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"Lost in Space"

Interview mit Autor und Regisseur Thorsten Näter

Sie haben für den TATORT "Requiem" ein außergewöhnliches Hauptmotiv gefunden?

Ja, ein echtes Juwel. Wir haben auch darum gezittert, weil es eine sehr spezielle Art war, an diesen Film heranzugehen. Wir haben als erstes die Hauptrolle besetzt, dann uns einen Drehort gesucht, und dann erst habe ich das Drehbuch geschrieben. Weil für diese Geschichte die Qualität des Hauptdarstellers und die Qualität dieses Motivs von ursächlicher Bedeutung waren. Wir haben den Space-Park und das Space-Center besichtigt, und ich bin bald rückwärts umgefallen, das war ein echter Traum in jeder Beziehung. Und natürlich ein Motiv, das man erst einmal finden muss. Wo gibt es schon ein Parkhaus, das 1,2 Kilometer lang ist, von dem man das andere Ende mit bloßem Auge nicht sehen kann ? auch wenn wir das jetzt als Motiv nicht verwendet haben.

Da gab es also zuerst den Hauptdarsteller, dann das Motiv und an dritter Stelle erst das Drehbuch. Aber zumindest die Idee muss es doch zuvor gegeben haben?

Die Idee gab es natürlich vorher, das ist klar. Aber in diesem speziellen Fall, in dem Moment, als mir die Idee kam, kam auch schon die Idee, wer es spielen könnte. Es ist ja die Geschichte eines "psychopathischen Serienmörders", die so oder so aussehen kann. Und das ist sehr stark vom Hauptdarsteller abhängig. Also in dem Moment, wo sich ein Schauspieler die Rolle zu eigen macht, muss er sich etwas trauen und darf keine Angst haben zu übertreiben. Und genau diese Grenze bekommen Theater-Schauspieler, die das gelernt haben und immer wieder in Übung sind, das auch oft zu machen, sehr leicht hin. Da war mir klar, dass wir so jemanden finden und seine Mitarbeit erst einmal sicher stellen müssen, bevor ich mich traue, das Drehbuch zumindest in der Form zu schreiben. Es war auch klar, dass das eine Geschichte mit hohem Action-Anteil wird von jemandem, der sich aus einer Gefangenschaft befreit. Das ist natürlich immer ein Problem. Das haben wir beim Bremer TATORT 'Kalte Wut' übrigens auch so gemacht ? da gab es auch erst die Motive und dann das Drehbuch. Unsere Motive werden nicht gebaut, sondern wir müssen sie erst finden, daher also die Reihenfolge. Und dann kam das große Zittern, weil man sich damit natürlich in eine große Abhängigkeit begibt. In dem Moment, wenn die Motivgeber keine Dreherlaubnis gegeben hätten, hätten wir ganz schön dumm ausgesehen. Weil es nicht wirklich eine Alternative dazu gegeben hätte, die diese Größe hat und dieses Pathos und dieses Verlorensein. Unser Stichwort war immer "lost in space", weil man einfach Kilometer weit laufen konnte. Wir haben immer zu den Leuten gesagt: "Macht keine Türen hinter euch zu, denn an vielen Stellen funktionieren die Handys nicht und wir finden euch sonst nicht wieder. Ihr seid dann einfach weg und wir merken das erst am nächsten Morgen, wenn ihr nicht kommt." Das ist dann auch tatsächlich jemandem passiert, der dort irgendwo gesessen hat und nicht raus kam. Den hatten wir vergessen.

Ihren Film macht auch ein besonderes Design aus. Hat das Design des Motivs auch das Design der Garderobe und das des Lichts mitbestimmt?

Ja. Das war tatsächlich der Kernpunkt, von dem wir ausgegangen sind. Das Ganze ist eine Liebeserklärung an dieses Objekt. Und gleichzeitig ist es natürlich ein Schreckensraum für denjenigen, der darin gefangen ist. Aber es ist eben auch ein bisschen wie gefangen sein in einem Raumschiff. Inga Lürsen, die sich dort hauptsächlich bewegt, sollte in diesem System kein Fremdkörper sein. Deshalb haben wir bei ihr in der Kleidung etwas verändert, um auch da eine gewisse Homogenität zu schaffen. Und mit großem Vergnügen hat unser Szenenbildner teilweise Sachen reingebaut, um das, was schon vorhanden war, noch zu verlängern und zu versuchen, so etwas wie die Kommando-Zentrale eines Raumschiffes dort unterzubringen. Wir durften teilweise bestimmte Dinge, die sich darin befinden und die super schön aussehen, nicht zeigen und nicht benutzen, weil da leider ein Copyright drauf ist, die Lizenz am Design. Das haben wir, glaube ich, durch eigenen Bau ganz gut wieder aufgefangen, so dass die Qualität des Interieurs dann trotzdem im Film erhalten geblieben ist.

Es gibt eine Szene, in der Inga Lürsen ein blutrotes Kleid tragen muss. Was soll dem Zuschauer diese Farbgebung verraten?

Ja, das ist natürlich klar - das ist ein Opferkleid. Und es ist auch ein Kleid, in dem man sozusagen Target ist, in dem Moment, wenn man durch dieses farbarme, homogene Objekt läuft. Weil man natürlich auf Kilometer zu erkennen und wieder zu finden ist. Aber es ging vor allem darum ? und deshalb auch dieses Kleid ? die Situation, jemand wird entführt und gequält, anders zu erzählen, als : der sitzt im Keller und ist an ein Heizungsrohr angekettet und versucht sich zu befreien. Das ist ja gerade das Perfide. Sie wird in ein Abendkleid gesteckt und darf in einem wunderschönen Raum essen, das Ganze wird quasi zelebriert. Dadurch verstärkt sich auch das Gefühl, in die Hände eines Wahnsinnigen geraten zu sein, sehr viel mehr.

Sabine Postel hat in ihrer Rolle einiges durchzustehen. Wie hoch war ihr Eigenanteil an den actionreicheren Szenen?

Also Sabine hat schon ordentlich etwas mitgemacht. So einen körperlichen Einsatz hatte Inga Lürsen ? und damit auch Sabine Postel als Darstellerin ? in noch keiner Produktion bisher, das war schon sehr speziell. Und es war toll, was sie alles mitgemacht hat, da hat sie sich auf Einiges eingelassen. Mal eben durch die Klimaanlage krabbeln ? das musste sie schon selber machen, so eine Szene kann man nicht doubeln. Oder mal auf dem Boden herum robben und durch die Gegend gezerrt zu werden, das ist ja ordentlich Action. Da war sie eigentlich immer eher diejenige, die gesagt hat: "Das kann ich doch selber machen." Vom Sicherheitsdenken her war ich dann mehr der, der gebremst und gesagt hat: "Lass doch erstmal das Double ran. Dann können wir hinterher immer noch gucken, ob du es selber machst."

In dieser Geschichte wird sehr stark mit Emotionen gearbeitet; zum einen in der Beziehung zwischen Lürsen und Stedefreund, zum anderen im Verhältnis der Mutter Inga Lürsen zu ihrer Tochter, das sich enorm weiterentwickelt und eine ganz neue Qualität erreicht hat.

Es war mir ohnehin schon im TATORT "Todesengel" ein Bedürfnis, die Tochter jetzt in den Polizeidienst zu bringen, um da eine fast schon bedrückende Nähe herzustellen. Zu akzeptieren, dass die Kinder mal irgendwann erwachsen werden, ist die eine Geschichte, aber damit auch in der täglichen Auseinandersetzung konfrontiert zu werden, das ist natürlich ein bisschen komplizierter. Also, dass man nicht mehr sagen kann: "Du, ich hab dir hier ´ne Stulle mitgebracht." und "hast du deine Wäsche denn da?", sondern dass man merkt, da findet eine Ablösung statt, das sollte sich darin ohnehin manifestieren. Jetzt kommt noch das Problem dazu, dass plötzlich beide gleichermaßen Opfer sind und Inga sich die Fragen stellen muss: "Bin ich jetzt Mutter oder Polizistin?" und: "Wie verhalte ich mich da?". Und da kommt es ja zu ganz starken Auseinandersetzungen, weil natürlich die Tochter gerade in diesem Ablösungsprozess ist und einfach nicht bemuttert werden will. Das ist ein ganz wichtiger Faktor für sie in dem Moment, und ich habe auch das Gefühl , dass das zum Ende hin auch ein Reinigungsprozess ist. Sie haben es geschafft, gemeinsam etwas durchzustehen und haben damit für sich auch etwas geschaffen. Das heißt, wenn sie sich das nächste Mal wieder begegnen ? Helen sagt das zwar aus Spaß im Krankenbett: "Wenn wir uns das nächste Mal am TATORT begegnen, kannst du ruhig mit mir reden.", aber gemeint ist, dass sie beide keine Probleme mehr damit haben werden, sich in ihren Rollen gegenseitig zu akzeptieren. Insgesamt ist die ganze Geschichte viel extremer als beim TATORT "Todesengel". Da hat es mit dem Thema zu tun, was da an Emotionen losgetreten wird. Das hier ist tatsächlich fast so etwas, wie ein Laborversuch: Wir schaffen wirklich die extremsten Verhältnisse für unsere Hauptprotagonisten. Das war auch der Spaß daran, weil ich mal wieder richtig etwas mit Stedefreund und Inga Lürsen und ihrer Tochter machen wollte, so dass es richtig knallt und was los ist. Dann habe ich lieber einen sehr klaren Fall, der auch für den Zuschauer sehr schnell relativ klar ist, damit Raum da ist für diese Auseinandersetzungen und diese Berg- und Tal-fahrt der Emotionen, die sich da abspielen.

Hat der Film deshalb zu Beginn dieses irrsinnige Tempo, um diesen Raum zu schaffen?

Ja, das ist genau Grund. Wenn ich in Kurzform in einer Zeile erzählen sollte, was in diesem Film passiert, dann würde ich sagen, dass die Kommissarin und ihre Tochter entführt werden und es schaffen müssen, sich gegen alle Widerstände zu befreien. Und wenn das die Synopsis eines solchen Films ist, dann kann ich natürlich nicht erstmal eine halbe Stunde warten bis das Ganze passiert, sondern dann muss das auch früh kommen.

Zurück noch mal zu den Emotionen bitte. Beide, Sabine Postel und Oliver Mommsen als Inga Lürsen und Stedefreund zeigen ganz neue Facetten.

Am Bremer TATORT fasziniert mich, dass es eben genau diese Darsteller sind, die da spielen. Nämlich dass sowohl Sabine Postel, die das in diversen Familien-Serien bewiesen hat, als auch Oliver Mommsen, der es in vielen leichteren Produktionen, in denen er mitwirkt, beweist, so ganz normale Menschen sind, die eben nicht von vornherein mit einer großen Schwere nach vorne kommen, sondern erstmal quasi die Leute von nebenan sind. Und sie haben eine Fähigkeit, aus dem Ruder zu laufen ? weil sie beide Spitzenschauspieler sind ? und wirklich auch Emotionen heraus zu lassen und Körperlichkeit zuzulassen und sich reinzuschmeißen in Szenen, die ist unglaublich. Und das war natürlich auch der Spaß daran, diesen Film zu machen. Das ist ja manchmal auch unfair bei diesen Reihen, weil natürlich die Kommissare nach einer Weile ganz schnell zur Dekoration werden für die großen, hoch emotionalen Probleme der eigentlich Betroffenen oder Beteiligten. Das ist immer so ein Balanceakt und es muss dann auch hin und wieder ein Drehbuch geben, das die Kommissare ganz direkt betrifft. Damit die Schauspieler auch die Chance haben, das zu zeigen, was unsere Helden jetzt in diesem Fall tun. Sabine geht da ja durch ein Tal der Tränen, bis hin zum Hass und der Wut und allem, was sie da raus lässt. Das war ein großes Vergnügen, ihr dabei zuzugucken ? das kann ich nur sagen.

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