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Heute ist der: 18.02.2018. --> Bis heute wurden 1060 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Interview mit Klaus-Peter Platten

„Die große Herausforderung war, das Panorama von Stuttgart einzufangen“

Prof. Klaus-Peter Platten hat über Jahre zahlreiche TATORTe aus Süddeutschland als Szenenbildner gestaltet. Im Interview erzählt er, wie bei der neuesten Stuttgarter-Folge "Stau" vorgegangen ist, um die Weinsteige möglichst realistisch nachzubilden.

Prof. Klaus-Peter Platten ist verantwortlich für das Szenenbild der meisten süddeutschen TATORTe. Auch die Nachbildung der Weinsteige im TATORT Stau geht auf sein Konto. Bild: SWR/Alexander Kluge

Wie können wir uns die Arbeit eines Szenenbildners für den TATORT vorstellen?

Eigentlich bin ich von Beruf Architekt. Während meines Studiums habe ich angefangen beim Südwestrundfunk (SWR) zu arbeiten und da ich etwas mit Film machen wollte, war für mich der nächste logische Schritt in Richtung Szenenbild zu gehen. Szenenbildner zu sein heißt, dass wir für die Hintergründe eines Films im Allgemeinen zuständig sind. Das können Originalmotive oder auch Bauten im Studio sein, wie jetzt im TATORT „Stau“ der Straßenbau in der Messehalle in Freiburg.
Im Prinzip ist es so, dass wir zunächst das Drehbuch vorliegen haben. Dort sind die einzelnen Drehorte mehr oder minder beschrieben. Somit ist der erste Weg, zu überlegen, wo die Motive sein könnten. Dadurch, dass ich den Beruf schon seit 30 Jahren mache, habe ich natürlich einen visuellen Fundus in mir, welchen ich dann durchgehe und überlege, wo was sein könnte. Ich setze mich dann ins Auto und fahre die Orte ab, um zu sehen, ob mich die Erinnerung nicht trügt oder ob der Ort sogar baulich verändert wurde. Dabei werden dann Fotos von den einzelnen Motiven gemacht und anhand dieser Fotos wiederum wählen dann Regie, Kameramann und Szenenbildner aus, welche Motive weiterverfolgt werden. Anschließend fahren wir nochmal zusammen im Team die Motive ab und entscheiden dann vor Ort, welches Motiv letztendlich genommen wird.

Da die Dreharbeiten auf der realen Weinsteige von Stuttgart nicht in Frage kamen, wurde der Stau nachgestellt. Wie sind Sie an diese Aufgabe herangegangen? Wie haben Sie die Kulisse designt und erstellt?

Ja, die Weinsteige hätte gesperrt werden müssen. Das kann man vielleicht mal nachts bzw. eine halbe Nacht machen. Das geht aber keine 20 Tage oder Nächte am Stück. Noch dazu kam, dass wir im Winter gedreht haben, das hätten wir auch keinem Schauspieler zumuten können. Das hing damit zusammen, dass wir zum einen nasse Straßen wollten und zusätzlich ist auch kein Laub an den Bäumen, d.h. von der Weinsteige aus ist viel mehr von Stuttgart zu sehen.

Die nachgebaute Weinsteige in der Freiburger Messehalle. Das Panorama der Stadt wurde später digital in den Film montiert Bild: SWR

Also haben wir uns schweren Herzen entschlossen, in eine Halle zu gehen. Schweren Herzens deswegen, weil wir immer gesagt haben, wenn wir in eine Halle gehen müssen, können wir dort kein Gefälle erzeugen. Aber wenn man jetzt tatsächlich den fertigen Film sieht und es nicht weiß, fällt es gar nicht auf.
Wir haben es also in Kauf genommen und bauten die Kulisse in einer Freiburger Messehalle nach. Es waren gerade mal noch drei Wochen frei in der Messehalle, um die Dreharbeiten durchzuführen. Das war natürlich eine Herausforderung, da wir effektiv nur fünf Tage Vorbauzeit hatten. Es wurde dann alle Mauerstücke im Sender bzw. in den Werkstätten vorbereitet und die fertigen in die Halle transportiert und dort einzeln drüber patiniert, damit es einen gesamteinheitlichen Eindruck gab.
Die 50 Autos zu organisieren, war schon größerer Aufwand und am Ende eine Meisterleistung. Es war nicht ganz leicht, die alle an den Start zu bekommen. Auch die ganzen Feinheiten, um die Weinsteige lebendig erscheinen zu lassen und optisch erlebbar zu machen, war mindestens genau so aufwändig und hat sehr viel Zeit gekostet. Es waren ja nicht nur die Steinwände, da waren dann noch Pflänzchen unten am Bordstein, die Straßenmarkierungen und etwas Splitt. Man sieht das gar nicht so im Film, aber wenn die Details fehlen, würde das dem Zuschauer sofort auffallen.

Der größte Teil des Films spielt direkt auf der Weinsteige, also sogar – wenn man so will – auf einer Stelle. Wie designt man einen solchen Ort, damit er für den Zuschauer nicht langweilig wird? Was gibt es zu beachten?

Die Blickrichtungen - das sind ja nicht so viele - die müssen interessant sein. Ich denke, das haben wir ganz gut gelöst, weil wir öfters die Stadt im Blick hatten und auch mit Bäumen gearbeiteten haben, so dass es immer variiert hat und nicht immer das gleiche Bild war. Man ist mit so einem Drehbuch auch zwangsläufig viel näher an den Personen, weil man auch in den Autos drinnen ist. Es ist quasi ein Kammerspiel und bedeutet eine andere Auflösung für die Kameraeinstellungen und Regie. Für uns bedeutet es, dass wir relativ nah auf den Personen, auf den Autos als auch der Wand drauf sind. Das bedeutet: sie muss exakt nachgebildet sein, damit es nicht auffällt. Die Maxime ist ja, dass der Zuschauer denkt, er wäre vor Ort.

Warum war es genau die Weinsteige? Steht man dort am schönsten im Stau in Stuttgart?

(lacht) Man steht dort in der Tat am schönsten im Stau, weil man von Degerloch in die Stadtmitte herunterkommt und dabei hat man einfach das schönste Stuttgart-Panorama. Das war auch Anlass für den Regisseur Dietrich Brüggemann. Er ist öfters bei Dreharbeiten für einen Film vom Flughafen in die Stadt heruntergefahren und stand im Stau. Dabei hat er sich gedacht „das ist echt verrückt, man steht im Stau und hat sich festgefahren und nebendran ist das schönste Panorama, aber man kann nicht raus“. Das war die Idee aus dem der ganze Film dann entstanden ist.

Die echte Weinsteige in Stuttgart. Aufgenommen am Abend der Premiere auf dem SWR-Sommerfestival Bild: Kai Tobie / Tatort-Fundus.de

Wie langen mussten Sie sich insgesamt auf so einen TATORT vorbereiten?

Es dauert etwa drei Monate, die Szenenbilder in einer Produktion zu erstellen. Was beim Drehbuch beginnt, geht in eine 4-wöchigen Motivsuche über. Anschließend haben nochmal zwei Wochen, in denen wir schauen, welche Motive wir dann wirklich nehmen. Dann müssen noch die Bauten vorgeplant werden. Sie müssen vorgezeichnet werden und danach geht es in die Werkstätten. Letzten Endes dann noch ca. fünf Wochen Drehzeit in diesen drei Monaten.

Sie haben auch die SWR-Kommissariate entworfen. Wie geht man an eine solche Aufgabe? Was waren die Herausforderungen, wie grenzen sie sich voneinander ab?

Das Kommissariat aus Ludwigshafen, Bodensee und Stuttgart habe ich gestaltet. Das neue Schwarzwald-Kommissariat stammt jedoch nicht von mir. Erschwerend kam hinzu, dass die drei Kommissariate in einem Bau untergebracht sind und zwei den gleichen Grundriss haben. Das Dritte war etwas anders, weil es sich mehr zum Wald hin öffnet. Hierbei gilt es natürlich zu überlegen, welche Hintergründe typisch für die Städte sind, in denen ermittelt wird.
Stuttgart ist eher so ein bisschen getragener, hat einige Gründerzeitbauten. Genau das sollte so ein Kommissariat hergeben und dass es - sagen wir mal so -  etwas wichtiger daherkommt.
Bei Ludwigshafen, was mehr oder minder eine Industriestadt ist, versuchten wir, den Industriecharakter im Kommissariat wiederzufinden. Daher haben wir eine Stahlbauweise vorgetäuscht, um einfach den industriellen Touch mit reinzukriegen. In Wirklichkeit ist zwar alles aus Holz, aber es sieht so aus, als wenn es Stahlrahmen wären.
Für den Bodensee-Tatort hatten wir mehrere Räume zur Verfügung, die seitlich versetzt zu den anderen Kommissariaten sind, mit Blick nach außen. Hier wollten wir diesen mitspielen lassen, so in die Natur, in den Wald. Den Bodensee verbindet man ja leicht mit Natur und Grün. Das war dafür der beste Raum und die beste Möglichkeit, das Kommissariat in so einer Naturnähe anzusiedeln.

Kameramann Andreas Schäfauer und Richy Müller als Thorsten Lannert am Set in der Freiburger Messehalle. © SWR/ Alexander Kluge

Sie sind jetzt seit knapp 30 Jahren in Ihrer Tätigkeit aktiv, wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

Mit HDTV ist es für uns schwieriger geworden, die Illusion herzustellen. Es muss ganz exakt gearbeitet werden. Ganz anders als im Theater. Da sitzt man 20 Meter entfernt vom Bühnenbild und ob da jetzt ein Türschloss 1 zu 1 stimmt, das fällt nicht auf. Beim Film gibt es immer die Möglichkeit, dass die Kamera - aus welchen Gründen auch immer – sich ganz nah an das Türschloss bewegt und dann muss es so gearbeitet sein, dass die Aufnahme auch dann möglich ist. Was sich noch verändert hat, sind die finanziellen Rahmenbedingungen. Es ist immer weniger Geld da, aber es soll immer alles besser aussehen. Da sind wir aber nicht alleine (lacht).

Schränkt die digitale Technik die eigene Kreativität ein oder können Sie jetzt Sachen realisieren, die vor Jahren noch nicht funktioniert haben?

Die digitale Technik schränkt nicht ein, aber wir müssen noch exakter bauen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich computergenerierte Bilder, die man dann in der Nachbearbeitung darüberlegt. Es gibt Möglichkeiten, Sets zu erweitern, die früher noch gebaut wurden. Also über 3, 4 oder 5 Stockwerke oder 30m lang. Das würde man heute nicht mehr machen. Heute würde man nur noch das Erdgeschoss bauen - also dort wo sich die Schauspieler vor bewegen und für die Totale würde man computergenerierte Bilder erstellen.

Die computerbasierte Nachbereitung für den TATORT „Stau“ hat ja auch eine Zeit gedauert. Was war da die eigentliche Herausforderung?

Die Herausforderung war, dass wir das gesamte Stuttgart-Panorama in die einzelnen Einstellungen einfügen mussten. In der Messehalle wurden die Straßen und das Gelände gebaut, Lichtmasten hingestellt und ein paar Bäume hinzufügt und im Hintergrund war alles blau. Und genau dort musste jeweils das Panorama von Stuttgart hineingearbeitet werden. Was auch noch hinzukam war, weil der ganze Hintergrund blau war, der das ja auch abstrahlt, d.h. es gibt Reflexe auf der Straße. Bei nassen Autos fängt sich in jedem Tropfen eine Reflexion und man sieht ein bisschen Blau drin. Das musste alles rausgearbeitet werden.

Gibt es noch ein Szenenbild, dass Sie reizen würde?

Was ich bisher noch nicht gemacht habe, was in der Tat ganz reizvoll wäre, wäre so eine Art Science-Fiction – aber nichts mit Raumschiffen oder sowas - sowas meine ich gar nicht. Eher etwas, was in der näheren Zukunft angesiedelt ist. Wo man nicht, wie bei den historischen Filmen, nachschauen muss, sondern etwas, wo man seine Phantasie spielen lassen kann. Wie könnte etwas in 30, 40 oder 50 Jahren aussehen.

Vielen Dank für das Gespräch

Die Fragen stellte Kai Tobie
TATORT: WEINSTEIGE STUTTGART

TATORT: Stau

Feierabendzeit an einem Herbsttag in Stuttgart. Die Stadt steht im Stau. Alle wollen nach Hause, keiner kommt voran. In einer Wohngegend liegt ein junges Mädchen tot am Rande der Fahrbahn. Schädelbasisbruch, das könnte ein Unfall mit Fahrerflucht sein, aber auch eine absichtliche Tötung. Der einzige Zeuge ist erst drei Jahre alt und entsprechend unzuverlässig. Also macht Thorsten Lannert sich auf zu der Wagenschlange, sichert Spuren, sammelt Aussagen und begegnet dabei der ganzen Bandbreite von zunehmend gereizten Heimkehrern.
TATORT-Erstsendung am Sonntag, 10. September 2017

TATORT: STAU

Nein, diesmal geht es nicht um Stickoxyde oder Feinstaub, wir sind nicht am Neckartor oder auf der Durchgangsader B 10, wo die deutschen Verschmutzungsrekorde gemessen werden. Aber die Weinsteige, die sich von der Stuttgarter Innenstadt hochschlängelt zum Fernsehturm und zur Autobahn, ist auch nicht schlecht. Dort sind die Staus programmiert. Wilfried Geldner über den neuen TATORT Stau

INTERVIEW MIT RICHY MÜLLER

Richy Müller spielte in „Stau“ zum 21. Mal den Hauptkommissar Thorsten Lannert. Welches Alleinstellungsmerkmal dieser Kommissar heute noch hat, was der Darsteller über das Privatleben der Ermittler denkt und wofür sich der Schauspieler immer wieder einsetzt, verrät er im Interview.

INTERVIEW MIT DIETRICH BRÜGGEMANN

Dietrich Brüggemann hat mit „Stau“ seinen ersten TATORT-Film inszeniert. Im Interview erklärt er, was die Besonderheiten seines Erstlingswerks sind, welchen logistischen Aufwand die Dreharbeiten erforderten und welche Bedeutung Filmmusik oder Autobatterien haben können. "Stau" läuft in Kürze als Premiere auf dem Filmfestival des Deutschen Films in Ludwigshafen und am 10. September 2017 in DasErste.

BILDERGALERIE VON DER PREMIERE

Am 2. Juni 2017 wurde der TATORT "Stau" auf dem SWR-Sommerfestival auf dem Stuttgarter Schlossplatz erstmals 5.000 gespannten Zuschauern vorab präsentiert. Mit großem Applaus goutierten die Besucher der Premiere den neuen TATORT von Dietrich Brüggemann. Eine Bildergalerie von der Veranstaltung.

FANS BEIM MEET & GREET

Am 2. Juni 2017 wurde der TATORT "Stau" auf dem SWR-Sommerfestival auf dem Stuttgarter Schlossplatz erstmals 5.000 gespannten Zuschauern vorab präsentiert. Vorher konnten ausgewählte TATORT-Fans an einem Meet & Greet teilnehmen und die Hauptdarsteller Richy Müller und Felix Klare hautnah miterleben. Einige Bilder von der Veranstaltung



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