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Heute ist der: 17.10.2017.
 

Ein Gesicht Lenas, das bisher verborgen war

Gespräch mit Regisseurin Aelrun Goette

Der "Tatort - Der glückliche Tod" ist der erste Krimi, den Sie inszeniert haben. Was hat Sie angeregt, sich auf diesen Film einzulassen?
Ich liebe das Abenteuer. Immer etwas Neues auszuprobieren, meine eigenen Grenzen kennenzulernen, um sie zu überschreiten. Als Carl Bergengruen, der Fernsehfilmchef des SWR, mir das Angebot machte, einen Lena-Odenthal-Tatort zu inszenieren, habe ich sofort meine Chance gesehen: eine große, emotional erzählte Ge-schichte mit einer spannenden Krimihandlung zu verbinden. Ich wollte ausprobieren, wie weit ich ein so etabliertes Format wie den "Tatort" ausreizen kann.

Aelrun Goette bei der Verleihung des Adolf-Grimme-Preis 2007, Bild: © WDR/Thomas Brill
Worum geht es in diesem Film?
Es dreht sich alles um die verschiedenen Gesichter der Liebe: Da ist die Liebe einer Mutter, die verzweifelt um das Leben ihres Kindes kämpft und an ihrer Verantwortung zu zerbrechen droht. Ein junges Paar, das seine Vorstellung von einem guten Leben mit aller Kraft verwirklichen will und an der Einsamkeit scheitert, und ein Vater, der seine Tochter verloren hat und dessen Leben in die Brüche gegangen ist. Und einer von ihnen ist der Täter!

Wir haben also das Melodram eng mit der Krimihandlung verknüpft und gleichzeitig darauf geachtet, dass uns die Leichtigkeit bei dem Thema Sterbehilfe nicht abhanden kommt.

Und wie es immer am Ende meiner Filme ist, muss der Zuschauer nach 90 Minuten selbst entscheiden, wie er über das Thema des Films denkt. Denn wie hat Godard so schön gesagt: Mit Filmen muss man sprechen können!

Es geht darum, wie wir das Sterben ertragen?
Jeder Film hat ein Herz, einen heißen Kern.
Bei uns ist es die Geschichte von Katja, die am Sterben ihrer todkranken Tochter Julia fast verzweifelt. Was soll sie tun, wenn Julia sich jeden Tag aufs Neue ins Leben kämpfen muss und will, dass das endlich vorbei ist? Macht sie es richtig, wenn sie das Leid so lange wie möglich mit ihrer neunjährigen Tochter durchsteht, oder muss sie die Verantwortung auf sich nehmen, Julia den Weg in das Danach zu erleichtern? Demgegenüber steht der Vater, der sein Kind ebenso liebt. Ihm ist der Gedanke, Julias Leben selbst zu beenden, ungeheuerlich. Für ihn ist Sterbehilfe tabu. Was tut man also, wenn einen das eigene Kind um den Tod bittet? Und obwohl diese Verzweiflung die Familie bereits auseinander gerissen hat, ringen sie darum, den Weg zusammen zu gehen. Unser Film stellt also die Grundsatzfrage: Sterbehilfe ja oder nein.

Wie ist die Rolle Lena Odenthals dabei?
Lena Odenthal besucht uns nun schon fast 20 Jahre in unseren Wohnzimmern. Sie hat sich immer im Griff und weiß, was sie tut. Ihr Image ist klar gesetzt. Aber dahinter gibt es noch eine andere Welt. Eine persönliche, emotionale. Und diese Welt wollte ich gemeinsam mit Ulrike Folkerts entdecken. "Der glückliche Tod" zeigt ein Gesicht von Lena Odenthal, das uns bis heute verborgen war. Es zeigt sie ohne Schutz. Die Haut ist weg. Und dabei kommen wir ihr sehr nah.

Zu Beginn der Geschichte hat Lena keine eindeutige Haltung zu dem Thema. Doch dann freundet sie sich mit der todkranken Julia an und muss sich ganz persönlich mit dem Sterben auseinandersetzen. Am Ende macht sie die Erfahrung, dass der Tod auch eine tröstliche Seite haben kann. Das war mir persönlich sehr wichtig.

Odenthal und Kopper bei Katja Frege und ihren Kindern, Bild: SWR/Krause-Burberg
Die beiden Kinder gehen am gelassensten mit dem Tod um.
Julia und ihr Bruder Nils bringen immer wieder Licht in das Dunkel der Familie, weil sie Julias Sterben mit Offenheit begegnen. Der kleine Bruder wacht über seine Schwester, liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab und tröstet seine Mutter. Ich habe in der Realität die Erfahrung gemacht, wie neugierig Kinder dem Thema Tod begegnen, vor dem Erwachsene sich oft fürchten. Diese Freiheit im Umgang wollte ich unbedingt erzählen, weil sie dem Zuschauer die Angst nimmt. Die beiden kleinen Darsteller Stella und Jannis waren ganz bezaubernd und ein großes Geschenk für den Film. Es war eine Freude, mit ihnen zu arbeiten.

Von welchen Überlegungen haben Sie sich bei der Besetzung leiten lassen?
Auf Ulrike Folkerts habe ich mich von Anfang an gefreut. Ich mag ihre Natürlichkeit, die sie Lena Odenthal mitgibt, und empfand es als ein großes Glück, mit welcher Offenheit sie sich an die Häutung ihrer eigenen Figur herangemacht hat. Denn Abenteuer erlebt man mit Menschen, die Brüche haben. Und da jede Figur in diesem Film eine Geschichte vom Leben erzählt, habe ich mich bei der Besetzung von den Spuren des Lebens in den Gesichtern der Schauspieler leiten lassen.

Mir war von Anfang an klar, dass die Rolle der Mutter Susanne Lothar spielen muss, und ich habe mich sehr gefreut, dass sie diese schwierige Rolle angenommen hat. Susanne Lothar ist eine sehr freie Schauspielerin, die neben ihrem großen Können eine beeindruckende Leichtigkeit im Spiel hat und dadurch bis ins Herz einer Figur eindringt. Sie hat eine Energie ans Set gebracht, von der alle sofort angesteckt wurden, weil sie eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema gewagt hat. Frank Giering kenne ich bereits aus der Filmhochschule, und seitdem bin ich von seiner Magie beeindruckt: Durch sein Gesicht meint man, direkt in die Tiefen seiner schauspielerischen Seele blicken zu können. In Verbindung mit Eva Löbau, die seine Ehefrau spielt, strahlen die beiden eine fast körperlich spürbare Sehnsucht nach Nähe aus, die sie doch nie erreichen. Alles um sie herum scheint zu stimmen, und doch wollen sie nur eins: weg.

Eine zentrale Rolle im Film spielt Nikolaus Paryla als Chef der Sterhilfeorganisation Charontas. Ich wollte ihn unbedingt gewinnen, weil er diese besondere Lauterkeit ausstrahlt. Ihm traut man kein schmutziges Geschäft zu. Die Rolle des sanften Professors, der das Recht des Menschen auf selbstbestimmtes Sterben unterstützt, weil er das Leben kennt, war wie für ihn gemacht.

Sterbehilfe ist in Deutschland illegal und viel diskutiert. Wie ist Ihre eigene Position dazu?
Das Thema Sterbehilfe ist in Deutschland sehr umstritten. In Anbetracht unserer Historie ist das nachvollziehbar. Ich finde den Umgang damit jedoch bisweilen hysterisch. Grundsätzlich vertrete ich das Recht eines jeden Menschen auf sein eigenes Leben und damit auf seinen Tod.

Odenthal und Kopper bei der Gerichtsmedizinerin, Bild: SWR/Krause-Burberg
Was waren Ihre Ziele im Hinblick auf die Ästhetik? So tragen z. B. die Motive in dem Film sehr viel zu seiner Eindringlichkeit bei.
Ich gehe immer von innen nach außen. Das heißt, von der Figur in die Welt, in der sie lebt, zur Art, wie sie sich in ihrer Welt bewegt und wie sie zu den anderen Figuren steht. Daraus entwickle ich die spezifische Ästhetik eines Films. In Andreas Schmid hatte ich einen tollen Szenenbildner, der mich verstanden hat und die Kunst beherrscht, Lebensräume bis zur dokumentarischen Genauigkeit lebendig werden zu lassen. Gleichzeitig bringt er das richtige Maß an künstlerischer Abstraktion mit, um den filmischen Raum zu gestalten. Und da war es für den Kameramann Jürgen Carle und mich sozusagen ein Spaziergang durch gespiegelte Innenwelten, die wir nur noch fotografieren mussten. Darüber hinaus konnte ich von Jürgens langjähriger Erfahrung profitieren, die mir viele Türen in dem wie von selbst zu funktionieren scheinenden "Tatort"-Organismus geöffnet hat. Er ist mit großer Begeisterung in unsere Zusammenarbeit gegangen und gemeinsam haben wir bis zum Schluss um die bestmögliche Umsetzung gerungen.

Wovon lassen Sie sich bei Ihrer Arbeit leiten und was machen Sie als nächstes?
Wenn ich arbeite, gehört die Welt nur mir. Dann kann ich alles um mich herum vergessen und bin frei, meine Perspektive auf das Leben zu formulieren. Ich kann die Menschen mit ihren Abgründen erforschen, begreifen und mich selbst darin spiegeln. Ab und zu blitzen auf diesem Wege Erkenntnisse auf - wahrscheinlich sind diese Momente der Sinn meiner Suche.

Ich glaube, das Geheimnis von gefühlter Lebensqualität besteht in der richtigen Balance vom Kampf um den perfekten Ausdruck und spielerischer Leichtigkeit bei der Suche danach. Und diesen Zustand kann ich nur dann erreichen, wenn ich mich immer wieder ins Abenteuer stürze und Grenzen überschreite, meine eigenen und die der anderen. Aber so ist das wahrscheinlich: die tiefen Erfahrungen im Leben macht man nur dann, wenn man den Widerspruch in den Dingen und in sich selbst aushält und irgendwann sogar als willkommenes Gegenargument zur Langeweile der Stagnation feiert.

Im Herbst drehe ich eine ganz bezaubernde Liebesgeschichte für den WDR, in der sich die Kinder mit aller Kraft ihrer kleinen Seelen gegen die Welt ihrer überforderten Eltern zur Wehr setzen. Ich habe zwei Drehbücher geschrieben, für die ich auch die Regie übernehmen werde, und darüber hinaus bin ich offen für neue, spannende Themen und Stoffe.

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