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Heute ist der: 23.08.2017.
 

TATORT: Hamburg

Ein superber Extremisten-Thriller

Islamistische Terroristen in Hamburg ? dass das keine überreizte Fantasie von Drehbuchautoren ist, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen. Und dass auch Deutschland im Visier der Extremisten ist, damit haben wir uns auch längst abgefunden. Der verdeckte Ermittler (VE) Cenk Batu muss in seinem neuen Fall verhindern, dass ein Groß-Anschlag auf deutschem Boden gelingt.

Uwe Kohnau (Peter Jordan) und Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) mit SEK Beamten (Komparsen) © NDR/ Hannes Hubach

Für etwa zehn Sekunden erlebt man einen entspannten Batu, der gerade aus dem Urlaub zurückkommt. Doch der Arbeitsalltag, der ihn erwartet, ist für ihn ja generell vor allem eines: kein Alltag. Denn der Mann bekleidet in der Abteilung ?Berufe, um die wir niemand beneiden? Platz 1: Er ist verdeckter Ermittler. Der Arbeitsalltag wartet also, merkt der überhebliche Einsatzleiter Oswald vom BKA süffisant-ignorant an, den Batus Vorgesetzer Kohnau zur ersten Dienstbesprechung angeschleppt hat. Und der soll für Batu nun darin bestehen, sich in eine hochaktive islamistische Terrorzelle einzuschleichen, die für die nähere Zukunft eine ?Hochzeit?, so das Codewort im Namen Allahs, geplant hat, und zwar die größte in Europa seit den Terroranschlägen von Madrid. Und, wie praktisch, da Batu ja irgendwie auch so ein Islamerer ist, kann er sich da ja mal umtun ? und dabei seinen hochstrebenden Idealen, die er einst im Bewerbungsschreiben formulierte, endgültig in die Tat umsetzen und wirklich uneingeschränkt für das Gute und gegen das Böse kämpfen.

Also beginnt fĂĽr Batu einmal mehr die völlige Transformation seines Lebens:  die hoffnungsvolle frische Liebe, die er gerade kennengelernt hat, darf er nicht wiedersehen und nicht mehr kontaktieren, seine Wohnung wird kurzerhand ausgeräumt und renoviert, und er kommt als RĂĽckkehrer aus einem syrischen Gefängnis nach fĂĽnfjähriger Haft zurĂĽck in ein Männerwohnheim nach Hamburg-Altona, um den Tod seines ?Bruders? ? eine in Islamistenkreisen offenbar recht inflationär eingesetzte Bezeichnung fĂĽr Leute, mit denen man mal einen Tee getrunken hat ? zu rächen.

Christian Marschall (Ken Duken), Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) und Akbar (Murali Perumal) mit Komparsen beim Gebet in der Moschee. © NDR/ Hannes Hubach

Die Terrorzelle wird geführt von dem deutschen Konvertiten Christian Marschall, einem hochbegabten jungen Mann aus gutem Hause, dessen Vater Sarrazin anhängt und ansonsten bedauert, dass der Sohn nichts aus sich gemacht habe. Jeder muss halt so seinen Weg finden, sich von den Eltern zu emanzipieren, Marshall hat sich für eine ziemlich effektive Methode entschieden. Er hasst die westliche Lebensart, vor allem natürlich ? ein letztes großes gemeinschaftsstiftendes Element teilt die deutsche Bevölkerung vom Linken über den Jung-Nazis bis zum prototypischen Ostdeutschen ja doch ? die Amerikaner. Und hat verinnerlicht, dass man einen Krieg heutzutage vor allem mit Bildern führt. Das Bild zu verhindern, das ihm von Hamburg vorschwebt, ist nun Batus Aufgabe.

Darin findet dieser superbe Extremisten-Thriller seinen erzählerischen Kern: das direkte Duell zwischen dem paranoid-misstrauischen, hochintelligenten Christian und dem geheimnisvoll verbittert-melancholisch agierenden Batu, dessen stille Verzweiflung und stolze Traurigkeit einen durch den Fernseher geradezu anspringt und den Zuschauer wider besseren Wissens sofort überzeugt, nicht aber eben Christian, der den Terrornovizen daher einer Prüfung nach der anderen aussetzt.

Konstant steigende Bedrohungsatmosphäre

Rolf-Peter Sperling (Tristan Seith), Christian Marschall (Ken Duken), Cenk Batu (Mehmet Kurtulus): Christian erklärt den Plan für den Anschlag © NDR/ Hannes Hubach

?Der Weg ins Paradies? gehört zum Besten, was im TATORT zu sehen war, und da hing die Latte nach Tukur, nach dem zweiten Fall des neuen Frankfurter Teams und nach zwei herausragenden Borowski-Folgen in diesem Jahr bereits hoch. Und wieder zeigt die alte Dame der deutschen TV-Reihen, welch Vielfalt sie unter ihrem Dach vereint: Nun also ein lupenreiner, konzentriert gespielter, vielschichtiger Thriller, durch die Bank großartig besetzt, der sich langsam und ruhig aufbaut, dessen bedrohliche Atmosphäre dabei aber konstant steigt. Man sollte Til Schweiger, der Batu nach dessen letztem Fall im nächsten Jahr nachfolgen wird, eine faire Chance einräumen, aber fast hat man den Eindruck, dass Kurtulus ihm vorab schon mal zeigen wollte, was eine Harke ist, so intensiv spielt er den zerrissenen Undercover-Mann.

Dass der TATORT Kurtulus und seinen Batu verliert, ist eine Tragödie. Und es lässt nichts Gutes ahnen über das Fernsehvolk, dass diese durch die Bank herausragenden Filme verlässlich (zumindest für TATORT-Verhältnisse) schlechte Quoten eingefahren haben. Es ist wohl nicht zu kulturpessimistisch, anzunehmen, dass die immer außergewöhnliche, aber eben oft nicht leicht konsumierbare Machart der Fälle daran nicht die Alleinschuld trug. Für einen türkischstämmigen Ermittler, der weit mehr sein wollte als ein klischeegerechter Comedy-Türke mit lustigem Akzent, ist es vielleicht schlicht noch zu früh.

Auf jeden Fall bleibt schon jetzt ein melancholisches GefĂĽhl, weil man nicht, wie ?Der Weg ins Paradies? es als Film versprechen wĂĽrde, den Aufbruch in eine neue Ă„ra erlebt, sondern den Abschluss einer alten, leider vergleichsweise erfolglosen.

Heiko Werning


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