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Heute ist der: 23.04.2017.
 

Zorn Gottes

Gotteskrieger in Niedersachsen

Dass keineswegs alles Gute von oben kommt, vor allem dann nicht, wenn man einen malerischen Pool vor dem Eigenheim hat, wissen Freunde der gehobenen Fernsehunterhaltung spätestens seit „Breaking Bad“. In Hannover ist es allerdings kein Teddybär, der von einem blutigen Drama in der Luft zeugt und dann im Wasser landet, sondern gleich ein ganzer Mann „südländischen Aussehens“, wie es dann üblicherweise heißt. In der Bibel sind es ja eher noch vom Himmel regnende Frösche, die vom „Zorn Gottes“ zeugen, aber hier geht es, das wird schnell klar, um Allah – und wer weiß schon, wie der zu Amphibien steht. Wenn das Opfer auch arg extravagant vom Himmel gefallen ist, so kam es doch, wie wir kurz zuvor gesehen haben, ganz bodenständig und am Boden zu Tode. Vollkommen alte Schule, mit einem Hammer.

 

Internationaler Schrecken in der Provinz

Die innovative Leichenentsorgung ist dem Umstand geschuldet, dass die Geschichte am Flughafen Hannover ihren Ausgangspunkt nimmt. Bundespolizei-Kommissar Falke verdingt sich derzeit als Flughafensicherheits-Tester, wohl weil er den Abschied seiner Team-Partnerin noch nicht recht verknust hat und sich davor scheut, eine neue berufliche Liaison einzugehen. Während er die Aufmerksamkeit der Security bei der Gepäckkontrolle testet, sind die wahren Sicherheitslücken ganz woanders. Eine Schleuserbande sorgt für die unkontrollierte Einreise von Menschen, die gut dafür bezahlen, um keinen Pass vorlegen zu müssen. Der aktuelle Kunde ist ein IS-Heimkehrer, Mitglied der „Braunschweiger Brigade“. In einem Internet-Video hat er zuvor den Ungläubigen in seiner alten Heimat den Tod geschworen und sich nun auf den Weg gemacht, seine in Syrien gelernten Schlächter-Skills im heimatlichen Niedersachsen zu finalisieren.

Braunschweiger Brigaden, die einen Terroranschlag in einer so aufregenden Metropole wie Hannover planen? Niedersächsische Gotteskrieger? Es ist nicht lange her, da hätte man sich ausgelassen lustig gemacht über so eine krude Konstellation. Das Lachen darüber aber ist inzwischen allen vergangen, seit selbst die absurdesten Orte islamistische Terrorzellen beherbergen, gotteskriegerische Milchbubis aus Inkarnationen der Provinzialität wie Wuppertal oder eben tatsächlich Braunschweig stammen, bleichgesichtige Schamhaarbartträger mit innerdeutschem Migrationshintergrund als Salafistenprediger reüssieren und Berliner Hinterhofmusiker als Henker-Popstars im Islamischen Staat zu Ruhm kommen.

 

IS-Heimkehrer am TATORT

Der leider nur kurzzeitig agierende Hamburger Undercover-Mann Cenk Batu hatte einst schon mal mit deutsch-indigenen islamistischen Terroristen zu tun, nun also, brandaktuell, haben wir den ersten IS-Heimkehrer am TATORT, der eine der derzeit neuralgischsten Ängste des Landes verkörpert. Ein zweifellos schwieriges Thema, bei dem die Fallstricke herumliegen wie Trümmer in Aleppo, doch der Film umschifft die meisten davon meisterhaft. Das liegt zum einen an seiner geschickten Konstruktion, denn das Ausgangsverbrechen ist eher profaner Natur. Nicht nur Kommissar Zufall spielt in der Realität ja oft eine entscheidende Rolle, auch Täter Zufall ist häufig zur Stelle, und so beginnt der Fall mit einer Verwechslung und eben jenem Totschlag im Affekt, der den ausgefuchsten Terrorplot der Braunschweiger Islamisten gehörig ins Wanken bringt, denn plötzlich ermittelt die Polizei in Person von Falke.

Der mit seiner ihm vor Ort zugeteilten Kollegin Julia Grosz erst allmählich entblättert, dass es hier nicht einfach nur um Schleuserkriminalität geht. Der Zuschauer dagegen weiß von Anfang an Bescheid und erlebt die unheimliche Bedrohung schon sehr intensiv, als Falke und Grosz noch tote Winkel im Flughafen suchen. Diese parallel erzählte Geschichte ist tatsächlich ausnehmend spannend und lebt natürlich auch von dem Grusel, den der IS in mühevoller Schlächterei in den vergangenen Jahren jederzeit abrufbar in die Köpfe der Zuschauer gebrannt hat. Da sage noch einer, offene Täterführungen bremsen die Spannung!

 

Glaubwürdige Gefährdungslage

Dass das alles so gut funktioniert, liegt an mehreren Faktoren: die sehr glaubwürdige und aktuelle Gefährdungslage, denn all die mühsam sublimierten Angstbilder nach den Anschlägen von Paris und dem abgesagten Fußballspiel in Hannover werden in diesem Film genüsslich und durchaus effektvoll reanimiert. Man glaubt den Plot in jeder Minute. (Wer unbedingt Fehler finden will, wird vermutlich am ehesten in der personellen Besetzung der Polizei fündig, vermutlich wäre da doch recht bald die gesamte Terrorabwehr des Landes vor Ort und nicht nur ein einsamer Kommissar; durch den ganz unterroristischen Ausgangsfall allerdings ist Falkes Anti-Terror-Engagement dennoch für TATORT-Verhältnisse glaubhaft eingebettet.) Dann besticht der Film durch seine durchweg gut gezeichneten Charaktere (gut, auch hier könnte man über die etwas bizarre weltanschauliche Diskussion des Terroristen mit seinem alten Jugendgang-Gegner mäkeln, da wird es doch ein wenig grobschlächtig, aber geschenkt), nicht zuletzt auch durch das sich neu bildende Team Falke/Grosz. Was für eine schöne Idee, dem bislang eher eigenbrötlerischen Falke eine noch viel eigenbrötlerischere Kollegin an die Seite zu stellen, die plötzlich Falke als das Plappermäulchen erscheinen lässt und die mit ihrer Aura der Unberührbarkeit sofort Interesse an dieser Figur weckt. Und schließlich: Trotz aller Härte nimmt der Film seine Figuren ernst, vermeidet Abziehbilder und bemüht sich durchaus erfolgreich, ihnen ein Profil zu geben.

Aber ist es denn verantwortbar, in der derzeit aufgeheizten Stimmung ein Terror-Szenario mit unkontrolliert ins Land gekommenen IS-Terroristen zu inszenieren? Ja! Das Thema liegt im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße, und durch ängstliches Vermeiden stärkt man nur die Paranoiker der Besorgte-Bürger-Fraktion, die überall gelenktes Staatsfernsehen zugunsten einer vermeintlichen Political Correctness wittern. Trotzdem wird kaum ein AfD-Sympathisant seine Freude an dem Film haben, dafür sorgt schon allein die intensive Darstellung der Familie des Terrorjünglings, die klarmacht, dass es sich hier eben nicht um einen Kampf „Biodeutsche vs. Migranten“ oder „Islam vs. Westen“ handelt, sondern um die Frage, was hier aufgewachsene Menschen dazu bringen kann, sich einer Psychopathentruppe wie dem IS anzuschließen und welche Verheerungen das auch in ihrem eigenen Umfeld auslöst.

Auf jeden Fall ist der Zorn Gottes geeignet, sich auf die Fortsetzung nach dem Neustart des Falke-Ablegers der Reihe mit dem gelungenen Einstand der neuen Partnerin zu freuen. Es bleibt am Ende dieses nervenaufreibenden Terror-Thrillers allerdings der Verdacht, dass der NDR gerade den falschen Film in die Kinos geschickt hat.

Heiko Werning


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