Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 23.09.2017.
 
Sie sind hier:  TATORT-FUNDUS > 

40 Jahre TATORT „Reifezeugnis“

„Eine ungeheuerliche Geschichte“

Anlässlich des 40. Geburtstags des TATORTs „Reifezeugnis“ sprach Tatort-Fundus.de mit dem NDR-Fernsehfilmchef Christian Granderath über die junge Nastassja Kinski, den Erfolg des TATORT-Klassikers und über eine Fortsetzung im deutschen Fernsehen.

Christian Granderath ist Fernsehspielchef des NDR und dort für alle TATORT-Produktionen verantwortlich. Als Produzent hat er vor dieser Zeit einige Kölner TATORTe für den WDR produziert. Beim Südwestfunk war er zwischen 1991 und 1996 zeitweise verantwortlich für die TATORTe aus Ludwigshafen. Bild:NDR

Warum ist der TATORT „Reifezeugnis“ eigentlich zur Legende geworden?

Christian Granderath: Mit Reifezeugnis in den Siebzigern und Schimanski Anfang der Achtziger sind, wenn man es plakativ formuliert, sexuelle Revolution und Revolte ein StĂĽckchen auch im Fernsehen, in der Fiktion, angekommen. Reifezeugnis war damals Tages- und Schulhofgespräch, das hat sich ĂĽber Jahre gehalten. Vor allem natĂĽrlich wegen Nastassja Kinski, die damit zu einer erotischen Ikone geworden ist. Es gab noch Ingrid Steeger und Klimbim, das waren Comedy-Serien und Filme, bei denen man das GefĂĽhl hatte, da landet etwas im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, was sich schon im Alltag bewegt hatte, aber auf der Mattscheibe noch nicht erkennbar war.

Sie selbst waren damals 17 Jahre alt - haben Sie "Reifezeugnis" bei der Erstausstrahlung gesehen?

Christian Granderath: Ja, klar – daran erinnere ich mich noch sehr gut. Das war fĂĽr uns eine ungeheuerliche Geschichte, weil eine SchĂĽlerin mit ihrem Lehrer ein Verhältnis hatte. Vielleicht, weil es bei uns am Gymnasium auch solche Verhältnisse gab. Ob es einen Derrick oder einen Kommissar zu diesem Thema gab, weiĂź ich gar nicht, aber wenn, dann ist der heute vergessen. Der Drehbuchautor Herbert Lichtenfeld, Wolfgang Petersen, Judy Winter und Christian Quadflieg, die Dramaturgie und die Regie haben natĂĽrlich einen wichtigen Anteil am Mythos um den Film. FĂĽr Christian Quadflieg haben ja auch viele Mädchen geschwärmt. Aber Nastassja Kinski war die, die den Unterschied und den Film zu einem Klassiker gemacht hat.

Ihr Bild hing lange in vielen Jungen-Zimmern. Sie wirkte wie eine erotische Offenbarung. Das gibt es vermutlich in dieser Form heute nicht mehr, nicht in der Wirklichkeit und nicht im Fernsehen, weil fast alle Tabus gefallen sind. Ein Kritiker hat vor kurzem geschrieben, Reifezeugnis sei eine Art von Ăśbersetzung des Schulmädchenreports in einen öffentlich-rechtlichen Fernseh-Film. Das sehe ich ĂĽberhaupt nicht so. Es gibt natĂĽrlich eine Verbindung zum Film Die ReifeprĂĽfung (The Graduate) von 1968. Und wohl auch fĂĽr die Macher damals, denn wenn die den TATORT in Anlehnung an den Film mit Dustin Hoffman Reifezeugnis nennen – der hatte ja auch schon Wellen geschlagen – dann hatte das sicher mehr miteinander zu tun….

Szene aus Reifezeugnis Bild:NDR/Telepress

…..denn der NDR wollte diesen TATORT ursprünglich auch „Reifeprüfung“ nennen!

Es heißt ja immer, für Kinski und den Regisseur Petersen sei der TATORT das Sprungbrett nach USA gewesen, „Reifezeugnis“ war später auch im amerikanischen Kino als „For your love only“ ein Riesen-Erfolg. Wie kam es dazu?

Christian Granderath: Ohne Christian Quadflieg kränken zu wollen - der ja auch der Sohn eines groĂźen Schauspielers war - Nastassja Kinski wurde als die Tochter von Klaus Kinski mit Reifezeugnis eigentlich sofort zur Legende, nicht erst in der RĂĽckschau. Sie hatte so einen starken Eindruck hinterlassen, dass auch international groĂźartige Regisseure auf sie aufmerksam wurden, wie z.B. Roman Polanski, der dann 1979 Tess mit ihr drehte. Sie hat in One from the heart mit Francis Ford Coppola gearbeitet und in Cat People mit Paul Schrader. Das hatte vielleicht auch mit Wim Wenders zu tun, der ja damals in Hollywood war und der sie noch vor Reifezeugnis als erster in Falsche Bewegung und später dann in Paris,Texas besetzt hatte.

Wolfgang Petersen hat nach dem TATORT und vielen herausragenden Fernsehspielen in den 70ern erstmal die deutschen Kino-Filme Das Boot und danach Die unendliche Geschichte gedreht. Erst danach ging es fĂĽr ihn nach Hollywood. Und auch da startete er nicht sofort durch. Jedenfalls war es nicht so, dass seine Karriere in Amerika auf Reifezeugnis begrĂĽndet war.

Herbert Lichtenfeld, der Autor von „Reifezeugnis“, zitiert den NDR-Redakteur bei der Abgabe des fertigen Buchs mit den Worten „Das ist Kitsch!“ - Wie sehen Sie das?

Christian Granderath: Anders. Reifezeugnis ist kein Kitsch.

Wenn man Ihnen den Plot zu „Reifezeugnis“ heute noch mal anbieten würde, hätte der überhaupt eine Chance, verfilmt zu werden?

Christian Granderath: Liebesbeziehungen zwischen Lehrern und SchĂĽlern haben meistens Potential fĂĽr eine starke Geschichte. Heute mĂĽsste sicher einiges anders erzählt werden. Aber wenn jetzt die nächste Frage ist, planen Sie aktuell ein Remake oder eine Fortsetzung von Reifezeugnis â€“ Nein, das planen wir nicht. Doch natĂĽrlich wäre es klasse, mal einen TATORT mit Nastassja Kinski, Wolfgang Petersen oder Wim Wenders zu machen.

Das Erzähltempo von „Reifezeugnis“ ist ja eher langsam…

Christian Granderath:…..gediegen….

… und Überlänge hat er auch. Hat „Reifezeugnis“ trotzdem noch mal die Chance, prominent im Ersten Programm zu laufen, die letzte Wiederholung liegt dort schon über 15 Jahre zurück!?

Christian Granderath: Sag niemals nie. Vielleicht zum 50. Geburtstag von Reifezeugnis. Zum GlĂĽck gibt es die Möglichkeit, diesen Film immer wieder mal auf den Sendeplätzen in den Dritten zu zeigen.

Wie ordnen Sie „Reifezeugnis“ innerhalb der TATORT-Reihe ein?

Christian Granderath: Für mich persönlich gibt es keinen anderen TATORT, der bei dem eine Schauspielerin so einen prägenden und unvergesslichen Eindruck hinterlassen hat. Auch deshalb steht er für mich in einer Reihe mit den ersten Schimanski-Filmen Anfang der 80er Jahre.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte François Werner


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2017
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite fĂĽr Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3