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Heute ist der: 26.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Rubecks Traum

Erster hessischer TATORT aus der Provinz

„Rubecks Traum“zählt zu den „vergessenen“ TATORTen, weil er so selten wiederholt wurde. Auch der ermittelnde Kommissar Rullmann dürfte in Vergessenheit geraten sein. Denn dieser ermittelte nur ein einziges Mal im TATORT und zählt deshalb zu den sog. „Eintagsfliegen“ – zusätzlich spielt er in diesem Krimi nur eine untergeordnete Rolle.



Der 14.TATORT des Hessischen Rundfunks (HR) ist der erste, der nicht in Frankfurt angesiedelt ist, sondern im fiktiven Ort Moorstedt spielt. Kein anderer Hessen-TATORT spielte vorher komplett außerhalb Frankfurts. Moorstedt liegt in der südhessischen Provinz, dem Autokennzeichen nach in der Gegend von Heppenheim. Inszeniert wurde dieser TATORT im Sommer 1983 in Heppenheim und Umgebung vom Regisseur Heinz Schirk, der selbst in Südhessen wohnt. Schirk schrieb auch das Drehbuch zu dieser Folge und veröffentlichte ihn auch als Roman im Rohwohlt-Verlag.

Auch wenn die Geschichte nicht in der für den HR-TATORT üblichen Bankenmetropole Frankfurt spielt, geht es auch in diesem TATORT wieder um Geld: Der Direktor der Moorstedter Sparkassenfiliale Siegfried Rubeck hat das Geld zweier Witwen unterschlagen und wird nun von einem unbekannten Schweizer erpresst, der ganz offenbar von der Million weiß. 

Rubeck fühlt sich im Haus seiner Schwiegereltern lediglich "gedudelt" und seine Frau Helga zehrt auch nur an ihm - er will aus seinem Leben flüchten. Da liest er in der Zeitung von einer Leiche auf der Müllkippe, Bild:HR

Eine Million in der Schweiz unterschlagen

Rubeck ist zwar verheiratet, aber leidenschaftlich in die hübsche junge Anni Tillmann verliebt. Mit ihr will er ein neues Leben beginnen und dabei soll ihm das unterschlagene Geld helfen. Als der Erpresser den Druck auf Rubeck erhöht, tötet Rubeck ihn in einer Kurzschlussreaktion. In seiner Verzweiflung offenbart sich Rubeck seiner Ehefrau, die ihm nur helfen will, wenn er verspricht, sich nicht mehr mit Anni zu treffen. Als die Leiche des Fremden, die Rubeck auf einer stillgelegten Müllkippe versteckt hat, gefunden wird, spitzen sich die Dinge für ihn dramatisch zu.

Im Vordergrund: die Geschichte, nicht der Kommissar

Die millionenschweren Schwestern hat der Sparkassenchef Rullmann um ihr Geld betrogen und es auf ein Schweizer Konto eingezahlt Bild:HR

Wie einige seiner Vorgänger-TATORTe, fokussiert sich Rubecks Traum mehr auf den Täter als auf die ermittelnden Beamten. Für Regisseur Heinz Schirk eine dramaturgische Konsequenz, denn viele Zuschauer würden die Bedeutung der Kommissarfigur überschätzen. Für ihn sei es wesentlich interessanter zu zeigen, wie dem Täter zumute ist, welche Ängste und Obsessionen ihn antreiben und wie jemand zum Opfer wird. Schirk: „Ich habe eine Vorliebe für Kriminalgeschichten, in denen harmlose, durchschnittliche Menschen – oft zu ihrer eigenen Verwunderung – zu einem Verbrechen getrieben werden“.

Genau dies zeigt Schirk auch in Rubecks Traum. Die Träume und das Leben Rubecks seien für die Zuschauer interessanter, damit könne sich auch jeder Zuschauer besser identifizieren. Und schließlich spiele sich die wahre Tragödie bei Täter und Opfer und deren Angehörigen ab, nicht beim Kommissar.

Erster Auftritt in der 46. Minute

Dies erklärt, warum die Ermittler bei Schirk erst in der 46.Filmminute auftreten dürfen. Der unscheinbare, ruhige und sachlich-nüchterne Hauptkommissar Rullmann und sein Assistent Kommissar Tetzel spielen in diesem Film tatsächlich eine untergeordnete Rolle, mehr als Beobachten brauchen sie nicht: Bevor die Polizei in die Geschehnisse eingreifen kann, sind schon alle Würfel gefallen. Auf Rubeck kommen die beiden Polizisten nur durch einen anonymen Tipp und nicht durch eigene Ermittlungsarbeit. Die Polizisten können nur noch zusehen, wie die Figuren sich der Reihe nach ins Verderben stürzen. 


Auch Rubecks Traum wurde auf der TATORT-Wanderausstellung des HR 2002 eine Tafel gewidmet.

Rullmann und Tetzel sind die Ermittler in diesem TATORT, tauchen aber erst in der 46. Filmminute auf, Bild:HR

Einmaliger Auftritt: Synchronsprecher Bussinger übernimmt Kommissar-Rolle

Schirk besetzte die Figur des Kommissars mit dem Schauspieler Hans-Werner Bussinger. Der war als Synchronsprecher äußerst erfolgreich, seine prägnante Stimme ist jedem Serienfan geläufig. Bussinger wurde durch seine Synchronisation des Ölmagnaten Blake Carrington aus der US-Serie „Dynasty“ ( „Der Denver-Clan“), die Figur des amerikanischen Rechtsmediziners „Quincy“ oder Stuntman Colt Sievers („Ein Colt für alle Fälle“) wesentlich bekannter als durch seine Auftritte im deutschen Fernsehen. 

Vier seiner insgesamt sechs TATORT-Auftritte hatte der Frankfurter Schauspieler Bussinger denn auch in hessischen Folgen. Schirk besetzte den Darsteller Bussinger später noch in den Folgen Die Brüder (1988) und Akt in der Sonne (1997). Als TATORT-Kommissar Rullmann ermittelte Bussinger ausschließlich in Rubecks Traum und zählt daher zu den sog. „Eintagsfliegen“ unter den TATORT-Ermittlern.

Cameo: Regisseur Schirk hat Blitzauftritt

Rullmann und Tetzel werden in der Sparkasse vorstellig und befragen Rubeck - nachdem sie sein Haus durchsucht haben, Bild: HR

Regisseur Heinz Schirk inszenierte bis 1999 insgesamt 12 TATORTe und schrieb zu 9 Folgen auch das Drehbuch. Er inszenierte 1971 den ersten SFB-TATORT Der Boss und drehte auch Der Mann aus Zimmer 22, den ersten TATORT mit Hansjörg Felmy als Haferkamp (diese Folge wurde allerdings erst als dritte Haferkamp-Folge gesendet). Am häufigsten inszenierte Schirk TATORTe allerdings für den HR, Rubecks Traum war sein zweiter Krimi für den Frankfurter Sender.

Er kannte sich jedoch nicht nur im Krimigenre aus, besondere Aufmerksamkeit erhielt Schirk auch für den Dokumentar-Spielfilm "Die Wannseekonferenz", der ebenfalls 1984 ausgestrahlt wurde und den Schirk u.a. auch mit Hans-Werner Bussinger besetzte. Mit Robert Atzorn und Martin Lüttge besetzte er zwei weitere Darsteller, die Jahre später auch Ermittlerfiguren im TATORT werden sollten. Ferner erregte Schirk 1974 Aufsehen mit dem Film "Der Springteufel"- mittlerweile ein echter Kultfilm, der bis heute einzigartig ist: der Thriller von einer Länge von 54 Minuten zeigte Didi Hallervorden in der Hauptrolle. Der Film wurde vom Saarländischen Rundfunk produziert und sehr selten wiederholt, erschien dann aber 32 Jahre später auch auf DVD.  "Der Springteufel" war für das deutsche Fernsehen sehr ungewöhnlich und ist auch ein klarer Gegensatz zu Schirks späteren bürgerlichen Fernseh-Inszenierungen im TATORT.

In 11 der 12 von ihm inszenierten TATORTe spielte er selbst mit, so auch in Rubecks Traum: als Spurensicherer beteiligt er sich bei der Hausdurchsuchung bei Familie Rubeck. Seine kleinen Auftritte zeigten den Regisseur immer wieder als wandlungsfähigen Kleindarsteller: Rechtsanwalt, Gerichtsmediziner oder Beamte spielte Schirk genauso wie später beispielsweise schrille Figuren wie einen tuntigen Tanzlehrer (Akt in der Sonne) oder einen musikalischen Unterweltganoven (Mordnacht).

HörZu spricht von neuem Krimitrend

Als der Schwiegervater Rullmanns das Geld in der Tasche im Keller findet, gerät eine Lawine in Bewegung, Bild:HR

Die Medienkritiker waren bei Rubecks Traum TATORT gespalten. Die deutsche HörZu war enttäuscht und gab „Minus“: „Braver Sparkassenleiter wird zum Mörder. Autor und Regisseur Heinz Schirk brauchte eine lange Kette unglücklicher Zufälle, um eine platte Erpresserstory in Gang zu halten.“ Die österreichische HörZu dagegen gab „Plus“, sie war von der im Hintergrund agierenden Kommissarsfigur angetan: „Neuer Krimitrend? Der TATORT entfernt sich immer mehr von dem was er einmal war: Der jeweilige Kommissar spielt nur noch eine untergeordnete Rolle in 'Rubecks Traum' war er kaum zu sehen. Ein neuer Krimitrend scheint sich anzubahnen. Wenn's so spannend bleibt wie in dieser Folge, können wir zufrieden sein.“ Zur Wiederholung von Rubecks Traum im September 1994 gab der GONG 3 Punkte und erklärte lapidar: „Die Sache war von Anfang an klar, so dass keine Spannung aufkam.“

Helga Rullmann ist besorgt um ihren Mann, an dem sie sehr hängt. Die junge Anni ist ihr naturgemäß ein Dorn im Auge, Bild: HR

Fans loben Schauspielerin Witta Pohl

Bei den TATORT-Fans kommt Rubecks Traum ganz ordentlich weg: Er bewegt sich im Mittelfeld der Rangliste aller TATORTe, derzeit auf Platz 593 mit einer durchschnittlichen Bewertung von 6,17 Punkten (10=sehr gut, 0=schlecht). Die Inszenierung wurde von vielen Fans als „überzeugend“, „spannend“ oder „wendungsreich“ eingestuft. Den im Hintergrund agierenden Kommissar begrüßten viele, einzig das Ende fanden sehr viele zu „actionlastig“, „plump“ oder „übertrieben“.

Viel Lob gab es für die Darstellung von Witta Pohl, der Ehefrau Helga Rubeck. steppolinos Kommentar in der Rangliste lautet: „….Diese Anklage und dieser Vorwurf in jedem Blick, so konnte das nur sie. Für sie gibts auch die Punkte.“ Ranglisten-User Püppen meint: „Ideale Besetzung durch Witta Pohl, die nach Rubecks Geständnissen versucht, die Fassade zu wahren“, und User Sonderlink ergänzt: „Witta Pohl ist für mich der Inbegriff der Spießigkeit“.

Witta Pohl hatte in Rubecks Traum ihren ersten von insgesamt zwei TATORT-Auftritten. Neben Rubecks Traum spielte sie noch in der Folge Freiwild mit, die in der ARD hintereinander ausgestrahlt wurden. Bei keinem anderen Schauspieler mit mehr als zwei Auftritten in der Reihe lagen der erste und letzte Auftritt so nah beieinander. Pohl war in zweiter Ehe mit Charles Brauer verheiratet, der im Hamburger TATORT für 38 Folgen den Hauptkommissar Peter Brockmöller spielte.  Ihre eigentliche Paraderolle der "Mutter Drombusch" aus der ZDF-Serie „Diese Drombuschs“ begann nur 14 Tage vor der Ausstrahlung von Rubecks Traum


Rubecks Traum ist 1983 auch als Roman erschienen

Krimi auch als Roman veröffentlicht

Im August 1983, kurz nach Abschluss der Dreharbeiten des TATORTs, erschien Rubecks Traum als Roman bei Rowohlt. Der 106 Seiten starke Roman und der Film unterscheiden sich kaum, ganze Passagen im Film stimmen überein mit Schirks Roman. Einige wenige Szenen wurden gerafft und gekürzt, so der Besuch der millionenschweren Zwillingsschwestern in Rubecks Bank, einige Dialoge wurden geringfügig verändert.

In einem wichtigen Detail unterscheidet sich der Film vom Buch: als Rubeck den Täter mit Pfeil und Bogen tötet, schießt er ihm im Roman zuerst in die Genitalien, bevor er ihn mit einem zweiten Schuss in den Hals endgültig zum Schweigen bringt. Im Film fehlt der Schuss in den Unterleib. 

Amüsant ist der Roman noch aus einem anderen Grund: Auf Seite 32 besuchen die aufgebrachten Zwillingsschwestern Rubeck in der Bank und wollen mit ihm verabreden, dass der Neffe der beiden vorzeitig nichts von dem angelegten Geld bekommt. Das ist Rubeck sehr recht und er bestärkt die beiden Schwestern darin, denn er hat ja ausgerechnet das Geld der beiden Frauen unterschlagen. Rubeck nimmt sich des Neffen an und diskutiert mit ihm einige Geldanlagemöglichkeiten.

Zum einen ist diese Szene im Buch auch als Zeichnung enthalten und untertitelt mit "Rubeck riet ihnen zu festverzinslichen Papieren". Zum anderen hält die nächste Seite eine Überraschung parat: eine ganzseitige Anzeige, passend zum Thema: "Pfandbrief und Kommunalobligation - (...) schon ab 100 DM bei allen Banken und Sparkassen". Ein Schelm, wer dabei.....

Die Szene mit den Zwillingsschwestern und Rubeck nehmen im Buch eine Schlüsselrolle ein - auf ihre Weise... (Bild:HR/Rowohlt)
Als sich die Situation zwischen Anni und ihrem "Bärchen" zuspitzt, nehmen die Dinge ihren dramatischen Lauf, Bild:HR

Paradiesische Produktionsbedingungen 

Gedreht wurde Rubecks Traum vom 6. Juni 1983 bis 15. Juli 1983 an den südhessischen Originalschauplätzen. Schnörkellos erzählt und inszeniert kommt der Film auf eine Sendelänge von nur 75 Minuten und 22 Sekunden. Das ist bemerkenswert, denn eine Drehzeit von 6 Wochen für einen solch „verkürzten“ TATORT wäre in der heutigen Film-/TATORT-Produktionslandschaft völlig undenkbar; meist stehen für einen 90-Minuten TATORT – je nach Anstalt – heute nur noch maximal 21 bis 23 Drehtage zur Verfügung. 

Erstgesendet wurde der TATORT am 8. Januar 1984. Die Einschaltquote betrug 37% - das entsprach 14,23 Mio Zuschauern. Die Wiederholung am 4. Juli 2015 im HR-Fernsehen ist erst die 6. Wiederholung des Krimis insgesamt. 

Francois Werner


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