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Neue TATORT-Folgen auf DVD

Fans und Sammler dürfen wieder hoffen

Ein Fernsehklassiker feiert rundes Jubiläum. TATORT ist auch nach 46 Jahren noch immer die beliebteste Krimi-Reihe im deutschen Fernsehen. Alles begann mit „Taxi nach Leipzig“ am 29. November 1970. Fast zeitgleich mit der 1000. Folge mit demselben Titel beginnt das Berliner Medienunternehmen Icestorm Entertainment, das sich vor allem auf filmische Schätze aus der DDR und anderen Ostblockstaaten spezialisiert hat, mit der Veröffentlichung einiger Folgen aus der Pionierzeit der Reihe.

 

Dies ist nicht der erste Versuch. Den 40. TATORT-Geburtstag im Jahr 2010 nahm das amerikanische Medienunternehmen Walt Disney Studios Home Entertainment zum Anlass, einige besonders beliebte Folgen auf Einzel-DVDs und in Sammlerboxen mit thematischen Schwerpunkten herauszubringen. Was gut begann endete dann aber jäh, wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen. So war man nicht um Vollständigkeit bemüht, sondern beschränkte sich auf Folgen, die vermeintlich beim Publikum gut ankamen. Auf diese Weise kam es teilweise zu Doppel- und Dreifachveröffentlichungen.

Kommt die mediale Gesamtausgabe?

Die Fans und Sammler wurden damit nicht befriedigt, denn auch unter den weniger bekannten Fällen oder „Giftschrank“-Folgen finden sich zahlreiche Juwelen. Viele Fernsehserien von ARD-Sendern, dem ZDF und DFF sind mittlerweile auf DVD erschienen, wobei sich neben Icestorm besonders Studio Hamburg, Universum Film und EuroVideo engagieren. Aber der Deutschen liebste Krimireihe wartet nach 1000 Folgen noch immer auf eine mediale Gesamtausgabe, was bei der strukturellen Vielfalt der ARD-Länderanstalten, außerdem ORF und SRF etwas komplizierter ist als bei ZDF-Serien wie „Kommissar“ oder „Schwarzwaldklinik“.

 

Die 1000. Folge als Anlass zu nehmen, eine neue Veröffentlichungswelle zu starten, klingt erfolgversprechend. Man kann nur hoffen, dass den Verantwortlichen aus lizenzrechtlichen oder kommerziellen Gründen nicht vorzeitig die Luft ausgeht wie einem Hollywood-Studio, das primär andere Interessen hat als Fernsehreihen in Europa zu vermarkten. Icestorm dagegen hat bereits Erfahrung mit der Veröffentlichung sämtlicher DDR-Folgen von „Polizeiruf 110“, die im Wechsel mit Studio Hamburg erschienen. Mit zwei markanten DVD-Boxen startet nun das ambitionierte TATORT-Projekt, das damit hoffentlich noch lange nicht abgeschlossen sein wird.

Diesmal kein Bonusmaterial auf DVD

Eine Box mit 10 DVDs und einer Gesamtlaufzeit von 1800 Minuten bringt 20 beliebte Fälle aus den 1970er-Jahren, von denen sechs bereits auf DVD erschienen sind. Darunter sind Tophits wie der Debütfilm „Taxi nach Leizpig“, „Reifezeugnis“ oder „Rot - rot - tot“ mit Curd Jürgens als prominentem Gast. Im Gegensatz zu Disney wird bei Produktausstattung auf filmische Extras verzichtet, dafür kann man sich über informative Booklets freuen. Es gibt ein Wiedersehen mit Kommissaren, die mit ihren markanten Persönlichkeiten und Methoden der damals noch jungen Reihe ihren Stempel aufdrückten: Trimmel (Hamburg), Finke (Kiel), Veigl (München), Lutz (mehrere Städte in Baden-Württemberg), Gerber (Baden-Baden), Haferkamp (Essen), Konrad (Frankfurt), Brammer (Hannover) und Schmidt (Berlin).

 

27 Schimanski-TATORTe auf DVD-Box erhältlich

Die zweite neue TATORT-Box  ist dem kürzlich verstorbenen Götz George gewidmet, der als Kommissar Horst Schimanski in Duisburg zu einer Kultfigur des deutschen Fernsehens wurde. Enthalten sind auf 14 DVDs sämtliche ursprüngliche 27 TV-Folgen mit einer Gesamtlaufzeit von 2430 Minuten. Leider fehlen die beiden Fälle „Zahn um Zahn“ (1987) und „Zabou“ (1990), die vor der Fernsehausstrahlung zunächst im Kino gezeigt wurden. Schimanski gilt als der beliebteste TATORT-Kommissar aller Zeiten. Keinem anderen Ermittler war es vergönnt, nach seiner aktiven Zeit im TATORT in einer eigenen Krimiserie, die seinen Namen trägt, weiter auf Verbrecherjagd gehen zu dürfen.

Am 28. Juni 1981 wurde der erste Schimanski-TATORT ausgestrahlt. Der unkonventionelle Ruhrpott-Kommissar sorgt zunächst für zwiespältige Reaktionen. Für die einen ist er ein Gesetzesbrecher und Schmuddel-Kommissar, doch für die meisten wird der kernige „Bulle“ zu einem Idol, weil er sich gegen die Obrigkeit auflehnt und für Arme und Benachteiligte eintritt, ohne Konventionen zu beachten und dabei auch gegen den Strom schwimmt. Er verfügt sowohl über kriminelle Energie als auch über ein ungeheures Gerechtigkeitsempfinden. Dabei interessieren ihn die menschlichen Hintergründe mehr als die Verbrechen. Nebenbei gilt er als Prototyp für die sexuelle Revolution der Altachtundsechziger. Mit seinem muskulösen Körper zieht er die Frauen an, ist außerdem anarchistisch mit zuweilen hartem Umgangston. Die Hassliebe zu seinem Antipoden Christian Thanner (Eberhard Feik), einem pflichtbewussten Vorzeigepolizisten, gilt vielen späteren Ermittlerteams bis heute als Vorbild.

 

Als aus der Schwäche Stärke wird

Die Geschichte dieses mittlerweile fast allsonntäglichen Klassikers ist einzigartig im deutschen Fernsehen. Als der damalige WDR-Fernsehspielchef Gunther Witte den TATORT erfand, war dessen Erfolgsgeschichte noch nicht vorauszusehen. Auf die große Beliebtheit der ZDF-Krimiserie „Der Kommissar“ mit Erik Ode musste die ARD irgendwie reagieren. Das ist aber bei ihrer föderalen Struktur komplizierter als beim zentralistisch organisierten ZDF. Trotz anfänglicher Abstimmungsprobleme der Sender gelingt es Witte, seine Idee einer Krimireihe mit mehreren Kommissaren an verschiedenen Orten durchzusetzen. Man einigt sich auf ein Konzept mit möglichst authentischen Fällen und viel Lokalkolorit. Schließlich wird aus der anfangs befürchteten Schwäche eine Stärke, denn unterschiedliche Personen, Orte, Landschaften und Dialekte sorgen für Abwechslung.

 

Quantität vor Qualität

In seiner Anfangszeit erreicht der TATORT einmal im Monat durchschnittliche Marktanteile von über 60%, was mehr als 20 Millionen Zuschauern entspricht. Den Rekord hält 1974 die Folge „Nachtfrost“ von Wolfgang Petersen. Der Kieler Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) lockt mit 76% Marktanteil mehr Zuschauer vor den Bildschirm als das WM-Endspiel mit deutscher Beteiligung. Wenn durch die Konkurrenz des Privatfernsehens und Internets solche Werte heute unmöglich sind, so halten dennoch um die 10 Millionen Zuschauer der Reihe fast jeden Sonntag nach der Tagesschau die Treue. Hinzu kommt noch eine beachtliche Dunkelziffer durch die fast täglichen Wiederholungen älterer Folgen in den dritten Fernsehprogrammen. Kritiker des Krimi-Klassikers gibt es dennoch, den einen sind die Fälle zu sehr, den anderen zu wenig realistisch. Aber durch die Heterogenität der Geschichten und Charaktere ist es leichter, eine feste Fangemeinde zu bekommen als bei den monotonen ZDF-Krimiserien aus München-Grünwald mit ihrem festen Darstellerensemble.

Beim TATORT hingegen sorgt nicht nur die Vielzahl der Kommissare für Abwechslung, auch bei den Verbrechern und Opfern wird großer Wert auf Lokalbezug und Einzigartigkeit gelegt. Leider hat sich das im Lauf der Jahrzehnte etwas gelegt, sodass Originale wie Melchior Veigl (Gustl Bayerhammer) in München oder Ernst Bienzle (Dietz Werner Steck) in Stuttgart immer weniger werden. Später dürfen Schauspieler mit unverkennbar bayerischem Akzent auch in Saarbrücken oder Konstanz ermitteln. Außer in besonderen sozialen Milieus oder bei einigen Assistenten wird in den neueren Folgen ein einheitliches Schriftdeutsch mit mehr oder weniger Akzent gesprochen. Auch lässt sich nicht bestreiten, dass heute im Gegensatz zur Gründerzeit oft die Quantität vor der Qualität steht. Weniger neue, vielleicht einmal monatlich, aber qualitativ nur hochwertige Folgen, die eher die Realität der Polizeiarbeit abbilden, ähnlich wie beim „Polizeiruf 110“, würden dem Format nicht schaden.

 

Genügend Gründe für die Folgen aus der TATORT-Frühzeit

Es gibt also genügend Gründe, besonders die legendären Folgen aus der Frühzeit wieder zu sehen. Die Wiederholungen im Fernsehen bieten nur bedingt Hilfe, denn sie stammen meist aus dem letzten Jahrzehnt. So bleibt die gesamte chronologische Entwicklung verborgen. Denn wie keine andere Reihe im deutschen Fernsehen sind die TATORT-Folgen als lebendiges Geschichtsbuch ein Seismograph der bundesdeutschen sozialen Wirklichkeit.

Das beginnt bereits im ersten Fall „Taxi nach Leipzig“, wo der kalte Krieg zwischen den beiden deutschen Staaten allgegenwärtig ist. In „Reifezeugnis“ begeht eine Schülerin (Nastassja Kinski) einen Tabubruch, als sie sich in ihren Lehrer (Christian Quadflieg) verliebt. Die gelungene Auswahl in der Box aus den 1970er Jahren zeigt die Vielfalt dieser Serie. Walter Richter verkörpert den sturen Paul Trimmel, der noch der Kriegsgeneration angehört. Hans-Jörg Felmy als Haferkamp und Klaus Schwarzkopf als Finke lösen ihre Fälle souverän und ohne große Emotionen.

Das sieht man in den aktuellen Fällen nur noch selten. Die Drehbuchautoren wollen sich scheinbar mit seltsamen Sprüchen und unrealistischen Geschichten gegenseitig an „Originalität“ überbieten, gleiten dadurch jedoch öfter ins komödiantische oder satirische Fach ab und tun damit dem Klassiker keinen Gefallen.

 

Vollständig bis zum 50. Geburtstag des TATORT?

Bis jetzt sind lediglich 175 verschiedene TATORT-Episoden auf kommerziellen DVDs erschienen, bei Disney, Icestorm und sechs Folgen des RBB in Eigenregie. Das sind noch nicht einmal 20 Prozent der bisher ausgestrahlten Fälle. Es bleibt zu hoffen, dass es gelingen wird, die Lücken nach und nach zu füllen.

Das gilt besonders für die Zeit vor 2000, denn viele der späteren Folgen, von denen viele nicht mehr die künstlerische und dramaturgische Qualität wie die Klassiker von 1970-1990 erreichen, werden täglich mehrfach in der ARD oder deren dritten Programmen wiederholt.

Diese Krimireihe hat es verdient, endlich einmal komplett den Fans und Sammlern zugänglich gemacht zu werden, wie es auch mit vielen weniger bedeutenden Fernsehserien geschieht. Vielleicht gelingt dies bis zum 50. TATORT-Geburtstag im Jahr 2020.

Ausführliche Informationen zu den beiden neuen Boxen gibt es unter www.spondo.de.

Johannes Kösegi


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