Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 15.12.2017.
 

Dein Name sei Harbinger

Der Serienmörder aus dem Berliner Untergrund

Das muss man auch erst einmal hinkriegen: nämlich die einst noch unerlaubte künstliche Befruchtung mittels Eizellentransplantation und die Umtriebe eines durchgeknallten Serienmörders miteinander in Einklang zu bringen. Dass so etwas nicht ganz ohne dramaturgische Schrammen abgehen kann, liegt auf der Hand. Der Berliner TATORT "Dein Name sei Harbinger" aus der Feder des Autorenduos Michael Comtesse und Matthias Tuchmann, der 2016 mit 42 Jahren verstarb, schwankt zwischen frecher Pulp-Fiction und reißerischem Psychothriller. Dazwischen, irgendwo im Berliner U-Bahn-Untergrund, die schrägen Kommissare Meret Becker und Mark Waschke - warum auch nicht.

Die Kommissare im Berliner Untergrund. © rbb / Gordon Muehle

Einer rührt im U-Bahn-Untergrund die Trommel unaufhörlich, mädchenhaft bezopft und metrosexuell wirkend mit seinen schwarz geschminkten Augen. Ob er als Täter infrage kommen wird? Wohl kaum. Dann schon eher dieser Kerl, der im Teaser läuft und läuft - fast wie der Mensch im TATORT-Vorspann seit nunmehr 45 Jahren. Action ist jedenfalls versprochen.

Unterdessen leiden die Berliner Kommissare an privaten Schmerzen: Nina Rubin trägt einen Cut über dem Auge, den sie den ganzen Film über beibehalten wird. Angeblich wurde er ihr vom eigenen Sohn zugefügt, der allerdings bei seinen späteren Auftritten einen mehr als nur passablen Eindruck macht. Anna Feil, die engelhafte Praktikantin, skypt indessen mit der Mutter in Argentinien, die ihr die Nachricht vom Tod des Vaters überbringt. Kollege Karow fährt bei so viel beweinenswertem Elend scharf dazwischen und betont harsch, dass man doch wohl "keine Selbsthilfegruppe" sei.

Harbinger in seiner unterirdischen Welt. © rbb / Gordon Muehle

Als man schon meinen könnte, alles würde sich so weiterziehen, wird am Stadtrand eine verkohlte Leiche in einem Transporter entdeckt. Dass der Herr von der Spurensicherung die Kommissare mit der unziemlichen Bemerkung begrüßt, sie seien wohl "ein Magnet für Horrorleichen", wirkt recht befremdlich. Als wäre es, nolens volens, nicht genau umgekehrt. Magnetische Eigenschaften scheinen die Kommissare allerdings im Verlauf ihrer Recherchen zu haben: Da fällt ihnen vieles leichthin zu, wofür die Kollegen andernorts Tage bräuchten. Hier ein Psychologe, dort ein Sozialarbeiter, der Auskunft über den möglichen Täter geben kann. Die Datenverarbeitung bringt ans Licht, dass es bereits vor Jahren drei weitere Morde mit gleichem Muster gab.

Der Zuschauer kennt den vermeintlichen Täter von Anfang an: Im labyrinthisch verschachtelten Büro eines Schlüsseldienstes im U-Bahn-Untergeschoss streicht dieser Mensch sorgfältig aufgelistete Namen durch und spricht dabei rätselhafte Sätze wie ein durchgeknallter Alien ins Diktaphon. Das kann, das muss der Serienmörder sein. Dass er irgendwann einem verlassenen Mädchen hilft oder einer Dame die von ihm verfertigten Schlüssel ohne Bezahlung überlässt, mindern die Zweifel nicht an dieser finsteren Gestalt.

Kommissarin Rubin hat Fragen zur künstlichen Befruchtung. © rbb / Gordon Muehle

Sehr bald treffen die Berliner Kommissare auf diesen von Christoph Bach durchgängig mit dämonischer Aura gespielten Kauz. Zudem wurden alle Opfer in einer "Kinderwunschklinik" mittels künstlicher Befruchtung gezeugt. Unser Mann vom Untergrund hatte vor Zeiten offensichtlich nicht nur im Sinne der Organisation Opus Dei vor der Klinik protestiert. Er hatte auch einen Autobombenanschlag auf die Klinikchefin im Schilde geführt. Das brachte ihm prompt den Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt ein.

Die Verfolgung des Mannes, der sich Harbinger nennt, nimmt nun große Teile dieses TATORTs ein, und sie sind in U-Bahn-Röhren, Untergrund-Schächten und letztlich aufgelassenen Werkshallen vom Regisseur Florian Baxmeyer derart kühn verfilmt, dass man ihnen schon jetzt einen Platz auf den Berliner Locations-Rekordlisten einräumen darf. Manchmal wird dieser Tatort gar zur surrealen Szenerie - etwa, wenn Harbinger den von ihm eingefangenen Kommissar in eine Badewanne setzt und ihn mit der schönen Aussicht bedroht, er müsse später noch die eingelassene Laugenfüllung trinken.

Unklar bleibt indessen, warum sich die immer leicht verpeilt wirkende Kommissarin der Meret Becker bei der Aufdeckung der Kinderwunsch-Machenschaften gar so entrĂĽstet gibt: "Sie haben wohl lieben Gott gespielt?" Ob solcher VorwĂĽrfe weiĂź sich die von Eleonore Weisgerber gespielte lesbische Klinikchefin nur schwerlich zu erwehren. Tabletten schluckt sie, und ist am Ende dieses leichthin queeren TATORTs tot. So viel darf man verraten.

Wilfried Geldner
Teleschau Mediendienst


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2017
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite fĂĽr Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3