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Heute ist der: 21.11.2017.
 

Der große Schmerz

Im Rausch der Hormone

Aber ja, sie ist es wirklich! Und nein, sie singt nicht. Sollte einer Schwierigkeiten haben, die schwarzhaarige russische Killerin Leyla mit der supernetten blonden Schlagerinterpretin Helene Fischer zu identifizieren, dann liegt es vielleicht an den funkelnd grünen Kontaktlinsen, die sie in der sinistren Rolle trägt. Eine Figur, halb Alien, halb feuchter Männertraum. Aber Schneid hat die Dame schon, ihr Darling-Image so rüde gegen den Strich zu bürsten. Und Schneid hat auch Til Schweiger, die schauspielunerfahrene Sängerin in einem zwar wortkargen, aber doch szenenreichen Part neben sich auftreten zu lassen.

Leyla ist eine eiskalte Killerin. © NDR / Gordon Timpen

Der Star duldet den Star neben sich. Das passt zu Schweiger, der ausschließlich in wolkenkratzergroßen Dimensionen denkt und nun endlich zum furiosen TATORT-Doppelschlag ausholen darf, nachdem Teil eins, "Der große Schmerz", und Teil zwei, "Fegefeuer", unter den Eindrücken der Attentate von Paris (und unter den Protesten des Stars) auf den 1. und 3. Januar verschoben wurden. Nach Ablauf der umstrittenen Pietätsfrist darf Schweiger die jahrzehntelang unberührten Grundfesten des ARD-Sonntagskrimis zweimal 90 Minuten lang mit der Bazooka bearbeiten.

"Willkommen in Hamburg" hieß vor zweieinhalb Jahren der erste Auftritt des streitbaren Stars in der Rolle des Alster-Rambos Nick Tschiller. Heute weiß man: ein reichlich irreführender Titel. Das Ein-Mann-Action-Kommando Schweiger wirbelt mitnichten durch die Hansestadt, sondern durch eine Pulp-Erzählung, einen Gewaltcomic, der aus Hamburg nur ein paar bekannte Kulissen klaut. In dieser finsteren Parallelwelt ist nahezu alles möglich: ein koksender Innensenator, ein Clan, der die ganze Stadt im Würgegriff hat, Polizisten und Gangster im Blutrausch, sogar eine Killerin im Körper eines russlanddeutschen Schlagerstars.

Nick Tschiller bei der Arbeit. © NDR / Gordon Timpen

Christoph Darnstädt und Christian Alvart, die gemeinsam schon die ersten beiden Schweiger-TATORTe realisierten, machen auch diesmal keine Gefangenen und keine Kompromisse. Wer will, darf wieder mit dem Leichenzählen anfangen. Oder sich einfach den kinoreifen Überwältigungsbildern von Kameramann Jakub Bejnarowicz ergeben.

Inhaltlich führt die Doppelfolge Nick Tschillers Privatkrieg gegen den kurdischstämmigen Astan-Clan aus den ersten beiden Episoden weiter. Auch das dramaturgische Strickmuster ist ebenso schlicht wie altbekannt. Aus Sorge um die Ex-Frau und die Tochter, die von der Helene-Fischer-Gangsterin entführt wurden, pfeift Sportsfreund Tschiller mal wieder auf alle Dienstvorschriften und die Teamwork-Angebote seines pfiffigen Partners Yalcin Gümer.

Der Clan-Boss Firat Astan führt auch aus dem Knast seine kriminellen Geschäfte weiter. © NDR / Gordon Timpen

Tschiller soll seinem Intimfeind, dem aus seiner Zelle in Fuhlsbüttel heraus ungehindert regierenden Clan-Boss Firat Astan, während seiner Verlegung nach Bayern zur Flucht verhelfen - im Austausch gegen die gekidnappten Liebsten. Was Quick Nick nicht ahnt: Astans Herrschaft über die Hansestadt ist nicht mehr unumstritten. Angestachelt durch die geplante Privatisierung des Hafens bringen sich schon russische Schergen in Stellung. Motto: In Hamburg tobt der Krieg, und die Hamburger gucken nur zu. Bis auf einen natürlich ...

Alles, ausnahmslos alles in diesem Hard-Boiled-Thriller ist auf Tempo, Härte und Dramatik gebürstet. Nick Tschiller wuchtet kunstblutbeschmiert hindurch - gefangen zwischen den emotionalen Extremzuständen grimmig und gebrochen. Für Ermittlungen im engeren Sinne hat einer wie er selbstverständlich keine Zeit. Wo Widerstände auftauchen, wird geschossen oder geprügelt. Kommen moralische Einwände irgendwoher, klingelt das Handy, und Tschiller hetzt weiter.

Für Männer mit überdurchschnittlich hohem Testosteronspiegel und postpubertären Gewaltfantasien ist das alles fraglos ein Fest. Alle anderen schalten besser beizeiten das Hirn aus. Ansonsten bringen sie sich um ein äußerlich absolut hochwertig umgesetztes Unterhaltungserlebnis. Am Sonntag, 3. Januar, geht es mit Teil zwei, "Fegefeuer", weiter und ab 4. Februar im Kino mit der die Erzählung abschließenden Leinwand-Episode "Off Duty".

Jens Szameit
Teleschau Mediendienst
 


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