Heute ist der: 17.05.2012.  --> Bis heute wurden 851 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt.
 

Kein Entkommen

Infekt der Gesellschaft

Der Zuschauer hat sich noch nicht einmal richtig auf dem Sofa zurechtgeruckelt, da wird er bereits zum Zeugen des Mordes: Der Fahrer eines Reinigungsunternehmens wartet auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums auf das Raumpflegefachpersonal, als ein Wagen vorfährt, zwei, wie es immer so schön heißt, südländisch aussehende Männer aussteigen und den Fahrer ohne großes Federlesen schlicht hinrichten. Mit leichtem Bedauern informiert der Killer, bevor er die finalen Fangschüsse ansetzt, sein Opfer noch entschuldigend, er sei einfach im falschen Moment am falschen Ort gewesen. Ein Schicksal, dass der Student im Laufe dieses in vielerlei Hinsicht herausragenden Films noch mit einigen teilen wird.

Eine Kopftuch tragende Migrantin beobachtet das Geschehen und wird die Kommissare bei der Vernehmung damit überraschen, dass sie über die Verrohung der Sitten durch diese ganzen Ausländer aus dem Osten schimpft, und auch wir wissen, dass es zumindest kein normaler Whodunnit werden kann, denn die Täter haben wir an aller Ruhe nach den ersten drei Minuten bereits ausführlich und unmaskiert beobachten können.

 Moritz Eisner und Bibi Fellner am TATORT. Bild: ORF/Petro Domenigg

Ausgerechnet Österreich

Spektakuläre oder besonders ruppige Film-Anfänge sind im TATORT keine Seltenheit, selbst drögeste Folgen von der Stange schmücken sich gerne mit einem schockierenden, besonders rasant inszenierten oder auch nur ungewöhnlich fotografierten Auftakt, bevor der Film dann im wohl bald zum geflügelten Wort werdenden 123-Sekunden-Schema ebenso gemütlich wie unaufregend über die unverrückbaren Schienen rumpelt. Ein Vorwurf, dem man dieser Produktion aus Österreich definitiv nicht machen kann.

Ausgerechnet Österreich! Natürlich, Eisners Charme gehört längst zu den prägenden Konstanten im TATORT-Reigen, und neben viel Durchwachsenem waren auch immer mal kleine Highlights unter den Beiträgen aus dem tiefen Süden, aber durch besondere Wagnisse ist der ORF in den letzten Jahren nun wirklich nicht aufgefallen. Das scheint auch den Verantwortlichen aufgegangen zu sein, die dem Wien-TATORT daraufhin eine wirkungsvolle Frischzellenkur verpasst haben. Festzumachen vor allem an der Person der Bibi Fellner, der angenehm lebenserfahrenen Dame von der Sitte mit dem Alkoholproblem, die schon in ihren ersten beiden Einsätzen an Eisners Seite für ungeahnte Höhenflüge sorgte und in diesem ihren dritten Fall endgültig brilliert mit ihrer Mischung aus Mutterwitz, Pragmatismus, Menschlichkeit und engagierter Arbeit. Und auch Eisner wächst in dieser Ausnahme-Folge über sich hinaus, obschon er sich vergrippt und mit noch melancholischerem Blick als ohnehin schon durch die Handlung kämpfen muss. Im wahrsten Sinne des Wortes übrigens, denn kommen wir zurück zum Plot.

 Bei den Ermittlungen: Bibi Fellner und Moritz Eisner befragen einen Augenzeugen. Bild: ORF/Petro Domenigg

Der bricht sämtliche TATORT-Konventionen gleich in Serie. Der eigentliche Fall ist ruckzuck aufgeklärt, denn die Täter, die wir ja gleich zu Beginn serviert bekommen, gehören, auch das ist nach zwanzig Minuten detailliert geklärt, zu einer Gruppe serbischer Nationalisten, die im Kosovo-Krieg einst für grauenhafte Kriegsverbrechen verantwortlich waren. Interpol fahndet schon lange nach den Hintermännern, um sie an Den Haag auszuliefern. Die aber halten nicht viel davon und gehen entschlossen gegen jede Gefährdung vor, die nun vor allem in einem Aussteiger ihrer Balkan-Terrortruppe besteht, Mirko Gradic, der einst eifrig Buch führte über Massaker aller Art (und der sich selbst auf Platz drei der Massenmörder-Charts hochexekutiert hat).

Ein verstörend kaltblütiger Thriller

Man muss kein Prophet sein, um vorauszuahnen, dass dieser TATORT die üblichen Bedenkenträger-Diskussionen auslösen wird. Dass die „Bild“-Zeitung wieder allerlei scheinempörte Fragen in großer Aufmachung stellen wird, kann man als gesichert annehmen, wenn nicht noch andere Terrorakte dazwischen kommen, sofern also Bundespräsident Wulff dem Chefredakteur kurz vorher nicht irgendwelche Botschaften auf der Mailbox hinterlässt.
Und ja: Für Zartbesaitete ist dieser Film, der die Ausläufer des Krieges im nur scheinbar fernen Südost-Europa mitten in das Zentrum des Kontinents trägt, sicherlich nichts. Für eine Sonntagabendproduktion geht Kein Entkommen in mindestens einer Szene an die Schmerzgrenze oder auch, je nach Standpunkt, deutlich darüber hinaus, und über die ganze Strecke wird ein beachtliches Bedrohungspotenzial aufrechterhalten, für das die finster schrummelnden Streicher das akustische Dauerwarnsignal geben.

 Marco Pustisek und Giorgi Gvinadze. Bild: ORF/Hubert Mican

Dazu gibt es Böse, die auch wirklich mal böse sind, und fast ist man verblüfft über den weitgehenden Verzicht auf politische Korrektheit, der hier aber sehr wohltuend ist – da macht die Entfernung zu Köln sich offenbar positiv bemerkbar. Die Verachtung, mit der die serbischen Nationalisten über ihre „schwule“ und „zu weiche“ Wahlheimat herziehen, ist in ihrer konsequent vorgetragenen Hass-Attitüde wirkungsvoll und legt einiges vom monströsen Wesen des Nationalismus und Rechtsextremismus offen, die sich wie ein Virus im Körper der Gesellschaft ausbreiten. Entsprechend ächzt halb Wien unter der Grippewelle, hier wurde mal tief in die Allegorien-Kiste gegriffen. Zahlreiche Zwischentöne schaffen trotzdem ein vielschichtiges Bild, vom sarrazinesken Einkaufszentrumsmanager bis zum serbischen Migranten mit strengen Österreich-Slang auf Seiten von Interpol. Oder wie es Bibi Fellner treffend zusammenfasst: „Die Dummheit war schon immer globalisiert.“

All das wird aber nur skizzenartig angedeutet, denn in der Hauptsache ist Kein Entkommen vor allem eines: ein kompromissloser, verstörend kaltblütiger Thriller. Über dessen Plausibilität man an mehreren Stellen sicherlich streiten könnte, aber was weiß man schon über den Umgang der Polizei mit Kronzeugen-Kriegsverbrechern. Aber solche Fragen sind in diesem atmosphärisch dichten, bis ins Detail perfekt gespielten und auf überflüssige Schnörkel fast vollständig verzichtenden Film ohnehin eher nebensächlich. Spätestens am Ende, wenn man nach einem fast schon horrorfilmtypischen Finale das obligate Erkältungs-Schlussscherzchen erwartet, das so erwartbar wie der Abspann, wird diesmal noch eine, nun ja, Pointe draufgesetzt, die den fassungslosen Zuschauer mal nicht wohlig ins Delirium des anschließenden Wochenausklang-Geplappers hinübergleiten lässt. Da wird Günter Jauch einiges wegzunicken haben, um den gewohnten Sonntagabendfrieden wiederherzustellen.

Heiko Werning
http://blogs.taz.de/reptilienfonds/


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