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Heute ist der: 23.08.2017.
 

Auf einen Schlag

Moderne Zeiten in Dresden

Eine Volksmusik-Schlager-Show vor dem Dresdner Zwinger. Schon bei den Proben liegen überall Schnapsleichen herum, dazwischen dann auch noch eine richtige. Jemand hat den Volksmusiker Toni Derlinger erschlagen – „Auf einen Schlag“ sozusagen, so auch der Titel des Falls. Die Dresdner Kommissarinnen Henni Sieland und Karin Gorniak nehmen mit Unterstützung der jungen, nassforschen und vor allem noch sehr unerfahrenen Polizeianwärterin Maria Magdalena Mohr und ihres Vorgesetzten, dem etwas altmodischen Michael Schnabel, die Ermittlungen auf, die sie in ein undurchdringlich erscheinendes Gestrüpp aus Intrigen, Neid und ...

 

Hinter den Kulissen beim MDR

Stopp! Ich hab’s versucht, wirklich. Sie sehen es ja. Aber dieser TATORT-Premiere wird man mit einer normalen Filmkritik nicht gerecht. Nach dem Flop mit dem blutjungen Erfurter Team hat der MDR einen Neustart eingeleitet, diesmal geht es zurück nach Dresden, wo ganz zu Beginn der TATORT-Ära des Senders einst die Kommissare Ehrlicher und Kain ihre Karriere begannen. Das scheint lange her. Noch länger, nachdem man den neuen Versuch gesehen hat, an dessen Ende man sich dabei ertappt, selbst Saalfeld und Keppler hinterher zu weinen. Was haben die MDR-Leute sich bloß dabei gedacht? Schalten wir exklusiv für den Tatort-Fundus in die Besprechung zweier für die Produktion zuständiger Senderverantwortliche, so wie sie zweifellos hätte stattfinden können (sächsischen Akzent bitte selbst dazu denken):

MDR1: Verdammt, das mit dem Frischfleisch in Erfurt, das ist ja ganz schön nach hinten losgegangen.

MDR2: Allerdings. Und so richtig gezĂĽndet hatte die Idee mit dem Ex-Paar in Leipzig ja auch nicht gerade.

MDR1: Das darf uns nicht wieder passieren. Wir brauchen eine ganz neue, ganz unverbrauchte, total originelle Idee. Irgendwas, was noch keiner hatte!

MDR2: Ja, absolut richtig. Aber was denn bloĂź?

MDR1: Vielleicht mal einen Behinderten als Kommissar? Autist, Rollstuhl, irgendwie so was?

MDR2: WeiĂź nicht. Der MĂĽnchener Polizeiruf hatte ja schon den mit dem abben Arm.

 

MDR1: Vielleicht ganz was Abgefahrenes: ein Ausländer!

MDR2: Bist du verrückt? Damit sofort die Pegida vor dem Sender rumschreit? Bloß nicht! Hatten außerdem die anderen auch schon längst. Dieser Türke da in Hamburg. Und dieser Türke da in Hamburg. Und in München ist doch auch irgendein Südländer dabei.

MDR1: Ich hab’s: Wir nehmen einen Hund!

MDR2: Einen Hund?

MDR1: Ja, einen Polizeihund! Wir erzählen die Geschichte aus der Perspektive eines Polizeihundes. Das gab’s noch nie! Und Tiere gehen immer.

MDR2: Ja, das geht schon in die richtige Richtung. Aber dann haben wir dauernd die PETA-Typen am Hals, wegen vorgeschriebener Drehzeiten für Säugetiere und so, das wird doch viel zu teuer. Gibt’s nicht was Einfacheres, was ähnlich abgefahren ist?

MDR1: Jetzt hab ich’s: Frauen! Wir nehmen Frauen!

MDR2: Hervorragende Idee! Frauen – irre! Eine Frau, das gab’s ja schon öfter, aber wir nehmen einfach zwei! Zwei Frauen auf einmal, das gab’s noch nie! Und Frauen gehen fast so gut wie Tiere!

MDR1: Und weiĂźte was? Wir legen noch eine drauf. Drei Frauen! Der Wahnsinn!

MDR2: Huiuiui, das ist aber gewagt. Drei Frauen gleich! Aber gut, man muss auch mal das Außergewöhnliche denken.

 

MDR1: Und damit jeder merkt, was für eine megascharfe Sensation das ist, dass da drei Frauen für uns ermitteln, sollte das im ersten Film auch mal irgendwo gesagt werden. Da kann man dann auch mal Geschlechterfragen aufeinanderprallen lassen, weißte? Also, ich stell mir vor, dass der Chef dann mal sagt, also so sinngemäß: Boah, früher, als noch nicht alle Frauen waren, da war’s irgendwie besser.

MDR2: Hammer! Und damit es wirklich jeder mitbekommt, machen wir einfach zwei Szenen, wo die Frauen mit den Geschlechterstereotypen konfrontiert werden.

MDR1: Du kriegst die TĂĽr nicht zu! Zwei Szenen mit Geschlechterdings! Aber weiĂźte was: Ich toppe das noch mal: Wir machen drei Szenen damit!

MDR2: Wahnsinn, wie du nur immer auf solche verrückten Ideen kommst! Drei Szenen mit Frauengedöns! Aber warte mal, vielleicht sollten wir ...

[so geht das noch eine Weile weiter, bis am Ende eine ungezählte Zahl an Szenen mit diversen Anspielungen auf die Top-Sensation, dass da Frauen ermitteln, und darauf, dass die aber auch ganz schön mit Vorurteilen zu kämpfen haben, beschlossene Sache sind.]

MDR1: Gut. Das hätten wir also. Aber unsere Frauen brauchen auch Tiefe, verstehste? Frausein allein reicht heutzutage ja auch schon nicht mehr aus.

MDR2: Wir machen die eine einfach zur Alleinerziehenden! Das schafft dann voll das Konfliktfeld, wenn die nach der Arbeit natürlich, äh, na ja, also, was bringt man als Kommissarin so nach der Arbeit mit nach Hause zum Söhnchen?

MDR1: NatĂĽrlich Fotos von den Leichen!

MDR2: Na klar, welcher Kommissar brächte nicht dauernd Fotos von den Leichen mit nach Hause. Das ist natürlich voll krass, wenn das Kind die sieht, und dann verroht es total ...

MDR1: Wow, das ist ja noch mehr Gesellschaftskritik. Nicht nur Frauen, sondern auch verrohte Jugendliche, super!

 

MDR2: Ja, und die andere, die hat Beziehungsprobleme.

MDR1: Nein!

MDR2: Doch! Dann machen wir in der ersten Folge so was ganz Abgefahrenes, was es noch nie gab: Wir lassen sie einen Urlaub oder eine schöne Verabredung mit ihrem Lover planen, und dann kommt der erste Fall dazwischen!

MDR1: Wie jetzt? Und du meinst, dann sagt die das einfach ab und versetzt ihren Macker, weil sie ja jetzt an ihrem Fall arbeiten muss? Krass!

MDR2: Allerdings! Knallhart ist die nämlich! Und als Fall nehmen wir irgendwas, was noch keiner hatte.

MDR1: Die Musikindustrie! Das gab’s noch nie im TATORT!

MDR2: Super. Musikindustrie ist einfach super. Und total originell.

MDR1: Aber im ersten Fall brauchen wir auch ganz viel Lokalkolorit, Heimat und so. Also nehmen wir Volksmusik! Das perfekte Setting. Ganz viel Heimat, ganz viel heile Welt.

MDR2: Und wir zeigen dabei, dass die heile Welt gar nicht so heile ist! Dass da Risse sind in der sauberen Oberläche! Damit sind wir dann auch voll gesellschaftskritisch.

MDR1: Genau, stell dir vor: Vielleicht sind die gar nicht alle so gut Freund miteinander, die Volksmusiker, so wie sie immer tun.

MDR2: Und vielleicht sind die Produzenten auch gar nicht nur väterliche Freunde, sondern haben auch total eigene Interessen, mit Geld und so!

MDR1: Und womöglich sind auch gar nicht alle, die als Paar auftreten, in echt noch ein richtiges Paar!

MDR2: Oh. Ich weiĂź nicht, ob wir da nicht ein bisschen weit gehen ...

 

MDR1: Ach was, man muss sich mal was trauen. Wir entlarven diese ganze Volksmusikszene als scheinheilig! Ich setz noch eins drauf: Da könnte doch einer schwul sein in Wirklichkeit!

MDR2: Ach du je. Aber andererseits: Hey, wir haben Frauen, und dann wir auch noch einer schwul! Das wird der abgefahrenste TATORT aller Zeiten! Voll der Tabu-Bruch!

MDR1: Und ein bisschen DDR-Nostalgie muss aber auch noch rein! So ein bisschen Träumen von den alten Zeiten!

MDR2: Und ein bisschen was ganz Aktuelles, also Pegida-Bezug! Aber ohne sie zu nennen. Also mehr so Besorgte-Bürger-mäßig, dass die sich in der rasanten modernen Welt mit Ausländern und Schwulen und Frauen nicht mehr so zurechtfinden, und dann sind sie ganz verwirrt!

MDR1: Genial! Alter, ich sag einfach nur: genial! Hochpolitisch, und dann auch noch mit Frauen. Da musste erst mal drauf kommen!

Ăśberfordert von der modernen Zeit

Wir verlassen die Besprechung an dieser Stelle und verraten nicht zu viel, wenn wir sagen: Genau so ist es dann gekommen. Das ganze Elend dieser Melange an Comic-Figuren in einem pseudo-kritischen Umfeld zeigt sich in Martin Brambach als ewiggestriger Chef des Damen-Trios. Der arme Mann, so schön er das auch spielt, soll also nun mitsamt seines Volksmusik-Klingeltons für die überforderten alten weißen Männer stehen, die mit der heutigen Zeit nicht richtig Schritt halten können und die die Welt nicht mehr verstehen. So modern dieser Film sich auch geben will, letztlich zeigt er auf schmerzhafte Weise vor allem eines: Dass die Verantwortlichen im MDR einfach mit der heutigen Zeit nicht richtig Schritt halten können und die Welt nicht mehr verstehen. Wie auch immer dieser neue TATORT-Strang weiter verlaufen mag – mein Tipp an den MDR fürs nächste Mal: macht doch einfach Bernd das Brot zum Kommissar! Es kann nur besser werden.

Heiko Werning
 


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