Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 10.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Eine todsichere Sache

Taunus-Krimi mit Nostalgiefaktor

Die von Herbert Lichtenfeld erdachte Erpressergeschichte entfaltet ihren Charme zwar langsam, aber dafür umso nachhaltiger – der Film ist ein unterschätztes Zeitdokument aus der TATORT-Reihe mit hochkarätiger Besetzung - für TATORT-Nostalgiker ein must-see. 



Wie meistens am Sonntagmorgen sitzt der Industrielle Georg Moll im Arbeitszimmer seiner Villa, als seine junge Frau Isabell sich anschickt, mit ihrem Sportcabriolet nach Wiesbaden zu ihrer Schwester zu fahren. Am Nachmittag meldet sich ein Unbekannter und erklärt, er habe Isabell Moll in seiner Gewalt. Ihr Mann müsse ihm 100.000 Mark zahlen, wenn er sie lebend wiedersehen wolle. Moll läutet zunächst einmal in Wiesbaden bei seiner Schwägerin an. Was er von ihr hört, klingt beruhigend; anscheinend hat sich der fremde Anrufer einen schlechten Scherz erlaubt.

Schon kurz darauf wird jedoch klar, dass seine Frau tatsächlich verschwunden ist. Der Erpresser meldet sich erneut und wiederholt seine Forderung. Als Beweis, dass er Frau Moll wirklich entführt hat, hat er ihren Führerschein in den Briefkasten der Villa befördert. Wann und wo die 100.000 Mark zu übergeben sind, will er noch mitteilen. Moll ist bereit, das Lösegeld zu zahlen, dennoch schaltet er die Polizei ein. Kommissar Konrad übernimmt die Ermittlungen.  Als der Erpresser das mitbekommt, erhöht er seine Forderung auf 200.000 Mark.  

TV-Spielfilm verreißt …

Der Industrielle Georg Moll mit seiner Frau, Bild:HR

TV-Spielfilm schreibt zur anstehenden Wiederholung ( Telekolleg "Historisches Fernsehen") im Juni 2015 über den TATORT: „Für uns gewiefte Mediennutzer von heute entwickelt die steif inszenierte, naiv-doppelbödige Story um die entführte Industriellengattin ein gehöriges Maß an unfreiwilligem Humor - dank der erklärenden Dialoge, sprunghafter Schnitte und einer köstlichen Schilderung des 1970er-Wohlstandsmilieus (inkl. devotem Butler). Die Musik ist übrigens irre. Es ermittelt so trocken wie wenig kompetent: Klaus Höhne.“ Fazit: "Einst solide TV-Kost, heute brüllkomisch".

Die damals übliche Zuschauerbefragung durch Infratest ergab für Eine todsichere Sache immerhin den ansehnlichen Wert von +4. Der Hessische Rundfunk setzte seit 1973 auf althergebrachte Zuschauererwartungen: Tempo, verblüffende Wendungen, überraschende Lösungen. In dieses Krimigerüst fügte sich Eine todsichere Sache ganz gut ein und war damals ein solide erzählter und inszenierter Krimi.

….Fans sind angetan 

Die User der Tatort-Rangliste, meist eingefleischte Fans des Krimi-Klassikers, bewerten diesen TATORT des HR weitaus positiver als die Redakteure der Programmzeitschrift, manche bezeichnen ihn gar als „Perle“ oder „Highlight“. Auf der Punkteskala von 0 bis 10 Punkte rangiert der TATORT von 1974 immerhin auf Platz 284, also weit vor so manchem anderen HR-TATORT – mit 6,88 Punkten.

Der Film wird überwiegend als „unterhaltsame Erpresserstory“ gesehen, auch wenn die solide Geschichte „einen nicht vom Hocker reiße“, so User holubicka, aber – wie viele andere User meinen – ganz gut unterhalte. Die Handlung sei durchdacht; Lob bekam auch die für viele angeblich überraschende Auflösung am Ende. Der Nostalgiefaktor dieses TATORTs wird in der Rangliste von so manchem User oft gegen die zeitweisen Längen positiv aufgerechnet.

Konrad und sein Assistent Robert ermitteln, Bild:HR

Legendärer Drehbuchautor liefert TATORTe auch für Hessischen Rundfunk

Das Drehbuch für den 4. TATORT des Frankfurter ARD-Senders schrieb Herbert Lichtenfeld. Für ihn war es schon der 5. TATORT, den er für die ARD-Krimireihe ablieferte. Lichtenfeld zählte lange zu den bekanntesten und erfolgreichsten Drehbuchautoren der 1970er und 1980er Jahre, viele seiner TATORT sind „legendär“, besonders die Folgen mit Klaus Schwarzkopf als Kommissar Finke aus der Schleswig-Holsteinischen Provinz, so KurzschlussNachtfrost oder der Klassiker Reifezeugnis von 1977.

…und schreibt später für „Schwarzwaldklinik“

Seine TATORT-Mitarbeit beendete Lichtenfeld 1984 mit seinem 19. TATORT Geburtstagsgrüße für den Saarländischen Rundfunk. Schon diese Bucharbeit verlief nicht mehr ganz so reibungslos und erfolgreich wie in früheren Jahren für den Autor; er bot das Buch vorher zwei anderen Sendern an, die es nicht verfilmen wollten und es ablehnten – erst der SR willigte ein, den Stoff umzusetzen. Zum 20. TATORT kam es dann gar nicht mehr. Das dafür vorgesehene Drehbuch – ein Krimi für den Sender Freies Berlin mit Kommissar Bülow –  wurde vom Hauptdarsteller Heinz Drache öffentlichkeitswirksam abgelehnt und als „Ladenhüter“ bezeichnet; Lichtenfeld keifte - ebenfalls öffentlich – zurück und lieferte sich mit Drache einen kleinen, persönlich „schmutzigen“ und kurzen Schriftwechsel via Presse, die das genüsslich begleitete.

Zu der Zeit begann Lichtenfeld parallel aber auch damit, die Bücher für die überaus erfolgreiche ZDF-Serie „Die Schwarzwaldklinik“ zu schreiben.

Die Schwester der Frau Moll und ihr Mann streiten sich über die ständigen Lügen, Bild:HR

Lichtenfelds Erzählmuster

Viele der Lichtenfeld-TATORTe hatten immer etwas betulich langsames und boten den Darstellern so die Möglichkeit, ihre Figuren auszuspielen und sie zu entwickeln, so wie Lichtenfeld seine auf den zweiten Blick oft tiefsinnigen Geschichten damit gezielt entfalten konnte. Die Kommissarfiguren – überwiegend Finke, Konrad und Haferkamp - waren in Lichtenfelds Geschichten ohnehin eher zurückhaltend, abwartend und neutral beobachtend, was die Figuren- und Plotentwicklung förderte. Lichtenfelds erzählte seine Geschichten oft so, dass der Zuschauer mehr wusste als der ermittelnde Kommissar, ließ aber einige Dinge bewusst offen, erzeugte und hielt so die Spannung beim Zuschauer. In Eine todsichere Sache ist neben der Täterfrage auch die eigentliche Frage „Was ist genau passiert?“ lange gar nicht geklärt.

Oft spielten die Geschichten Lichtenfelds in Villen-Wohnzimmern von Industriellen oder zumindest wohlhabenden Menschen, denen im Rahmen der Geschichte als Gegenpart oftmals ein weniger erfolgreicher Mensch, der Typus „armer Schlucker“, gegenübergestellt wurde. Dieser kam oft nur durch Zufall – durch das initiale Verbrechen, den Mord – in die Situation, nun „das große Geld“ scheffeln zu können oder die Möglichkeit erahnend, möglicherweise zu partizipieren, „ein Stück vom Kuchen zu bekommen“- durch Diebstahl (z.B. in Kurzschluss), aber viel öfter durch Erpressung (Spätlese, Eine todsichere Sache) oder Trittbrettfahrerei (Streifschuss). Natürlich zum Preis, die eigene Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit aufzugeben und selbst kriminell zu werden, sich unweigerlich in den Strudel krimineller Machenschaften ziehen zu lassen. 

Die beiden Ermittler befragen den Industriellen Moll zum Anruf des Erpresser, Bild:HR

Crime doesn`t pay

Lichtenfelds TATORTe enden oft allzu moralisch - gerade für diese „armen Schlucker“-, denn „Crime doesn`t pay“ – Kriminalität lohnt sich nicht – ist auch Lichtenfelds oft bemühtes Fazit am Ende der Filme. Und nicht genug damit, manövriert die Gier nach Geld und Erfolg diese Figuren oft in Situationen, die sie sehr schnell nicht mehr beherrschen, sie selbst zu Gejagten und Beschuldigten macht, sie als ungeschickt, schwach und naiv entlarvt, zu bemitleidenswerten Menschen macht.

So auch in Eine todsichere Sache. Der „arme Schlucker“ wird hier überzeugend vom Schauspieler Hans-Helmut Dickow gespielt: der in der Pathologie tätige Grossmann stammt aus Schleswig-Holstein und ist dort durch eher amateurhafte Delikte und geradezu übertriebener Ungeschicklichkeit polizeibekannt geworden - nun aber glaubt er endlich, eine „todsichere Sache“ laufen zu haben. Grossmann stellt sich schnell als Erpresser von Moll heraus, doch auch er hat sich - dem Lichtenfeldschen Gesetz folgend - verkalkuliert und ist am Ende keinen Pfennig reicher, hat nichts als Ärger am Hals…

Moll mit seiner Sekretärin im Büro, Bild: HR

Geographisches Nirwana

Lichtenfelds Krimi spielten immer auch im geographischen Nirwana, waren oft nicht real verortbar, hätten und sollten wohl auch überall spielen können. Konkrete und wiedererkennbare Städte gab es bei Lichtenfeld selten, die Ortsnamen in den Finke-TATORTen waren sogar allesamt fiktiv, bis auf das reale Kiel, den Dienstort des Kommissars, das mondäne Travemünde oder das schnieke Sylt vielleicht – ansonsten spielte sich die Handlung immer fernab der Provinz ab. So auch in seinem hessischen Erstling Eine todsichere Sache.

Frankfurt am Main und seine Umgebung, der übliche Wirkungsraum von Kommissar Konrad, ist optisch als solcher kaum erkennbar, die Szenen spielen überwiegend innen, die Außenaufnahmen lassen keine genauen Rückschlüsse auf reale Orte zu und sind – wenn erkennbar - eher dörflich angelegt. Entgegen den Vorgänger-TATORTen des HR fehlen in diesem Krimi Ausflüge an andere Orte in Deutschland, der Handlungsspielraum bleibt auf das Gebiet des Taunus und die Städte Wiesbaden und Frankfurt beschränkt.

Überwiegend im Taunus gedrehter Krimi

Einzig den Cratzenbachfelsen, den Ort, an dem die Tat in diesem Krimi geschehen ist, den - im wörtlichen Sinne – TATORT also, erkennen viele (hessische) Zuschauer vermutlich sofort am Namen und ordnen es dem im Hochtaunus gelegenen Cratzenbach zu – optisch zu erkennen ist es freilich auch nicht. Überhaupt wurde dieser Film zu großen Teilen im Taunus gedreht, konkret in Kronberg, Schwalbach, Eppstein und Riedenbach. Weitere Szenen von Eine todsichere Sache entstanden in der Landeshauptstadt Wiesbaden und im großen Frankfurt, in den Stadtteilen Eschersheim und Preungesheim. An realen Orten wird in diesem Film konkret neben dem Cratzenbachfelsen nur noch die Fußgängerbrücke an der Maybachstrasse in Frankfurt-Heddernheim erwähnt (und auch gezeigt). Der Übergabeort des Lösegeldes ist der Hagenauer Forst, ein ebenfalls fiktiver Ort. Lichtenfeld wird im Klassiker Reifezeugnis einige Jahre später ebenfalls einen Forst, den Sieker Forst, erfinden, um dort das große Verbrechen stattfinden zu lassen. 

Grossmann - gespielt von H.-H. Dickow - erzählt seiner Frau von der "todsicheren Sache", die er laufen habe, Bild:HR

Hochkarätig besetzter TATORT

Der TATORT war – das könnte für heutige Zuschauer kaum mehr erkennbar sein – damals hochkarätig besetzt. Georg Moll, der Industrielle, wurde vom großartigen und stets präsenten Schauspieler Siegfried Wischnewski gespielt, der in sehr vielen Krimis von Edgar Wallace oder Francis Durbridge brillierte, mit „Privatdetektiv Frank Kross“ für 13 Folgen eine eigene Serie bekam und regelmäßig in „Der Kommissar“ oder „Derrick“ auftauchte. Im TATORT spielte Wischnewski nur dreimal mit, einmal bei Konrad (Eine todsichere Sache), einmal bei Schimanski (Schwarzes Wochenende) und einmal bei Stoever (Spuk aus der Eiszeit). In den 1980er Jahren spielte er den liebenswürdigen Tierarzt Dr. Willi Bayer in der ZDF-Serie Ein Heim für Tiere. Neben ihm Hildegard Krekel als freches Hausmädchen Claudia, Klaus Herm als schachspielender Butler Kunach, Jürgen Flimm als Molls Schwager, den Gewissensnöte plagen, Reiner Schöne als Lover der toten Frau Moll und Katharina Lopinski als alibigebende Schwester der Frau Moll. Als Assistent Robert wirkte Manfred Seipold mit, der ebenfalls in vielen Krimis wie „Derrick“, „Der Kommissar“ und eben auch im TATORT mitspielte – überwiegend als Bösewicht. Eine todsichere Sache ist Seipolds einziger TATORT-Auftritt als Assistent an der Seite von Konrad. Er starb schon sehr jung und früh an der Immunschwächekrankheit AIDS. Inszeniert wurde der Hessen-TATORT vom Prager Regisseur Thomas Fantl („Unterwegs nach Atlantis“). 

Als Kaufkassette war dieser TATORT im Handel erhältlich- aber unter anderem Titel

Abgezockt - Als Kaufkassette im Handel

Eine todsichere Sache ist – wie die meisten TATORTe des Hessischen Rundfunks aus den 1970er Jahren – auch als VHS-Kaufkassette im Handel erschienen, im Label Video Palace allerdings unter einem anderem Titel als dem Sendetitel, nämlich als „Abgezockt“. Diese VHS-Kassetten wurden in den seltensten Fällen als TATORTe vermarktet und waren als solche folglich auch nicht erkennbar; der abweichende Titel verstärkte das. 

Die Leiche von Frau Moll wird gefunden - Grossmann will die Frau aber nicht umgebracht haben, Bild: HR

Besonderheit: der Abspann

Eine kleine weitere Besonderheit weist die Filmfassung des TATORTs auf: über den Abspann wird zwar das bekannte Fadenkreuz auf blauem Grund gelegt, aber es ertönt nicht die bekannte Doldinger-Fanfare, sondern schwungvolle komponierte Filmmusik. Bis in die späten 1990er Jahre gab es immer wieder TATORTe, die den Abspann optisch und musikalisch variierten, bis die ARD intern festlegte, nur noch das Fadenkreuz mit obligatorischer Fanfare für den Abspann zuzulassen.

33 Drehtage für "Eine todsichere Sache"

Die Dreharbeiten zu diesem TATORT fanden vom 7.Mai bis 20. Juni 1973 statt und dauerten 33 Drehtage. Die Erstsendung erfolgte im Februar 1974 als 37. TATORT innerhalb der ARD-Reihe. Der Marktanteil für diesen TATORT bei 65%. Die Wiederholung im Juni 2015 ist erst die 7. Wiederholung insgesamt, die letzte Wiederholung liegt bereits fast 20 Jahre zurück und fand 1996 im WDR-Fernsehen statt.

Francois Werner


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3