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TATORT-Literatur

Das Andere im TATORT

Ein neu erschienenes, wissenschaftliches Buch setzt sich mit dem Konstrukt des "Anderen" im TATORT auseinander. Anhand dreier TATORT-Folgen wird die Repräsentation des "Anderen" detailliert untersucht. Den Schwerpunkt legt die Autorin Anna-Caterina Walk dabei auf die Darstellung von Migration und Integration im Krimi-Klassiker.

 Anna-Caterina Walk: Das Andere im Tatort ; Tectum Verlag; 136 Seiten; 24,90 €; ISBN 978-3-8288-2593-2

Was ist das Andere? Wie wird es im TATORT repräsentiert? Welche Stereotypen und Werte werden dabei vermittelt? Dies sind zentrale Fragen, die Anna-Caterina Walk in ihrem neu erschienenen Buch "Das Andere im TATORT - Migration und Integration im Fernsehkrimi" auf der wissenschaftlichen Basis der Cultural Studies untersucht. Entstanden ist das Buch als Resonanz auf das 2008 stattgefundene Seminar "Das Andere in den Medien", dessen Thematik hier auf den TATORT konkretisiert wird. Diese Krimireihe wurde deshalb als Betrachtungsgegenstand gewählt, da sie sich durch ihre hohen Zuschauerzahlen und ihren Anspruch auf Realitätsnähe auszeichnet. Anhand dreier Folgen wird im Anschluss an einen theoretischen Grundlagenteil detailliert geklärt, welche Konzepte zur Konstruktion des Anderen Verwendung finden, wobei der Schwerpunkt auf ethnische Minderheiten als eine gesellschaftlich besonders relevante Manifestation des Anderen gelegt wird.

Was ist das Andere?

Ein zunächst trivial anmutender Begriff wie das "Andere" kann wissenschaftlich durchaus vielschichtig verstanden werden. Dabei basiert das Empfinden einer Andersartigkeit stets auf subjektiv geschaffenen Grenzen, welche vor allem auch durch die Medien gefestigt werden und sich zu so einer Selbstverständlichkeit entwickeln. Die Autorin erarbeitet verschiedene Konzepte des Anderen, in denen es um Identität, Differenz, Rasse, Geschlecht und auch Ordnung geht - das Andere kann hierbei als ordnungsstörendes Element im Streben nach Reinheit betrachtet werden. In der Gesellschaft herrscht eine grundsätzlich ambivalente Einstellung zum Anderen. Einerseits fasziniert es aufgrund seines fremdartigen Charakters, andererseits wird es als Bedrohung für die eigene Kultur gefürchtet. Prägnante Ausnahmen findet die Autorin im Konzept des Gastarbeiters, der wirtschaftlich integriert ist und nicht als Bedrohung empfunden wird, da von einer Rückkehr in sein Heimatland ausgegangen wird, sowie im Konzept des Touristen, der die von ihm bereiste Umgebung als fremd erachtet, obwohl er selbst das fremde Element darstellt. Ausgehend von den theoretischen Überlegungen wird im Hauptteil des Buches eine Medienanalyse dreier TATORT-Folgen durchgeführt, die allesamt Migration und Integration in der Ausprägung türkischstämmiger Filmcharaktere thematisieren.

Wem Ehre gebührt

 Lindholm mit Selda, © NDR/Christine Schroeder
 Lindholm bei Verwandten der Toten, © NDR/Christine Schroeder

In der 2007 gesendeten Folge Wem Ehre gebührt arbeitet Charlotte Lindholm an der Aufklärung des Todesfalles einer jungen, verheirateten Deutschtürkin. Erste Anzeichen auf Selbstmord oder einen Ehrenmord erweisen sich als falsch und die Schwester der Toten, Selda, rückt in den Mittelpunkt des Falles. Der Film stellt das Andere auf verschiedenen Ebenen dar, so auch in der Figur der Charlotte Lindholm. Diese wird einerseits durch ihre Schwangerschaft abgegrenzt, andererseits durch ihre Versetzung in ein Großraumbüro mit bislang unbekannten Kollegen. Doch auch die gesellschaftlich andere Gruppe der türkischstämmigen Beteiligten wird als in sich inhomogen dargestellt. Der Mann der Ermordeten wird von der ansonsten alevitischen Familie wegen seines sunnitischen Glaubens und seiner Nichtkenntnis der deutschen Sprache geringgeschätzt. Die Schwester der Toten will sich durch ihren ebenfalls sunnitischen Glauben und das explizite Tragen eines Kopftuches von ihrer Familie distanzieren. Das Mordmotiv hat letztlich keinen Zusammenhang mit der Andersartigkeit bestimmer Personen(gruppen) und wurde von der Drehbuchautorin explizit so gewählt, dass es sich in jeder Familie, unabhängig von Vorurteilen, hätte ereignen können.

Baum der Erlösung

 Fund der Toten am Baum der Erlösung, © rbb/ORF/Cult-Film/Bernhard Berger
 Georg Larcher mit der Schwester der Toten, © rbb/ORF/Cult-Film/Bernhard Berger

Baum der Erlösung, erstgesendet 2009, handelt von dem Todesfall eines jungen Paars im österreichischen Telfs. Die Frau gehörte der dort mit einem Minarett vertretenen muslimischen Bevölkerung an, ihr Freund war ein Einheimischer. Melisa, die Schwester der Toten, hat ebenfalls einen einheimischen Freund und verschwindet während der Ermittlungen. Das Andere wird in dieser Folge beispielweise durch das Minarett dargestellt, welches in einer Tiroler Gemeinde zunächst fremd wirkt. Auch wird der Ortspolizist Vedat Özdemir gleich zweifach als anders inszeniert: die muslimische Bevölkerung missbilligt seine Tätigkeit als österreichischer Polizist, die Einheimischen stören sich an seinem Migrationshintergrund. Melisa wird innerhalb ihrer Familie als Fremdkörper wahrgenommen, was in ihrer westlichen Gesinnung und ihrem Selbsbewusstsein begründet liegt. Eine typische Denkweise wird in einer Äußerung Pfurtschellers deutlich: Er empfindet es als ganz natürlich, jedes Jahr nach Antalya in Urlaub zu fahren, die Türken im eigenen Land sind ihm jedoch nicht willkommen. Auch das Mordmotiv ist durch eine drastischere Form dieser gefühlten Bedrohung, die Angst vor der Auslöschung des eigenen Volkes durch Vermischung mit dem Anderen, begründet.

Familienaufstellung

 Die Familie Korkmaz, Bild: Radio Bremen
 Die Ermittler bei der Anwältin Dilek Ilhan, Bild: Radio Bremen

Die dritte analysierte Folge, Familienaufstellung, handelt im Umfeld einer wirtschaftlich erfolgreichen türkischen Familie in Bremen, deren älteste Tochter tot aufgefunden wird. Auch hier wird zunächst ein Selbstmord oder Ehrenmord in Erwägung gezogen, letztendlich erweist sich jedoch die kleine Schwester der Toten als Täterin. Dieser stand eine Zwangshochzeit bevor, die sie aufgrund des innerfamiliären Drucks akzeptiert und auch ihrer liberalen Schwester gegenüber verteidigt hatte, die vehement dagegen war. Andersartigkeit wird in dieser Folge zum Einen durch die türkische Familie dargestellt, die zwar wirtschaftlich gut integriert ist, kulturell jedoch noch stark an türkischen Traditionen haftet. Zum Anderen wird vor allem eine türkische Anwältin, welche die Freundin der Toten war, als Andere im Bezug zu der türkischen Familie dargestellt, da sie als Anwältin im deutschen Recht verwurzelt und zudem homosexuell ist. Auch über die sprachliche Ebene werden im Film Differenzen dargestellt: die anatolischen Verwandten der Familie sprechen nur türkisch, während die Familie selbst akzentfreies Deutsch beherrscht. Hieran zeigt sich jedoch auch, dass Deutsch zu sprechen und einen deutschen Pass zu haben noch lange nicht bedeutet, deutsch zu sein, was eine Hauptaussage des Buches darstellt.

Empfehlenswerte Lektüre?

Der Grundlagenteil, der rund ein Drittel des Buchs einnimmt, ist eher für wissenschaftlich interessierte Leser geeignet, die sich mit einer Diskussion des Konzepts des "Anderen" auseinandersetzen wollen. Eine anschließende Übersicht stellt den Inhalt verwandter wissenschaftlicher Arbeiten über den TATORT in Kurzform dar und beweist so eine tiefgründige Literaturrecherche, die dem Buch zugrunde liegt. Abgesehen von kleinen Fehlern sind die TATORT-bezogenen Informationen korrekt wiedergegeben, so werden bei der Anzahl der Folgen beispielsweise auch die 13 ORF-Eigenproduktionen berücksichtigt. Ob die Auswahl der drei detailliert betrachteten Folgen, alle drei aus dem Zeitraum 2007 - 2009, repräsentativ für die über vierzigjährige Geschichte des TATORTs ist, kann durchaus bezweifelt werden, jedoch ist durch die thematische Ähnlichkeit der Folgen eine gute Vergleichbarkeit untereinander gewährleistet. Im Anhang des Buches wird das Medienecho zu den drei Folgen in Form ausgewählter Presseartikel wiedergegeben, die in den Analysen jedoch leider unkommentiert bleiben. Dies wäre gerade bei dem kontrovers diskutierten, von der Autorin als "recht klischeefrei" bezeichneten Fall Wem Ehre gebührt wünschenswert gewesen, in dem die Aleviten starke Vorurteile gegenüber ihrer Religion wiedererkannten. Die ausführlichen Analysen der drei Folgen sind trotz dessen auch für den gewöhnlichen TATORT-Fan durchaus lesenswert, da sie eine andere, schwerpunktbezogene Lesart der Filme propagieren und den Blick auf Details und Konstruktionen lenken, die beim einmaligen Sehen der Folge sonst vielleicht verborgen bleiben.

Timo Bredehöft

Gewinnen Sie ein Exemplar von "Das Andere im TATORT"!

 Lindholm mit türkischstämmigem Kollegen, © NDR/Christine Schroeder

Der TATORT-Fundus verlost ein Exemplar des neu erschienenen Buchs "Das Andere im TATORT" von Anna-Caterina Walk. Wer das Exemplar gewinnen möchte, muss die folgende Frage richtig beantworten:

In Wem Ehre gebührt stellte Mehmet Kurtuluş bereits vor seiner Tätigkeit als Cenk Batu einen türkischstämmigen Polizisten dar. Welchen Namen trägt die dort von ihm verkörperte Polizistenfigur?

Die Verlosung ist beendet, die Gewinner werden in Kürze benachrichtigt.

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