Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 23.03.2017.
 

Sternschnuppe

Sex und Geknödel

Dieter Bohlen hat sich bei Auto-Sex-Spielchen selbst erwürgt. Ach nein, doch nicht: Erstens war es gar nicht Dieter Bohlen, sondern nur so was Ähnliches (der Film betont vorab, dass alles nur erfunden ist), und zweitens war er’s dann wohl doch nicht selbst, wie sich nach der Obduktion der bizarr in den Seilen hängenden Leiche zeigt. Gestorben ist er wohl eher an schlechter Lyrik. Auch das trifft es nicht ganz: gestorben ist er an einem Zettel, auf dem handschriftlich schlechte Lyrik notiert ist.

Der Musikmanager Udo Hausberger wurde stranguliert in pikanter Pose gefunden. © ARD Degeto / ORF / Petro Domenigg

Niemand rächt die Lyrik

Dass die Welt in keinem guten Zustand ist, erkennt man auch daran, dass die Wiener Kommissare gar nicht erst in Erwägung ziehen, was aus ästhetischer Sicht am naheliegendsten wäre, nämlich dass irgendjemand mit sprachlichem Feingefühl das Geschwurbel nicht ertragen und den Rechteinhaber dafür ins Jenseits befördert hat. Aber Literaturliebhaber schlagen ja höchstens mit Worten zu, nicht mit in die Luftröhre drapierten Zetteln. Also wird’s wohl jemand gewesen sein, der mit dem Unsympathen zu tun hatte. Und weil der Unsympath eben so dieterbohlenesk daherkommt, hätte natürlich praktisch jeder einen nachvollziehbaren Grund, ihn umzubringen, der je mit ihm in Kontakt geriet (von Millionen Fernsehzuschauern und Radiohörern ganz zu schweigen).

Nun sind seit dem Einstieg der Figur Bibi Fellner die Österreicher in den letzten Jahren zu Garanten für gute TATORT-Folgen geworden. Vielleicht ist das Verglühen dieser „Sternschnuppe“ auch deswegen dann doch eher enttäuschend. Die Idee, eine Folge im zynischen Gewese des Unterschichtenfernsehens zu platzieren, ist so neu ja nicht. Um nicht zu sagen: Sie ist ausgelutscht. Innerhalb der TATORT-Reihe sind die Folgen um fiese TV-Sendungen, Schlager- und Volksmusikstars längst ein eigenes Subgenre. Nun also das Casting-Show-Elend. Ach ja. Sicher, irgendwie ein wichtiges Thema. Blöd halt nur, dass allein die Kenntnis der groben Rahmenbedingungen völlig ausreicht, um schon ein komplettes Bild vom Film im Kopf zu haben, noch ehe der Vorspann zu Ende ist.

Die Witwe zeigt sich irritierend emotionslos über den Verlust. © ARD Degeto / ORF / Petro Domenigg

Probieren wir es aus: Stellen Sie sich einfach vor, wie ein TATORT-Krimi wohl verlaufen könnte, der im Milieu von „Österreich sucht den Superstar“ spielt, bei dem das Opfer ein steinreicher Musikproduzent ist, der gleichzeitig als Juror in der Sendung wirkt, und bei dem das sonstige Personal sind: zwei der Casting-Opfer, deren Mütter, die Ehefrau des Ekels, deren Lover und eine TV-Redakteurin. Genau. Das ist das Problem des Films: Er läuft exakt so ab, wie Sie sich das jetzt vorstellen. Wer es am Ende war, ist eigentlich unerheblich, aber die Konflikte, die hier verhandelt werden, die menschlichen Dramen, der sozial- bzw. hier eher medienkritische Impetus – all das ist so entsetzlich vorhersehbar, dass es einen beim Zuschauen geradezu deprimiert, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts passiert, was man nicht vorher schon genau so erwartet hätte. „Dass diese Typen alle genau ihrem Klischee entsprechen“, flucht sinngemäß Eisner zwischendurch, und entweder ist diese extrem zutreffende Anmerkung eine Art vorsorgliche Entschuldigung des Drehbuchautors, mit dem er sein Flitzpiepenpersonal doch als irgendwie authentisch verhökern möchte, oder Harald Krassnitzer hat ihn in einer Art künstlerischer Notwehr in den Film geschmuggelt.

Bibi Fellner und Moritz Eisner vernehmen die Witwe. © ARD Degeto / ORF / Petro Domenigg

Putziger Dialekt

Natürlich ist es immer noch unterhaltsam, Fellner und Eisner zuzusehen, aber auch hier muckt diesmal der hässliche Verdacht auf, dass man sich nur deshalb phasenweise doch einigermaßen amüsiert, weil der Wiener Schmäh einfach so putzig klingt. Wenn aber der Dialekt schon die Hauptattraktion ist, läuft irgendwas schief. Das gilt leider auch für die Kabbeleien der beiden Kommissare, die diesmal recht exzessiv ausgetragen werden. Und zwar rund um das schöne Thema Sex und Partnerschaft. Warum noch gleich? Ach so, ja: Weil das Opfer eben bei extravaganten autoerotischen Praktiken zu Tode kam. Klar, dass man als Kommissar dann ausführlich sein eigenes Sex-Leben rekapituliert. Wenn man schon mal mit einem Fall zu tun hat, in dem es um so was Exotisches wie, nun ja, eben Sex und Beziehungen geht. Haben die Ermittler ja praktisch noch nie erlebt. Da stellen sich dann plötzlich ganz überraschende Fragen, wie etwa, warum sie selbst nicht längst ein Paar sind. Woran man eben so denkt, wenn man jemanden findet, der gerade mit eher unbefriedigendem Ergebnis (zumindest in letzter Konsequenz) versucht hat, sich durch Sauerstoffentzug den Mega-Kick bei der Masturbation zu holen.

Die junge Musikerin Vera Sailer ging psychisch durch die Hölle, nachdem ihre im TV begonnene Karriere im Sande verlaufen war. © ARD Degeto / ORF / Petro Domenigg

TATORT mit Service-Teil

So lernen wir braven Bürger, die Sex ja nur vom Hörensagen kennen wie zuvor eben auch die Kommissare, dass es Praktiken gibt, bei denen man sich würgt, um den Orgasmus zu steigern. Sage niemand, der TATORT hätte keinen Nutzwert. Wir erfahren zudem, dass die Reichen und Schönen ein ganz schön ausschweifendes Sex-Leben haben. Und dass das aber auch nicht wirklich glücklich macht.

Wer solche Erkenntnisse gewinnbringend in sein Leben einbauen kann und zudem Spaß daran hat, mitzuraten, welche der auf dem Tapet servierten Figuren, die alle stichhaltige Gründe hätten, den partiellen Sauerstoffentzug zum endgültigen umzuwidmen, es denn dann tatsächlich war, und wer zudem zwei supersympathischen Ermittlern bei ihrem niedlichen Dialekt-Gefrotzel ein bisschen zuhören will, der wird an dieser Folge seine Freude haben.
Alle anderen müssen auf den nächsten Fall aus Österreich warten, denn die überdurchschnittliche Qualität, für die die Wiener Dependance normalerweise bürgt, wird dann ja hoffentlich beim nächsten Mal wieder erreicht werden.

Heiko Werning
http://blogs.taz.de/reptilienfonds/
 


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2017
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite fĂĽr Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3