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Heute ist der: 24.09.2017.
 

Mia san jetz da wo's weh tut

Vom Kommen und Gehen und Bleiben

Wenn man sie so ermitteln sieht, in den TATORT-Wiederholungen im Dritten, dann gleicht das einer Zeitreise, die sentimental stimmen kann. Als die Münchner Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr vor 25 Jahren den Dienst aufnahmen, waren sie beide noch kastanienbraun gelockt, und überhaupt war das eine ganz andere Zeit. Eine, in der nicht ständig neue Starschauspieler in die ARD-Krimireihe drängten und in der der Sonntagabend noch kein Experimentierfeld für ambitionierte Filmschaffende mit Hollywoodfaible war. Dass es die beiden Urgesteine ein Vierteljahrhundert nach dem Debüt noch immer gibt, dass sie immer noch gemocht werden und immer noch "modern" wirken, das ist fraglos eine bemerkenswerte Leistung.

 

Mia san jetz da wo's weh tut ist ein schöner Episodentitel für zwei im Dienst ergraute Haudegen wie Batic und Leitmayr. Der Oberbayer Max Färberböck hat ihnen den Jubiläumsfall auf die Leiber gestrickt - ein aufregender, hochdekorierter Filmemacher mit Stilbewusstsein, der bisweilen allerdings scharf an der Publikumsüberforderung entlangschrammt.

Der Film beginnt zu den Klängen des The-National-Songs "Murder Me Rachael" wie ein zackig geschnittener Videoclip. Ein Bordell, eine Prostituierte, Aufnahmen aus einem Elendsviertel in Bukarest, dann wieder nackte Haut, Liebende im Maisfeld, ein grobschlächtiger Kerl auf der Anklagebank. Im Grunde steckt in diesen ersten Augenblicken schon alles drin, das die nachfolgende Krimierzählung in extravaganter, bisweilen chaotisch anmutender Manier vorantreibt.

 

Auslöser einer immer blutiger werdenden Kettenreaktion ist der rumänische Angeklagte vom Beginn. Er soll seine 19-jährige Cousine, eine Prostituierte, aus Habgier ermordet haben. Batic, der erstaunlicherweise freundschaftliche Kontakte ins Münchner Rotlichtmilieu unterhält, hatte sich aus den Ermittlungen vornehm herausgehalten, doch jetzt, da der Rumäne verurteilt ist, kommt ihm das alles sehr seltsam vor. Dass da einer nur 30 Minuten nach seiner Verhaftung alles gesteht und nicht mal ansatzweise um Strafmilderung bemüht ist, das ist ihm noch nicht untergekommen in 25 Dienstjahren.

Also wird der Mord, der ein halbes Jahr zurückliegt, noch mal aufgerollt. Und siehe da: Es tut sich eine Ungereimtheit nach der anderen auf. In der Nacht, nach der das spätere Mordopfer vermisst gemeldet wurde, war die junge Frau wohl in Begleitung einer weiteren rumänischen Prostituierten unterwegs, die seither verschwunden ist, was aber niemand meldete. Was der Zuschauer da schon weiß: Mia Petrescu ist in jener verhängnisvollen Tatnacht einem jungen Wäschereilieferanten in die Arme gerannt, der sie rettete, versteckte und nun von einer gemeinsamen Zukunft träumt. Der Lebensgefahr zum Trotz.

 

Das Verhängnisvolle: Weil Batic, Leitmayr und der wunderbare neue Assistent Kalli mit der Suche nach der vermissten Mia Petrescu beginnen, tun weniger honorige Herrschaften dasselbe. Batic hatte seinen Kumpel aus Jugendtagen, den Bordellbetreiber Harry Schneider, sogar mit der Nase drauf gestoßen. Der windige Geschäftemacher, vom österreichischen "Braunschlag"-Star Palfrader mit herrlich maliziösem Charme ausgestattet, setzt seinen Handlanger auf eine Suche an, die viele Menschen ins Verderben reißen wird.

Strukturell betrachtet ist das eine hoch interessante Bewegung: dass da ausgerechnet die Ordnungshüter zum Auslöser einer fatalen Kettenreaktion werden. Dass der Wille zum Guten einen Abgrund der Hölle auftut, in den immer mehr Verlorene hineinrutschen. Auch wird sich mancher die Augen reiben über die authentisch geschilderten Zustände im Rotlichtgewerbe: Junge Frauen aus Armutsgegenden werden zu Tausenden und über Jahre wie fahrendes Volk durch Europas Bordelle geschleust. Heute hier morgen da. "Nutten kommen, und Nutten gehen", bringt Palfraders Bordellbetreiber das Prinzip auf den Punkt. Allein bei ihm sei es ein jährlicher Durchlauf von 350 bis 400 Liebesdienstleisterinnen. Er könne da nun wirklich nicht jede beim Namen nennen.

 

Man müsste dieses mit seinen grell stilisierten Bildern und seinen grimmigen Witzen sehr typische Färberböckstück zu den Glanzlichtern der BR-Reihe zählen, würde es den Zuschauer auf seiner Tour de force nicht bisweilen abhängen. Dem zackigen, mitunter hypnotisch anmutenden Erzählstil ist schwer zu folgen. Dasselbe gilt für die dialektsprachlich in den Großstadtlärm hineingenuschelten Dialoge. Wer TATORT-Foren liest, weiß: Nichts regt den Fan mehr auf als Dialoge, die er akustisch nicht versteht.

Ein abgründiges und recht gehetztes Dienstjubiläum also für Batic und Leitmayr, die im Film einmal zwischen Tür und Angel mit Pappbechern auf ihr 25-Jähriges anstoßen. Die gute Botschaft dahinter: Der Tatendrang der beiden ist ungebrochen. Zumindest bis 2017 ist ihre Zukunft auch vertraglich in trockenen Tüchern.

Jens Szameit
Teleschau Mediendienst

 

 



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