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"Die Wahrheit"

Am Ende ohne Täter

Im Münchner TATORT "Die Wahrheit" enden die Ermittlungen, ohne dass die Polizei einen Täter präsentieren kann - wie im realen Vorbild-Fall des Münchner "Isarmords". Damit reiht sich der Münchner TATORT ein in eine Zahl weiterer Folgen ohne Täter, die damit das Bedürfnis der Zuschauer nach einem festgenommenden Täter und beruhigenden Recht-und-Ordnung-Ende konterkarieren.

 

Der Bayerische Rundfunk (BR) schreibt in seiner Pressemitteilung zu Die Wahrheit  zum für viele Zuschauer sicher unbefriedigenden Ende, dass dies für die Münchner TATORT-Ermittler neu sei. Doch schon in der Folge Der tiefe Schlaf von 2012 haben die Ermittler im Trüben gefischt -  einen Täter konnten sie jedenfalls nicht finden und überführen, geschweige denn festnehmen.

Als Leitmayr und Batic einen Mann durch einen Wald verfolgen, kommt dieser durch einen Unfall ums Leben. Er hatt sich lediglich geräuspert  - wie der potenzielle Täter. Doch ob es wirklich der gesuchte Täter ist, bleibt offen. Das bloße Wegrennen vor der Polizei ist jedenfalls kein Beweis; Leitmayrs Annahme, dies sei der Täter, ist Spekulation. Der Zuschauer erfährt dazu nichts, auch nicht später.

 

Die kleine Kanaille

Im Berliner Fall Die kleine Kanaille von 1986 gelingt es Kommissar Bülow ebenfalls nicht, dem vermutlichen Täter, dem Pelzhändler Lorenzen, die Tat nachzuweisen, obwohl er felsenfest überzeugt ist, den Täter zu kennen. Tatsächlich spricht auch vieles dafür, aber es stellt sich auch juristisch die Frage, ob der Fall überhaupt ein Mord ist und justiziabel ist. Der Ermittler Bülow schießt sich auf Lorenzen auf ihn ein, sagt ihm den Kampf an, verfolgt ihn, ja giftet ihn sogar an ("Ich krieg dich") - doch überführen kann er ihn nicht.

Weil sie böse sind

Im genialen Weil sie böse sind von 2010 wird der dreifache Mörder Rolf Herken ebenfalls nicht von der Polizei überführt, geschweige denn gefasst. Wie auch - Dellwo und Sänger kommen während der Ermittlungen überhaupt kein einziges Mal mit ihm in Berührung. Am Ende des Films laufen sie in unmittelbarer Nähe am Mörder vorbei; ganz zufällig, ohne zu wissen, wie sich der Fall wirklich zugetragen hat. Der Fall wird ans LKA weitergereicht.

 

Täter auf der Flucht

Dass am Ende ein Täter nicht inhaftiert wird und seiner Bestrafung durch ein Gericht zugeführt wird, obwohl er überführt ist bzw. Verdachtsmomente dafür sprechen, ist im TATORT ebenfalls schon vorgekommen. Schon im Erstling Taxi nach Leipzig von 1970 lässt Kommissar Trimmel ihn laufen. Auch in Frau Bu lacht aus dem Jahr 1995 verschleppen die Ermittler Batic und Leitmayr die Ermittlungen am Ende bewusst so, dass die Mörderin Sita nach Thailand flüchten kann - sie helfen aktiv dabei mit.

 

Auch im viel beachteten TATORT Borowski und der stille Gast von 2012 schafft es der Täter am Ende (vermeintlich) schwer verletzt aus einem Notarztwagen zu flüchten. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) nahm dies gar zum Anlass, die Geschichte als erstes TATORT-Sequel einige Jahre später weiter fortzuspinnen.

Die Täterfrage fürs TATORT-Spiel genutzt

2012 hat der Südwestrundfunk (SWR) mit dem TATORT Der Wald steht schwarz und schweiget aus der Täterfrage das erste TATORTplus-Spiel gemacht. Denn am Ende bleibt die Täterfrage offen - ganz bewusst, denn die Zuschauer sollen den Täter fernab vom Fernsehapparat am Computer online ermitteln. Doch das Echo ist mau, kaum mehr als 20.000 User machen mit. 

 

Viele Täter schlicht unklar

Öfter als vermutlich von den meisten Zuschauern angenommen ist die Identifizierung vieler Täter (oder: Mörder) im TATORT oft gar nicht erfolgt, weil nicht möglich. Etwa dann, wenn SEK-Beamte, Polizisten und andere Beamte schießen oder Unbekannte einen Mord verüben. Beispielsweise die Mitglieder des Astan-Clans im Schweiger-TATORT Kopfgeld (2014) oder die vielen namenlosen Schergen des Drahtziehers Richard Harloffs im Knaller-TATORT Im Schmerz geboren von 2014 - diese Morde sind dramaturgisch uninteressant und nicht mehr als ein Symbol - die reine Tat interessiert niemanden, deswegen wird sie von den TATORT-Ermittlern auch gar nicht erst (weiter)verfolgt. 

 

Fazit: Das Bedürfnis vieler Zuschauer, am Sonntag Abend durch die TATORT-Ermittlungen einen Täter dingfest zu machen und so Recht und Ordnung wieder herzustellen, um dann beruhigt aus dem Wochenende der neuen Arbeitswoche entgegen zu schlummern, wird nicht immer befriedigt. Und die Macher setzen das Mittel selten und behutsam an. Die Zuschauer langfristig vergraulen - das will keiner der Fernseh-Verantwortlichen.

Francois Werner
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