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Heute ist der: 24.11.2017.
 

Wer bin ich?

Frage des Formats an sich selbst

Prof. Stefan Scherer vom KIT Karlsruhe gilt als Deutschlands "Professor TATORT" und äuĂźert sich zum umstrittenen TATORT "Wer bin ich?" 

 

Herr Professor Scherer, der TATORT-Krimi mit Ulrich Tukur bezieht sich in seiner Handlung auf das Format TATORT selbst. Wie neu ist/Welchen Stellenwert hat die Selbstreflexion fĂĽr die langlebige Kriminalreihe?

Wer bin ich? aktualisiert die seit jeher gängige Selbstbezüglichkeit des Films im Film, z.B. in Fellinis 8 ½ oder in Woody Allens Purple Rose of Cairo, wo die Hauptfigur aus der Fiktion ausbüchst und so den Film verlässt, wie Kommissar Murot als Chef der gegen ‚Uli’ Tukur ermittelnden Kommissare in den Taunus flieht. Die neue TATORT-Folge bezieht dieses Spiel mit den (Produktions)-Umständen eines Spielfilms auf das Format Tatort selbst. Das ist für die ARD-Reihe nicht neu, weil es hier fast von Beginn an Szenen gab, in denen ein TATORT-Kommissar im Fernseher einen Tatort mit dem Kommissar eines anderen Senders schaute (zum ersten Mal Finke in Jagdrevier 1973). Sogar Schimanski begegnet sich in der Folge Doppelspiel 1985 in einem Fernseher als slapstickartig lächerlicher Action-Held einmal selbst

Was macht die Wiesbadener Folge „Wer bin ich?“ anders?

Neu ist die Selbstverulkung des TATORT im TATORT in Wer bin ich, weil sich hier eine ganze Folge auf die Umstände der TATORT-Produktion eines Senders, die in allen Details gezeigt werden, durch den Kakao zieht. Witzig ist dabei – und das hat die Zuschauer fĂĽr mich nachvollziehbar gelangweilt –, dass sie sich den vom fiktiven Regisseur Justus von Dohnányi aus KostengrĂĽnden (nach dem Wegfall seiner Hauptfigur Murot) geforderten Doku-Style selbst aneignet. Denn sie zeigt, was dieser ständig bespricht: z.B. Kantinenszenen mit Hinweisen auf die Position der Kamera, die dort, so wie es der Zuschauer sehen kann, ja auch tatsächlich steht. 

 

Das ist schon deshalb witzig, weil Dohnányi selbst ja die opulente Tatort-Folge Das Dorf eben mit Murot drehte, die zugleich zitiert wird, indem ihr die fiktive Figur ‚Uli’ Tukur im Fernseher seines Hotelzimmers begegnet: Er sieht sich dort in der Rolle des Kommissars Murot, der für die Kessler-Zwillinge Klavier spielt.

Wie deuten Sie die Reaktionen auf den TATORT in den sozialen Netzwerk wie Twitter oder Facebook nach der Erstsendung??

Die Zuschauer-Reaktionen in den sozialen Medien haben die Langeweile des Films moniert, was man verstehen kann, weil es wohl nur für insider wirklich witzig ist, was diese Folge macht: nämlich genau das, was Justus von Dohnányi als fiktiver Regisseur aus Kostengründen eben jetzt nur noch machen kann: einen filmisch unaufwändigen Billig-Film mit Schauplätzen mitten im Sender, so dass sich Wer bin ich eben als ausgestellt kostengünstiges ‚Machwerk’ des HR in billiger Trash-Ästhetik (mit eben auch schlechten TATORT-Dialogen) gerade gegenüber der opulenten Bildästhetik der Vorgänger-Folge Im Schmerz geboren zu erkennen gibt: am deutlichsten vielleicht in der sichtlich billigen Studio-Autofahrt mit Wolfram Koch, Martin Wuttke und Ulrich Tukur als so lächerlichen wie dilettantischen Schauspielern, die sonst ja auf durchaus grandiose Weise TATORT-Kommissare (oder Theater) spielen

 

Vielen Zuschauer schien gerade das Schauspiel aber gut gefallen zu haben, insbesondere das von Martin Wuttke.

Die meisten Zuschauer fanden Wuttke witzig, obwohl der eben so trashig spielte, wie es die ganze Folge selbst zelebriert. Und genau diese Ă„sthetik fanden die Zuschauer eben nicht amĂĽsant, wie schon einmal nicht im Pulp-Fiction-TV der Folge Ein Hauch von Hollywood, die in der Ranking-Liste des tatort-fundus seit langem und bei weitem den letzten Platz einnimmt.

Sie sprechen die Bildästhetik des Films an – welche Rolle spielt sie hier?

Die professionelle Fernsehkritik scheint nicht wirklich gemerkt zu haben, dass diese Folge in ihrer kargen Bildästhetik in erster Linie die Sparpolitik der ARD-Sender verulkt. Im Kino wird so etwas als Pulp Fiction (1994) gefeiert, im Fernsehkrimi dagegen ist es als Formatverletzung verpönt. Aber auch hier gilt: Die ARD-Reihe TATORT kann so etwas immer wieder einmal riskieren, ohne damit das Format tatsächlich zu gefährden.

Fragen: François Werner


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