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Wehrlos

Kalauern gegen den Weltekel

So ein Mensch ist eine komplizierte Angelegenheit. Noch komplizierter wird es freilich, wenn zwei Exemplare dieser Spezies aufeinandertreffen. Und regelrecht chaotisch geht es aus, wenn es sich bei diesen Menschen um zwei vom Leben durchgeschüttelte Österreicher in einer seltsamen platonischen Liebesbeziehung handelt. Es kann vermutlich alleine den Wiener Sonderermittlern Moritz Eisner und Bibi Fellner passieren, dass sie sich ernsthaft überwerfen, während sie doch eigentlich nur einen Streit simulieren sollen.

Eisner und Fellner werden zu einem Leichenfund gerufen. © ARD / Degeto / ORF / Hubert Mican

Hochkomisch ist das und zugleich tief bedrückend. In "Wehrlos", Harald Krassnitzers Jubiläums-TATORT (dem 40. seit 1999), geht es vordergründig um Missbrauchs- und Mobbingfälle an einer Wiener Polizeischule. Im Kern ist der Film des Regisseurs Christopher Schier jedoch eine mit Schmäh verzierte Meditation über das Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen.

Schauplätze kollektiver Vereinsamung - schön anzuschauen sind sie naturgemäß nie. Man sieht in diesem Film, wie der traurig-komische Assistent "Fredo" Schimpf es sich auf Bibis Single-Couch bequem macht - seine Frau hat ihn zu Hause rausgeworfen. Später wird er dann übernächtigt bei der Observation im entscheidenden Moment im Auto einpennen. Man sieht Fotos und Videos demütigender Sex-Praktiken zwischen Vorgesetzten und Untergebenen. Und man beobachtet gleich eingangs im Nobelvorort einen Leichenfund, der die junge Polizeianwärterin veranlasst, sich ausgedehnt in den Swimmingpool zu übergeben, während die Älteren einfach weiterreden, als wäre nix.

Der Ausbilder Nowak und Polizeischülerin Katja. © ARD / Degeto / ORF / Hubert Mican

Auf den ersten Blick wirkt das alles wie ein eskalierter Familienkonflikt. Der Leiter der Wiener Polizeischule liegt erschossen in seinem Wohnzimmer. Seine Ehefrau finden die Kollegen ein Stockwerk höher mit gebrochenem Genick. Hat der hoch dekorierte Beamte erst die Gattin und dann sich selbst getötet? Zumindest die Selbstmordtheorie ist schnell widerlegt: Das Projektil, das in der Brust des Toten steckt, passt nicht zu seiner Dienstwaffe. Brisant: Es handelt sich um Spezialmunition, die ausschließlich von der Wiener Polizei zu Testzwecken verwendet wird.

Weil der Revierleiter kein öffentliches Aufsehen erregen will, soll Bibi am verwaisten Arbeitsplatz des Ermordeten inkognito ermitteln. Nach dem halb inszenierten, halb ernsten Zerwürfnis mit dem Partner Eisner wird sie zur interimistischen Leiterin der Polizeischule ernannt. Dort hat die nur noch halbtrockene Alkoholikerin den erwartet schweren Stand: Der chauvinistische Ausbilder Thomas Nowak versteht sich perfekt auf die Kunst des Mobbings. Nicht leicht, so einem auf die Schliche zu kommen ... Was hat er zu vertuschen?

Eisner und Fellner müssen den Tod des Polizeischulleiters aufklären. © ARD / Degeto / ORF / Hubert Mican

So verfinstert sich zusehends dieses Verzweiflungs- und Perversionenpanorama, das zum Brüllen komisch begonnen hatte. Mindestens die erste Filmhälfte lang will man all die fabelhaften Sätze mitschreiben, die der Autor Uli Brée den Charakterköpfen (Simon Schwarz ist wieder Inkasso-Heinzi!) in den Mund gelegt hat. Allerfeinster Sprachwitz ist das - und doch nur eine Täuschung der Sinne. Denn der Wiener TATORT ist alles, nur kein Schmunzelrevier. Hier ergibt sich der Humor alleine daraus, dass die kranke Wirklichkeit anders nicht auszuhalten wäre. Kalauern gegen den Weltekel - ein österreichisches Patentrezept. Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie bitte Ihren Nervenarzt oder lesen Thomas Bernhard.

Jens Szameit
Teleschau Mediendienst
 
 


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