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Heute ist der: 23.09.2017.
 

Taxi nach Leipzig

Die groĂźe Fahrt im Kreis

1000 – das ist eine magische Zahl. 1970 fuhr Kommissar Trimmel in der TATORT-Folge Nummer 1 im „Taxi nach Leipzig“, und nun, 999 Folgen und 46 Jahre später, setzt das Gefährt sich erneut in Gang, unter exakt demselben Titel. 

 

Diesmal sitzen der Kieler Hauptkommissar Klaus Borowski und seine Kollegin aus Hannover, Charlotte Lindholm, darin. Die beiden kannten sich bislang gar nicht und sind sich nur zufällig auf einer Fortbildungsveranstaltung begegnet, wo Lindholm Borowski das letzte Brötchen vor der Nase weggeschnappt hat. Als sie abends den Tagungsort verlassen wollen und der Bus nicht fährt, entern sie mit einem dritten Kollegen eben jenes Taxi.

Gesteuert wird es von Rainald Klapproth. Der aber hat eigentlich nicht das geringste Interesse an der Tour, denn ihn quälen ganz andere Sorgen. Der ehemalige Soldat hat psychisch Schaden genommen bei einem Afghanistan-Einsatz, in der Folge hat er die Kontrolle über sein Leben verloren, bis sich seine Freundin von ihm getrennt hat. Ein Verlust, mit dem er nicht fertig wird, er stellt der jungen Frau am Telefon nach. Als er ihren Geburtstag zum Vorwand nimmt, sie erneut anzurufen, hofft sie, ihn abzuwimmeln, indem sie ihn über ihre am nächsten Tag bevorstehende Hochzeit informiert. Ein Schock für Klapproth.

Mit größter, offensichtlich antrainierter Anstrengung versucht er, seine Emotionen in den Griff zu bekommen, und fährt deshalb in die Wallachei – wo ihm überraschend die drei Polizisten ins Auto springen. Der dritte im Bunde entpuppt sich als ausgemachte Nervensäge, und ruckzuck dreht Klapproth ihm mit professionellem Griff den Hals um. So beginnt sie also, die zweite Taxifahrt nach Leipzig.

 

Als der dritte Fahrgast, der tatsächlich ein bisschen nervt, vom offenbar in Kampftechniken geschulten Chauffeur kurz und schmerzlos um die Ecke gebracht wird, wähnen sich Borowski und Lindholm im falschen Film. Das hier sollte doch ein privater Abend werden! Bald sitzt man überwältigt und gefesselt auf der Rückbank. Und der Fahrer fährt durch die Nacht nach Leipzig, wo seine große Liebe den ärgsten Feind heiraten will.

Selten wurden Jubiläums- oder Event-TATORTe durch den Einsatz mehrerer Kommissare besser, aber mit Alexander Adolph verpflichtete der 1970 wie 2016 federführende NDR immerhin einen Kreativen, der für einige der besten und subtilsten Folgen der Reihe verantwortlich zeichnet. Unvergessen ist seine Münchener Episode Der tiefe Schlaf, die 2012 Fabian Hinrichs als Nervbolzen Gisbert Engelhardt einführte, um ihn auf ungewöhnlich grausame Weise für den Zuschauer - nämlich ohne Bilder seines Ablebens - wieder aus dem Film verschwinden zu lassen.

Adolph, auch für die skurrile ZDF-Krimireihe "München Mord" verantwortlich, ist ein Freund des Genrekinos und bekennender Fan alter Gruselfilme. In "Taxi nach Leipzig" spielt er fast schon nach Herzenslust mit den von ihm bevorzugten Stilmitteln. Der Film ist ein Kammerspiel mit Psycho - gefühlt zwei Drittel dieses TATORT-Thrillers wurden in einem aufgesägten Taxi gedreht. Weil man zu dritt im Auto zwar Angst voreinander haben kann, aber das Gruseln doch eher schwer fällt, lässt der Autorenfilmer seine Kommissare irgendwann auch durch dunkle Wälder stapfen und Wölfen begegnen. Vielleicht - am Ende - ein bisschen viel des Guten, vor allem weil Adolph auch noch die Idee verfolgt, mit Off-Kommentaren aus vier Perspektiven die Gedanken der Kammerspielenden laut werden zu lassen.

 

Hoher Erwartungsdruck

Der Erwartungsdruck muss riesig gewesen sein. Der TATORT erlebt derzeit einen Hype, wie es ihn in seiner Geschichte wohl noch nicht gab. Jede Folge wird in sämtlichen Medien mit der Ernsthaftigkeit einer Premiere in der Staatsoper durchrezensiert, jede Kommissars-Neuberufung mit derselben Aufregung verkündet wie ein Wechsel im Bundeskabinett. In der diversifizierten Medienlandschaft des frühen 21. Jahrhunderts gar nicht mehr für möglich gehaltene Zuschauerzahlen, wie sie sonst nur noch Fußball-WM-Spiele des Nationalteams erreichen, sind die Regel, wenn der klassische Vorspann am Sonntagabend über den Bildschirm flimmert. Dieser stetige Bedeutungszuwachs hat sich schon in den letzten Jahren auch darin gezeigt, dass – mal mehr, mal weniger gelungen – immer mehr neue Formen, immer experimentellere Folgen, immer spektakulärere „Events“ ausprobiert wurden. Wie sollte man da jetzt zum Tausendsten noch einen draufsetzen?

Man ist fast verwirrt darĂĽber, wie klug die ARD mit dieser im Grunde aussichtslosen Ausgangslage umgegangen ist. Statt zu versuchen, noch pompöser aufzufahren, mit noch mehr Spektakel oder Prominenz, mit einem Mega-Auflauf hunderter Kommissarsfiguren, der Verpflichtung von Donald Trump als Gast-Bösewicht oder der Inszenierung als sechsstĂĽndiges Live-Spektakel in Bayreuth, bei der die Kanzlerin am Ende zu den Schauspielern in die Umkleidekabine kommt, hat die TATORT-Koordination den Fall einfach dem NDR ĂĽbertragen, der damit den Autorenfilmer Alexander Adolph betraute. Und der hat etwas ganz und gar Erstaunliches gemacht: einen einfachen, guten, konzentrierten TATORT ohne viel Brimborium. 

 

Jubiläums-Extras

NatĂĽrlich, ein bisschen musste das Jubiläum schon herausgehoben werden. Das ist fein und elegant gelungen: Einerseits durch den zwar nicht sensationell auĂźergewöhnlichen, aber doch immer noch etwas Besonderes markierenden Doppel-Kommissars-Einsatz von zwei Ermittlern, eben Borowski und Lindholm. Andererseits durch ein paar nette Verbeugungen am Rande: die Titel-Reminiszenz natĂĽrlich, aber auch vier kleine, erlesen zusammengestellte Gast-Auftritte. Friedhelm Werremeier ist dabei, der das Buch zum ersten Taxi nach Leipzig geschrieben hatte, GĂĽnter Lamprecht, der in den 1990er-Jahren den Berliner Ermittler spielte, der vor allem aber bereits auch 1970 in der ersten Folge einen Kurzauftritt hatte, Hans Peter Hallwachs, der ebenfalls in Folge 1 dabei war, und schlieĂźlich Karin Anselm, die mit ihrer Kommissarin Wiegand in den 1980er-Jahren sozusagen die Pionierarbeit fĂĽr die heutige Charlotte Lindholm geleistet hat. Vertreter aus viereinhalb Jahrzehnten TATORT also, mit direkten BezĂĽgen auf die erste Folge.

Und am Ende gibt es noch eine kleine Ansprache, die sich sowohl in den Film als auch ins Jubiläum sauber einfügt. Ähnlich geschickt ist die Handlung angelegt. Schon 1970 ging es um eine Beziehungstrennungsgeschichte. Damals in der Zeit der deutschen Teilung und des Kalten Kriegs, als Akteure waren Volkspolizisten und Stasi-Schergen involviert. 2016 wird die Handlung gespiegelt auf das wiedervereinigte Deutschland, das plötzlich seine Freiheit am Hindukusch verteidigt. Ein kluger historischer Bogen, der sich dem Ruf des TATORTs als zeitgeschichtliches Album der Bundesrepublik verpflichtet fühlt.

All diese BezĂĽge und Zitate aber, und das ist die beste Nachricht, stehen dezent im Hintergrund, als Leckerbissen fĂĽr Kenner und Interessierte. Der eigentliche Fall leidet kein bisschen unter dieser Last. 

 

Konzentriertes Kammerspiel mit Psycho-Elementen

Die 2016er-Tour ist ein stark verdichtetes, konzentriertes wie atmosphärisches Kammerspiel. Ein ungewöhnlich inszenierter Krimi, ohne aber zu extravagant zu werden. Der Film genĂĽgt damit sowohl den AnsprĂĽchen des von immer experimentelleren Formen genervten Massenpublikums als auch denen der Film-Feinschmecker. Schon das ist ein KunststĂĽck. Auch die Wahl der Kommissare ist klug: Lindholm als Liebling der Massen, Borowski als Held der Freunde des Anti-Mainstreams. Dazu ein groĂźartig aufspielender Episoden-Hauptdarsteller. Florian Bartholomäi gibt die unterdrĂĽckte Aggression des psychisch angeschlagenen Elite-Kämpfers in solcher Intensität, dass es einen auf dem Sofa fröstelt. 

Die Kommissare dagegen werden zu echten Anti-Helden. Mit ihren dilettantischen Versuchen, eingeĂĽbte Deeskalationsstrategien mit jämmerlichen Phrasen anzuwenden, scheitern sie bei ihrem professionellen Gegner kläglich. Auch beim weiteren Handling der Ausnahmesituation geben sie keine glĂĽckliche Figur ab, sie stĂĽmpern sich durch das Drama, dass es manchmal geradezu wehtut. In den Psycho-Thriller werden dann noch ein paar Suspense-Elemente eingewoben sowie ein bisschen Metaphorik fĂĽr die Ă„ngste der Ermittler, die uns teils in RĂĽckblenden gezeigt oder erzählt werden. 

 

Das passt gut in den Fluss der Handlung und reflektiert auf einer anderen Ebene die Frage, warum wir uns das eigentlich seit 999 Folgen antun. Ist der TATORT die Katharsis der Fernsehnation, die wir brauchen, weil die Bösen am Ende gestellt werden, weil die dunklen Seiten und Abgründe in uns allen an jedem Sonntag immer wieder aufs Neue besiegt werden müssen? Aber man kann solche Fragen auch getrost beiseiteschieben und einfach nur mitfiebern, wie der finale Showdown, auf den alles unerbittlich hinsteuert, wohl ausgehen wird.

„Taxi nach Leipzig“, das Zweite, ist ein formal originell erzählter, dabei nie aufgesetzt wirkender Film, spannend und abgründig, nah dran am Zeitgeschehen und dabei zeitlos. Der Film hält dem hohen Druck der exponierten Jubiläumsfolge locker stand. Nur eines ist die Folge nicht, wie sicherlich manche Puristen am Ende bemängeln werden: ein klassischer Krimi. Aber das war das erste „Taxi nach Leipzig“ ja auch schon nicht. Da schließt sich der Kreis.

Heiko Werning

 



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