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TATORT-Literatur

Der TATORT im Fokus der Geografie

Der TATORT tr√§gt den "Ort" schon als Bestandteil in seinem Namen. Bereits seit Beginn der Reihe ist Lokalkolorit als integrales Merkmal f√ľr jeden Beitrag festgelegt - wie auch die Realit√§tsn√§he und wiederkehrende Ermittler. Doch die dargestellten R√§ume werden mehr und mehr anonym und austauschbar, sodass sich die Frage stellt, wo der TATORT verortet ist und wie er R√§ume und Orte im Krimi-Format erz√§hlt. Im nun erschienenen Werk "TATORT Stadt - Mediale Topographien eines Fernsehklassikers" werden solche geo- und topographischen Aspekte der TATORT-Reihe aus verschiedensten Blickwinkeln analysiert. Der Sammelband entstand anl√§sslich des 2009 in Darmstadt durchgef√ľhrten Workshop "Im Dickicht der St√§dte. Ermittlungen zur medialen Topographie des TATORTs" und vereint in 17 Beitr√§gen Resultate und Forschungsergebnisse der Veranstaltung.

Julika Griem, Sebastian Scholz (Hg.): TATORT Stadt; Campus Verlag; 329 Seiten; 34,90 ?; ISBN 9783593391632

Grunds√§tzlich wird der TATORT als ergiebiges Forschungsobjekt gerade f√ľr den Bereich der Stadt- und Raumforschung beschrieben: Aufgrund seiner langen Laufzeit und der f√∂deralen Struktur der ARD-Anstalten kann er als mediale Krimi-Landkarte Deutschlands betrachtet werden. Dabei setzt er St√§dte und R√§ume auf bestimme Art und Weise in Szene und pr√§gt somit deutschlandweit die kollektive Vorstellung von Orten und R√§umen. Trotz dieser Wirkung, seiner Beliebtheit und der ausgepr√§gten Fan-Kultur stellen die Herausgeber eine bisherige Zur√ľckhaltung bei der wissenschaftlichen Thematisierung des Ph√§nomens TATORT fest. Neben durchaus vorhandenen Einzelfallstudien und exemplarischen Vergleichen fehle es an umfassenden Werken, welche die Gesamtheit der TATORT-Episoden als mediales, kulturelles und zeitkritisches Ged√§chtnis der Bundesrepublik w√ľrdigen. Dies soll durch "TATORT Stadt" f√ľr den Bereich der medialen Topographie ge√§ndert werden. Fortgesetzt und verallgemeinert wird damit die 2007 von Bj√∂rn Bollh√∂fer erschienene Arbeit "Geographien des Fernsehens", die sich mit der medialen Verortung des K√∂lner TATORTs besch√§ftigt.

Unterrepräsentierte Räume und Motivimporte

Motivimport, wenn auch nur auf die andere Rheinseite: Die Kölner Wurstbraterei, Bild: WDR

Auch in diesem nun erschienenen Sammelwerk ist Bollh√∂fer als Autor vertreten und begibt sich auf geographische Spurensuche. Hierbei analysiert er die Einsatzorte aller bisherigen TATORT-Ermittler, die ein dichtes, jedoch ungleichm√§√üiges Netz √ľber die Deutschland-Karte legen. Nordhessen, Th√ľringen, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg sind deutlich unterrepr√§sentiert. Auch in der j√ľngeren Vergangenheit sind die Bestrebungen zu mehr Abwechslung gering: Zuletzt 2002 wurde die TATORT-Landkarte mit Konstanz und M√ľnster um zwei neue Einsatzorte erweitert. Erst in den kommenden beiden Jahren werden hier mit Wiesbaden, Luzern und dem Allg√§u wieder neue Einsatzorte etabliert. Bollh√∂fer merkt an, dass die Zentren der Verbrechen meist dort liegen, wo auch die Sendeanstalten ihre Zentralen haben und durch die Tendenz zu l√§ngeren Ermittlungszeitr√§umen pro Team wenig Spielraum zu Ortsver√§nderungen bleibt; von finanziellen Einschr√§nkungen, nahe den Medienclustern zu produzieren, ganz abgesehen. Dies f√ľhrt auch zu sogenannten Motivimporten, wenn beispielsweise die M√ľnster-TATORTe zum Gro√üteil in K√∂ln gedreht werden und Authentizit√§t in Drehortfragen zunehmend vernachl√§ssigt wird. Der Trend f√ľhrt zu austauschbaren, bedeutungsleeren Orten; wobei es f√ľr Regisseure als ungeschriebenes Gesetz gilt, im Gegenzug zumindest eine Sehensw√ľrdigkeit oder Totale der Bezugsstadt zu zeigen. Dies geschieht jedoch √ľberwiegend auf abstrakter Ebene ohne einen konkreten Bezug zur Handlung, was in mehreren Beitr√§gen des Sammelwerks kritisiert wird.

Neue Teams sorgen f√ľr neue Sichtweisen

Keppler und Saalfeld vor der Großstadtkulisse, Bild: MDR

In diesem Zusammenhang werden besonders die 2008 neu besetzten TATORTe Stuttgart, Leipzig und Hamburg betrachtet. Mit dem Personalwechsel ging hier auch ein Wechsel des Blickwinkels auf die jeweilige Stadt einher - meist in Form einer symbolischen Entleerung. Cenk Batu darf sich als verdeckter Ermittler bewusst nicht an feste R√§umlichkeiten binden und muss sich mit seinem Vorgesetzen Kohnau an unauff√§lligen Orten treffen, wobei dies meist Orte mit Bezug zum Wasser sind. Das Wasser wird als typisch f√ľr Hamburg inszeniert und steht in diesem Zusammenhang f√ľr das fl√ľssige, anpassungsf√§hige Wesen Batus. In Stuttgart strebte man mit dem neuen Team einen Imagewechsel an: gro√üst√§dtischer, schneller und moderner sollte der TATORT werden. Mit Ernst Bienzle wurden viele konventionelle, schw√§bische Werte und Traditionen aus dem TATORT entsorgt. √Ąhnliches gilt f√ľr Paul Ehrlicher und Leipzig: Auch hier soll der TATORT moderner und bewegter werden. Auff√§llig ist zudem, dass viele der neuen Ermittler Zugezogene sind, die anfangs keine Bindung zu ihrem Einsatzort haben: Lannert kam aus Hamburg, Keppler aus dem Ruhrgebiet, Kappl aus Bayern. Cenk Batu als erster t√ľrkischst√§mmiger Ermittler unterstreicht ebenfalls die Internationalit√§t und das gro√üst√§dtische Flair der TATORT-Metropolen wie Hamburg.

Ermittler mit Migrationshintergrund

Cenk Batu, erster t√ľrkischst√§mmiger Ermittler, an seinem Element: dem Wasser. Bild: NDR

Die zunehmende Internationalisierung und damit auch die Darstellung von Migranten im Tatort stellen einen weiteren Schwerpunkt des Buches dar. So widmet sich Markus Schmitz dem "T√ľrken-TATORT", indem er die Episode "Familienaufstellung" und die dort dargestellte muslimische Parallelgesellschaft genauer analysiert. Margret Fetzer untersucht anhand mehrerer Folgen die Darstellung st√§dtischer R√§ume im Migranten-TATORT und stellt h√§ufige Innenansichten von oftmals zu kleinen, √ľberf√ľllten Wohnungen fest, die im Kontrast zum offenen Gro√üstadtpanorama stehen. Auch Ermittler mit Migrationshintergrund werden n√§her beleuchtet: In erster Linie Cenk Batu und das dortige Fehlen √ľblicher Klischees, aber auch Ivo Batic als authentische Darstellung mit Parallelen zur Biographie des Darstellers Miro Nemec.

Gegensätze Stadt - Land und Ost - West

Lindholm als Fremdkörper im ländlichen Raum, Bild: NDR

Als weitere, im geographischen Sinne besondere Ermittlerin wird Charlotte Lindholm thematisiert. Ist eine l√§ndliche, provinzielle Umgebung im TATORT sonst eher die Ausnahme, ermittelt Lindholm regelm√§√üig auf dem Land. Diese Umgebung zeichnet sich durch das Fehlen von Identit√§tskennzeichen aus und wird somit als Gegenteil von Stadt definiert. Die dargestellten R√§ume erscheinen als etwas Fremdes, als eine Welt, die anders funktioniert. Im Gegensatz zur Stadt, in der viele heterogene Faktoren aufeinandertreffen, steht im l√§ndlichen Raum das Immergleiche im Vordergrund. Dies gilt es f√ľr die Ermittler zu durchbrechen, welche als Repr√§sentanten der Stadt und somit als professionell, weltoffen und tolerant dargestellt werden. Neben dem Gegensatz Stadt/Land werden auch solche TATORT-Folgen gesondert betrachtet, die das Verh√§ltnis von Ost- zu Westdeutschland darstellen. Neben der ersten Folge ?Taxi nach Leipzig? werden hier auch die Folge ?Unter Br√ľdern? sowie die beiden MDR/WDR-Koproduktionen ?Quartett in Leipzig? und ?R√ľckspiel? betrachtet. Hierbei werden sowohl Klischees als auch Ann√§herungsversuche identifiziert.

Fallbeispiele M√ľnchen, Duisburg und Bonn

Graue Industrie: Ein Klischee von Duisburg in den Schimanski-TATORTen?, Bild: WDR

Drei Beitr√§ge des Sammelwerks widmen sich konkreten St√§dten und deren Repr√§sentation im TATORT: So wird M√ľnchen als Ermittlungsstandort beschrieben, der sich wie kein anderer auf konkrete Lokalit√§ten einlasse, was anhand der Folge ?Das Glockenbach-geheimnis? nachgewiesen wird. F√ľr den TATORT Duisburg wird in erster Linie ein Wandel in der Wahrnehmung attestiert: Sorgte Schimanski in den 80er Jahren als ?Schmuddelkommissar? f√ľr negative Schlagzeilen, gilt er mittlerweile als ein Held des Ruhrgebietes. Ebenso hat sich der Blick auf die Stadtdarstellung Duisburgs ge√§ndert: Im Zuge einer zunehmenden Musealisierung werden zuvor als st√∂rend empfundene, alte Industrieanlagen zu touristischen Attraktionen. Letztlich wird der von Samuel Fuller inszenierte TATORT ?Tote Taube in der Beethovenstrasse? mit dem Ergebnis analysiert, dass er nicht in die TATORT-Landschaft passt. Fuller als amerikanischer Regisseur inszeniert den deutschen Handlungsraum aus einem anderen Blickwinkel und dreht vor allem an Orten, die ihm aus seiner Soldatent√§tigkeit im Zweiten Weltkrieg bekannt sind.

Fazit: Interessante Sichtweisen auf den Krimi-Klassiker

In einem abschlie√üenden Diskurs widmet sich ?TATORT Stadt? grenz-√ľberschreitend weiteren Themen der Medientopographie, die nur begrenzt den TATORT als Thema haben. Hier werden Drehorte bei Hitchcocks ?Psycho?, im Klassiker ?Wizard of Oz? sowie in amerikanischen Krimi-Formaten wie CSI untersucht, wobei immer Vergleiche zum TATORT gezogen werden. Etwas zu kurz kommen in diesem Sammelband die Blicke hinter die Kulissen und Informationen √ľber tats√§chliche Drehorte und Motivimporte. Zumindest Klaus-Peter Platten als Szenenbildner f√ľr die SWR-TATORTe gibt in seinem Beitrag interessante Hintergrundinformationen zu diesen Themen. Er berichtet √ľber die Drehortsuche und einige filmische Tricks bei der Produktion der Episode ?Bienzle und das Narrenspiel?. Der Schwerpunkt des Buches liegt eher auf einer etwas abstrakteren, wissenschaftlichen Ebene, bleibt jedoch nah genug am TATORT, um auch f√ľr den gew√∂hnlichen Fan interessanten Lesestoff zu bieten. Letztlich bleibt die Erkenntnis, dass nicht die Stadt den Film macht, sondern Figuren und Handlung das Bild von Stadt und Raum bestimmen.

Timo Bredehöft
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