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Essay von JĂĽrgen Heimlich

Der TATORT aus Sicht eines Wieners

Als Wiener wuchs ich mitten in einer Welt skurriler Fernseh-Figuren auf. Schon in sehr jungen Jahren waren mir Kottan, "Mundl" und auch Marek ein Begriff.

Der allererste Marek-TATORT 1971: Mordverdacht (Bild:ORF)

Den Marek schaute ich mir an, ohne diesen mit einer Krimi-Reihe in Verbindung zu bringen. Diese Figur war so "harmlos", dass es offensichtlich Kindern gestattet war, ihn bei der "Ermittlungsarbeit" zu beobachten. Eine skurrile Gestalt; ein typischer Beamter für die damalige Zeit. Marek, der "Praktiker" Wirz, und der "Intellektuelle" Kraindl machen ihre Arbeit in einem Wiener Bezirkspolizeikommissariat. Sie sprechen und handeln so, wie es für die österreichischen Kriminalbehörden üblich war. Marek verkörpert den Kommissar, der mit viel Schmäh, ein bisserl Grant und dem "Herz an der richtigen Stelle" ausgestattet ist. Die Fälle, welche er zu bearbeiten hat, sieht er als Herausforderung an, ohne mit übertriebener Heftigkeit der Auflösung entgegenzustreben. Kein anderer Wiener Kommissar strahlte die Wiener Gemütlichkeit so realistisch aus wie eben Marek. Die Menschen in Wien sprachen über ihn wie über einen Nachbarn. Für mich gab es nur Marek und keinen "Tatort". Von bundesdeutschen "Tatort"s hatte ich keine Ahnung. Da gab es doch "Kottan"; eine Serie, die ich ebenso schätzte wie den Marek. Dieser zum Teil bitterböse, zum Teil flockig leichte Zynismus, verzauberte zahlreiche Wiener Fernsehkonsumenten. Kottan war wie Marek "Kult". Der Kampf von Präsident Pilch mit der Kaffeemaschine war nur einer von vielen Höhepunkten, die jene Serie zu bieten hatte. Kottan (in Gestalt von Vogel, Buchrieser und Resetarits) ist ein bärbeißiger Major, der seine eigenen Methoden anzuwenden weiß, wenn es um die Auflösung eines Falles geht. Ist es bei Marek die vielzitierte Gemütlichkeit und der typische Wiener Schmäh; so ist es bei Kottan eher das vorgegaukelte Desinteresse, und die bizarre Familienidylle, welche neben den eigenartigen Kollegen im Mittelpunkt stehen.

Auf der einen Seite also Fritz Eckhardt, der den Marek so wunderbar verkörperte; auf der anderen Seite Buchrieser und Resetarits, die dem Kottan alle Ehre machten. Und dann gab´s noch eine dritte Serie, die in meine Kindheit hineinleuchtete, und mit einem Krimi nix zu tun hatte: "Ein echter Wiener geht nicht unter" mit Karl Merkatz als "Wiener Proleten" in der Hauptrolle. Diese Serie ist eine Erfindung des späteren "Trautmann"-Erfinders Ernst Hinterberger, und zog Millionen Österreicher in ihren Bann. Der Installateur Edmund Sackbauer erwies sich ebenso als "Kult"figur wie Marek und Kottan. Als Kind der 70´er Jahre sind mir diese drei Figuren sozusagen "ans Herz gewachsen" und es ist immer wieder eine Freude, ihnen in der einen oder anderen Wiederholung zu begegnen.

Bild aus "Mord in der Oper", Bild:ORF

Nach Marek folgte Hirth, und ich verlor den TATORT völlig aus den Augen. Marek war sozusagen "jugendfrei", und diese Gestalt geisterte immer noch in den Köpfen der Wiener herum. Hirth entdeckte ich erst Jahre später, als Wiederholungen seiner Fälle ausgestrahlt wurden. Zunächst aber gab es nichts, das mich mit dem TATORT hätte vertraut machen können. Wobei ich folgendes vorausschicken muss: Ich bin Jahrgang 1971 (Wassermann, erste Dekade), und somit ist klar, dass ich als Jugendlicher andere Fernsehserien dem TATORT bzw. Krimis im Allgemeinen vorzog. Die einzige Krimi-Reihe, welche auf mein Interesse stieß, war "Derrick": Den "Derrick" sah ich mir ab Beginn der 80´er relativ regelmäßig an, während der TATORT außen vor gelassen wurde. Mitte der 80´er war "Derrick" schon tief in meinem Denken verwurzelt, während ich bezüglich TATORT nur auf Marek zurückgreifen konnte.

Marek und Hirth in der Oper: Mord in der Oper (Bild:ORF)

TATORT wird zum Begriff

Mit den Fällen von Fichtl begann mein erster direkter Bezug zur TATORT-Reihe. Bis Anfang der 90´er Jahre habe ich meiner Erinnerung nach keinen einzigen TATORT abseits der österreichischen Produktionen gesehen. Fichtl verkörpert einen widersprüchlichen Charakter, wie er für Wiener Verhältnisse nicht untypisch ist. Dieses "goldene Wiener Herz" rieb sich an Vorgesetzten und Kollegen ebenso wie an Zeugen und Zeuginnen. Einerseits unglaublich ruppig bis unausstehlich, andererseits ein spezifischer Charme, dem Damen verfallen konnten.

Fichtl ist nicht so eindimensional wie Hirth bzw. Wirz. Der "Grant" ist nur eine von vielen Eigenschaften, die ihn ausmachen. Fichtl arbeitet zudem mit Engagement an den ihm zugetragenen Fällen. Er hat es in sich, ein würdiger Nachfolger von Marek zu werden, und in der Tat: In der Geschichte der österreichischen TATORT-Kommissare gibt es bis dato nur Marek und Fichtl, die dem TATORT zur Ehre gereichten. Denn hier ist das Wiener Milieu ein wichtiger Faktor, und die Hauptfiguren sind Wiener Urgesteine, die ihre Eigenheiten nicht verstecken, und auch vor neurotischen Feinheiten nicht gefeit sind.

Die Figur Pfeifer ist völlig uninteressant. Entscheidend ist jedoch, dass mit Michael Janisch und Dorothea Parton zwei wunderbare Schauspieler dessen Fälle bereichern. Der Fichtl bleibt Fichtl, und Pfeifer erscheint mir eher als Nebenfigur, die ich nur am Rande zur Kenntnis nehme. Mit "Superzwölfer" ist mir eine Folge in besonderer Erinnerung, da sie in einem herrlichen Wiener Milieu, dem Prater, spielt. Kurios, nebenbei geschrieben, dass Heinz Zuber als Inspektor Schulz auftritt. Zuber spielte den "Clown Enrico" in der Kindersendung "Am, dam, des", auf die ich im Alter von vier bis neun Jahren wohl abonniert war. Und ihn als Schauspieler neben Fichtl wieder zu begegnen, war ziemlich überraschend. Er machte seine Sache allerdings recht gut.

Exkurs: Wiener Dialekt

Ehe ich auf die Sichtung meines ersten deutschen TATORT zu schreiben komme, sei mir ein kleiner Einschub erlaubt, der den Wiener Dialekt betrifft. Sowohl in den Fällen von Marek als auch Fichtl kommt diesem eine wichtige Bedeutung zu. Durch den Wiener Dialekt werden die Eigenheiten der Figuren besonders hervorgehoben. Freilich ist diesbezüglich der "echte Wiener" noch viel präsenter, dem auch "Kottan" nicht nahe kommt. Doch sind es die Feinheiten des spezifischen Wiener Sprachduktus, die den Reiz der Fälle von Marek und Fichtl ausmachen. Ohne diese Eigenheit ist weder Marek noch Fichtl denkbar. Es wären blasse Figuren, die auf Konturen zurechtgestutzt sind. Die "Kurzkommissare" Becker und Kant waren diesbezüglich bereits ein Rückschritt; die Figur Eisner stellt nunmehr diesen Typus dar, der ohne "Wiener Anleihe" seine Fälle herunterspult. Der Wiener Dialekt ist dem TATORT - winzige Einsprengsel ausgenommen - verloren gegangen.

Pfeifer und Fichtl in "Wunschlos tot". Bild:ORF

Das besondere am Wiener Dialekt ist ja, dass er sich oft erst in späteren Jahren herauskristallisiert, und "perfektioniert". Als sehr junger Mensch fand ich diese Art zu sprechen eigentlich nur absurd und befremdlich. Gerade diese Spezifka machten es möglich, mich mit dieser "Urwiener Redensart" vertraut zu machen. In der Volksschule gibt es kaum ein Kind, das sich dem Dialekt bedient. Es ist als winzige Vorstufe zu bezeichnen, was kommunikativ abgeht. Ein paar Wörter werden in die Sprache eingeschoben (möglicherweise "wüder" (wilder) oder "deppata" (lässiges bis beleidigendes Schimpfwort). Es hält sich jedoch sehr in Grenzen. Ich bediente mich des Hochdeutschen, und Einsprengsel im Sinne des Wiener Dialekts waren die große Ausnahme.

Was ich bei Marek hörte, sah ich nicht als die "übliche Sprache" an. Wenn ich den Fußballplatz besuchte, hörte ich zahlreiche "originelle Wiener Schimpftiraden", ohne sie so richtig zu verstehen. Der Wiener Dialekt bildete sich sehr langsam heraus. Viele Wiener kommen übrigens nie über diese "Einsprengsel" hinaus. Bei den Studenten ist es fast schon typisch, eine Mischung aus Hochdeutsch und Wiener Dialekt zu sprechen. Das hört sich teilweise rückständig bis, wie die Germanen sagen mögen, bekloppt, an. Bei mir folgte der Übergang vom Hochdeutschen mit leichten dialektischen Einsprengseln zum reinen Wiener Dialekt fließend. Ich war Anfang 20, als ich plötzlich den Dialekt für mich entdeckt hatte, und das Hochdeutsche in der Alltagssprache außen vor ließ. Es kam allerdings immer noch vor, dass ich teilweise nur hochdeutsch sprach. Und zwar immer dann, wenn es beruflich oder privat sich so geziemte.

Das ganze Team beisammen in "Seven Eleven". Bild:ORF

Im Alter von 22 Jahren hatte ich den Dialekt schon weitgehend perfektioniert, und ich bediene mich seitdem nur dann dem Hochdeutschen, wenn ich es für angebracht halte. Insbesondere bei Gesprächen mit Menschen aus Berlin oder Magdeburg bemühe ich mich, den Wiener Sprachduktus weitgehend zu vermeiden. Aber selbst dann fallen immer wieder Wörter oder Begriffe, die von den Gesprächspartnern nicht verstanden werden, worauf ich ersucht werde, das Gesagte zu wiederholen. Tja, manchmal is es net so afoch, a Weana zu sein...

Also: Der Wiener Dialekt wird den Wienern sozusagen nicht schon in die Wiege gelegt, sondern entwickelt sich im Laufe der Zeit weitgehend selbständig. Manche Wiener sprechen ihn nie, sondern nur das zitierte Mischmasch oder sogar nur mit gewissen "Einsprengseln"; der Großteil der Wiener hat den Dialekt aber wohl "perfektioniert" und ist bestrebt, nicht davon abzugehen. Eine Basis dafür wurde für viele Menschen auch durch Fernsehserien geschaffen, in denen Figuren wie Marek, Kottan und Sackbauer auftraten.

Der TATORT nimmt Gestalt an

Der erste deutsche Krimi, den ich mir schließlich ansah, war kein TATORT sondern "Der Mann im Baum" ("Polizeiruf 110"). Freilich sah ich diesen "Polizeiruf" eher zufällig, und ich beäugte diesen spannenden, bestürzenden Fall als Film unabhängig von irgendeiner Reihe.

Der Klassiker schlechthin: "Reifezeugnis", Bild:NDR

Anfang der 90´er Jahre folgte dann doch die erste Sichtung eines TATORT im Bewusstsein, dass es sich um einen Krimi der Reihe handelte. Wenig überraschend entschied ich mich um den im Vorfeld von den Medien hochgejubelten Fall namens "Reifezeugnis". Zwar war die Erstausstrahlung zu Zeiten gewesen, wo ich kurz vor dem Eintritt in die Volksschule stand; doch selbst ca. 13 Jahre später war immer noch die Rede von der "besonderen Qualität" dieses Krimis. Ich wurde nicht enttäuscht. Dieser TATORT gefiel mir recht gut, und ich entschied mich ab diesem Zeitpunkt, mir öfters mal einen TATORT anzuschauen.

Ein Duo trägt wohl die "Hauptschuld" daran, dass mir der TATORT zunehmend gefiel. Und zwar jenes Duo, das bis heute zu meinen Lieblingsermittlern zählt: Batic und Leitmayr! Von regelmäßiger Sichtung konnte bis Mitte der 90´er Jahre keine Rede sein. Ich verfolgte gespannt den Münchner TATORT und Mitte der 90´er Jahre machte ich Bekanntschaft mit älteren Münchner Fällen. Die Folgen von Veigl und Lenz gefielen mir auf Anhieb, weil eine Ähnlichkeit mit der Wiener Mentalität sichtbar war. Zudem waren mir Bayrhammer und Fischer als "Meister Eder" und "Monaco Franze" in guter Erinnerung.

Ballauf und Schenk, hier in "Blume des Bösen", Bild:WDR

Ein "verrücktes" Erlebnis hatte ich in Bezug auf den Berliner TATORT in Gestalt von "Roiter". Krank im Bett liegend sah ich mir einen Fall an, und entdeckte im Abspann ganz groß meinen Namen aufleuchten. Ich dachte zunächst, mich getäuscht zu haben, oder mir - in einer Art krankhaftem Delirium - die Sache eingebildet zu haben: Aber eine Drei-Sekunden-Einblendung kann keine Täuschung sein, wie ich mir dann eingestand! Da gab es tatsächlich einen Kameramann, der meinen Namen trägt. Dies war wohl der Hauptgrund, dass ich mir auch die anderen Fälle von "Roiter" ansah, von denen mir kein einziger gefiel; dafür aber mein Name häufig im Abspann auftauchte. Und das war ja wohl die Hauptsache... Erst ab 1997 mutierte ich zum TATORT-Fan. Mitauslöser dafür war der Auftritt eines weiteren Duos, das mich vom Anfang an in den Bann zog: Ballauf und Schenk.

Schon vom ersten Fall an war ich von diesem Duo ziemlich begeistert, und die beiden haben schauspielerisch unheimlich viel drauf. Seitdem versuche ich so viele Folgen wie möglich "nachzuholen", und komme schon auf eine ziemlich stattliche "Summe" an TATORT-Folgen. Ca. ab dem Jahr 1998 habe ich nur wenige Folgen versäumt. Besonders erfreut bin ich darüber, dass viele Frauen als Kommissare auftreten, von denen ich Inga Lürsen, Charlotte Sänger und Klara Blum besonders schätze. Enttäuscht bin ich vom Verlust eines Wiener TATORTs, so wie ihn sich viele Wiener vorstellen mögen. Davon möchte ich abschließend berichten.

Bild:ORF

Spezifika zum "TATORT Wien" - Marek

Es konnte der Reihe TATORT nichts Besseres passieren, als eine österreichische Beteiligung in Form der Figur "Marek". Zum einen war es aus österreichischer Sicht selbstverständlich, dass nur Marek das österreichische Publikum vor dem Fernseher versammeln lassen könnte. Zwar galten Quoten damals noch nicht so viel wie heutzutage; aber im Sinne eines Qualitätsprädikats und eines spezifischen Wiener Inspektors konnte einzig und allein Fritz Eckhardt die Lösung sein. Zum anderen war Oberinspektor Marek auch dem deutschen Fernsehpublikum nicht gänzlich unbekannt. Er trat im Jahre 1970 in der Folge "Drei Tote reisen nach Wien" der Krimireihe "Der Kommissar" auf.

Nur etwa ein Jahr später folgte bereits der erste Fall, den Marek als TATORT-Oberinspektor zu lösen hatte. In "Mordverdacht" trat neben Fritz Eckhardt ein weiterer Publikumsliebling auf den Plan, der diesen TATORT bereicherte. Für Paul Hörbiger, den großen Wiener Volksschauspieler, war es seine vorletzte Fernsehrolle; umso mehr Gewicht kommt diesem Auftritt zu. Ida Krottendorf und Herwig Seeböck komplettierten einen personell hervorragend besetzten TATORT. Zwischen 1971 und 1983 wurde jährlich ein Wiener TATORT gedreht, ehe der pensionierte Inspektor Marek für "Der letzte Mord" im Jahre 1987 zum 14. Mal in die Lösung eines Falles involviert ist. Keiner der zu lösenden Fälle erweist sich als spektakulär oder extrem spannend.

Entscheidend ist, dass alles auf Oberinspektor Marek zugeschnitten ist, und somit die Wiener Mentalität in eine mehr oder weniger kriminalistische Handlung einbringen kann. Kein Österreicher - oder gar Wiener - erwartete sich von den Fällen, die Marek zu bearbeiten hatte, etwas Besonderes. Und in der Tat sind es keine Besonderheiten, die auf den Zuschauer einwirken. Marek nämlich repräsentiert in erster Linie Wien und die Mentalität des Wieners. Seine Charakterzüge und Eigenheiten widerspiegeln die Widersprüchlichkeiten der Wiener Seele, und angesichts dessen kann ruhig Thomas Bernhard ins Spiel gebracht werden, der einmal schrieb, "dass nirgends so viele unbekannte Genies zu Grunde gehen wie in Wien".

Ja, die Figuren, welche in den Fällen von Marek auftreten, sind oft so genannte "Strizzis", gestrandete Existenzen, vom Leben übel mitgenommene "seltsame Käuze". Wer in Wien spazieren geht, der kommt nicht umhin, solchen Menschen immer wieder zu begegnen. Was Helmut Qualtinger auf die Spitze trieb (durch seine herrlichen Parodien), kann auch als Anleihe bei Marek gesehen werden. Marek´s Schmäh und Raunzerei versinnbildlicht die Spezifika des Wieners auf wunderbar humoristische Weise mit leichten melancholischen Einschüben.

Bild: ORF

Marek könnte ebenso einem Buch von Friedrich Torberg entsprungen sein, der mit der "Tante Jolesch" ein herrliches Werk verfasst hat, das stellvertretend für die Komik sein mag, die nur der Wiener bis ins letzte Detail verstehen, und auf selbstreflexive Weise darüber vor Lachen in Tränen versinken kann. Marek ist also ein Wiener, wie er "im Buche steht", um es mal so deutlich wie möglich auszudrücken. Was spielt es da für eine Rolle, wie packend und temporeich ein Krimi gestaltet sein mag, in dem er mitspielt?

Hirth und Fichtl

Auf Marek sollte Hirth folgen, der als Wirz 13 Folgen lang Assistent von Marek war. Ein ziemliches Kuriosum. Schon als Assistent verkörperte Kurt Jaggberg eine Figur, die zum Unterschied zu Marek bemüht war, keine Widersprüchlichkeiten im Sinne einer Wiener Prägung zuzulassen. Er war zwar dem Wiener Schmäh nicht abgeneigt; seine raunzerische Ader überwog allerdings bei weitem. Somit war auch seine Performance als Hirth freilich nicht mit der genialen marek´schen Wiener Leibhaftigkeit zu vergleichen. Dennoch machte er seine Sache recht gut. Bei "Wir werden ihn Mischa nennen" handelt es sich zweifelsfrei um einen der besten Fälle in der Geschichte des österreichischen TATORT. Als "Fichtl" involviert Michael Janisch, der nach der "Eintagsfliege" Christoph Waltz ein würdiger Nachfolger von Marek (mit der Zwischenschaltung "Hirth") werden sollte.

Bild: ORF

War Oberinspektor Marek noch ein "Kavalier der alten Schule", der sich sehr galant zu benehmen verstand, und seinen Schmäh als Auflockerung der manchmal stickigen Atmosphäre, die im Laufe der Konfrontation mit einem Fall und dessen Beteiligten entstehen kann, einsetzte, so kann bei Inspektor Fichtl von spezifischen Wiener Tugenden nur in Ansätzen die Rede sein.

Fichtl ist zwar jene widersprüchliche Seele, wie sie bei Wienern so gut wie immer existiert; jedoch überwiegen oft die negativen Anteile, die sich durch Rücksichtslosigkeit, Rechthaberei und überhaupt cholerische Charakterzüge manifestieren. Hie und da dringt der berüchtigte Wiener Charme durch, von dem viele Wiener Männer ein Liedchen singen können: Sei möglichst bös´ und beleidigend zu den Frauen, bis sie dir nach einem netten Wort aus der Hand fressen. Fichtl tut dies wie viele andere Wiener auch nicht bewusst. Es rutscht ihm so mancher Ausdruck heraus, ohne dass er selbst darüber erschreckt wäre. Viel mehr als bei Marek oder Hirth wird der Zuschauer Zeuge der drastisch zur Schau gestellten Selbstverliebtheit von Fichtl.

Selbstverständlich ist diese Selbstverliebtheit nur dem Wiener Augenzeugen ersichtlich, weil der Wiener dazu tendiert, auf Dinge stolz zu sein, über die andernorts womöglich ein Schleier gezogen wird. Den Ärger über Menschen, die Herrn Fichtl nicht in den Kram passen, zu kultivieren, ist nur ein Punkt. Mit Verachtung nicht hinter den Berg zu halten ein weiterer. Aus zynischen Perspektiven vermag der Wiener die Welt zu parodieren, und sich selbst als Meister über diese "Komödie" zu inszenieren. Das Raunzen ("de Leit san olle so deppert; es gibt so vüle Oaschlecher") hat einen unüberbietbaren Stellenwert.

Hände hoch, die Herren: TATORT "Wunschlos tot", Bild:ORF

Kurt Sowinetz schrieb eine "Wiener Nationalhymne", die sozusagen alle Stückerln spielt, und in einer Hauptaussage kulminiert, welche ehrliche Wiener unterschreiben mögen: "Alle Menschen san ma zwider" muss einem Wiener auf der Zunge zergehen, insofern er dazu tendiert, sich selbst auf die Schaufel zu nehmen, und das Wesen des Wieners ähnlich überspitzt zu definieren, wie dies Helmut Qualtinger so eindrucksvoll verstand. Fichtl ist so etwas wie der nahtlose Übergang auf Marek. Er hat den Wiener TATORT wieder salonfähig gemacht, während Hirth zu sehr auf raunzerische Eindimensionalitäten abonniert war.

Pfeifer, Kant und die Eintagsfliege Becker

Außerhalb der TATORT-Gemeinschaftsreihe gab es ein paar Fälle für Oberinspektor Pfeifer.

Bruno Dallansky als Inspektor Pfeifer, Bild:ORF

Bruno Dallansky als Pfeifer war freilich nicht die Figur, an der sich der Wiener TATORT anlehnen könnte. Fichtl beherrschte mit seinen Eigenarten auch hier den TATORT und mit Dorothea Parton kam endlich mal eine patente Frau auf den Plan, die in einige Fälle involviert war. Der schon mal kurz erwähnte "Superzwölfer" ist die wohl gelungenste Folge aus der "Pfeifer"-Zeit. Und es kann auch ein Bezug zu "Kottan ermittelt" festgestellt werden, von dem an anderer Stelle ebenso schon die Rede war. Der recht jung von einer Überdosis dem Leben entrissene Hansi Dujmic spielte eine kleine Rolle (einen "Strizzi"). In "Kottan ermittelt" war er Teil von "Kottans Kapelle", und zwar spielte er Gitarre. Hansi Dujmic wird vielen Österreichern durch seinen Song "Ausgeliefert" in Erinnerung sein und bleiben.

"Morde ohne Leichen" aus 1997, Bild:ORF

Fichtl war auch in den beiden "Kant"-Fällen mit von der Partie. "Morde ohne Leichen" ist zweifelsfrei einer der ungewöhnlichsten, und durch kafkaeske Elemente besonders einprägsamen Fälle der TATORT-Reihe. Wolfgang Hübsch konnte sich ebenso wenig wie die Eintagsfliege Klaus Wildbolz als Inspektor auf Dauer durchsetzen. Obzwar die Fälle (auch jener von Wildbolz alias Max Becker) als überdurchschnittlich zu bezeichnen sind, fehlt es diesen Inspektoren eindeutig an Profil.

Eisner

Somit trat nach ca. 1 ½ Jahren Pause für österreichische TATORT-Produktionen Chefinspektor Moritz Eisner in die für ihn eindeutig zu großen Fußstapfen von Marek und Fichtl.

"Nie wieder Oper": der Einstiegsfall fĂĽr Harry Krassnitzer. Bild:ORF

Eisner ermittelt nicht nur in Wien, sondern ebenso in anderen Bundesländern wie Kärnten und Tirol. Er hat mit Wiener Mentalität nichts am Hut. Der ehemalige "Bergdoktor" Harald Krassnitzer hat eine sehr starke soziale Ader; aber schauspielerisch ist er leider nicht von den Besten Einer. Als Wiener kann man da schon froh sein, kleine Ansätze von Schmäh wie in "Tod unter der Orgel" zu registrieren. Insgesamt ist die Performance von Eisner eher enttäuschend, wenngleich mit "Der Milleniumsmörder", "Passion" und "Elvis lebt" drei eher überdurchschnittliche Fälle gelungen sind.

Das Wiener Lokalkolorit, wie es bei den Fällen von Marek, Hirth und Fichtl; ja sogar bei Pfeifer gegeben war, ist ebenso verschwunden wie die Wiener Integrationsfigur, durch die ein Krimi, der in Wien spielt, sehr viel an Substanz gewinnen kann. Eisner hat keine Ecken und Kanten; er täuscht nicht mal Widersprüchlichkeiten vor, und bietet für keinen Wiener oder Österreicher eine Fläche, an der positive Reibung entstehen mag. Durch das Auftauchen seiner Tochter bekam die Figur Eisner neue Nuancen, die anfangs durchaus positive Aspekte darstellten. Das ändert aber nichts an der Behäbigkeit, mit der Eisner die Ermittlungsarbeit angeht.

Seitenhieb auf Trautmann

Am Schluss muss ein kleiner Seitenhieb auf "Trautmann" erlaubt sein. Es gibt nämlich zwei Dinge, die in Bezug auf diesen Wiener Inspektor von Bedeutung sind, da sie Parallelen zu Marek darstellen:

Wolfgang Böck als Inspektor Polycarp Trautmann

Zum einen erschien "Trautmann" schon Jahre, bevor er als Inspektor spezifische Fälle zu ermitteln hat, bereits in der Wiener "Kult"-Serie "Kaisermühlen Blues" auf der Bildfläche. Als Lebensgefährte von Gitti Schimek (gespielt von Marianne Mendt) brachte er viel Leben in die Serie ein, die mittlerweile eingestellt wurde. Das heißt, dass den "Trautmann" so gut wie ALLE WIENER kannten, und die Einschaltziffern vom ersten Fall an dementsprechend hoch waren.

Zum anderen ist "Trautmann" so etwas wie ein "alter Ego" von Marek, da er die neue Philosophie Wiener Zuschnitts erfüllt: Der Kieberer mit Herz und Verstand, der sich mit Schmäh und widersprüchlicher Persönlichkeit ausgestattet, durch die finsteren Gassen Wiens einen Weg bahnt, um Mörder und Ganoven zu entlarven. Logischerweise wäre "Trautmann" als Wiener Integrationsfigur dem Moritz Eisner absolut vorzuziehen; doch aus unverständlichen Gründen wurden wegen irgendwelcher "Sprachprobleme" die "Trautmann"s nicht in die TATORT-Reihe impliziert.

JĂĽrgen Heimlich


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