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Heute ist der: 19.01.2018.
 

Die Faust

Ritualmord an der Plausibilität

Der Serienmörder, der seine Leichen zu einer blutigen Schnitzeljagd mit möglichst vielen, möglichst mystischen Rätseln ausschmückt, ist ja inzwischen ein eigenes Genre, dem sich nicht nur eine Reihe von Kinofilmen voll wohligem Schauer widmet, sondern ganze TV-Serien in epischer Länge.

Am Fundort der ersten Leiche. © ARD Degeto / ORF / E&A Film / Hubert Mican

Da werden dann über x Folgen immer mehr Verweise, Obsessionen und Abgründe ausgebreitet, die ermittelnden Polizisten und der meist superschlaue Serienmörderpsychopath werden immer mehr zu Duellanten, es entsteht eine Art Echtfiguren-Schach mit viel Blut auf dem Spielfeld.

Aus dem Serienmörderkrimi-Handbuch

Auch dem TATORT ist diese Konstellation nicht fremd, nur stößt er erstens eben auf das 90-Minuten-Zeitlimit, das die Grenzen für das Genres doch arg eng steckt. Und zweitens: sonderlich originell ist das alles nun auch nicht mehr, wie die unzähligen Adaptionen und Varianten des Stoffes zeigen.

Profilerin Cerwenka wird hinzugezogen. © ARD Degeto / ORF / E&A Film / Hubert Mican

Das alles wissen die Macher des neuen Wien-TATORTs „Die Faust“. Der Anfang ist zünftig und erinnert an die jüngeren Vorlagen wie „Die Brücke – Transit ins Jenseits“ und Konsorten. Eine schaurig zurechtgemachte Leiche mit allerlei obskurem Schmuckwerk, anal penetriert, um auch eine sexuelle Komponente dabei zu haben, fast wirkt es ein bisschen platt überreizt, wie aus dem Serienmörderkrimi-Handbuch entnommen – und genau das bemerkt und belästert das gewohnt souverän vor sich hin schmähende Ermittler-Duo Eisner und Fellner auch.

Geographische SchlĂĽsselposition

Das ist natürlich ein hübscher Dreh, zumal der aktuelle Fall trotzdem nicht in die Parodie wechselt. Im Gegenteil: Der Stoff ist ernst und ambitioniert, der jüngeren Wiener Linie treu bleibend, auch gerne mal das ganz große Rad zu drehen und dabei nicht zuletzt die geographische Schlüsselposition Österreichs zwischen West- und Osteuropa auszureizen. Denn bald schon verdichten sich die Hinweise, dass es eher keiner der hinlänglich bekannten Ritual-Sex-Mystik-Psycho-Mörder ist, der hier sein krankes geistiges Kräftemessen mit der Polizei sucht, sondern dass das ganze Spektakel womöglich nur ein Ablenkungsmanöver darstellt.

Der Zeugen gibt es viele. © ARD Degeto / ORF / E&A Film / Hubert Mican

Die Wendungen, die der Plot nimmt, sind nicht unoriginell, kranken aber dennoch an mehreren Faktoren. Schon der normale Serienmörder-Fall ächzt immer etwas unter dem Plausibilitätsgebot, für die in Wien eingeschlagene Steigerung gilt das umso mehr. Jeden Gedanken der Art „Aber warum sollte er das tun, das ginge doch alles auch viel einfacher?“ muss man sich konsequent verbieten, wenn man etwas Spaß an dem Film haben will.

Irgendwelche dunklen Mächte

Problem zwei: Die zweite Schicht, die nach und nach entblättert wird, ist eher noch weniger glaubwürdig und rührt dann die üblichen großen Politverschwörungs-Versatzstücke ineinander, ein ebenfalls nicht mehr sonderlich frisches Genre, und angesichts des in den sozialen Netzwerken grassierenden Verschwörungswahnsinns allerorten zudem noch mit einer etwas unguten Konnotation. Das Problem ist ja, dass zunehmend mehr Menschen selbst die irrsten Theorien für absolut denkbar halten oder gar davon überzeugt sind, dass hinter jedem Ereignis irgendwelche dunklen Mächte sitzen, die die Fäden ziehen.

Bibi und Eisner vernehmen die Mitbewohnerin einer Ermordeten. © ARD Degeto / ORF / E&A Film / Hubert Mican

Und drittens schließlich, ganz profan filmisch: Die Menge an Stoff und Hintergrund ist einfach zu wuchtig für einen Neunzigminüter, nichts kann ordentlich ausgespielt, Charaktere können nur angerissen, Abgründe nur kurz mal mit der Taschenlampe durchstreift statt ordentlich ausgeleuchtet werden. Am Ende bleibt das ungute Gefühl, hier einen billigen Abklatsch, eine Art Zusammenschnitt eines großen, düsteren Verschwörungskrimis gesehen zu haben, der durch das Westentaschenformat aber alles andere als mitreißend oder fesselnd ausfällt.

Und was die viel beschworene gesellschaftlich-politische Relevanz und zeitgeschichtliche Aktualität angeht: Wenn die nur als originelle Kulisse dienen, ohne ernsthaft behandelt zu werden oder irgendeine Form von Erkenntnis zu vermitteln, ist diese Bedeutungshuberei eher ein Ärgernis als ein Kick.
Man sieht den Wienern trotzdem gerne zu, und noch viel lieber lauscht man ihnen. Aber vor lauter behaupteter Spannung und Bedeutung muss man dann doch mal verstohlen gähnen. Nein, packend ist „Die Faust“ nicht. Und relevant dann eben auch nicht. Sondern eher die Traumschiff-Variante eines Verschwörungs-Thrillers. Das haben wir aus Österreich nun wirklich schon besser gesehen.

Heiko Werning


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