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Saar-TATORT "Hilflos"

Unter Schülern

Es ist ein Tag wie jeder andere. Die Kommissare verabschieden sich nach getaner Arbeit lose auf ein Feierabendbier. Doch die Vermisstenanzeige von Tobias Rothgerber leitet einen Fall ein, der Kappl und Deininger an die Substanz geht.

Kappl und Deininger ziehts noch mal in die Schule © SR

Wenig später schon wird der vermisste Schüler David Kullmann tot auf dem Dach eines Parkhauses gefunden. Die Fundstelle ist nicht der Tatort, was die Kommissare noch ziemlich beschäftigen wird. Sie geraten so in einen Fall, der viele Fragen stellt und am Ende keine brauchbaren Antworten gibt: sie müssen sich mit dem Mobbing unter Schülern auseinandersetzen.

Zweckgemeinschaft zweier Außenseiter

Tobias Rothgerber und der tote David Kullmann waren Außenseiter in der Klasse. Die Jugendlichen haben sich angefreundet. Sie waren beste Freunde, wie Davids Mutter bestätigt. Gedemütigt von der Klasse, unter der Führung ihres Sprechers Jonathan Seibert, haben sie zueinander gefunden. Sie werden gemobbt. Ein Liebesbrief an die Freundin Jonathans wird vor der Gemeinschaft ins Lächerliche gezogen, Tobias' Brotzeitdose mit dem Diddl-Maus-Motiv findet nur Spott und Hohn.

Zusammenhangloses Genuschel - viel mehr hat Tobias anfangs nicht zu bieten © SR

Kuscheln oder Daumenschrauben

So wird das Verhör von Tobias für die Kommissare zur Zerreißprobe:  Er ist der einzige Verdächtige. Die Überführung nach der vorübergehenden Festnahme  scheint eine reine Formsache zu sein, glaubt Kappl. Deininger ist davon nicht so überzeugt wie sein Kollege, und er behält Recht. So entwickelt sich ein Verhör unter dem von Deiniger ausgerufenen Motto "Kuscheln oder Daumenschrauben". Deininger muss mit ansehen, wie der bayerische Emporkömmling scheitert, Tobias in die Enge zu treiben. Deininger scheitert aber ebenso mit seiner betont sanften Art. Viel mehr als genuschelte und zusammenhanglos wirkende Halbsätze bekommen beide nicht zu hören. Schließlich gibt Tobias nur zu, seinen toten Freund an die Fundstelle geschleift zu haben.

Offene Fragen statt vorauseilende Antworten

Anhand von Videos, die auf Davids Festplatte gefunden werden, können die Ermittler den Fall peu a peu rekonstruieren, bekommen aber keine Antwort nach dem Motiv. So kommt Hilflos gar nicht erst in Versuchung, auf besserwisserische Art Lösungen aufzuzeigen, die sich nun mal nicht im Handumdrehen und durch blinden Aktionismus finden lassen. Betroffenheitslyrik, wie sie in politischen Sonntagsreden und Talkshows gerne schlagzeilenträchtig bemüht wird, bleibt dem Zuschauer erspart. Stellvertretend für eine überforderte Gesellschaft zeigt er zwei Kommissare, die bis zum Schluss im Dunkeln tappen und einen Fall zu den Akten legen müssen, ohne ihn wirklich aufgeklärt zu haben.

Ergreifend: die Mutter des toten Schülers Bild: SR

Weniger ist mehr

Die Autoren Stefan Schaller und Sabine Radebold arbeiten mit dem gebotenen Ernst ein Thema auf, das in den letzten Jahren stärker in die öffentliche Wahrnehmung gerückt ist: Mobbing unter Schülern. Sie entscheiden sich für einen scheinbar unspektakulären Mord, anstatt einen Amoklauf wie in Erfurt oder Winnenden ins Saarland zu verlegen. Das gibt dem Film den Raum, ein Thema aufzuzeigen, das nicht neu ist, aber mit dem Begriff Mobbing einen Namen bekommen hat. Hilflos ist zwar "nur" ein Film; aber er trägt zu einem gesellschaftlich relevanten Thema wesentlich mehr bei als viele oberflächliche Schlagzeilen.

Sehr real: Tobias dreckige Turnschuhe und der Zigarettengestank Bild:SR

Weiß statt Klischees

Hilflos offenbart eine vermeintliche Schwäche - das Umfeld wird nur schemenhaft angedeutet. Schule, Lehrer, Eltern und Peer Group werden allenfalls am Rande beleuchtet. Nur das Elternhaus des Klassensprechers Jonathan Seibert wird näher skizziert. Das schnieke Anwesen liegt in einer Neubausiedlung am Rande der Stadt, Weiß dominiert. Heller Boden, weiße Sofas, weiße Wände, weiße Türen - nicht mal ein graues Staubkörnchen findet hier Platz. Und auch die Mutter trägt Weiß.

Tobias' Besuche entweihen dieses Haus. Dreckige Turnschuhe und Zigarettengestank reichen aus, um die Idylle ins Wanken zu bringen. Daran ändert auch das höfliche Lob für die Kochkünste der piekfeinen Mutter nichts.  Das lässt diesen TATORT ein wenig eindimensional erscheinen. Die Zuspitzung auf die zwei Schüler erspart dem Zuschauer aber eine Geschichte voller Klischees. Der Film suhlt sich nicht im Hartz IV-Prekariat, wirft nicht die lästige Frage nach dem Verbot von Killerspielen auf, sondern konzentriert sich auf zwei Charaktere, die voneinander abhängig sind. So wird die vermeintliche Schwäche zu seiner großen Stärke.

Ben Neudek
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