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Heute ist der: 17.07.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Flieder für Jaczek

Küss die Hände - Ende!

 Für einige Krimi-Nostalgiker ist diese Folge gar die beste aus der Frankfurter Konrad-Serie. Regie führte Fritz Umgelter - ein Urgestein des deutschen Fernsehspiels. Zugleich war dieser Polizeikrimi hochkarätig besetzt und äußerst spannend.



Als Kommissar Konrad in seinem Frankfurter Büro die Nachricht erhält, dass Franz Jaczek aus der Strafanstalt Butzbach entlassen worden ist, ahnt er Böses. Jaczek hat vor einigen Jahren einen Geldtransporter überfallen und zusammen mit seinem Komplizen 900.000 Mark erbeutet. Der Fahrer des Geldtransporters war damals erschossen worden - von seinem später bei einem Schusswechsel mit der Polizei getöteten Komplizen, wie Jaczek behauptete. Da man ihm nicht das Gegenteil beweisen konnte, wurde er nur wegen Geldraubs verurteilt. Kaum wieder auf freiem Fuß, bereitet der Österreicher Jaczek mit zwei Komplizen eine neue Geiselnahme vor. 

Duell zwischen Jaczek und Konrad

Der originale Programmhinweis der HörZu von 1977 anlässlich der Erstausstrahlung des TATORTs Flieder für Jaczek

Es gelingt ihnen, die Frau des Bankdirektors Quaas in ihre Gewalt zu bringen. Sie fordern telefonisch zwei Millionen Mark Lösegeld. Zur Verblüffung der Polizei soll das Geld abends auf einer vielbefahrenen Frankfurter Mainbrücke übergeben werden - und zwar von Kommissar Konrad selber. Die Gangster verlangen überdies, dass die Polizei die Brücke absperrt; sie scheinen sich sehr sicher zu fühlen. Während am Mainufer versteckte Präzisionsschützen im Anschlag liegen, verhandelt Konrad auf der Brücke mit den Entführern. Dabei stellt er fest, dass der maskierte Mann, der sich für Jaczek ausgibt, gar nicht Jaczek zu sein scheint. Währenddessen grübelt Konrad über die Frage nach, wo Jaczek wohl ist. Als er das erfährt, weiß er auch, was hinter all dem steckt - und dass auf ihn und seine Kollegen eine schwere Bewährungsprobe wartet.

Polizeiarbeit wird ausführlich gezeigt

Franz Jaczek ist der Gangster aus dem niederösterreichischem Linz, dem man seine Herkunft anhörte, Bild:HR

Der Frankfurter Krimi Flieder für Jaczek war der 7. Beitrag des Hessischen Rundfunks und fokussiert neben dem Duell zwischen Gangster Jaczek und Kommissar Konrad auch sehr auf die Polizeiarbeit. Schon in der ersten Szene sieht man den Fuhrpark der Polizei, im weiteren Film hört man regelmäßig Polizeisirenen und die Arbeit von Verkehrs-, Schutzpolizei und Sondereinsatzkräften ist in dem Film prominent platziert. Regisseur Umgelter zeigt die Polizeiarbeit in vielen Details. Mit (damals) modernster Technik – in Bild und Ton - kann der Zuschauer verfolgen, wie der Kristenstab fernab vom Übergabeort, der Frankfurter Flößerbrücke, die Aktion überwacht und mit den Forderungen der Erpresser umgeht. Der Film zeigt alle polizeiinternen Maßnahmen bis hin zur Kommunikation auf politischer Ebene, die zwischen den Beteiligten stattfindet. Im Kristenstab wird reagiert und entschieden, Konrad steht im Zentrum der Polizeiaktion und ist von der Brücke aus ständig mit dem Kristenstab verbunden. 

Bankdirektor Quaas wird nach der Entführung das Geld noch mal akribisch zählen lassen - es fehlen glücklicherweise nur 450 Mark. Konrad quittiert das ironisch mit einem "Außer Spesen nichts gewesen!", Bild:HR

Aufwändige Dreharbeiten

Der Redakteur des TATORTS, der damalige HR-Fernsehspielchef Dr. Hans Prescher, erinnert sich an die Dreharbeiten: „Wir sparten nicht beim Aufwand, Umgelter kommandierte Polizeistaffeln, Scharfschützen, Polizeiboote auf dem Main und einen Panzerwagen. Nervenzerrend für die Zuschauer verzögerte sich die nächtliche Geldübergabe mit Panzerwagen und Scheinwerfern auf einer Mainbrücke, der Kommissar allein Schussfeld“.

FNP: „Nachhaltige Arbeit“

Für Prescher war Fritz Umgelters dritter HR-TATORT „großes Action-Kino auf kleinem Bildschirm“. Das TV-Filmlexikon bestätigte: „Ein mit scharfer psychologischer Spannung inszeniertes Duell zwischen Kommissar und Spitzengangster“. Die Produktion wurde als „einer der wirkungsvollsten Filme der Reihe“ bezeichnet. Die Frankfurter Neue Presse schrieb knapp „Nachhaltige Arbeit“. TV-Spielfilm lobte den Film ebenfalls bei einer seiner Wiederholungen als „spannenden Krimi aus der TATORT-Urzeit“ und gab „Daumen hoch“. Der Film hatte bei der Erstsendung im Februar 1977 insgesamt 23,45 Millionen Zuschauer, was einem Marktanteil von 66% entsprach.

Konrad trifft auf Jaczek; Frau Jaczek wird entführt, Bankdirektor Quaas ist ratlos, Bilder:HR

Fans kritisieren überkonstruierte Geschichte

Eingefleischte TATORT-Fans, die alle TATORTe in der Tatort-Rangliste kommentieren und auf einer Punkteskala von 0 bis 10 Punkte bewerten, sehen Flieder für Jaczek im Mittelfeld. Die derzeitige Position 560 entspricht einer durchschnittlichen Bewertung von 6,25 Punkten. Wesentlicher Kritikpunkt für viele Fans ist die überkonstruierte, aber doch spannende Geschichte. Ranglisten-User Sonderlink meint: „Wendungsreiches Wiedersehen mit alten Bekannten, straight erzählt, ohne freudloses Täterraten oder den sonstigen heute üblichen Schnickschnack“, während User non-turbo meint: „Obwohl etwas unlogische Handlung, sowohl vom Täter als vom Polizei, hat mir die Folge gefesselt. Viele historischen Polizeisonderfahrzeugen dazu. Gute Unterhaltung, trotz Drehbuchfehler“.

Warum musste Jaczek Österreicher sein?

Diese Tafel zum TATORT stammt von der Wanderausstellung des Hessischen Rundfunks zum TATORT (2002), Bild: HR

Bei einigen Fans polarisiert die Figur des Spitzengangsters Jaczek, der ein geschmeidiger, ja fast charmanter Österreicher war, gemütlich und doch sehr bestimmt - und sprachlich eindeutig als Österreicher zu erkennen. Wenige Fans konnten sich mit ihm nicht recht anfreunden, zum einen wegen des „Dialekts“, der angeblich einer Synchronisierung bedurft hätte, ein österreichischer Ranglisten-User findet diesen Auftritt gar „diskriminierend“. User Winston-C fragt fragt sich: „Warum der ausgerechnet ein Wiener sein musste, ist mir zwar nicht klar, aber gut.“

Jaczek war nicht Wiener, sondern Linzer. Und ohne das niederösterreichische Idiom, das Jaczeks Redewendungen unweigerlich immer begleitete, hätte Kommissar Konrad als alter Wegbegleiter des Gangsters auf der Flößerbrücke kaum heraushören können, dass der maskierte Gangster eben doch nicht Jaczek war. Die Sprachfärbung hatte also eine wichtige dramaturgische Funktion im Film. 

Mattfeld und Irmi warten, Konrad und Weg(e)ner kurz vor der Lösegeldübergabe, die drei Gangster Kofler, Jaczek, Mattfeldt, Bilder: HR

Hochkarätiges Schauspielerensemble

Lobend wird die hochkarätige Schauspielerriege erwähnt. Tatsächlich: Zwei Darsteller, die es später selbst zu TATORT-Kommissaren bringen werden, spielen in diesem Krimi überaus gekonnt die Ganoven: Hans Brenner und Günter Lamprecht. Mit ihnen die junge Michaela May als Gangster-Freundin Irmi, die es Jahre später auch zur Primetime-Kommissarin schaffen wird, allerdings „nur“ beim Polizeiruf 110 des Bayerischen Rundfunks. Günter Strack, hessisches TV-Urgestein wirkt ebenfalls wieder im HR-TATORT mit, diesmal als Staatssekretär. Neben ihm Karl Walter Diess, Heide Keller, Herrmann Treusch, Karl Heinz Hess oder Peter Roggisch als schüchterner Bankdirektor Quaas. 

Unverkennbar spielte dieser kleine Junge später den Thommy bei "Diese Drombuschs": Eike Hagen Schweikhardt war 1976 vier Jahre alt - es war seine erste Fernsehrolle überhaupt

Erster Auftritt im TATORT, noch vor „Diese Drombuchs“

In einer kleinen Nebenrolle ist der damals 4-jährige Eike Hagen Schweikhardt als Sigi Quaas, Sohn des Bankdirektors, zu sehen. Das unverwechselbare Gesicht des kleinen Jungen werden viele Zuschauer sofort wieder erkennen, sobald er im Garten seines Vaters auftaucht und dem als Gärtner beschäftigten Jaczek von der „Beechcraft Baron“, dem Privatflugzeug seines Vaters, und dessen maximal erreichbaren Geschwindigkeit erzählt. Schon mit 3 Jahren übernahm der kleine Mann an den „Städtischen Bühnen“ in Frankfurt Statistenrollen. 6 Jahre später hat er es als Thomas „Thommy“ Drombusch in der ZDF-Serie „Diese Drombuschs“, dem jüngsten Kind der Fernsehfamilie aus Darmstadt, zu einer gewissen Bekanntheit gebracht.

Walter Renneisens erster TATORT

Walter Renneisen (re) an der Seite des ermittelnden Hauptkommissars Konrad. In der Rolle des Robert hatte er nicht viel zu melden, Bild:HR

Flieder für Jaczek ist auch für Walter Renneisen der erste TATORT-Auftritt gewesen. Renneisen habe laut Wikipedia seine Karriere als freier Schauspieler erst 1977 begonnen: Flieder für Jaczek wurde im Winter 1976 gedreht, somit dürfte dieser TATORT auch zu seinen ersten Fernseherfahrungen überhaupt zählen. Der hessische Theaterschauspieler und Hörfunksprecher spielte in diesem Konrad-TATORT den Assistenten Robert Weg(e)ner, der außer einem Geburtstagsständchen und das Bringen des Lösegeldes, den titelgebenden „Flieder“, auf die Flößerbrücke, nicht viel zu tun hat. Wie anfangs die meisten Assistenten im TATORT hatten diese nicht mehr als die Funktion eines Stichwortgebers zu erfüllen. Renneisen spielte insgesamt in 11 TATORTen mit, überwiegend in Folgen des HR und SDR/SWR und in einer vom WDR.

Im TATORT war er überwiegend auf Autoritätsrollen abonniert: er spielte Polizisten, Kommissare, Detektive, Buchprüfer, Fabrikanten oder einen Rechtsmediziner. Im letzten Hessen-TATORT mit Schüttauf und Sawatzki mimt er 2010 einen schlafenden Nachtwächer. Aus diesen Rollen fällt nur sein Auftritt im 1995er-TATORT Mordnacht heraus – dort spielt Renneisen den überängstlichen Puffbesitzer Markus Kranz, mit durchaus komödiantischem Talent, das er nur außerhalb des TATORT öfter zeigen kann. Im ersten hessischen Polizeiruf „Feuertod“, der im Juli 1997 erstgesendet wurde, spielte Renneisen ebenfalls einen Kriminalhauptkommissar. 

Regisseur Fritz Umgelter inszenierte insgesamt vier TATORTe für den HR, Flieder für Jaczek war Nummer 3, Bild:HR

Umgelter - Pionier des Fernsehspiels

Die Regie bei diesem TATORT wurde Fritz Umgelter übertragen, nachdem er schon Eine todsichere Sache und Zwei Flugkarten nach Rio für den Hessischen Rundfunk (HR) gedreht hatte. 1977 drehte er für den Sender Freies Berlin auch die TATORT-Folge Feuerzauber.

Umgelter war selbst ein „HR-Gewächs“. Er zählt unbestritten zu den Pionieren des Fernsehspiels und war ein vielbeachteter Fernsehregisseur, der sich in mehreren Genres heimisch fühlte. Nachdem er in den 1950er Jahren festangestellter Regisseur beim HR war, inszenierte er auch die ersten Fernsehspiele des Senders, damals noch überarbeitete Theraterstücke und Klassikeraufführungen, aber immer wieder auch Kriminalfilme und Dokumentarspiele, später auch für andere Sender.

Auch die ersten Mehrteiler des Deutschen Fernsehens stammten von Umgelter: 1959 „So weit die Füße tragen“ und „Am grünen Strand der Spree“. Besondere Aufmerksamkeit erhielt Umgelter auch für den HR-Dreiteiler „Der Winter, der ein Sommer war“ oder „Bratkartoffeln inbegriffen“, für den er 1967 den Fernsehpreis für die beste Regie von der Deutschen Akademie für Darstellende Künste erhielt. Umgelter inszenierte 1980 den TATORT Schattenboxen für den HR und starb kurze Zeit darauf. Seine letzte Regiearbeit war „Das Traumschiff“ fürs ZDF.

Quaas, Konrad und die Bankangestellten warten auf einen Anruf vom Erpesser Jaczek; im Hintergrund die 1977 noch spärliche Skyline der Stadt Frankfurt, Bild:HR

Buchvorlage für den TATORT

Das Drehbuch für Flieder für Jaczek schrieb Jürgen Scheschkewitz, der später seinen Namen in „Hans Kelch“ änderte und noch einige weitere TATORT-Drehbücher für den Frankfurter ARD-Sender schrieb. Die Vorlage für diesen 72.TATORT  lieferte der Roman „Vorsicht – Jaczek schießt sofort!“ von 1975, der vom Autorenpaar Bernhard und Charlotte Horstmann unter dem Pseudonym „Stefan Murr“ veröffentlicht wurde. 

Arbeitstitel für diesen TATORT war „Doppelspiel“, passend zu Jaczeks Absicht, nicht nur das Geld zu kassieren, sondern sich gleichzeitig der Komplizen mit Hilfe der Polizei elegant entledigen zu können. Scheschkewitz schrieb das Drehbuch frei nach der Vorlage des Romans. Im Gegensatz zum Film heißt der ermittelnde Kommissar dort nicht Konrad, sondern Paul Jochner. Auch der hatte eine Rechnung mit Jaczek offen, weil Jaczek ihm damals ins Bein schoss; im Film leidet Konrad „nur“ unter der mangelnden Genugtuung, dem Österreicher damals den Mord nicht nachweisen zu können. 

Der Roman erschien in verschiedenen Verlagen

Das Buch erschien in mehreren Verlagen und war ein beachtlicher Verkaufsschlager. Flieder für Jaczek war für das Ehepaar Horstmann der zweite TATORT; zwei Jahre vorher lieferten sie mit dem Buch „Mord im September“ die Drehbuchvorlage für den zweiten Fall des Hannoveraner Kommissars Heinz Brammer, der 1975 unter dem Titel Mordgedanken gesendet wurde.

Falsches Titelbild

Der Roman zu Jaczek schießt sofort aus der Weltbild-Edition zeigt ein Foto aus einer anderen TATORT-Folge, nämlich aus Der King

Im Jahr 1999 erschien der Roman „Vorsicht – Jaczek schießt sofort!“ im Weltbild-Verlag im Rahmen einer TATORT-Edition neben 23 anderen TATORT-Krimis. Bemerkenswert ist, dass das Titelbild dieses Buchs ein Standfoto aus einer anderen TATORT-Folge zeigt, nämlich der 1979er-Folge Der King. Neben Kommissar Konrad ist dort Assistent Weg(e)nerzu sehen, der dort jedoch von Frithjof Vierock gespielt wurde und nicht - wie im Film - von Walter Renneisen.

Im Gegensatz zu den meisten anderen hessischen TATORTen aus den ersten 10 bis 12 Jahren wurde Flieder für Jaczek weder auf VHS noch auf DVD veröffentlicht.

Dreh an Originalschauplätzen im Rhein-Main-Gebiet

Flieder für Jaczek wurde vom 8. November bis 22. Dezember 1976 in Frankfurt/Main und Umgebung gedreht und am 27. Februar 1977 erstausgestrahlt. Die Flößerbrücke, der Ort der Geldübergabe in Flieder für Jaczek, ist mittlerweile abgerissen. Die Dreharbeiten an der Telefonzelle, aus der Jaczek seine Forderungen fernmündlich stellt, wurden an der Hamburger Allee, Ecke Schloßstraße in Frankfurt-Bockenheim gedreht. Weitere Drehorte war die Autobahnraststätte „Gräfenhausen-West“ an der A5 Richtung Darmstadt und der Flughafen Egelsbach südlich der Mainmetropole.

Die Folge wird am 27. Juni 2015 im HR-Fernsehen bereits zum insgesamt 10.Mal wiederholt.

Francois Werner


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