Früher wiederholte die ARD ihre TATORT-Krimis sogar im Vormittagsprogramm - heute undenkbar! Noch immer dürfen/sollen auch heute vereinzelt einige TATORTe nicht mehr vor 22 Uhr wiederholt werden, beispielsweise die langjährig weggesperrte Folge Blutspur. Vielen besorgten Eltern und berufsbedingten Gewalt-"Kritikern" stellt sich die prinzipielle Frage: Unterliegt der ARD-Krimi-Klassiker eigentlich einer Altersbeschränkung wie die FSK-Empfehlung? Oder ist ein TATORT per se ab 20.15 Uhr für Kinder gefahrlos zu konsumieren?
Die Gewalt- und Sex-Diskussion bezüglich ihrer Darstellung hat die ARD schon lange im Griff - mit Recht! Nicht nur seitdem der WDR-Fernsehfilm "Wut" eine öffentliche Kontroverse in Gang brachte, auch vorher schon. Vor Jahren titelte selbst die BILD, wenn zuviel Gewalt im TATORT zu sehen war. "14 Tote" im Bremen-TATORT
Abschaum war selbst der sonst wenig zimperlichen Zeitung mit den großen Buchstaben zu viel. Auch schon in den 70er Jahren kritisierten selbst Politiker den TATORT als zu brutal, fragten, ob der Krimi-Klassiker "zu blutig" sei. Nach der Ausstrahlung von
Tod im U-Bahnschacht 1975 gar beschwerte sich Franz-Josef Strauß von der CSU über die brutale Darstellung eines Mordes - ein Mann wurde mit einer Planierraupe brutal überfahren, der Zuschauer konnte dies in jeder Einzelheit beobachten.

Blutige Angelegenheit, auch im TATORT, hier: Die apokalyptischen Reiter, Bild:RB
Gewalt, muss das sein?
Ein kleiner Vordenker in dieser Frage war der Schauspieler Günter Lamprecht, der in acht Folgen den TATORT-Kommissar Markowitz in Berlin verkörperte. Er, der nach einigen Meinungsverschiedenheiten mit seiner Redaktion dazu "verdonnert" wurde, seine Bücher selber zu schreiben, weil er mit den Drehbüchern meist nicht zufrieden war, gab schon damals die Losung aus: "Vielleicht sollte man gerade im TATORT damit anfangen, weniger oder keine Gewalt zu zeigen!?". So gestalteten sich seine TATORTe auch etwas "ungewöhnlich", das zumindest dachte die Redaktion - "das sind doch keine TATORTe!" - Markowitz musste gehen.
Heute würden solche Szenen wie in "
Tod im U-Bahnschacht" sicher nicht so ohne weiteres laufen, viel zu sensibilisiert sind die ARD-Redakteure. Doch auch die Filmemacher sind vorsichtig. Die Losung: Gewalt nur, wenn sie unbedingt nötig ist, und dann nur so wenig wie möglich zeigen. Gleiches dürfte für Sex-Szenen gelten. Diese zu zeigen ist nur sinnvoll, wenn sie dramaturgisch wichtig sind, vertreten viele Autoren und Regisseure unisono.
Das ganze natürlich im Hinblick auf aufkeimende Fragen auch in Bezug auf den TATORT. Das, was im Regelfall um 20:15 Uhr laufen soll, darf ja nicht jugendgefährdend sein. Im Umgang mit jedem Film, so auch dem TATORT, gilt innerhalb der ARD deshalb folgende Verabredung bzw. Selbstverpflichtung:
TATORT geeignet ab 12 Jahren
- TATORTe werden in der ARD nie vor 20.15 Uhr gesendet. Vormittagswiederholungen wie in den 70er Jahren sind somit unmöglich. Die letzte Wiederholung an einem Vormittag lief am 23.8.1998
- Filme, die nach 20 Uhr laufen, sind automatisch eingestuft: geeignet ab 12 Jahren
- Filme, die nach 22 Uhr laufen, sind automatisch eingestuft: geeignet ab 16 Jahren
- Filme, die nach 23 Uhr laufen, sind automatisch eingestuft: geeignet ab 18 Jahren
- In Grenzfällen entscheidet der Jugendschutzbeauftragte des ARD-Senders unter den Aspekten Gewalt- und Sex-Darstellungen und greift gegebenenfalls ein. Gibt es hausinternen Widerspruch oder keine Einigung, entscheidet der Intendant der ARD-Anstalt.
Daraus folgt: Der TATORT ist nach ARD-internen Richtlinien ab zwölf Jahren geeignet, bzw. soll es sein. Redakteure und Produzenten werden deshalb bei der Entwicklung der Filme und Auswahl der Stoffe darauf Rücksicht nehmen (müssen).

- Mitglied der Vorbesichtigungstruppe: Doris J. Heinze (2006), NDR-Fernsehspielchefin ©NDR/Marcus Krüge
Wird der fertige Film von der internen ARD-"Vorbesichtigungsgruppe" diesbezüglich dennoch moniert, muss es zu nachträglichen Veränderungen am Film kommen oder ein neuer, späterer Sendetermin erteilt werden. Die ARD-"Vorbesichtigungstruppe" besteht derzeit aus fünf Mitgliedern, die regelmäßig in einer Telefonschaltkonferenz alle fiktionalen Programminhalte (Spielfilme, Krimis wie TATORT oder Polizeiruf) drei Monate vor der TV-Ausstrahlung sichten, beurteilen und fürs Programm freigeben. Es wird berichtet, dass die Mitglieder dabei auch die Einschaltquote "tippen" sollen...
Der ARD-"Vorbesichtigungstruppe" gehören derzeit fünf Redakteure an:
- Doris J. Heinze, Norddeutscher Rundfunk, Fernsehspielchefin und TATORT-Redakteurin
- Bettina Rickleffs, Bayerischer Rundfunk, Redakteurin
- Wolf-Dietrich Brücker, Westdeutscher Rundfunk, Redakteur "Schimanski"-Reihe
- Liane Jessen, Hessischer Rundfunk, Fernsehspielchefin und TATORT-Redakteurin
- Annette Strelow, Radio Bremen, TATORT-Redakteurin
Die FSK - Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft hat dabei nichts mit dem TATORT zu tun, sie beurteilt hinsichtlich einer Jugendgefährdung nur Filme, Videokassetten und sonstige Bildträger (z.B. DVD), die in Deutschland für die öffentliche Vorführung bzw. Zugänglichmachung (z.B. Kino) vorgesehen ist .