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Heute ist der: 16.12.2019. --> Bis heute wurden 1125 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

"Hier muss sie kämpfen"

Interview mit Sabine Postel

In diesem TATORT hätte Inga Lürsen die Karriereleiter hochklettern können ? warum geht sie diesen Schritt nicht?

Weil ihr klar wird, dass sie vor Ort sein will. Sie möchte ermitteln, mit Leuten kommunizieren, und sie möchte so wenig wie möglich Büroarbeit erledigen. Die interessanten Fälle an andere delegieren zu müssen, ist für sie eine schreckliche Vorstellung. Deswegen sind ihr eine überge-ordnete Position und eine Gehaltserhöhung, die das sicherlich beinhalten würde, nicht so wichtig.

Inga Lürsen ermittelt. Bild: RB
Braucht sie das: zum TATORT zu kommen, eine Leiche vorzufinden, zu ermitteln?

Inga Lürsen hat nichts anderes. Sie ist zwar auf der einen Seite eine bewundernswerte Frau, aber wenn man ihr Privatleben betrachtet, eine ziemlich arme Socke. Sie ist ein Workaholic, und sie ist einsam. Dadurch, dass sie im Beruf immer so hundertachtzigprozentig ist, fällt auch ihr ganzes Sozialleben flach. Man sieht sie im Prinzip nur, wenn man sie überhaupt mal privat sieht, einsam an irgendeinem Tresen hocken und einen Rotwein trinken. Der einzige Mensch, mit dem sie privat umgeht, ist ihre Tochter ? wenn die sie mal wieder überfällt. Also, ich glaube, Inga Lürsen wäre sehr arm dran, wenn sie diese Ermittlungsarbeit nicht hätte.

Es bedingt sich eben beides: wenn sie beruflich weniger zu tun hätte wäre mehr Zeit, um sich privaten Dingen zu widmen.

Die Frage ist: Will sie mehr Zeit für sich? Sie hat sich zu einem sehr frühen Zeitpunkt, als die Tochter noch sehr klein war, diesem Beruf mit Haut und Haar verschrieben. Weil sie eine Gerechtigkeitsfanatikerin ist und ihr das bei all den Schrecklichkeiten, mit denen sie kon-frontiert ist, doch einen ziemlichen Spaß macht. Wenn sie das nicht mehr machen könnte, wäre das furchtbar, und deswegen denkt sie auch über eine Beförderung nicht nach. Und auch nicht darüber, dass natürlich alle anderen dann auch nicht befördert werden. Deswegen macht Stedefreund ihr ja auch den Vorwurf, denn alle wären dann die Treppe eine Stufe nach oben geklettert. Das ist aber ein Gedanke, mit dem sie sich vorher gar nicht beschäftigt hat.

Ingas Tochter Helen versetzt ihrer Mutter im TATORT "Todesengel" den ganz großen Schock, indem sie ihr sagt, dass sie zur Polizeischule gehen wird. Im TATORT "Requiem" sehen wir sie nun in Uniform.

Ja, das ist für sie ganz furchtbar. Weil sie natürlich um die Gefahren dieses Berufes weiß und die Letzte, die sie diesen Gefahren aussetzen möchte, ist ihre Tochter. Die ist der einzige Mensch, auch wenn man das manchmal nicht so merkt, den sie wirklich abgöttisch liebt.

Und Helen sperrt sich auch am Anfang. Es ist ihr total peinlich, wenn sie ihrer Mutter beruflich begegnet?

Ja, Helen verhält sich wirklich wie ein Kleinkind, aber auch, weil sie ihre Mutter mittlerweile gut einschätzen kann. Sie weiß genau, wenn sie nur im Ansatz erzählt hätte, dass sie zur Polizeischule geht, dass sie diese Prüfungen macht, eventuell sogar um Unterstützung gebeten hätte, die Mutter wahrscheinlich alles versucht hätte, um das zu torpedieren und zu ver-hindern. Aber da sie sich das nun mal in den Kopf gesetzt hat, will sie es auch durchziehen, erzählt der Mutter gar nichts und konfrontiert sie dann mit der Tatsache: "Jetzt ist es so, wie es ist. Und damit musst du umgehen."

Mutter und Tochter sind ? keineswegs zum ersten Mal ? in einen Fall involviert. Diesmal schweißt es sie offensichtlich richtig zusammen. Ist das eine Verbindung die nun möglicherweise auch anhält?

Ich glaube schon. Weil sie dieses Mal in eine Situation geraten, in der sie einfach existenziell voneinander abhängig sind. Sie sind wirklich ganz alleine und nur zusammen können sie versuchen, aus dieser Situation heraus zu kommen. Sie merken, dass sie sich aufeinander verlassen müssen, weil sie sonst keine Chance haben. Damit hat sich eine ganz neue Ebene aufgetan zwischen den beiden. Früher war das Verhältnis immer überlastet von dem schlechten Gewissen, das Inga gegenüber ihrer Tochter hatte, weil ihr bewusst war, dass sie als Mutter absolut unzulänglich ist. Und hier merkt sie, dass sie eine Chance hat, nicht nur sich, sondern auch die Tochter zu retten. Vielleicht hat sie auch unbewusst das Gefühl damit ganz viel wieder gut machen zu können, was sie versäumt hat.

Es ist ohnehin ein Film, der Inga Lürsen in ausgesprochen schwierigen Situationen zeigt. Sie ist dabei teilweise sehr analytisch, in anderen Momenten verlässt sie sich wieder auf ihren Bauch und handelt nach ihrem Gefühl. Aber hier muss sie zur Tat schreiten.

Ja, hier muss sie kämpfen ? und das ist eigentlich gar nicht ihr Ding. Das ist überraschend für die Figur und war für mich auch schön zu spielen. Weil Inga Lürsen auf einmal ganz tatkräftig und ganz körperlich wird. Man merkt, sie ist nicht nur im Kopf eine Kämpfernatur, sondern sie ist auch durchaus in der Lage, sich aus einer ausweglos erscheinenden Situation zu befreien. Das waren natürlich ganz andere Aspekte der Figur.

Nicht nur das, darüber hinaus war richtig körperlicher Einsatz gefordert.

Ja, aber eingeschränkt. Teilweise wurde ein Double eingesetzt. Man kann es sich einfach nicht leisten, fünfmal hintereinander aus der Decke zu fallen und dabei das Risiko einzugehen, am nächsten Tag nicht mehr weiter drehen zu können, weil man einen Wadenbeinbruch hat. Es gab eine kleine Situation, in der es so hoch her ging, dass ich mir wirklich was verknackst habe; und da war es prima, dass mein Double ? eine ganz tolle Frau ? einfach standby sein konnte.

Sie mussten auch viel rennen?

Ja, bis zu dem Zeitpunkt, als ich mit dem Fuß umgeknickt bin. Rennen kann ich ja. Nur aus vier Meter Höhe irgendwo hin knallen, das lernt man nicht, und das vermeidet man dann lieber.

Wie war es, durch diese leeren Hallen im gigantisch großen Space-Park zu rennen?

Das war schon ein merkwürdig verlassener und sehr ausgestorbener Drehort. Dieses klaustrophobische Gefühl oder das Gefühl "Wie wäre das, wenn man da jetzt eingesperrt wäre und nicht raus könnte" stellt sich dort von ganz alleine ein. Da muss man gar nicht groß auf seine Phantasie vertrauen, das ist von vornherein sehr bedrückend gewesen.

'Requiem' ist wieder ein Film von und mit Regisseur Thorsten Näter ?, was bedeutet diese Kontinuität für sie als Schauspielerin?

Ich freue mich immer, wenn man mit jemandem wie Thorsten arbeiten kann, der uns und die Charaktere der Rollen gut kennt und dadurch einen ganz anderen Ansatz hat. Er denkt in größeren Bögen, nicht nur für die einzelne Episode, die gerade gedreht wird. Die Figur konturiert sich und erfährt eine schlüssige Entwicklung, weil er schon mehrere Filme mit uns gemacht hat und perspektivisch weiter denkt.

RB-Pressemappe


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