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Heute ist der: 23.03.2017.
 

Fünf Minuten Himmel

Familien aus dem Lot

In Medienkreisen wird seit zwei bis drei Jahren über Heike Makatsch als Freiburger TATORT-Kommissarin getuschelt. Irgendwann dachte man schließlich, das Projekt ist wohl gestorben. Zum Ostermontag feiert das Langzeitgerücht nun leicht verspätet Auferstehung in Form eines echten Kriminalfilms. Im TATORT "Fünf Minuten Himmel" ermittelt die nach 14 Jahren im Ausland an den Fuß des Schwarzwalds zurückgekehrte Ellen Berlinger im Fall eines Jobcenter-Mitarbeiters.

 

Dessen Tod am Schreibtisch wirkt zunächst mal wie ein Suizid, da ein Abschiedsbrief in den Dienst-PC gehackt wurde. Doch es gibt Ungereimtheiten. Zu einigen seiner Klienten hatte der Verstorbenen offenbar ein ungewöhnlich enges Verhältnis.

Ihr Auto ist ein Rechtslenker wie man sie auf den britischen Inseln fährt. Und dem Fahrzeug entsteigt: eine im fünften oder sechsten Monat schwangere Kommissarin, deren Darstellerin auch "in echt" während des Drehs der Geburt ihres dritten Kindes entgegen sah. Eine große Überraschung für die Medien, die von dieser Tatsache überrascht wurden. Doch nicht nur die 44-jährige Makatsch mag es, wenn ihr Privatleben sorgsam unter Verschluss bleibt. Ebenso verhält es sich mit ihrer Rolle Ellen Berlinger: In London war sie wohl zuletzt für das BKA tätig. Doch warum die Ermittlerin ihre Heimat vor fast anderthalb Jahrzehnten verließ und dabei ihre mittlerweile 16-jährige Tochter der Mutter überließ, wird in diesem Krimi ebenso wenig erklärt wie die neuerliche Schwangerschaft. Von neuen oder alten Vätern jedenfalls keine Spur.

 

Das Drehbuch von Thomas Wendrich liefert jedenfalls keine Erklärungsangebote für die Flucht der Berlinger vor Heimat und Familie. Muss ja auch nicht - schließlich soll es in weiteren Fällen noch etwas zu entdecken geben. Wobei schon verraten wurde, dass dieser Krimi keineswegs als einmaliges "Event" angelegt ist, wie in der Werbung kommuniziert, sondern nur als Fortsetzungserzählung funktionieren könnte. Der Wille Heike Makatschs und der TATORT-Macher dazu wäre jedenfalls vorhanden, heißt es, wenn auch noch nichts in trockenen Tüchern ist.

Doch worum geht es im ersten Fall dieser eher wortkarg und "hard boiled" auftretenden Ermittlerin im weit geschnittenen Second Hand-Look: Neben dem toten Jobcenter-Mitarbeiter, der Frau und halbwüchsigen Sohn im schicken Eigenheim zurücklässt, werden eine Reihe anderer Eltern und Kinder vorgestellt. Deren finanzielle Situation stellt sich eher problematisch dar. So müssen Cornelia Mai und ihre 16-jährige Tochter Melinda aus ihrem innerstädtischen Altbau ausziehen, weil der Jobcenter ihre Miete nicht mehr zahlte. Ein Mordmotiv? Teenager Melinda scheint jedenfalls alles andere als ausgeglichen zu sein. Mit Gleichaltrigen übt sie sich auf in zu "Abhängzonen" umgewandelten Baustellen im so genannten "Passout game", das auch Biokiffen genannt wird. Durch Hyperventilieren versetzt man sich dabei in eine temporäre Ohnmacht. Um auf diese Weise dem grauen Alltag rauschartig zu entfliehen. "Fünf Minuten Himmel" eben.

 

Gentrifizierung sowie eine zunehmende Sprachlosigkeit zwischen Eltern und ihren halb erwachsenen Kindern darf als das Thema dieses TATORTs identifiziert werden. Es ist jene Art Sprachlosigkeit, die ein gutes Stück weit dem wirtschaftlichen Druck geschuldet ist, der im Zentrum beliebter Großstädte deren ärmere Bevölkerung ihren Lebensräumen entreißt. Also: Arme raus aus der Innenstadt, die Besserverdienenden warten auf topsanierte Altbausubstanz. Leider verzettelt sich der von Nachwuchsregisserin Katrin Gebbe inszenierte Krimi - ihr hoch gelobter Debütfilm "Tore tanzt" lief beim Festival in Cannes - in seinen vielen Nebenfiguren, deren mehr oder minder prekäre Lebenssituation allerorts nur angerissen wird. Ebenso wie die Geschichte der Kommissarin, was zur Folge hat, dass man einen seltsamen Krimi in der Schwebe erlebt, der es dem Zuschauer schwer macht, sich mit irgendeinem Element seines Handlungs- und Figurenparks zu identifizieren.

Dass ausgerechnet Heike Makatsch, zu deren Stärken es zählt, dass sie ihren Figuren eine gewisse Anfassbarkeit und Dringlichkeit verleihen kann, dieser Part auf den Leib geschrieben wurde, ist ein wenig seltsam. Das Debüt der gebürtigen Düsseldorferin als Badener "Hard Boild"-Schwangere ist keine Katastrophe, aber dennoch leicht unterdurchschnittlicher TATORT-Kost. Immerhin, so wie es aussieht, besteht Gelegenheit, beim nächsten Mal die berühmte Schippe drauf zu legen.



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