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Heute ist der: 26.04.2018. --> Bis heute wurden 1069 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Frankfurter Gold

Von einer "Fernseh-Hinrichtung" und falschen Goldbarren

Mit einem Skandal begann 1971 der Hessische Rundfunk (hr) seine Beteiligung an der TATORT-Gemeinschaftsproduktion. Der Sender zeichnete in seinem ersten Krimi "Frankfurter Gold" einen authentischen Fall nach - doch der Täter war noch gar nicht rechtskräftig verurteilt, ergo: zum Zeitpunkt der Sendung hatte dieser als "unschuldig" zu gelten. Für Juristen eine "Fernseh-Hinrichtung".



Die Zeitungen berichteten 1973 auch über den Fälscherprozess - nach der Ausstrahlung des Films (Bild:HR)
Die Zeitungen berichteten 1973 auch über den Fälscherprozess - nach der Ausstrahlung des Films (Bild:HR)

So beschwingt der erste hessische TATORT auch beginnt - er sorgte gleich für großes Aufsehen. Weil die im Film als Täter gezeichnete Figur "Johannes Stein" in Deutschlands Wirklichkeit zum Zeitpunkt der Sendung noch gar nicht verurteilt war, schlachteten die Juristen die Ausstrahlung des TATORTs als "Fernseh-Hinrichtung" aus. Beim Prozessauftakt im Mai 1973 - ganze 2 Jahre nach der TATORT-Ausstrahlung - versuchten die Anwälte, zum einen die Geschworenen und zum anderen den Psychiater - der den Angeklagten Joachim Blum als "zurechnungsfähig" bezeichnete - als befangen abzulehnen.

Geschworenen sollten "abgesägt" werden

Den Psychiater konnten die Anwälte zwar "kippen", die Geschworenen allerdings nicht. Die Anwälte gingen in ihrer Argumentation davon aus, dass jeder Zuschauer des TATORT-Films, der zwar den realen Namen des Angeklagten kaschiert hatte, davon ausgehen musste, dass es sich um diesen bekannten "Fälscherfall" handelte. Auf die Hinweise der Geschworenen, sie hätten den TATORT gar nicht gesehen, antwortete der damalige Anwalt Geis "es sei ja bedauerlich für die Intendanten". 

Die falschen Goldbarren standen im Mittelpunkt des realen Krimis. Bild:HR
Die falschen Goldbarren standen im Mittelpunkt des realen Krimis. Bild:HR

Die Goldbarren kamen nicht in Umlauf

Der Angeklagte hatte von 1966 bis Herbst 1968 etwa 500 000 DM ergaunert. Er hatte Bleibarren, die mit einer hauchdünnen Goldauflage überzogen war, an zahlreiche Interessenten verkauft. Er hatte vorgegeben, dass es sich bei dem Gold um Vorräte aus einer südafrikanischen Goldmine handele, die heimlich auf den Markt gebracht werden sollten. Als Beweis dafür half ihm eine notarielle Bescheinigung, dass fast 400 Goldbarren bei einer Frankfurter Bank deponiert wurden. Das mit einer Goldschicht überzogene Blei wurde von seinem Komplizen hergestellt. Der eigentliche "Trick" bestand aber darin, die falschen Goldbarren nicht in Umlauf zu bringen, sondern die Kapitalgeber durch einen plausibel begründeten Vertragsparagraphen zu verpflichten, die Barren 3 Jahre lang im Bank-Safe zu belassen. 

Das waren die bösen Buben aus dem Film: Stein und Ackermann lernten sich im Kasino kennen. Bild:HR
Das waren die bösen Buben aus dem Film: Stein und Ackermann lernten sich im Kasino kennen. Bild:HR

Der Film hielt sich sehr eng an diese realen "Vorgaben". Hierzu hatte der renommierte Regisseur Eberhard Fechner mit seiner dokumentarischen Methode in langen Interviews mit dem Betrüger und mit Geschädigten den Fall in allen Einzelheiten studiert und für das Drehbuch aufbereitet.

"Geld wie Dreck"

Aus den vielfältigen Bezügen auf die realen Vorgänge gewann die Fiktion ein für die TATORT-Reihe schon damals unübliches Gewicht. So spielte der 1971 ausgestrahlte TATORT überwiegend im Jahr 1967. Passagenweise blendete der Film die von Stein ergaunerte Geldsumme ein, die sich pro Szene anfangs schnell nach oben bewegte. Für das Drehbuch hatte Fechner, soweit sie zu verwenden war, sogar die Redeweise der Beteiligten erhalten - ein "Markenzeichen" des später mit dem Adolf Grimme-Preis ausgezeichneten Regisseurs.

Als hessisch babbelnde und naive Freundin: die junge Darstellerin Ilona Grübel. Bild:HR
Als hessisch babbelnde und naive Freundin: die junge Darstellerin Ilona Grübel. Bild:HR

Szenische Rekonstruktion

Regisseur und Autor Fechner, der vormals selbst auch in zahlreichen Filmen als Schauspieler agierte, spielte den renommierten Darstellern des TATORTs die Szenen in jeder Einzelheit genau vor und überließ ihnen auch die Fotos und Tonbänder der realen Vorbilder. Die lokale Anbindung an die Realität erreichte Fechner zu großem Teil auch über die Mundart der Figuren: das Hessische der meisten Figuren, das Schlesische des Goldfälschers und seiner kranken Mutter, das Schwäbisch eines Geschädigten oder das Französisch des Pariser Hotelbesitzers Charles Ritz. Auch so schafft es Fechner, in dem TATORT ungewöhnlich differenzierte Figuren entstehen zu lassen.

Frankfurter Gold ist ein Film über die Habgier

Der Medienkritiker Egon Netenjakob attestierte dem TATORT aus Frankfurt denn auch einen großen Spaßfaktor: "Der von Michael Gruner gespielte Täter Stein wird fast zu einer Identifikationssfigur. Die Opfer sind diesmal keineswegs sympathischer als der Täter. In manchen Fällen ist Schadenfreude durchaus angebracht. Den Geschädigten gemeinsam ist ja die Gier vieler vermögender Menschen, ihren Reichtum noch zu vermehren. Diese Gier macht sie blind gegenüber dem verführerischen Angebot des Scharlatans."

Familie Wimper "investierte" anfangs bereitwillig 200 000 DM - und kam Stein auch schnell auf die Schliche. Bild:HR
Familie Wimper "investierte" anfangs bereitwillig 200 000 DM - und kam Stein auch schnell auf die Schliche. Bild:HR

Ein "echter" TATORT

"Frankfurter Gold" ist der wohl stärkste TATORT der gesamten Anfangszeit der noch jungen ARD-Kriminal-Reihe. Der Film orientiert sich wie kein anderer TATORT aus der Anfangszeit an den Vorgaben des ARD-weit gültigen und abgesprochenen TATORT-Konzepts, mit dem die Reihe im November 1970 startete: "Frankfurter Gold" bezieht sich sehr stark auf einen realen Kriminalfall - visuell unterstützt durch die vorgelegte Kriminalakte - und spiegelt wie keine andere Folge aus der Zeit die regionalen Besonderheiten wider. Zuerst die Sprache und die vielen Dialekte, erweitert durch wiedererkennbaren Handlungsorte Frankfurt, Paris und Zürich, ohne sie - wie heute - zu Abziehbildern zu degardieren.

Der Film bekommt durch die zugrunde liegende Story naturgemäß einen außerordentlich hohen Realitätsgrad, nicht zuletzt durch die Vermischung von realen Personen der damals realen internationalen Finanzwelt - oder die, die sich dazu zählen, wie z.B. Gunther Sachs, Krupp oder Onassis - und die im Film zu "Leitbildern unserer heutigen Konsumgesellschaft" stilisiert werden und an denen sich Stein einseitig orientiert, wie der Psychiater am Ende des Films feststellt. Größenwahnsinn kann ihm der Mediziner nicht attestierten, wohl aber den Wunsch, den Lebensstil des damaligen Börsenkönigs Bernhard Kornfeld kopieren zu wollen und durch "den Wunsch, einen Stuhl am Tisch der Reichen ergattern zu wollen" in die Kriminalität gerät. 

Selbst die Fälscherwerkstatt hatte der um Authentizität bemühte Regisseur und Autor Fechner original nachbilden lassen. Bild:HR
Selbst die Fälscherwerkstatt hatte der um Authentizität bemühte Regisseur und Autor Fechner original nachbilden lassen. Bild:HR

Keine "obligatorische" Leiche

Unterhaltend ist der Krimi alle Mal, nicht zuletzt durch die komödienhaften Elemente. Frankfurter Gold kommt ohne Mord und ohne Leiche aus - und ist dennoch ein "echter" TATORT. Nur wenigen Zuschauern ist heute noch bekannt, dass das Ur-Konzept des TATORTs nicht zwingend Kriminalfälle mit Morden vorschreibt; so ermittelt beispielsweise Kommissar Lutz in mehreren Folgen als Beamter anderer Dezernate auch Kriminalfälle, ohne zwingend über die heute fast schon obligatorische Leiche zu stolpern.

Weil der TATORT zudem starken dokumentarischen Charakter haben sollte und im fertigen Film auch breiten Raum einnahm, fiel die Figurenzeichnung des ersten hessischen TATORT-Kommissars entsprechend klein aus und beschränkte sich nur auf die sachlichen Ermittlungen. Privatleben gab es für die Ermittlerriege 1971 kaum. Kommissar Konrad taucht kurz in der ersten Minute auf und führt den Zuschauer durch Herauskramen der Kriminalakte in den Fall ein. Dominiert wird der TATORT durch die Geschichte des Betrügers Stein. Bevor der Kriminalpolizist in Aktion treten kann, wird der Betrüger Stein und seine kriminelle Karriere - aus dem Off teilweise durch sich selbst - ausgiebig charakterisiert und vorgestellt - von der Geburt über die Zeit bei der Bundeswehr ("Intelligent, aber frech") bis hin eben zu seinen Gaunereien, die dann aufflogen.

Die Kriminalakte - sie bildet den Anfang und das Ende des TATORT-Krimis. Bild:HR
Die Kriminalakte - sie bildet den Anfang und das Ende des TATORT-Krimis. Bild:HR

Konrad, ein nüchterner Beamte

Erst in der 60. Minute taucht Kommissar Konrad von der Kriminalpolizei wieder auf, der - zack, zack - schnell herausfindet, wie der Hase läuft und die Ermittlungen beamtenkonform sachlich durchführt, sie aber unterm Strich doch nur eher beobachtet als dass er die Kriminalgeschichte aktiv vorantreiben kann; wie auch. Am Ende gibt Kommissar Konrad einen letzten nüchternen Kommentar ab und schließt für den Zuschauer die Akte wieder, bevor der erste Frankfurer TATORT-Krimi ausgeblendet wird.

Kommissar Konrad ist kein Ermittler, der die Folge dominiert. Bild:HR
Kommissar Konrad ist kein Ermittler, der die Folge dominiert. Bild:HR

Vorbild: Eduard Zimmermann?

Klaus Höhne, der Darsteller des ersten TATORT-Kommissars aus Frankfurt, charakterisierte seine Figurenrolle denn auch entsprechend: "Meine Rolle ist vielleicht mit der des XY-Zimmermanns zu vergleichen. Ich jage mit Argumenten und sporne auch die Zuschauer an, diesen authentischen Fall mitzudenken. Das Ganze ist aber kein Polizeibericht, sondern eine Mischung aus Betrug und Komödie." Der TATORT Frankfurter Gold wurde - wie viele seiner Nachfolge-Krimis vom Hessischen Rundfunk - auch als Kaufkassette im Handel angeboten. 2010 erschien diese Folge auch auf einer DVD im Handel. Die Wiederholung vom 2. Mai 2015 ist die 11. Wiederholung des Krimi-Klassikers.

Francois Werner


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