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Heute ist der: 18.11.2018. --> Bis heute wurden 1084 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

 

Versuchsballon Glatzeder

Von 1996 bis 1998 ermittelte der populäre Schauspieler Winfried Glatzeder - bekannt aus dem DEFA-Kultfilm "Die Legende von Paul und Paula" - als Kommissar Ernst Roiter für den Berliner TATORT. Der produzierende SFB (Sender Freies Berlin) war sichtlich bemüht, in dieser Ermittler-Ära stets Kriminalfälle zu erzählen, die sich mit der Lebenswirklichkeit in Berlin zur damaligen Zeit - ein halbes Jahrzehnt nach dem Mauerfall - auseinandersetzten. So wurden beispielsweise der Bauboom am Potsdamer Platz ("Mordsgeschäfte"), illegale Müllschiebereien zwischen Ost und West ("Buntes Wasser") oder ein Mord am Rande der Love-Parade ("Berliner Weiße") thematisiert. Und dennoch ernteten die Roiter-TATORTe trotz passabler Einschaltquoten beinahe durchweg vernichtende Kritiken und werden heute oftmals zu den Tiefpunkten der TATORT-Reihe gezählt. Zu Recht?

Zorowski und Roiter ermitteln, Bild: RBB

Billige Optik, verwackelte Bilder

Die Kritik bezog sich hauptsächlich auf die Tatsache, dass sich der SFB entschieden hatte, seine TATORTe aus Kostengründen statt auf normalem Film- auf billigerem Videomaterial und mit der Handkamera zu drehen: Die Folge: eine billige Optik und verwackelte Bilder. Winfried Glatzeder resümiert hierzu in seiner Autobiographie "Paul und ich": "Das TATORT-Format wurde somit zum Versuchsballon für eine Aufnahmetechnik, mit der die Kameramänner damals noch kaum Erfahrung hatten und die letztlich so viel Zeit in Anspruch nahm, dass unter dem Strich nicht nur keine Kosten eingespart wurden, sondern mehr Geld verbraucht wurde. Drei Jahre später, als ich aufgehört hatte, kehrte man wieder zur traditionellen Filmkamera zurück."

Zu den rigorosen Sparmaßnahmen beim SFB schreibt Glatzeder weiter, dass der Sender die Produktion seiner TATORTe nicht mehr selbst realisiert, sondern sie zur Ausschreibung freigegeben habe. Das preisgünstigste Angebot habe dabei den Zuschlag bekommen: "Was so weit ging, dass eine der TATORT-Folgen von einem Produzenten übernommen wurde, der seine Wohnung zum Produktionsbüro deklarierte, um Kosten zu sparen."

Kein Hauch von Hollywood

Die Kritik an den Roiter-TATORTen richtete sich jedoch oftmals auch auf den Inhalt der Folgen. Den Filmen wurde vorgeworfen, sie seien zu sexistisch, zu brutal oder zur wirr. Die Folge "Ein Hauch von Hollywood", die am Rande der Berlinale spielt, wurde gar auf dem damaligen ARD-Wiederholungssendeplatz zu nachtschlafender Stunde (montagabends um 23 Uhr) erstgesendet. Der Grund: die ARD-Vorbesichtigungsgruppe - bestehend aus Fernsehspielredakteuren des NDR, MDR, BR und SWF - war sich einig gewesen, dass sich der Film nicht für die Ausstrahlung auf dem Primetime-Sendeplatz am Sonntagabend eignet und verbannten ihn deshalb ins Nachtprogramm. Ein bislang einmaliges Ereignis in der langjährigen TATORT-Geschichte. Der damalige kommissarische SFB-Fernsehdirektor Ulrich Anschütz rechtfertigte die Entscheidung mit den optimistisch formulierten Worten: "Uns ist das Experiment nicht optimal gelungen, einen Kriminalfilm zu produzieren, der sich vom traditionellen TATORT-Muster unterscheidet."

Roiter und Zorowski mit einem Mitarbeiter der Spusi, Bild: WDR/RBB/Kindermann

Jürgen Kellermeier vom NDR, zum damaligen Zeitpunkt noch zuständig für die TATORT-Koordination, fand dagegen klarere Worte: "Diese Folge passt nicht ins TATORT-Konzept. Wir wollen auf diesem umkämpften Sendeplatz einen gediegenen, spannenden Krimi mit den Kommissaren im Mittelpunkt." Damit war das Ende der Ära Roiter besiegelt oder wie SFB-Rundfunkratsmitglied Christian Kneisel von der Berliner Akademie der Künste nach der Ausstrahlung von "Ein Hauch von Hollywood" sagte: "Dieses Elend muss ein Ende haben. Hier sitzen offensichtlich überforderte Leute auf den falschen Positionen. Nicht alles lässt sich mit Geldmangel erklären."

Keine Ansprechpartner in der Redaktion

Und so schreibt dann auch Winfried Glatzeder in seinen Lebenserinnerungen: "Am problematischsten (...) war für mich, dass ich in der Redaktion keinen Ansprechpartner fand, der sich für unsere Arbeit verantwortlich fühlte. (...) Die von der Redaktion bestimmten Drehbuchautoren kümmerten sich wenig um meine Vorstellungen. Auch waren ihre Bücher oft unfertig, die Plots unrealistisch und schlecht realisiert, was wir in der kurzen Vorbereitungszeit mit dem jeweiligen Regisseur vergeblich zu verbessern suchten." Schon sein Vorgänger Günter Lamprecht, der von 1991 bis 1995 als Kommissar Franz Markowitz in Berlin ermittelt hatte und seine Rolle aufgab, weil er mit den Drehbüchern und den Produktionsbedingungen nicht mehr zufrieden war, hatte Glatzeder vor Drehbeginn prophezeit, dass er mit dem SFB sein "blaues Wunder" erleben werde.

Die Berliner Kommissare am Tatort, Bild: MDR/SFB

Dabei hatte sich Glatzeder im Vorfeld sehr auf seine Arbeit als TATORT-Kommissar gefreut. In einem Interview mit der "Berliner Zeitung" einige Monate vor Drehbeginn der ersten Folge im August 1995 erzählte Glatzeder, dass er sich mit der Ermittlerrolle einen langgehegten Traum erfülle: "Ich wollte immer mal Kommissar werden, um die Ungerechtigkeit auf dieser Welt zu lindern. Wenigstens im Film. Die Seite finde ich außerdem sehr spannend, weil ich Jahrzehnte auf der anderen Seite, der der Verbrecher, der Verurteilten, der Täter war." Seinen Kommissar beschrieb er damals folgendermaßen: "Ich werde keine Schublade bedienen. In jedem TATORT wird eine Eigenart der Figur betont werden, die nach langen Jahren in Frankfurt am Main ihre Stadt Berlin neu entdeckt." Angst vor einer Pleite als TATORT-Kommissar hatte Glatzeder damals nicht: "Mit dem Roiter kann ich mich gut identifizieren - ein Typ in Jeans und Lederjacke, der Motorrad statt Auto fährt und dem weiblichen Geschlecht immer aufgeschlossen ist, ohne Bindungen zu wollen..."

Ein Ermittler in der Tradition von Luis de Funès

Rückblickend und fast zehn Jahre nach seiner TATORT-Pensionierung erinnert sich Glatzeder: "Ich habe versucht, einen Ermittler in der Tradition von Luis de Funès oder Jacques Tati zu gestalten. Keinen zynischen TATORT-Kommissar, keinen altklugen Besserwisser, sondern einen mit menschlichen Schwächen, der die Fälle mit Humor und Leidenschaft auf subversive Art löst. Mit Ernst Roiter versuchte ich, eine neue Figurengestaltung im Hochglanz-Format TATORT-Krimi zu platzieren."

Die Kommissare sind kurz vor einer Festnahme, Bild: RBB

Um sich auf seine Rolle vorzubereiten, begleitete Glatzeder mehrere Wochen den Berliner Chef der 5. Mordkommission. In seiner Autobiographie schreibt er dazu: "Mich beeindruckte seine Kombinationsgabe, die ihm wichtiger war als der Gebrauch der Waffe. Er führte seine Sechs-Mann-Truppe ruhig und bestimmt und hatte so gar nichts von einem Revolverhelden. (...) Mehrmals nahm er mich in die Pathologie mit. Diese Mischung aus süßlichem Verwesungsgeruch und Desinfektionsmitteln werde ich nie vergessen."

Persönliche Spannungen

Doch neben Kritik an Optik und Inhalt soll es auch hinter den Kulissen zwischen den Schauspielern zu Streitigkeiten gekommen sein. Man fühlte sich ungerecht beurteilt, dass die beabsichtigte Komik in den Dialogen zwischen Ernst Roiter und seinem Assistenten Michael Zorowski (Robinson Reichel) nicht sonderlich spontan wirkte und erst recht nicht witzig sei, führte Glatzeder in einem Interview am Rande der Dreharbeiten zur Folge "Schlüssel zum Mord" auf "persönliche Spannungen" zwischen den Darstellern zurück: "Das lassen wir eben auch in unsere Arbeit einfließen." Die Meinungsverschiedenheiten führte Glatzeder auf einen "Generationenkonflikt" zwischen ihm und seinem fast zwanzig Jahre jüngeren Kollegen Reichel zurück. Dieser wiederum meinte auf dieses Problem angesprochen beschwichtigend, dass es auch in der besten Ehe Auseinandersetzungen gäbe.

Im November 1998 lösten Winfried Glatzeder und Robinson Reichel ihren letzten TATORT-Fall. Und trotz aller angebrachten und in weiten Teilen gerechtfertigten Kritik muss gesagt werden, dass nicht alles schlecht war während der Roiter-Ära. Bisweilen sind durchaus gelungene Kriminalgeschichten entstanden - beispielsweise die Folgen "Blick in den Abgrund" und "Schlüssel zum Mord" oder die Krimikomödie "Geld oder Leben". Wahrscheinlich war Winfried Glatzeder einfach zur falschen Zeit am falschen (TAT)-Ort - viele Zuschauer hätten ihm sicherlich eine erfreulichere Zusammenarbeit mit dem SFB gewünscht. Denn dass Glatzeder ein großartiger Schauspieler ist, steht außer Frage.

Christian Rohm


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