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Heute ist der: 15.12.2017.
 

Interview

"Die Geschichte passt gut zu Berlin"

Josephine Schröder-Zebralla ist die Redakteurin des Berliner TATORTs im Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb). Auch die neueste Folge "Dein Name sei Harbinger" hat sie entwickelt. Sie stand uns für Fragen rund um die Berliner TATORTe Rede und Antwort.

Dr. Josephine Schröder-Zebralla betreut seit 1996 die Berliner TATORT-Folgen und hat u.a. das neue Team Rubin und Karow entwickelt. Bild:© rbb/Gundula Krause

Womit haben es die Berliner Ermittler in ihrem neuesten Fall zu tun?

Rubin und Karow ermitteln den Fall eines ermordeten Studenten und müssen zwei Spuren verfolgen, die eine führt in eine Kinderwunschklinik am Rande der Stadt und die andere zu Lothar Harbinger, einem verschrobenen Eigenbrötler, der in einer Wahnwelt lebt und moderne Technik komplett ablehnt. Er betreibt einen Schlüsseldienst in einer U - Bahnstation und ist aufgrund seiner Psychose manipulierbar.

Die Ermittlungen führen u.a. in eine Kinderwunschklinik und zu einem Pärchen, das in den 80er Jahren Wegbereiter einer In-Vitro-Fertilisation war. Gibt’s da Anleihen in der Realität oder ist das vollkommen erfunden?

Wir lehnen uns an den Fall des ersten Retortenbabys 1982 an, das auf der damaligen Zeitschrift „Quick“ mit der Schlagzeile „Das ist es!“ abgebildet wurde. Die Figur Dr. Stefan Wohlleben aus unserem TATORT ist einer der ersten Babys, die in den 80er Jahren im Reagenzglas gezeugt wurden. Wir treiben die Idee hier allerdings auf die Spitze, indem wir erzählen, dass ein lesbisches Paar Eltern eines In Vitro gezeugten Kindes wurden.

Der Spurensicherer glaubt, dass Karow und Rubin ein „Magnet für Horrorleichen“ sind. Tatsächlich kommen die Leichen bisher im neuen Berliner TATORT nicht immer besonders appetitlich daher, sie werden bei Karow und Rubin zerstückelt, ausgeweidet oder in Säure aufgelöst. Gehört das auch zum Konzept des neuen Berliner TATORTs?





"Magnet für Horrorleichen" - Die Kommissare Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) am Tatort, wo die verbrannte Leiche gefunden wurde. © rbb/ Gordon Muehle

Ein dramaturgisches Konzept steckt nicht dahinter, die Geschichten haben Tötungsmethoden, die mit den Tätern zu tun haben, beispielsweise, wenn ein Bauarbeiter die Leiche in Säure auflöst. Der nassforsche Spurensicherer Knut Jansen (Daniel Krauss) zieht daraus dann seine Schlüsse in dem er die Dinge verbal auf den Punkt bringt.

Was hat Sie an diesem Stoff gereizt, als dieser Ihrer Redaktion vorgeschlagen wurde?

Die Idee zu „Harbinger“ trug die Produzentin Milena Maitz an uns heran und legte uns ein erstaunlich ausgereiftes Treatment von den Autoren Michael Comtesse und Matthias Tuchmann vor. Schon bei der ersten Lektüre zog einen das Drama um die Hauptfigur in seinen Bann und es entstanden im Kopf Bilder von Charakteren, ausdrucksvollen Drehorten und einem speziellen Thrill.

Wir fanden, die Geschichte passt gut zu Berlin, zu einer Stadt, in der durchaus auch seltsame Menschen zu beobachten sind. Leute, die auf der Straße vor sich hin brubbeln, die andere ansprechen, Kontakt aufnehmen wollen, ob aggressiv oder behutsam. Wir haben mit den Autoren und der Produzentin dann weiter an den Figuren und der Geschichte gefeilt. Gleichzeitig recherchierten wir zu Harbingers Psychose und überlegten, wie jemand von den Ermittlern, in unserem Fall Karow, das Vertrauen des seltsamen Manns gewinnen könnte, um ihn für einen Moment aus seinem Wahnvorstellungen zu reißen und in die die Realität zu stoßen. Die Drehbuchentwicklung dauerte etwa ein Jahr; erschwerend kam hinzu, dass mitten in der Arbeit der Autor Matthias Tuchmann plötzlich verstarb und erst eine Phase des Schocks und der Trauer überwunden werden musste, bis Michael Comtesse und Milena Maitz und ich die Arbeit alleine zu Ende führen konnten.

Deshalb auch die Widmung zu Beginn des Films?

Ja. Matthias Tuchmann war ein vielversprechender und begabter Drehbuchautor. Von ihm stammt „Hannah Mangold und Lucy Palm“ und er schrieb so erfolgreiche TATORTe wie Nachtsicht und Die Wiederkehr und war gerade dabei, in der Branche richtig Fuß zu fassen, als er mit 42 Jahren starb. An seine Urheberschaft und seinen großen Anteil am Projekt Dein Name sei Harbinger erinnern wir mit der Widmung. 

Worauf achten Sie als Redakteurin grundsätzlich bei den Stoffen, die man Ihnen für den Berliner TATORT anbietet? 

Mich persönlich sprechen eine kräftige Figur in einer Geschichte, ein spannendes Thema oder ein emotionaler Konflikt an, um mich in den Stoff hineinzuziehen. Das Weitere ist dann oft harte Arbeit: Recherche und Phantasie. Grundsätzlich sind wir erstmal offen für viele Themen. Wir wollen spannende Themen aus Berlin erzählen und das Klima, die Stimmung in dieser Stadt wiedergeben, die eben nicht ist wie jede andere.

Wie zufrieden sind Sie mit der Umsetzung des neuen Berliner TATORT-Konzepts, insbesondere mit den Ermittlerfiguren? Was ist deren Alleinstellungsmerkmal im Reigen der vielen TATORT-Ermittler? 

Ich freue mich und bin zufrieden, dass wir mit dem neuen Berliner Team einen guten Start hingelegt haben und Rubin und Karow vom Zuschauer sehr gut angenommen wurden. Nina Rubin steht für das chaotische, herzliche und offene Berlin, Robert Karow für das Temporeiche, Kluge in dieser Stadt. Besonders und überraschend sind sie beide. In ihrer Gegensätzlichkeit ergänzen sich beiden Figuren. Karow ist ungeduldig getrieben, ein hochintelligenter Ermittler, der nie ruht und Rubin ist eine emotionale Kommissarin, die sich für nichts zu schade ist und zwischendrin nur kurz innehält, um das Menschliche zu erkennen und festzuhalten. Meret Becker und Mark Waschke haben ihre Rollen sehr verinnerlicht, arbeiten sie von Fall zu Fall im gemeinsamen Spiel weiter aus und beschützen sie stark gegen Einflüsse von außen, die sie als unpassend empfinden. Das ist so schön mitzuerleben, und deshalb sind uns die Gespräche mit beiden wichtig.

Die Kommissare Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) entdecken einen toten Briefkasten. © rbb/ Gordon Muehle

Die dritte Hauptrolle im Berliner TATORT spielt Berlin selbst, das wird zu jedem neuen TATORT mit Meret Becker und Mark Waschke besonders herausgestellt. Was sehen wir diesmal von Berlin?

Wir sehen Berlins kaum zugängliche Unterwelt unter den U-Bahnhöfen Alexanderplatz und Schlossstraße, wir sehen einen ABC-Tiefbunker und geheimnisvolle Technik-Orte. Der Showdown spielt in einer Eisengießerei in Wilhelmsruh, die erstmals für Filmaufnahmen zur Verfügung stand. Wir sehen wenig Himmel und erleben kaum Tageslicht.

Wie schwierig waren die Dreharbeiten an und unter den U-Bahnhöfen?

Dreharbeiten entlang bzw. auf den U- oder S- Bahnstrecken sind schwer zu organisieren, es gibt hohe Sicherheitsanforderungen und die Arbeiten dürfen nicht den normalen Fahrbetrieb stören. Meist sind die Arbeiten nur nachts möglich. Ein Szenenbildner macht sich entsprechend den Vorstellungen der Regie auf die Suche nach optisch eindrucksvollen Möglichkeiten. Die Produktion prüft die Umsetzbarkeit dieser Vorschläge und organisiert die Drehgenehmigungen. Als Redakteurin kann ich jederzeit Vorschläge und Ideen unterbreiten.

Wie lange dauerte die Postproduktion dieses Films?

Die Postproduktion dauert etwa ein halbes Jahr und wird von der ausführenden Produktionsfirma organisiert und koordiniert. Nach der Rohschnittabnahme geht der Film in den Feinschnitt. Gleichzeitig komponiert der beauftragte Komponist die Filmmusik, die der Redaktion vorgelegt und abgenommen wird. Dann gibt es Termine für das Sprachsynchron und die Titel werden layoutet und hergestellt. Schließlich findet die Tonmischung statt und das Grading der Farben. Nach einer redaktionellen und technischen Endabnahme im Sender kann der TATORT ausgestrahlt werden. Ungefähr zwei Monate vor der Ausstrahlung beginnt die Pressearbeit für den Film.



Dein Name sei Harbinger: Die Kommissare Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) auf den Spuren des unbekannten Toten. © rbb/ Gordon Muehle

Sie sind eine der dienstältesten Redakteurinnen für den TATORT, seit 1996 verantworten sie die Berliner Folgen. Auch in einigen Pressemappen zu „Peter Strohm“ aus den 1980er-Jahren hab ich Ihren Namen letztens entdeckt. Sehen Sie sich als eine Krimi-Expertin und -liebhaberin?

An der Expertenschaft kann man meiner Meinung nach immer noch arbeiten… eine Krimi-Liebhaberin bin ich schon, lese allerdings weniger Kriminalromane als ich Krimigeschichten im Fernsehen ansehe.. In den 60er Jahren wuchs ich mit Enid Blytons „Geheimnis“ und „Fünf Freunde“-Büchern auf und recherchierte als Kind in Berliner Tageszeitungen nach Kriminalfällen, die ich dann in meiner Phantasie und mit meinen beiden Freundinnen weitersponn; es existieren noch Aufzeichnungen über Indizienlagen, Beobachtungen und Vernehmungen. So war mein späterer Berufsweg nur folgerichtig….

Im Februar 2018 wird es gleich den nächsten Berliner TATORT „Meta“ geben. Was erwartet den Zuschauer dort?

Kommissar Robert Karow wird der abgetrennte Finger eines jungen Mädchens zugeschickt. Die ersten Ermittlungen ergeben, dass die Tote offenbar jahrelang in einem Storage eingelagert wurde. Die Tote war eine minderjährige Prostituierte. Auf der Suche nach dem Absender des Pakets stoßen sie auf eine Filmproduktionsfirma und den Regisseur Schwarz, die gerade mit ihrem ersten Kinofilm „Meta“ auf der Berlinale Premiere feiern. Auf verstörende Art schildert der düstere Thriller den Mord an der jungen Prostituierten Svenja Martin. Rubin und Karow sind sprachlos, denn was die Polizisten Rolf Poller und Felix Blume im Film ermitteln, passt auffällig zu ihrem aktuellen Fall. War der Drehbuchautor Peter Koteas Svenjas Mörder und „Meta“ ist sein Geständnis?

In den Pressemeldungen dazu hieß es, „Meta“ sei der erste TATORT, der auf der Berlinale spielte. Ich meine mich zu erinnern, dass aber der Berliner TATORT „Ein Hauch von Hollywood“ 1998 schon auf der Berline gedreht wurde. Oder täusche ich mich?

Ein Hauch von Hollywoood hatte thematisch mit der Berlinale zu tun, aber wir durften 1998 nicht an Originalschausplätzen drehen und haben deshalb Szenen wie eine Pressekonferenz und den Eingang zum Berlinale Palast in und vor einem Hotelfoyer nachstellen müssen. Für Meta durften wir die große Vorfahrt vor dem originalen Berlinale-Palast nutzen und an weiteren Originalschauplätzen drehen, so auch in einem der Berlinale-Kinos.

An was für Themen mit welchen Milieus arbeiten Sie derzeit für weitere Folgen am Berliner TATORT? 

Wir arbeiten unter anderem an einem Stoff, der sich mit der Härte des Polizeialltags beschäftigt und erzählt, welchem Druck Polizisten heute ausgesetzt sind. Ein Stoff erzählt einen Mord aus dem Berliner Studentenmilieu und ein anderer schildert einen „Cold Case“: einen Mord, der vor dem Mauerfall geschah und in der DDR mit der Todesstrafe gesühnt werden sollte.

Tod macht erfinderisch Hauptkommissar Bülow (Heinz Drache) © rbb

Noch eine Frage zu den Wiederholungen im rbb-Fernsehen: Der rbb hat im letzten Sommer sehr viele TATORT-Fans und Filmfreunde mit den aufwändig digitalisierten historischen TATORTen aus Berlin regelrecht begeistert. Eine Woche nach „Dein Name sei Harbinger“ werden noch zwei weitere HD-Folgen aus den 1980er Jahren gezeigt. Gibt es Pläne, zukünftig noch mehr historische TATORTe im rbb zu zeigen?

Die große Resonanz unserer Zuschauer und der Zuspruch aus vielen Zuschauerreaktionen auf das Sommerprogramm mit den 14 Tatort-Classics haben uns ermutigt, mit dieser wichtigen Arbeit fortzufahren. Im Januar 2018 geht es nicht gleich mit historischen TATORTe weiter, wir recherchieren aber gerade im TATORT-Programmstock auch der anderen Dritten Programme, welche Möglichkeiten sich für eine Fortsetzung mit den Klassikern im Jahr 2018 ergeben.

Die Fragen stellte Francois Werner


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