Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 27.05.2017.
 
Sie sind hier:  TATORT-FUNDUS > Lexikon > Zeitreise mit TATORT > 

Zeitreise mit TATORT

Der Zuschauer sieht, wie sich sein Land verändert

Der Krimi-Klassiker TATORT ist mit mehr als 800 Folgen und einer mehr als 40-jährigen Geschichte einzigartig. Der TATORT erzählt dabei nicht nur dramaturgische Geschichte(n), sondern beleuchtet zwangsläufig auch die bundesrepublikanische Geschichte.

Besch√§ftigte sich in allen Lebenslagen gleich mit mehreren Frauen gleichzeitig: Kressin, der "L√ľmmel vom Zoll". (Bild:WDR)

Bei Jubil√§en warten die verantwortlichen Programmacher der ARD gerne mit Zahlen auf. So und so viele Ermittler gab es schon, so und soviele Folgen wurden schon gezeigt. Die beste Quote lag so hoch und so viele Zuschauer sahen die und die Folge - zusammengenommen haben so und so viele B√ľrger den Krimi-Klassiker schon mal geschaut, so und so viele Leichen wurden dahingerafft, und die Zahl der √ľberf√ľhrten M√∂rder lag bei so und so viel. Als w√ľrden Zahlen den TATORT erkl√§ren k√∂nnen.

Durch Zahlen nicht zu erklären

Der Krimi-Klassiker ist durch Zahlen alleine nicht zu erkl√§ren; Zahlen zeigen nur das Ausma√ü an, die Auspr√§gung des beliebtesten Fernsehkrimis der Nation. TATORT sind erstmal √ľber 700 Folgen und √ľber 70 Ermittlerfiguren mit ihren Macken und Schrullen an unterschiedlichen Einsatzorten. TATORT ist aber mehr. Mehr als nur ein erfolgreiches Fernsehformat, das in den 70er Jahren dem ZDF-Kommissar Paroli bieten sollte.

Kommissar Veigl in den 70er Jahren - Szene aus Als gestohlen gemeldet. Bild:BR

Länderspiegel mit Leichen

Mehr als "nur" ein Kraftakt der f√∂rderalen ARD, sich auf ein gemeinsames Krimi-Format zu einigen, wo jede Anstalt doch etwas eigenst√§ndiges beisteuern konnte. "L√§nderspiegel mit Leichen" heisst er bei einigen deshalb auch, nutzt er in der Fernsehlandschaft die f√∂rderale ARD-Struktur aus und zeigt seinen F√∂rderalismus auch in den Handlungsorten: TATORT ist bisher in jedem Bundesland zu Besuch gewesen, einzig Th√ľringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpormmern bilden - bis auf wenige Stippvisiten - eher wei√üe Flecke auf der deutschen TATORT-Karte. Es war der Antrieb des TATORT-Erfinders G√ľnter Witte, diese "Schw√§che der ARD" in eine St√§rke umzum√ľnzen.

Menschen und Haltungen ändern sich

TATORT ist Geschichte, eine Zeitreise durch die Gesellschaft, durch das Land Bundesrepublik Deutschland. In keinem anderen Fernsehkrimi sieht man die Gesellschaft sich gleichsam ver√§ndern, kein Wunder - keine Krimireihe ist so langliebig wie der TATORT: Kleidungen, Frisuren, H√§user und Wohnungseinrichten, auch Autos auch sogar Haltungen werden offensichtlich, √§ndern und erweitern sich. Heute wird bequem mit dem Handy telefoniert, aber auch 1975 galt Kommissar Lutz in seinem VW in Ulm als fortschrittlich, wenn der mit einem Riesentelefonh√∂rer aus dem Auto heraus seinen Kollegen in Saarbr√ľcken anrufen konnte.

Teilen sich das Bett: Kain und Ehrlicher in Einsatz in Leipzig

Was die Republik damals bei Zollfahnder Kressin aufregte, als der mit zwei Frauen gleichzeitig sexuelle Beziehungen pflegte, st√∂rt heute niemanden mehr. Wenn in den 70er Jahren beim Reifezeugnis noch das Verh√§ltnis von Lehrer und Sch√ľlerin ein Skandal darstellte, lockt dies heute niemanden mehr vor dem Ofen hervor. TATORT entwickelt sich weiter - genau wie die Gesellschaft, die Deutschen.

Themen der Zeit

Die Art zu Morden hat sich in 40 Jahren TATORT genauso weiterentwickelt, wie die Themen, welche die Gesellschaft bewegen - und die der TATORT immer noch aufgreift. Themen der Zeit eben - in den 70er Jahren noch visionär, heute Alltag - werden im TATORT behandelt: : Wiedervereinigung, RAF-Terrosimus, Nazi-Vergangenheit, Abtreibung, Organhandel, der Kalte Krieg, deutsche Teilung, Mauerfall, Massenarbeitslosigkeit, Globalisierung ? das alles findet (auch) im TATORT statt. Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen in Afghanistan oder auf dem Balkan werden in die Mordgeschichten eingeflochten. Der TATORT ist ein Kaleidoskop, in dem der Zuschauer sieht, wie sich sein Land verändert.

Altmodische Einrichtung, zeitloses Thema in einer modernen Zeit. Bild aus Sterben f√ľr die Erben. Bild:SWR

Aber auch die Krimi-Klassiker-Motive "Eifersucht" und "Rache" fehlen nicht im TATORT, zielgenaue Sozialkritik und auch sehr untypische Filme bringt die Reihe - zum Leidwesen einiger engstirniger "Fans" - ebenso hervor. TATORT ist und bleibt Vielfalt. Auch die Ermittler entwickeln sich weiter: fr√ľher der strenge Beamtentypus, heute das lockere, gemischgeschlechtliche Team, das sich auch privat das Leben - manchmal sogar die Wohnung oder das Bett - teilt, sogar mal miteinander verheiratet war.

Glasklarer Trend: Ermittler werden immer wichtiger, geraten in den Vordergrund. Der Zuschauer will seine Helden n√§her kennenlernen. TATORTe funktionierten in den 70ern √ľber den Mordfall, heute immer mehr √ľber die Ermittlerfigur und seine pers√∂nliche Vergangenheit und Lebenserfahrung.

Gab der Ermittler fr√ľher seine Meinung zu einem gesellschaftsrelevanten Thema nicht preis, ist dies heute fast ein Muss. Lena Odenthal kritisiert Zwangsheirat bei T√ľrken, Sterbehilfe oder den Schlankheitswahn bei d√ľnnen Fotomodels; Batic und Leitmayr zeigen Zivilcourage und helfen einer Thail√§nderin, das Land zu verlassen, obwohl sie einen Mord begangen hat, prangern Abschiebungen an, legen sich mit einer Sekte an oder zeigen den stre√üigen Alltag bei Streifenpolizisten in ihrem wunderbar eingefangenen M√ľnchen.

2007: Emotionen zwischen Kommissar und Staatsanwältin - 1970 undenkbar! Szene aus Liebeshunger, Bild:NDR

Provinzialisierung des Krimis

TATORT drängt mit jeder Folge immer mehr in das Land Deutschland ein: Anfangs nur auf Großstädte bezogen, hat er die Provinz, das Regionale längst erkundet, entdeckt und kriminaltechnisch aufbereitet. Der Bayerische Rundfunk läutete 2008 gar eine "Heimatkrimi"-Reihe ein.

Wenn TATORT immer (auch) Fiktion ist: Soziologen bestätigen, dass im TATORT nahezu alles aufgegriffen wird, was in der Gesellschaft real ist: Themen, Berufsgruppen, Umstände, Rahmenbedingungen...

Es ist und bleibt nicht leicht, den TATORT zu erklären, ihn zu fassen, das Phänomen zu beschreiben. TATORT ist zwar Fiktion, ja, aber irgendwie auch nicht nur. Die Rahmenbedingungen, das was erzählt und gezeigt wird, sind der Realität des Zuschauers entnommen.

Das macht ihn so spannend.

Francois Werner


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterst√ľtzen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns √ľber jede Unterst√ľtzung und Anerkennung. Mit dem Geld werden prim√§r die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank f√ľr Ihre Unterst√ľtzung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2017
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite f√ľr Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielf√§ltigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerkl√§rung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3