Folgen gesehen, um die Charaktere plausibel fortführen zu können?
Rogall: Viele der Folgen hatte ich bereits gesehen. Als ich dann angefangen habe, mir konkret Gedanken zu machen, habe ich mir auch die jüngsten noch einmal angeschaut und die Möglichkeit bekommen, welche zu sehen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgestrahlt worden waren. Die Figuren verändern sich im Verlauf der Reihe. Da war es wichtig, sich darauf vorzubereiten und zu wissen, wo man mit seiner Geschichte ansetzen muss.

Ihr erster TATORT wurde im März 2006 ausgestrahlt, jetzt kommt bereits der Dritte. Geht alles recht schnell, oder?
Rogall: Es fing mit dem Odenthal-TATORT ?Unter Kontrolle? an. Die Zusammenarbeit hat sehr gut geklappt und ich bin gleich nahtlos für den nächsten, ?Revanche?, zurückgeholt worden, als Klaus-Peter Wolf das Drehbuch nach der ersten Fassung nicht weiter schreiben konnte. Für mich war das sozusagen ein ?TATORT-Doppelpack? in 2005. Dann kam noch der RBB dazu, für den ich schon einen Polizeiruf 110 geschrieben hatte. Dass ich so viele TATORTe in diesem kurzen Zeitraum machen durfte, war vielleicht Zufall.

Sie sprechen den Polizeiruf 110 an, für den Sie mit der Folge ?Kleine Frau? in diesem Jahr den Adolf-Grimme-Preis bekommen haben. Wo sehen Sie Unterschiede zwischen dem TATORT und dem Polizeiruf 110?
Rogall: Die Unterschiede werden von der Redaktion ganz klar vorgegeben. Der Polizeiruf ist zwar auch ein Whodunnit, hat aber das Bestreben, sich den Themen, die da behandelt werden, intensiver zu widmen. Man hat ein bisschen mehr Zeit, das ganze Umfeld zu entwickeln und Täter, Verdächtige und Opfer ausführlicher darzustellen.

Was reizt Sie überhaupt am Format des TATORTs?
Rogall: Es ist eines der langlebigsten Formate im deutschen Krimialltag. Das Schöne ist, dass man wirklich die Möglichkeit hat, viele Ermittler unter einer Dachmarke agieren zu sehen, und bestimmte Themen aufgreifen kann, die in 45-Minuten-Krimis aus offensichtlichen Zeitgründen nicht genug beleuchtet werden können.

Welchen Stellenwert hat der TATORT Ihrer Meinung nach in der aktuellen Fernsehlandschaft?
Rogall: Ich glaube, dass der TATORT immer noch eines der wichtigsten Formate ist, die es im deutschen Fernsehen gibt. Auch wenn in letzter Zeit die Quoten ein bisschen nachgelassen haben. Das ist aus meiner Sicht aber einerseits eine ganz normale Entwicklung, da der Konkurrenzkampf immer stärker wird. Außerdem ziehen die US-Krimiserien auf Sat1 gerade die jungen Zuschauer ein bisschen weg.

Den Sat1-Vierteiler ?Blackout? hat der TATORT aktuell grandios geschlagen. Als Konsequenz aus den äußerst schwachen Quoten hat der Sender die letzten beiden Folgen ins Spätprogramm verlegt...
Rogall: Stimmt. ?Blackout? gefiel mir aber dennoch ganz gut. Ich glaube, dass auch mehr Zuschauer eingeschaltet hätten, wenn Sat1 mit einem bekannten Gesicht hätte werben können. Aber ich kann mir vorstellen, dass die US-Serien in den nächsten Wochen wieder eine starke Konkurrenz darstellen werden. Im Prinzip ist das aber eine spannende Sache, weil der TATORT dann auch wieder einen Impuls bekommt, sich vielleicht in mancherlei Hinsicht zu aktualisieren, zu verjüngen oder bestimmte Geschichten doch ein wenig anders zu erzählen, als es manchmal der Fall ist.

Können Sie das näher erläutern?
Rogall: In der Geschichte des TATORT gab es immer wieder Kommissare wie Schimanski, die mit einer neuen Erzählweise die bewährten Dramaturgien aufgemischt haben. Ich glaube, so etwas ist jetzt auch wieder an der Zeit.

Ich habe mal nachgezählt: In Ihrer Vita finden sich alleine für 2006 14 neue Projekte. Auf den ersten Blick recht viel: Wann schaffen Sie das alles?
Rogall: Gute Frage! Viele Projekte sind aber auch erst in Entwicklung. Jeder Autor muss versuchen, sich einen recht großen Stamm von Projekten aufzubauen, weil viele Projekte davon irgendwann auch nicht weitergehen oder sehr, sehr lange verzögert werden. Es kann schon sein, dass zwei, drei Projekte, die man dann angefangen hat, erst Jahre später weitergehen. Insofern: Es hört sich immer so viel an, aber es ist natürlich nicht so, dass es sich in jedem Fall schon um fertige Drehbuchfassungen handelt und die jetzt wöchentlich geschrieben werden. Die Entwicklung von Stoffen läuft meist über einen sehr langen Zeitraum. Da muss man immer einen sehr langen Atem haben.

Was unterscheidet eigentlich einen Drehbuchautor von einem Romanautor?
Rogall: Der große Unterschied ist folgender: Der Romanautor hat seine originelle Idee und sagt: Das ist gut, das will ich schreiben, das will ich machen. Er braucht dann noch einen guten Herausgeber und Lektor, der mit ihm auf einer Wellenlänge ist. Aber das Drehbuchschreiben ist eine Team-Arbeit, an der neben dem Autor die Redaktion, der Regisseur, der Produzent und die Schauspieler beteiligt sind und alle Anmerkungen und Wünsche haben, um das Endprodukt so gut wie möglich zu machen. Diesen Teamaspekt vergessen oder übersehen übrigens die Kritiker gerne?

Mögen Sie diese Art der Zusammenarbeit?
Rogall: Ich habe bislang sehr, sehr großes Glück gehabt, dass ich fast immer mit Redakteuren und Redakteurinnen gearbeitet habe, die ein ausgeprägtes Gespür für Dramaturgie besitzen und die Geschichten mit sinnvollen und interessanten Ideen nach vorne gebracht haben, wie zum Beispiel Cooky Ziesche beim RBB-Polizeiruf, Dr. Josephine Schröder-Zebralla beim RBB-TATORT und Melanie Wolber beim SWR-TATORT. Auch die TATORT-Produzenten wie z.B. André Zoch und mein Polizeiruf-Produzent Alexander Gehrke waren ideale Partner.

Wie sieht Ihr Alltag als Drehbuchautor aus?
Rogall: Ich persönlich mache es so, dass ich mir eine feste Arbeitszeit setze, morgens um 8 Uhr anfange, mich an den Schreibtisch setze und wenn alles normal läuft, so bis 18 oder 19 Uhr arbeite. Keine Angst, zwischendurch erlaube ich mir natürlich eine Mittagspause. Manchmal arbeite ich auch länger, und auch manche Wochenenden müssen dran glauben.

Sie arbeiten hauptsächlich am Schreibtisch. Kennen Sie das Gefühl von Einsamkeit?
Rogall: Was das Alleine-Schreiben im Arbeitszimmer angeht, klar. Zum Arbeiten brauche ich diese Abgeschiedenheit aber auch. Andererseits: So richtig abgeschieden ist man heutzutage sowieso nicht. Ständig klingelt das Telefon, irgendwelche E-Mails sind zu beantworten. Man ist ja auch mit den entsprechenden Leuten (Redakteuren, Produzenten, Regisseuren) immer im Austausch. So richtig einsam fühlt man sich deshalb eigentlich nicht.

Wann sind Sie zum ersten Mal mit dem TATORT konfrontiert wurden?
Rogall: (überlegt lange) Hmm?Schwere Frage (lacht). Ich bin jetzt 37, der TATORT läuft, seitdem ich auf der Welt bin. Ich glaube, ich habe beim ersten Schimanski-TATORT gemerkt, dass es ein Format ist, dass ich mir regelmäßig angucken würde. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass ich in Duisburg geboren bin.

Das passt dann ja.
Rogall: Genau! Ich kannte natürlich die Ecken, die man da gesehen hat. Schimanski war außerdem eine ganz, ganz interessante Figur, weil damit auch wieder ein neuer Impuls in die Reihe rein gebracht wurde. Vorher kannte ich auch die Felmy-TATORTe, die ich als kleiner Junge gern gesehen habe. Aber so richtig bewusst eingestiegen bin ich mit Schimanski.

Sind Sie jetzt ein regelmäßiger TATORT-Gucker?
Rogall: So weit es geht, ja. Manchmal muss ich aber auch sonntagabends arbeiten. Aber ich verfolge eigentlich alle TATORTe, die mich interessieren.

Ihr nächster TATORT? Ist da schon was geplant?
Rogall: Ich bin wieder im Gespräch mit Melanie Wolber, der Redakteurin des SWR. Auch mit dem RBB kommt möglicherweise eine Zusammenarbeit zustande. Aber das ist noch nicht so fest, dass ich sagen könnte: Das ist das Projekt, so sieht die Geschichte aus.

Gibt es ein anderes TATORT-Team, für das Sie gerne einmal schreiben würden?
Rogall: Oh, ja! Es gibt eine ganze Reihe von TATORT-Teams, die mich interessieren. Abgesehen von den Kölnern interessiert mich der Münster-TATORT sehr, weil ich lange in Münster gelebt habe und die beiden Ermittler, Thiel/Boerne bzw. Prahl/Liefers, ganz hervorragend finde. Mich interessieren aber auch die Frankfurter. Und die Münchner sind natürlich hochinteressant. Es gibt so viele schöne TATORT-Teams, aber wem sage ich das? (lacht).


Interview: Tobias Goltz / November 2006


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