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Heute ist der: 27.05.2017.
 

Preis des Lebens

"Haben Sie Kinder?“ - "Nicht mehr."

Das Familienleben war von Anfang an stĂ€ndig prĂ€senter Hintergrund der Stuttgarter Kommissare Lannert und Bootz. Hier, beim zugereisten Lannert eine zunĂ€chst nur geraunt angedeutete, schon bald aber ("Tödliche Tarnung") durch Lannerts Nemesis Victor de Man auch persönlich zurĂŒckkehrende Tragödie; dort, bei Bootz, ein zunĂ€chst scheinbar perfektes, harmonisches Kleinfamilienleben. Mittlerweile sind beide Singles, sowohl der fast liebenswĂŒrdig jede weibliche AnnĂ€herung ignorierende Lannert als auch der durch das völlig unerwartete Ende seiner Ehe in seinem Selbstbild völlig aus dem Lot gebrachte Bootz.

Der Tag der Rache. © SWR / Stephanie Schweigert

Einen Ermittler persönlich in den Fall zu verwickeln, ist ein beliebtes und oft effektives Element diverser TATORTe der vergangenen Jahre, gnadenlos auf die Spitze getrieben in den Frankfurter FĂ€llen der Ermittler Dellwo und SĂ€nger ("Das Böse", "Am Ende des Tages"), die fĂŒr eine Zeitenwende im TATORT standen. Auch "Preis des Lebens" bedient sich dieses Motivs, nicht jedoch, ohne zunĂ€chst eine Rahmenhandlung um einen verzweifelten Racheplan der Opfereltern Mendt aufzubauen, die die erste HĂ€lfte des Filmes einnimmt. So wollen sie den aus der Haft entlassenen Jörg Albrecht gewaltsam zur Preisgabe seines bislang verschwiegenen Mordkomplizen zwingen und verfolgen ihren Racheplan ohne jede Bereitschaft zu Kompromissen.

StaatsanwÀltin Álvarez tröstet Kommissar Bootz. © SWR / Stephanie Schweigert

ZunĂ€chst und durchaus diskussionswĂŒrdig scheint "Preis des Lebens" weit verbreitete Instinkte der Selbstjustiz zu befriedigen. Auch die allmĂ€hlich nachgelieferte Schilderung der UmstĂ€nde der zurĂŒckliegenden Tat weckt tendenziell VerstĂ€ndnis fĂŒr die Verzweiflung der Eltern. Doch eine Prise Zweifel einzustreuen obliegt dann vor allem mit seinem herausragenden Spiel Robert Hunger-BĂŒhler als unterdrĂŒckt ambivalenter Opfer-Vater-TĂ€ter. Die mahnende Ablehnung der Selbstjustiz durch Kommissar Lannert verhallt demgegenĂŒber fast als PflichtĂŒbung.

Zunehmend tritt die elterliche Rache dann jedoch in den Hintergrund zugunsten des Motivs "Kommissar in Extremsituation", als die Mendts Kommissar Bootz erpressen, ihnen den zweiten TĂ€ter quasi auf dem Silbertablett auszuliefern. Entfernt erinnernt die Konstellation an den reißerischen Abgang des Hamburger Verdeckten Ermittlers Batu ("Die Ballade von Cenk und Valerie"). Bootz wird so in der zweiten HĂ€lfte des Films zur Hauptfigur des Geschehens.

Lannert und Bootz werden zu einem Leichenfund gerufen. © SWR / Stephanie Schweigert

Roland Suso Richters durch die HandlungsfĂŒlle geradezu unausweichliche rasante Inszenierung sorgt durchaus fĂŒr Spannung, lĂ€sst kaum Raum zum Verschnaufen, Innehalten und inszenatorischen Auskosten dramatischer Höhepunkte. Es muss immer sofort weitergehen. Ermittlungsarbeit, die sich in anderen TATORTen vielleicht ĂŒber Tage erstreckt hĂ€tte, muss hier auf wenige Stunden komprimiert werden. Durch diese Atemlosigkeit der zwei in einem TATORT abgehandelten "FĂ€lle" – auch der erste wird noch en passant restlos aufgeklĂ€rt – fehlt unweigerlich wenig Zeit fĂŒr emotionale IntensitĂ€t, die der unmittelbaren Betroffenheit von Bootz angemessen wĂ€re. Und so wirken auch die anderen Akteure der Stuttgarter Polizei fast wie unglĂ€ubig außenstehende, emotional recht ungerĂŒhrte Beobachter ihres Kollegen. In dieser Hinsicht kann "Preis des Lebens" nicht an den jeweiligen Ermittlern Ă€hnlich nahegehende FĂ€lle wie die Frankfurter oder den MĂŒnchner "Am Ende des Flurs" heranreichen. Selbst Bootz’ dramatischer Verzweiflungsakt am Ende gelingt dies nicht mehr, kurz darauf ist er bereits vergessen. "Preis des Lebens" wĂ€re womöglich die Aufteilung des Geschehens in eine Doppelfolge besser bekommen, um nachhaltigeren Eindruck zu hinterlassen.

So professionell, ja distanziert das Team den EntfĂŒhrungsfall Bootz bearbeitet, so geschĂ€ftsmĂ€ĂŸig be(ur)kunden die Ermittler am Ende auch die vermeintlich bleibende Belastung ihres VerhĂ€ltnisses. Zu hoffen bleibt, dass im kommenden Stuttgarter TATORT in dieser Hinsicht nicht – wie im MĂŒnchner TATORT – nahtlos zur Tagesordnung und kommentarlos wiederhergestellter Kumpelei ĂŒbergegangen wird.

Urs Lesse
 


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