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TATORT-Quote für Experimente

"Mithelfer einer konservativen gesellschaftlichen Rückwärtsbewegung"

Die Reaktionen der Medien, Filmemacher und Fans auf die beabsichtigte Quote für jährlich zwei grenzüberschreitende TATORTe fallen deutlich aus. Die Zuschauer und Fans begrüssen die Quote offenbar, Medien und Filmprofis sind empört. Dr. Michael Kötz, der Festivalleiter des Filmfestes Ludwigshafen, protestiert nachhaltig dagegen. In der Kritik stehen vor allem die TATORT-Verantwortlichen der ARD, welche die Quote durchsetzen wollen. 



Jörg Schönenborn, ARD-Fernsehfilmkoordinator, Bild:WDR/Herby Sachs
Gebhard Henke, TATORT-Koordinator, Bild:WDR/Herby Sachs

Dies sind vor allem der Fernsehdirektor Jörg Schönenborn und TATORT-Koordinator Gebhard Henke. Schönenborn hatte am Samstag die vom TATORT-FUNDUS gemeldete Quote von zwei jährlichen "grenzüberschreitenden" TATORTen bestätigt. Er sagte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa): "Wir wollen auch künftig Filme, die besonders sind und das Publikum überraschen. Darüber hinaus können wir uns zweimal im Jahr auch "experimentelle" Krimis vorstellen."

Veränderungen in der "DNA des TATORTs"

Der TATORT-Koordinator Gebhard Henke sagte rückblickend zu "Experimenten" innerhalb der Fernsehreihe: "Wir hätten sicherlich angesichts der über 1000 Stücke nicht das Niveau halten können, wenn wir nicht Innovation und das Austesten der Grenzen ermöglicht hätten. Der klassische Ermittlerkrimi ist und bleibt aber die DNA des TATORTs. "Dabei wollen wir den Zuschauern überwiegend klassische Ermittlerkrimis anbieten und von Zeit zu Zeit einen experimentellen TATORT einstreuen", sagte Henke. "Die Frage, was experimentell ist und was nicht, kann man nur im Einzelfall diskutieren. Dafür gebe es keine verbindliche Definition."

Vorangegangen war im März nach der Ausstrahlung des mißglückten Improvisations-TATORTs Babbeldasch ein von der BamS tituliertes "Machtwort" des ARD-Programmdirektors Volker Herres, der dort sagte: "Zum TATORT gehören immer wieder auch einmal mutige Experimente. Das ist okay, solange es nicht in einen Wettlauf der Redaktionen mündet, wer den abgedrehtesten Film produziert."  

In der BILD erklärte sich Programmdirektor zum TATORT-Markenkern: dies sei der Krimi-Plot

Zuschauerproteste erhöhen den Druck

Das hatten in der Vergangenheit immer hartnäckiger und in kürzeren Abständen viele Zuschauer bemängelt und kritisch vorgetragen. Tatsächlich konnten die Zuschauer den Eindruck bekommen, als würden sich manche Redaktionen mit extravaganten, exotischen, eben: experimentellen, TATORTen gegenseitig übertrumpfen wollen und den Kern des Krimis, den Mordfall, immer mehr aus den Augen verlieren. Als nach der Babbeldasch-Pleite die Kritik unüberhörbar wurde, versuchte Herres die Zuschauer via BamS zu beruhigen und ARD-intern dafür zu sorgen, dass der "Markenkern Krimi" beim TATORT wieder mehr im Fokus steht - der Beginn der Quotendiskussion. 

Und nun findet sie wohl wieder statt, - nicht nur intern - denn am letzten Oktober-Wochenende spitzten sich die Ereignisse zu. Zum einen sendete DasErste anlässlich von Halloween den ersten "Horror"-TATORT Fürchte Dich, zum anderen wurde die Absicht der ARD, die Quote für "experimentelle" bzw "grenzüberschreitende" TATORTe einzuführen, öffentlich.

Experiment I in der öffentlichen Wahrnehmung gescheitert: Babbeldasch von Axel Ranisch, Bild:SWR/Furch
Experiment II stark in der öffentlichen Kritik: Fürchte Dich. der erste Horror-TATORT. Bild:HR/Dernbacher

Diskussion flammt auf - öffentlich

Fürchte Dich war so meilenweit von der gewachsenen Krimierwartung vieler Zuschauer entfernt, dass sie verstört und verärgert reagierten, indem sie ab- oder umschalteten und in den sozialen Netzwerken und auch in der TATORT-RANGLISTE ihrem Ärger Luft machten - Tenor: die Quote ist richtig, solche Experimente gehören abgeschafft oder zumindest begrenzt. 

Entsprechend fiel auch das objektive Maß aller Dinge für Fernsehmacher aus: Die Einschaltquote war für TATORT-Verhältnisse unterdurchschnittlich, richtig mies: wie auch Babbeldasch kam Fürchte Dich nicht über die 7 Millionenmarke. Die beiden TATORT-Experimente aus 2017 dürften bei den meisten als "gescheitert" angesehen werden. Und wiederum den ARD-Verantwortlichen Recht geben, welche die Quote wollen.

Kritiker reagieren auf die ARD-Absicht 

Während dieser Tage Zeitungskommentatoren, Drehbuchautoren oder Regisseure eher ironisch-hilflos auf die Quote reagieren und sich eher mit der Frage beschäftigen, wie die ARD eine solche Quote praktisch umsetzen will,  formuliert Dr. Michael Kötz seine Kritik grundsätzlich - und sehr klar.

Dr. Michael Kötz kritisiert die Absicht der ARD, eine Quote für "experimentelle" TATORTe einzuführen, scharf. Bild:FFLU

Kötz ist Direktor des zweitgrößten deutschen Filmfestes, dem Festival des Deutschen Films in Ludwigshafen. Auf seinem Festival liefen im September fünf (5!) neue TATORT-Premieren vorab, so viele wie noch nirgendwo. Kötz mag den TATORT und sieht in ihm mehr Kunst und weniger eine soziologische Reportage. Die in letzter Zeit gewachsene Experimentierfreude des Genres habe eine einzigartige Gelegenheit für die Zuschauer geboten, ihren Horizont hinsichtlich Erzählstruktur und Formverständnis der Filmkunst zu erweitern. 

Nachdrücklicher Protest - "Freiheit für den TATORT"

Er protestiere deshalb mit Nachdruck gegen die Pläne der ARD. Aus Gründen der "politischen Hygiene" müsse der TATORT auch weiterhin "seine großen Möglichkeiten der Horizonterweiterung im Zulassen allen Fremden ausspielen können und so dem Bildungsauftrag der ARD entsprechen." Kötz forderte "Freiheit für den TATORT!". Die Absicht der ARD, die Freiheit der Kunst zu beschneiden und eine Obergrenze einzuführen für das, was ein TATORT dem Zuschauer zumuten darf, lehne er ab.

Kötz griff den Politologen und Journalisten Schönenborn und den "mit hoher ästhetischer Fachkenntnis" ausgestatteten Henke - dieser ist nebenberuflicher Professor an der Kölner Kunsthochschule für Kreatives Produzieren - scharf an, weil sie mit ihrem „Kontrollkommitee“ festlegen wollten, wann ein TATORT zu experimentell sei für den Zuschauer und wie oft man ihm dies zumuten könne - diese Haltung grenze an einer Indoktrination des Publikums.

Kötz: Keine Obergrenze am TATORT

Schönenborn, Henke und die Koordinationsrunde der ARD würden damit zu Mithelfern einer konservativen gesellschaftlichen Rückwärtsbewegung, die sie politologisch vermutlich zugleich beklagen würden. Denn sie bestärken die Menschen darin, fremdartige ästhetische Erfahrungen so wenig zuzulassen wie manche die Fremdartigkeit zugewanderter Menschen ablehnen. Die Einführung der Quote = Obergrenze stünde in einer ganz schlechten politischen Tradition, so Kötz.

Francois Werner


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