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TATORT

Mischung aus Vertrautem und Neuem macht Krimis zum Kult

Sonntag, 20.15 Uhr, erstes Fernsehprogramm: Tatort-Zeit. Regelmäßig verfolgen mehr als 20 Prozent der deutschen Zuschauer um diese Zeit die Ermittlungsarbeit der Kommissare der erfolgreichsten Krimireihe des Landes. Der Tatort ist längst Kult, es gibt sogar Fan-Clubs.

In vielen Kneipen oder privaten Wohnzimmern treffen sich Krimifreunde zum gemeinsamen Fernsehabend - etwa die Mitglieder des Clubs «Soup + Crime» in Frankfurt. Mit einer Schüssel voll vegetarischer Suppe in den Händen, vor sich auf dem Tisch ein Glas Wein, genießt auch Jochen Bliß sein «Wochenendritual».

Er trägt - so oft es die Witterung zulässt - sein «Soup + Crime»- T-Shirt. Es zeigt eine weiße Suppenschüssel mit Einschusslöchern, aus denen blutrote Tomatensuppe quillt. Daneben das klassische Tatort- Fadenkreuz. «Als wir vor mehr als zwei Jahren feststellten, jeder guckt sonntags alleine, haben wir uns zusammengetan», erzählt Bliß. Aber warum ausgerechnet Tatort? «Die Serie hat etwas Vertrautes, das kannte man bereits als Jugendlicher. Sogar der Vorspann ist noch der alte», sagt der 35-Jährige.

Auch für die Literaturwissenschaftlerin Immacolata Amodeo macht die Faszination des Tatorts vor allem die Verbindung von Bekanntem und Neuem aus. «Um die festen Elemente des Genres "Krimi" kann die Handlung mit ihren kulturellen, regionalen und sozialen Aspekten gut herumgesponnen werden», sagt die Professorin an der Jacobs University Bremen. Amodeo beschäftigt sich bei ihren Forschungen unter anderem mit dem Zusammenhang von Verbrechensdarstellungen in verschiedenen Medien und kulturellen Mustern.

«Den Reiz der Nachahmung und Wiedererkennung kennen wir bereits von der antiken Tragödie - dies ist eine anthropologische Konstante», sagt die Professorin. Eingebettet in dieses Raster könnten gut etwa aktuelle, gesellschaftskritische Fragen debattiert werden. Interessant findet Amodeo unter anderem die Figur der Bremer Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel): nicht nur, dass hier eine Frau «Chefin» im Team ist - sie ist zudem allein erziehend.

In der Folge «Schatten» wird die Kommissarin von ihrer Vergangenheit in der linken Szene eingeholt. Der Fall eines ungeklärten Anschlages auf einen Verlag wird wieder aufgerollt, Lürsen vorübergehend vom Dienst suspendiert.

Ob die Vergangenheit der Eltern in der «Anti-Atomkraft-Bewegung», Gewalt in Schulen oder Ermittlungen im rechtsradikalen Milieu: «Die Reihe Tatort ist ein Seismograph über die Befindlichkeiten in der Republik», sagt Amodeo. In den Folgen stelle sich Deutschland «selbst dar, als Einheit der regionalen Vielfalt». Durch diese kulturelle Verankerung werde der Tatort von vielen als intellektueller Fernsehgenuss betrachtet, auch wenn Krimis lange eher «verschämt» konsumiert worden seien.

Der Tatort zeige in seiner 36-jährigen Geschichte die «soziale Realität» in Deutschland und sei ein «Spiegel der Gesellschaft», sagt auch Professor Gebhard Henke, Tatort-Koordinator für die ARD. «Der Genre-Film beschreibt die Gesellschaft manchmal besser als ein gesellschaftskritischer Film». Nach Ansicht des Medienwissenschaftlers Lothar Mikos sind «Tatort-Krimis in erster Linie eine Milieustudie». «Die Suche nach dem Täter rückt häufig in den Hintergrund, psychologische und gesellschaftliche Fragen in den Vordergrund», sagt der Professor für Medienwissenschaft an der Hochschule für Film und Fernsehen «Konrad Wolf» in Potsdam- Babelsberg.

Dabei gehe es zudem häufig darum, die Motive «sozial auszuleuchten». Zu den Ermittlerteams, in deren Fällen es besonders oft um soziale Probleme geht, zählt Mikos Max Ballauf (Klaus J. Behrend) und Freddy Schenk (Dietmar Bär/WDR) aus Köln, die Münchner Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl/BR) sowie Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe/SWR). Allerdings müsse auch bedacht werden, dass die großen Sendeanstalten auch mehr Tatorte im Jahr lieferten.

Bei den Ost-Tatorten mit den Ermittlern Bruno Ehrlicher (Peter Sodann) und Kain (Bernd Michael Lade/MDR) aus Leipzig werde «jenseits der Kriminalfälle auch ein Sittenbild der neuen Bundesländer» gezeichnet, sagt Mikos. «Da kommen auch mal westliche Unternehmer vor, die Ossis über das Ohr hauen.» Tatorte insgesamt vermittelten ein realistisches Milieu: «Die Fälle müssen wahrscheinlich sein.» Dies sei von der Tendenz her immer schon so gewesen, bereits im ersten Tatort «Taxi nach Leipzig», der sich «ganz extrem an der sozialen Wirklichkeit des geteilten Deutschlands» orientierte. Über die Jahre hinweg verzeichnet der Medien-Professor einen «Trend zu mehr Kommissarinnen und hin zum Team». Ein Ermittler-Duo biete mehr dramaturgische Möglichkeiten - besonders bei gemischtgeschlechtlichen Teams.

Auch in Leipzig wird künftig eine Frau ermitteln: Simone Thomalla («Kinderärztin Leah») löst 2008 gemeinsam mit Schauspieler Martin Wuttke das Duo Sodann/Lade ab. Während Thomalla in Leipzig geboren wurde, kommt Wuttke aus Gelsenkirchen. «Für seine Figur überlegen wir uns auch gerade eine passende West-Biografie», sagt Sven Döbler, der beim MDR Tatort-Redakteur ist. Allerdings spiele die «Ost-West- Problematik» in den Leipziger Tatorten inzwischen keine so große Rolle mehr. «Das war nach der Wende interessanter.»

Was die Auswahl von Drehorten betrifft, ist es das Wichtigste, dass sie «authentisch» sind und zur Geschichte passen, sagt Döbler. Da muss der Osten nicht ewig vor der Plattenbau-Kulisse spielen - es kann auch mal eine schicke Villa sein. «Wir haben manchmal das Problem mit der Erwartungshaltung der Zuschauer, wie nach ihrer Meinung der Osten auszusehen hat», erzählt der Redakteur. Manche wünschten sich die neuen Bundesländer, wie sie sie «vom Verwandtschaftsbesuch» in den 70er Jahren kennen, anderen seien die Kulissen zu langweilig und unmodern.

Als der Kieler Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg/NDR) in der Folge «Das Ende des Schweigens» gerade das - vermeintliche - Geständnis des Hauptverdächtigen in den Händen hält, wird in der Karlsruher Kneipe «Zwiebel» eine neue Runde Pils bestellt. Regelmäßig treffen sich hier Krimi-Fans zum gemeinsamen Fernsehen am Sonntagabend. Auf einem Klavier steht ein großer Flachbildschirm, pünktlich um 20.15 Uhr wird die Musik in der Kneipe leise gestellt.

Die Stimmung in dem kleinen Kreis von etwa 20 Zuschauern ist entspannt, man kennt sich. Zwar sind Kommentare zum Film nach dem Motto «Ich weiß, wer es war» nicht erwünscht, aber herzhaft gelacht werden darf dann doch, etwa wenn der Kommissar seine Kollegin Jung etwas länger im Arm hält, als es sein müsste.

Auch in mehr als einem Dutzend weiterer Kneipen in Deutschland wird es jeden Sonntagabend spannend. Unter anderem im «Haddocks» in Mainz oder im Wiesbadener «60/40» treffen sich Tatort-Begeisterte regelmäßig zur gemeinsamen Verbrecherjagd vor der Flimmerkiste. Einer der «größten» Tatort-Fans in Deutschland schaut sich die Folgen dagegen meist allein an: François Werner aus Stuttgart betreut die sehr ausführliche Internetseite «Tatort-Fundus» und wird dafür auch von den ARD-Redaktionen unterstützt.

Für Werner macht das Format von 90 Minuten einen großen Teil des Erfolges aus. «Die Art und Weise, wie die Geschichten erzählt werden, ist nur so möglich», sagt der 33-jährige Verlagsangestellte. Für ihn bedeutet die Krimireihe «intelligente Unterhaltung». Wenn sozialkritische Themen verarbeitet werden, schafften es die Macher meistens, «den erhobenen Zeigefinger weg zu lassen». Die inzwischen zahlreichen Wiederholungstermine in den dritten Programmen nutzt Werner nicht. «Ich kenne die Folgen alle schon», sagt er. Außerdem würde ein Griff ins Regal reichen: Werner hat die Tatort-Folgen komplett auf Video archiviert.

Andrea Löbbecke, dpa
Dieser Artikel erschien 2007 in zahlreichen Tageszeitungen und darf hier ebenfalls abgedruckt werden.


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