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Heute ist der: 17.12.2017.
 

Proll mit Hang zu Spießigkeit und Romantik

ARD-Video veröffentlichte DVD-Box mit 14 "Schimanski"-Filmen zu Ehren Götz Georges

Die DVD-Box enthält 14 Filme der Schimanski- Reihe
Natürlich: Es sind vor allem die alten Schimanski-Filme aus den 80-ern, die wirklich legendär sind. Als Schimmi, der von Götz George so eindrucksvoll verkörperte harte Bulle aus Duisburg, noch ganz regulär in der TATORT-Reihe ermittelte, war das mitunter so spektakulär, so actionreich und dick aufgetragen, dass er es mit den Filmen "Zabou" und "Zahn um Zahn" sogar bis ins Kino schaffte. Dass die insgesamt 29 Krimis dieser (sicher auch wegen des extrem kultigen 80er-Jahre-Looks und einer Menge Ruhrpott-Malocher-Nostalgie) so hoch gehandelten Ära auf der nun von ARD-Video veröffentlichten DVD-Box "Schimanski" fehlen, ist daher schade. Aber freilich wurden diese Werke schon anderweitig gesammelt herausgebracht. Auf "Schimanski" finden sich die 14 Filme aus seiner Zeit als "Einzelkämpfer", also alle seit 1997 - bis auf "Schicht im Schacht", den neuesten, der erst am 20. Juli, drei Tage vor Goerges 70. Geburtstag, im Ersten lief.

Niveauvolles und hochaktuelles Fernsehen

Schimanski lebt auf einem Hausboot auf der Maas in Belgien, Bild: NDR/WDR/Michael Böhme
Was man hier sieht, ist nicht nur niveauvolles, sondern hochaktuelles Fernsehen. Dennoch muss erst noch ein wenig Historie sein, um das Phänomen Schimanski ganz zu erfassen: Es war 1991, als George raunzte: "Ich hab' einfach kein Bock mehr, ich hab' die Schnauze voll." Schimmi hatte fertig, vielleicht, so hat man damals auch leicht mutmaßen können, war die Zeit eines solchen Machos und, das Wort fiel oft, Proleten auch einfach abgelaufen. Hard Rock hieß Grunge, aus Büroangestellten wurden Yuppies, und vor allem: Da war die Wiedervereinigung. Der Ruhrpott verlor seine Underdog-Exotik. - Das geeinte Deutschland hatte ja jetzt ganz andere Problemfelder in gar nicht blühenden Landschaften zu bestellen.

Alles großer Quatsch. Das Fernsehen, nein, die Zuschauer waren es wohl, die schon bald merkten, dass da etwas fehlt im immer gleichförmigeren Einerlei, dass es keine kernigen Typen mehr gibt. Und das Ruhrgebiet wiederum - Schalke holte den UEFA-Cup, der BVB gewann gar die Champions League - hatte ein neues Selbstbewusstsein erlangt, das nach neuen Galionsfiguren schrie. Weil der Ruhrpottler gerne Traditionalist ist, am liebsten solche, die für das neue und das alte Lebensgefühl gleichermaßen stehen. Das heißt: Würde bei Fußballern nicht irgendwann die Biologie das Ende der Laufbahn manifestieren, wären Leute wie Jupp Tenhagen, Manni Burgsmüller, Bernhard Dietz, Rüdiger Abramczik oder Lothar Huber heute wohl im gleichen Atemzug zu nennen wie Horst Schimanski. Aber, klar, der einzige Cop, nach dem ein Kleidungsstück benannt wurde, ist mitsamt seiner geradezu mythischen Kraft und der "Schimanski-Jacke" ganz allein auf weiter Flur.
1997 kehrte Schimanski wieder ins Fernsehen zurück, Bild: WDR/Kerstin Stelter

Die Rückkehr Schimanskis

Im November 1997 war es, da kehrte Götz George als Schimanski ins Fernsehen zurück. Nicht mehr eingebunden in die TATORT-Reihe, sondern in Form eines eigenständigen Krimis. "Schicht im Schacht" ist sein 15. Fall. Inhaltlich ist er sicher nicht der beste. Unter den 14 auf DVD gesammelten Filmen sind eine Menge bessere zu sehen. Aber was der Regisseur sagt, spricht Bände: Thomas Jauch ist ein großer Schimanski-Fan. "Das ist wie bei Indiana Jones. Den mochte man in den 80er-Jahren, den liebt man auch heute noch." Eine "Ehre" sei es demnach gewesen, als die Anfrage kam. Jauch gelang das Kunststück, einen Film zu machen, dessen Charakter, dessen Tonart an die alten "Schimanskis" der 80er-Jahre erinnert. Melancholie schwebt über allem. Dazu Schimanskis unerfüllte Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die ihn in all den Jahren trieb.
Götz George und Christian Redl in der Folge "Sünde", Bild: WDR/Uwe Stratmann

Auf Augenhöhe agierende Schauspieler

Dass es für alle Beteiligten immer eine Ehre war, bei Schimanski mitzumischen, ist jedem einzelnen Film anzumerken. Verglichen mit anderen TV-Krimis, scheint es, man erlebe hier das Genre nahezu ausgereizt, so groß sind mitunter die Qualitätsunterschiede. Aber in den wirklich großen Momenten, wenn Götz George auf Schauspieler trifft, die auf Augenhöhe agieren, wie etwa Christoph Waltz in "Blutsbrüder" oder Christian Redl in "Sünde", da war Schimanski nicht nur aufwendiges, gut gemachtes Spektakel, sondern auch Sternstunde.
Schimanski und seine Marie-Claire, Bild: WDR/Uwe Stratmann

Ein Plädoyer für die "richtige" Männlichkeit

Ansonsten soll George sprechen: "Seine Persönlichkeit hat sich nicht verändert. Schimanski war immer ein Proll mit Hang zu Spießigkeit und Romantik und ist es nach so vielen Jahren noch. Seinen Werten ist er bis heute treu geblieben. Er mischt sich ein, wenn er sich verpflichtet fühlt, wenn ihm ein Schicksal oder Fall wirklich an die Nieren geht. Und die gesellschaftlichen Probleme sind in all den Jahren schließlich nicht weniger geworden." Die Schimanski-Episoden sind Krimis um Drogen, Morde, Frauenhandel, Machenschaften von Ost-Mafia und Wirtschaftskriminellen, sie spiegeln die häusliche Gewalt in der Nachbarschaft genauso wie die großen sozialen Themen unserer Zeit. Nicht zuletzt aber sind sie ein Plädoyer für die "richtige" Männlichkeit: für Treue (okay, in erster Linie zu sich selbst, zu seiner von Denise Virieux gespielten Lebensgefährtin Marie-Claire leider nicht immer), für Mut und für Zivilcourage.
Schimanski ermittelt, Bild: WDR/Uwe Stratmann

George plaudert aus dem Nähkästchen

14 Filme, die man zweifellos gesehen haben muss. Und noch mehr: Als Extra gibt es ein Interview zu bestaunen, das Götz George im Ersten Reinhold Beckmann gab - einer der ganz seltenen Augenblicke, in denen der medienscheue Star wirklich aus dem Nähkästchen plauderte. Nur witzig ist hingegen die Trailershow zu "Diamantendetektiv Dick Donald", Götz Georges erstem Ermittlereinsatz im Fernsehen. Für Fans: Eine "Dick Donald"-DVD mit allen Episoden der ZDF-Serie ist im Zuge des Geburtstags-Hypes um George ebenfalls gerade erschienen. 70er-Jahre-Kult galore - mit einem smarten Götz George als James-Bond-Verschnitt.

Ob und wann es mit Schimanski weitergehen wird, steht nicht fest. Götz George hat stets betont, dass er die Figur gerne auch künftig spiele. Vorausgesetzt, es lägen Bücher vor, die ihm gefallen. Gut möglich also, dass Schimmi auch künftig seinen Fans erhalten bleibt. Am 23. Juli wurde Götz George 70 Jahre. "Schimanski ist mit mir alt geworden", sagt er. Der Faszination, die diese Reihe bis heute ausübt, ist das nicht abträglich.



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