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Saar-TATORT

Eigentor!

Die Macher des saarländischen TATORTs sind in den letzten Jahren nicht pfleglich mit ihren Darstellern umgegangen und haben diese uncharmant und medienwirksam abserviert. Mit neuen Konzepten zeigten sich die Redakteure mehr an persönlicher Profilierung interessiert als an inhaltlicher Weiterentwicklung ihres Programms. Erwartungsgemäß leidet der (Saar-)TATORT darunter.

Jochen Senf, hier in der Rolle des Max Palu im TATORT Racheengel wurde 2005 eiskalt von der Redakteurin Inge Plettenberg abserviert. Foto: SR/ Manuela Meyer

Das Ende kam plötzlich und unerwartet, angeblich per knappem Telefonat, in dem in unfreundlichem Ton die Absetzung der Kommissarsfigur des Saarländischen Rundfunks (SR) mitgeteilt wurde - Ende des Telefonats, Ende der Durchsage! Jochen Senf, der 18 Jahre den Saarbrücker Kommissar Max Palu verkörperte, soll 2005 so von seinem Ende als Kommissar durch die Redakteurin Inge Plettenberg erfahren haben - als Folge eines Zerwürfnisses mit ihr, wie kolportiert wurde. Plettenberg war kurz vorher neue TATORT-Redakteurin geworden und - was fiktionale Stoffe anging - völlig unerfahren und innerhalb der ARD eher durch ausgezeichnete Dokufilme aufgefallen als durch spannende Krimis oder Spielfilme.

Teamerneuerung folgt auf Redakteurswechsel

Nichtsdestotrotz sollte sie nun fortan die TATORTe betreuen und entwickeln. Als Kommissarsfigur gewann der SR Maximillian Brückner, aus der alten Ermittlerkonstellation übernahm man die alte Figur des Stephan Deininger, gespielt von Gregor Weber.

Dr. Inge Plettenberg war von 2005 bis 2009 beim Saarländischen Rundfunk für den TATORT zuständig. Sie suchte und entwickelte fiktionale Stoffe für die Ermittler Kappl und Deininger. Das Foto zeigt sie im Mai 2006 bei der Vorstellung des SR-Teams bei einer Presseveranstaltung in Hamburg. Bild: Tatort-Fundus.de/TG

Ende 2011 das gleiche Spiel, nur mit anderen Personen. Der SR hat mittlerweile einen anderen, neuen TATORT-Redakteur: Christian Bauer, ebenfalls niemand, der bisher mit fiktionalen Stoffen seine Meriten verdient hätte, aber alsbald als Experte für den "jungen Film" aufgebaut und in allen Pressemitteilungen und Fotos des Senders ständig genannt und abgebildet wird. Der hat offenbar - wie Plettenberg - den uncharmanten Umgang mit seinen Darstellern zur Maxime erhoben und mit der überraschenden Absetzung "kalt erwischt". Per Pressemitteilung lässt man erklären, dass nach 7 TATORTen die Geschichten mit Kappl und Deininger "auserzählt" seien und dass der Sender die beiden Ermittlerfiguren nach Ausstrahlung des nächsten TATORTs "verabschiedet", der auslaufende Vertrag werde nicht verlängert. Aus dem alten Team übernimmt man diesmal die Figur des Kriminaltechnikers Horst Jordan.

Christian Bauer, ihr Nachfolger, hat nun das Team um Devid Striesow durchgesetzt. Das Bild zeigt ihn am Set der Folge Heimatfront Bild: SR/Manuela Meyer

"Verlogen", "überraschend", "Auserzählt"

Was (rechtlich) prinzipiell völlig in Ordnung ist, hat aber einen faden Beigeschmack. Das Echo in den Medien und bei Fans war groß, ebenso das Erstaunen über das überraschende Ende an sich. Mehr erstaunt wieder der offenbar raue Umgangston in der Abteilung des Landessenders aus Saarbrücken, der die wenigen Filmprojekte des Senders verantwortet. Die Darsteller Brückner und Weber zeigen sich erstaunt über den plötzlichen Abgang, sagen etwas zur nicht ganz einfachen Zusammenarbeit mit Bauer und wundern sich, dass man angesichts der guten und steigenden Quoten "auserzählt" sei. "Über das überraschende Ende sind wir erstaunt und nehmen es mit Verwunderung zur Kenntnis", teilten beide der "Süddeutschen Zeitung" mit. So sollen sich Brückner und Weber zudem gegen die übliche Floskel "in beiderseitigem Einverständnis" in der Pressemitteilung ausgesprochen haben. So  fanden die beiden die Teamkonstellation keineswegs "auserzählt", Weber fand auch deutliche Worte in  Richtung Christian Bauer und sprach schlicht von einer "offensiv verlogenen Pressemitteilung". Die Taktik des Senders, das Ende des Teams als beiderseitige, einvernehmliche Entscheidung darzustellen, scheitert. 

Saarländische Profilierung

Zur Wahrheit gehört wohl auch: die SR-Redakteure Bauer und Plettenberg wollten ein Zeichen setzen, sich profilieren, sich "in der Branche" bemerkbar machen. Offenbar ein Zwang für Mitarbeiter des  finanzschwachen kleinen ARD-Senders, der im Gemeinschaftsprogramm "Das Erste" kaum in Erscheinung tritt; ja treten kann, weil sein prozentualer Anteil am ARD-Programm noch geringer ist als die schlechtesten  Wahlergebnisse der FDP. Plettenberg hat sich spätestens mit dem zweiten Fall von Kappl und Deiniger in  der Szene komplett lächerlich gemacht - wider besseren Wissens und deutlicher Warnungen und Eingaben der Darsteller noch am Set wird "Der Tote am Straßenrand" zu einem TATORT, der ordnerweise und überdruchschnittlich viel Zuschauerpost und -beschwerden mit sich  bringt, weil dort Gesetze der Physik augenscheinlich und unübersehbar ignoriert werden; und offenbar nur, um  eine spannende Filmauflösung zu provozieren. Angeblich denken Plettenbergs Vorgesetzte Sender gar  darüber nach, diesen TATORT in den berühmten "Giftschrank" zu verfrachten.  Es beginnt, zwischen der  Redaktion und den Darstellern zu kriseln, die dramaturgische Linie in dem Team und dem anfangs völlig überfrachteten Privatleben der Ermittlerfigur Kappl verläuft eher schlangenförmig und unbefriedigend -  für alle: Zuschauer, Sender, Darsteller.

Die Darsteller von Kappl und Deiniger an der Saarschleife, am Set von Bittere Trauben. Bild: SR/Manuela Meyer

Auf dem Deutschen Fernsehkrimifestival 2009 in Wiesbaden mokieren sich alle Filmemacher aus der Branche hinter vorgehaltener Hand über den Saar-TATORT. Brückner als auch Weber sind bemüht, sich einzubringen und Stoffe und Themen zu diskutieren, zumindest aber zu kommentieren. Redakteurin Plettenberg ist darüber jedenfalls "not amused". Als Redakteur Bauer 2009 dann  für die mittlerweile kaltgestellte Plettenberg übernimmt, erneuert er den Saarbrücker TATORT und gibt  ihm eine düstere, mehr realistische Note, ein wenig angelehnt an den Anspruch und Erzählweisen des damals aktiven Frankfurter TATORT-Teams. Ergebnis: die Quoten - aber auch die Beliebtheit des Saar-TATORTs - steigen, die Akzeptanz beim Zuschauer nimmt ebenfalls zu.   

Auf Teufel komm raus

Dennoch: Bauer und Plettenberg wollten zum Zeitpunkt ihrer "Amtsübernahme" unbedingt ein neues Konzept,  einen neuen Ermittler und einen neuen TATORT schaffen. Sie haben das jeweils bestehende Konzept, das bei  ihrer "Amtsübernahme" aktuell und erfolgreich war, abgesägt und ein neues installiert. Ohne Not, könnte  man meinen, insbesondere bei Team Kappl & Deininger. Es scheint sekundär zu sein, dass das von Bauer in  den 3 Jahren betreute Konzept in eine neue Richtung gelenkt wurde, die von den Zuschauern angenommen und von guten Quoten belohnt wurde.

"Auserzählt" war da nichts, das Potenzial der Ermittler, des Milieus, der Themen war da und noch gar nicht ausgeschöpft, niemand - außer Bauer - hatte von diesem Team genug. Das Märchen vom Auserzähltsein ist nichts anderes als eine unkonkrete, schwafelige Nebelkerze, die verschleiern soll, was wirklich hinter dieser Ermittlerrochade steckte. Personalentscheidungen scheinen  beim SR wichtiger zu sein als der Inhalt; die Zuschauer zu verprellen, wird in Kauf genommen.

Hauptkommissar Stellbrink hat ein paar Schrammen abbekommen. Bild: SR/Manuela Meyer

Miserabler Krimi

Vor allem  wenn man sieht, wohin die Reise nun geht.  Das maßgeblich von Christian Bauer neu entwickelte Konzept der neuen Ermittlerfigur überzeugt nach der  ersten Folge jedenfalls überhaupt nicht: Die Folge "Melinda" ist ein miserabler Krimi. Bauer selbst lobt  den Stoff bei einem Settermin für die Presse noch; es sei der beste Krimi, den er jemals auf dem Tisch  hatte. Nun, was soll der Mann auch sonst sagen? Immerhin: Devid Striesow, der neue Ermittler, ist nett anzusehen und tatsächlich hat dieser auch - wie von Bauer angekündigt - schnell einen  Wiedererkennungswert - aber der große Wurf ist es nicht, einbißchen zu viel aufgetragen sind seine "Macken", zu übertrieben der unkonventionelle Kleidungsstil und der zwanghafte Drang nach Meditation.  

Hat Bauer sich anfangs eher am Frankfurter TATORT orientiert, versucht er mit dem neuen Team um Striesow nun eher die realitätsferne Kriminalkomödie a la Münster-TATORT. Aber leider geht das völlig schief, das Ziel wird meterweit verfehlt. Die meisten Figuren sind holzschnittartig und etwas platt angelegt, die Staatsanwältin ist nervig und hysterisch - sollte wohl eher witzig sein.

Die Geschichte unterfordert jeden krimigeübten Zuschauer. Dass man einen Hauptverdächtigen eine halbe Stunde vor dem Team bereits erahnt, ist eine glasklare Beleidigung des Zuschauers und hat auch nichts mehr mit der Vorhersehbarkeit zu tun, mit welcher viele TATORTe immer wieder - zu Recht - auch spielen. Es hat auch nichts mehr damit zu tun, dass Redakteure und Autoren in Einstiegsfolgen mehr Platz für die Ermittlerfiguren einräumen und die Geschichte eher "einfach" stricken und nicht allzu kompliziert gestalten.

Emotionale Starthilfe

Die Realitätsferne schreit zum Himmel, die Darstellung der Nordafrikaner, die sich um  "Melinda" reißen, ist nahezu rassistisch, jedenfalls platt und stereotyp. Dass Bauer und seine  Drehbuchautoren sich für den Einstiegsfall ihres neuen Ermittlers ein kleines Kind, ein Mädchen, aussuchen, um sie herum eine langatmige und nicht sehr spannende Geschichte bauen, ist alles andere als neu, "innovativ" oder einfallsreich; es ist die reine Berechnung (und Hoffnung), dass kleine Kinder emotionalisieren und Zuschauer in den Bann ziehen und über die Mängel des Plots hinwegirritieren könnten. Der SWR hatte 2008 beim Start seines Stuttgarter Teams ebenfalls ein kleines Mädchen als Starthilfe genutzt  (Arbeitstitel der Erstlings-Folge "Sara-Lena") und auch der erste TATORT mit Schüttauf und Sawatzki im  Jahr 2002 gar bediente sich eines toten Säuglings als emotionale Starthilfe ("Oskar").  

Der neue Kommissar tritt unkonventionell auf Bild: SR/Manuela Meyer

Einzig die Quote entscheidet über Wohl und Wehe

Wenn nun am Sonntag der neue Saar-TATORT über die Bildschirme flimmert, wird die breite deutsche  Zuschauerschaft entscheiden, wie sie das neue TATORT-Konzept findet. Auch und gerade für den SR ist die  Quote extrem wichtig, daran wird Erfolg und Mißerfolg gemessen - auch intern, am Redakteur Christian  Bauer. Am 7. April wird gleich der zweite Fall nachgeliefert, da wird sich zeigen, ob das Konzept nicht noch etwas nuancierter ist, als es im ersten Fall erscheint. Man wird gespannt sein und sich schon deshalb die Folge anschauen müssen.

Trotzdem werden viele Fans vermutlich ihre Skepsis auch so behalten, weiterhin an die uncharmante Entsorgung des Teams denken und im Hinterkopf behalten. Noch heute äußern sich in den sozialen Netzwerken und Foren Fans antsprechend, bedauern noch immer das (unnötige) Ende des Teams. Ein TATORT-Fan hat diese Haltung nach Sichtung der neuen Erstlingsfolge "Melinda" treffend auf den Punkt gebracht: "Für diesen Zirkus hätten Kappl und Deininger nicht gehen brauchen!"   

François Werner
 


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