Seit fast 38 Jahren wissen Zuschauer sofort, was folgt, wenn auf das sich umschauende Augenpaar und die rennenden Beine auf nassem Asphalt der Fingerabdruck im TATORT-Vorspann folgt: Mord und Totschlag, zur besten Sendezeit, quotenträchtig und für viele der Ausklang des Wochenendes. Den TATORT-Vorspann gibt es seit 38 Jahren in dieser Form; verändert wurde er kaum.
Zeitlos ist er ja, der TATORT-Vorspann. Und auch wenn die Macher der Fernsehkrimis immer wieder extra betonen - es gar als Bestandteil des Urkonzepts sehen, der TATORT sei ein zeitgemäßer Krimi, bezeugt der TATORT-Vorspanns das Gegenteil: es gibt kaum eine Entwicklung, was das Signet angeht: die ARD hat das 32-Sekunden Filmchen nie wirklich verändert.

- Das Auge im Fadenkreuz - Markenzeichen des TATORT-Vorspanns
Der Vorspann scheint damit eine der langelebigsten Fernsehlegenden überhaupt zu sein. Zugleich scheint sie wie die Würde des Menschen fast unantastbar zu sein, sozusagen unter "Fernseh-Denkmalschutz" zu stehen: Mussten andere TV-Flaggschiffe wie "Tagesschau", "Die Ziehung der Lottozahlen" oder kürzlich auch der "Polizeiruf 110" mehrfach ihr Signet ändern und sich damit der Zeit anpassten, ging dieser Kelch am "Länderspiegel mit Leichen" immer wieder vorbei: Der TATORT-Vorspannfilm ist noch der gleiche wie am Abend des 29. November 1970, dem Tag, an der TATORT zum ersten Mal über die Bildschirme flimmerte.
Augen, Beine und Hände: Horst Lettenmeyer
"Es war ein Job wie jeder andere", sagt der Schauspieler, dem die Augen und die Beine aus dem Vorspann gehörte: Horst Lettenmeyer. Der arbeitete damals als Schauspieler in München und bekam von seiner Agentur einen folgenschweren Anruf: man habe seine Augen ausgewählt für den "Pilotfilm einer geplante Krimiserie der ARD". Lettenmeyer brauchte nicht lange zu überlegen: "Mach ich". Lettenmeyer war kein besonders bekannter Schauspieler, hielt sich mit solchen Jobs damals über Wasser. Also gab es kein großes Nachdenken.

- Horst Lettenmeyer (1994) bei der Jubiläumsfeier zum 300. TATORT (Bild:SWF)
Die Gage für den einen Tag Arbeit betrug läppische 400 DM. Dafür musste Lettenmeyer den halben Tag Standaufnahmen (Augen- und Handszenen im Vorspann) im Münchner Studio über sich ergehen lassen, den restlichen Tag wurden am Flughafen München Riem die Laufszenen aufgenommen. Für Lettenmeyer war die Sache damit erstmal abgehakt.
Jahre später verklagte er die ARD angesichts der häufigen Wiederholungen auf die Zahlung von Wiederholungshonoraren - vergeblich. Einen kleinen Schauspielauftritt als Gewerkschaftsboss hatte Lettenmeyer dann noch beim Schimanski-TATORT in
Der Pott, doch die Schauspielerei konnte Lettenmeyer dauerhaft nicht ernähren. Er wechselte in die Lampenbranche und machte auf Leuchtröhren - sein Unternehmen macht mittlerweile Millionen Umsätze, die Sache mit dem TATORT-Vorspann sei für ihn gegessen, sagte er 1994 anlässlich der 300. Jubiläumsfeier, zu der die ARD ihn noch einlud und in der TATORT-Regisseur Jürgen Roland ihn dazu befragte. Heute hat die ARD-Programmdirektion keinen Kontakt zu Lettenmeyer, will nicht mal mehr wissen, wie sie ihn erreichen kann; eine Telefonnummer hat sie nicht, verlautet es aus der ARD-Programmdirektion in München...
Erfinder: Peter Hoheisel
In München wurde der TATORT-Vorspann 1970 auch entworfen und "erfunden" - beim Bayerischen Rundfunk. Redakteur Peter Hoheisel, später auch für die meisten TATORTe mit Gustl Bayrhammer als "Oberinspektor Veigl" zuständig, war auch für das Projekt "TATORT-Vorspann" verantwortlich. Das Konzept: Die Kombination aus emotionalen Bildern und prägnanten graphischen Elementen sollte rasant und spannend wirken, unterstützt durch Musik, Bildführung und den Schnitt.
Täter, Opfer und Ermittler im TATORT-Vorspann
Im Vorspann ist das klare Helle des Auges und eine panische Flucht im Dunklen gegenübergestellt, die Ermittler und Täter darstellen sollen. Das Opfer ist höchstens zu erahnen - in den Händen und der Lettenmeyerschen Abwehrhaltung. Der Vorspann nimmt den Fernsehzuschauer durch das Auge im Fadenkreuz und alle anderen shots ins Visier - und hat darin ein bekanntes Vorbild aus dem Kino, den Vorspann zu den Agentenfilmen von "James Bond". Dort ist es der Schattenriß eines Mannes, der durch den Schnappverschluß eines Kameraobjektivs auf den Zuschauer vor der Leinwand schießt.