Heute ist der: 17.05.2012.  --> Bis heute wurden 851 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt.
 

"Mehr als Marktführer kann man ja nicht sein"

Gebhard Henke, Fernsehspiel-Chef des WDR, trägt nebenbei die Berufsbezeichnung "TATORT-Koordinator". Ein Titel, mit dem der ehemalige Professor an der Kölner Kunsthochschule für Medien, wie er selbst sagt, vor seinen Kindern angeben kann. Im Interview spricht der Programmmacher über bewegte 38 Jahre mit dem ARD-Kultprodukt.

Der TATORT-Koordinator: Gebhard Henke, Bild: WDR/Bettina Fürst-Fastré
teleschau: Herr Henke, was genau tut eigentlich der TATORT-Koordinator?

Gebhard Henke: Zunächst einmal: Die TATORTe werden in großer Autonomie von den unterschiedlichen Landesrundfunkanstalten hergestellt. Seit dem Beginn der Reihe 1970 ist das ehernes Konzept. Ich bin also nicht der große Bruder, der alle Drehbücher liest oder Stoffe mitentwickelt. Ich koordiniere, wann welcher TATORT läuft oder welche Wiederholungen gezeigt werden. Vier- bis fünfmal im Jahr treffen sich die Fernsehspiel-Chefs der ARD-Sender, dann wird unter anderem Programmkritik geübt und natürlich auch immer über den TATORT gesprochen. 2007 hatten wir außerdem zwei Klausursitzungen, bei denen wir uns intensiver mit dem TATORT beschäftigt haben.

teleschau: Was wurde auf diesen TATORT-Klausursitzungen besprochen?

Henke: Wir redeten zum Beispiel über Aspekte der Regionalität - wie Dialekte eingesetzt werden. Aber auch darüber, wo die Grenzen des TATORTs liegen. Ob man sich beispielsweise vom klassischen Ermittlerkrimi lösen darf. Wir hatten zwei Krimis von Thomas Stiller im Programm, die eine starke Thriller-Struktur aufwiesen: Da war Kommissar Max Ballauf alias Klaus J. Behrendt einmal selbst unter Druck, weil ein Täter Jagd auf ihn machte. Das war eine der möglichen Erweiterungen der klassischen TATORT-Struktur. So etwas reflektieren und bewerten wir.

teleschau: Ist der TATORT heute denn ein offeneres Genre als früher?

Henke: Ja und nein. Einige Dinge sind mittlerweile einfach ungeschriebenes Gesetz geworden, auf anderer Ebene hingegen wird heute mehr experimentiert. Mein Vorgänger, Gunter Witte, hat ja den TATORT erfunden. Zu seiner Zeit gab es einen straffen Regelkodex, an den sich jeder TATORT-Produzent zu halten hatte. Regeln, die uns aus heutiger Sicht skurril, weil einfach selbstverständlich erscheinen. So wurde angemahnt, dass die Kommissare in der ersten Stunde aufzutauchen haben oder dass als TATORT kein Dokumentarfilm laufen darf. Anderseits gab es unter meinem Vorgänger auch noch Verbote, die heute nicht mehr gelten - zum Beispiel waren keine Rückblenden erlaubt. Heute jedoch haben sich die Erzählstrukturen im internationalen Krimi verändert. Über solche Trends müssen wir uns als TATORT-Verantwortliche natürlich Gedanken machen.

Das TATORT-Logo. Bild: WDR
teleschau: Das klingt jetzt aber nicht so, als wollten Sie das Genre revolutionieren ...

Henke: Nein, wir sind erfolgreich mit dem Konzept „klassischer Ermittlerkrimi“, und das soll auch grundsätzlich so bleiben. Dazu kommen die Binnengeschichten um die Kommissare, die beim Publikum ebenfalls einen hohen Stellenwert einnehmen. Fast jeder Zuschauer hat einen oder mehrere Ermittler-Lieblinge und verfolgt auch deren private Entwicklung über einen langen Zeitraum. Dennoch gilt eine Verabredung unter den Sendern, dass das Privatleben der Ermittler nicht mehr Raum einnehmen darf als der Fall selbst.

teleschau: Wie stark spürt man in diesem Gremium die Konkurrenz der unterschiedlichen TATORT-Sender? Werden gute Quoten des Anderen misstrauisch beäugt?

Henke: Das Schöne ist, dass alle TATORTe erfolgreich sind. Daher hält sich der Konkurrenzkampf in Grenzen. Ich habe eher das Gefühl, dass alle Senderverantwortlichen großen Spaß daran haben, an der Fortentwicklung der Reihe TATORT mitzuarbeiten. Das Format existiert seit fast 38 Jahren, und diese Kontinuität empfinden alle Beteiligten als Segen. Wann hat man schon mal die Chance, einen fiktionalen Stoff über einen so langen Zeitraum weiterzuentwickeln? Auch die Schauspieler, Autoren und Regisseure bringen sich beim TATORT emotional oft viel stärker ein, weil sie wissen: Nach diesem einen Film ist nicht Schluss, sondern diese Geschichten werden im Prinzip immer weiter geschrieben.

teleschau: Trotzdem sind einige Kommissare erfolgreicher als andere.

Henke: Das wechselt. Letztes Jahr hatte Ulrike Folkerts als Lena Odenthal mit über neun Millionen Zuschauern den erfolgreichsten Fall. Das Kölner Team liegt auch immer mit an der Spitze. Vor Kurzem war Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm die Kommissarin mit den besten Quoten.

teleschau: Kennen Sie das Geheimnis ihres Erfolges?

Henke: Maria Furtwängler ist jemand, der die Leute anzieht. Das sehen Sie auch an ihren anderen Filmen wie „Die Flucht“. Sie bringt einfach das mit, was einen Star ausmacht: Glaubwürdigkeit, Natürlichkeit und die gewisse Aura. Noch eine Beobachtung: Heute spielt es für den Erfolg eines TATORT keine Rolle mehr, wie etabliert ein Kommissar bereits ist. Früher waren Ermittler wie Manfred Krug und Charles Brauer, die sehr lange dabei waren, meist auch die erfolgreichsten. Diese Regel gilt heute nicht mehr. Vor einigen Jahren hatten wir schon einmal einen größeren Umbruch in den Ermittlerteams: Da kamen zum Beispiel Maria Furtwängler oder das Münsteraner Team mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers dazu. Beide waren aus dem Stand sehr erfolgreich. Gerade hatten Richy Müller und Felix Klare als neue Stuttgarter Kommissare einen sehr quotenstarken Einstand. Die Leute sind durchaus neugierig auf neue Ermittler.

teleschau: Das spricht aber auch für die Stärke der Marke TATORT, der die Leute offensichtlich blind vertrauen.

Henke: Sie vertrauen ihr zumindest, und das ist eine komfortable Situation für alle Schauspieler und Autoren, die neu dazukommen. Man muss sich sein Publikum nicht so hart erkämpfen wie bei einem neuen Stoff ohne TATORT-Siegel. Aber auch nicht ohne Grund: Über viele Jahre hinweg werden beim TATORT kontinuierlich Höchstleistungen erbracht.

teleschau: Gibt es Pläne, sich der Stärke dieser Marke über die guten Quoten hinaus zu bedienen?

Henke: Wir gehen sehr behutsam mit der Marke TATORT um. Bislang gibt es den TATORT noch nicht einmal auf DVD, aber wir arbeiten gerade an einem Vertriebskonzept. Ich gehe derzeit davon aus, dass wir noch in diesem Jahr TATORT-DVDs verkaufen werden.

Verfolgungsjagd im TATORT-Vorspann. Bild: WDR
teleschau: Bei all den Lobeshymnen auf den TATORT gilt es trotzdem festzuhalten: Früher war das Format noch erfolgreicher, da freute man sich öfter mal über mehr als zehn Millionen Zuschauer. Diese Traummarke erreicht man heute nicht mehr...

Henke: Das trifft aber auf alle lang laufenden Formate zu. Wir müssen mit einem immer stärker diversifizierten Markt leben. Die Marktanteile verteilen sich heute breiter als früher. In der Relation jedoch ist der TATORT oft genauso erfolgreich wie früher: Mehr als Marktführer kann man ja nicht sein.

teleschau: TATORT 700 präsentiert ein neues Leipziger Team, das nicht sächselt. Auch der schwäbelnde Stuttgarter Kommissar Bienzle ist weg. Bei den neueren Ermittlern fällt auf, dass die Dialektsprecher immer mehr verschwinden und dass Regionalität allgemein an Bedeutung zu verlieren scheint.

Henke: Das spiegelt aber auch die Realität in Deutschland wider. Immer mehr Leute reden Hochdeutsch, und Dialekte werden einfach von vielen Zuschauern abgelehnt. Wir hatten gerade den rheinischen Roman „Teufelsbraten“ von Ulla Hahn im Programm, da wurde Dialekt gesprochen, und das war für viele Zuschauer sicherlich ungewohnt. Es gibt ein großes Gefälle in der Akzeptanz der deutschen Dialekte. Ein gepflegtes Münchnerisch oder Norddeutsch, wie man es von Jan Fedder oder aus dem Ohnsorg-Theater kennt, ist fast überall akzeptiert. Wenn Sie breites Sächsisch reden oder Ruhrpottslang haben Sie bundesweit größere Akzeptanzprobleme. Das ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Dazu kommt, dass immer weniger Schauspieler Dialekt sprechen. Trotzdem gibt es in unserer globalisierten Welt auch einen Trend zur Regionalität. Die regionale Küche ist ja zum Beispiel wieder im Kommen. Im TATORT versuchen wir, beide Entwicklungen zu verarbeiten. Nehmen Sie den TATORT vom Bodensee, dort spielt Landschaft und Regionalität immer eine große Rolle.

teleschau: Würden Sie sagen, dass die Qualität des TATORTs heute in der Breite größer geworden ist?

Henke: Ich persönlich empfinde das so. Das mag aber auch daran liegen, dass die Qualität des deutschen Fernsehfilms generell mächtig angezogen hat, auch im internationalen Vergleich. Davon profitiert auch der TATORT. Schauen Sie sich doch mal beim Mittwochsfilm der ARD oder montags beim ZDF um, was da für herausragende Filme dabei sind. Dieter Wedel sagte bei der Verleihung der „Goldenen Kamera“, dass sich die Jury kaum unter zehn herausragenden Fernsehfilmen entscheiden konnte. Nennen Sie doch einmal zehn herausragende deutsche Theaterinszenierungen oder zehn Kinofilme in einem Jahr!



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